Gender-Mainstreaming ist eine Strategie zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter.UN Women: Gender Mainstreaming, abgerufen am 4. Januar 2016 (englisch). Gender-Mainstreaming bedeutet, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Menschen aller Geschlechter bei allen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu berücksichtigen, um so die Gleichstellung durchzusetzen.Hans Joas (Hrsg.): Lehrbuch der Soziologie, Campus Verlag, 3., erweiterte und aktualisierte Auflage 2007, ISBN 978-3-593-37920-3, S. 307 f. Der Begriff wurde erstmals 1985 auf der 3. UN-Weltfrauenkonferenz in Nairobi diskutiert und zehn Jahre später auf der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking weiterentwickelt.Michael Meuser, Claudia Neusüß: Gender Mainstreaming – eine Einführung. In: dies. (Hrsg.): Gender Mainstreaming. Konzepte – Handlungsfelder – Instrumente. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004, S. 9–22. Katalysator für die wiederholte Beschäftigung der UN mit der Frage der Geschlechtergerechtigkeit war nicht zuletzt das gestiegene Problemverständnis innerhalb der Weltgemeinschaft angesichts der Massenvergewaltigungen während des Jugoslawienkrieges und im Zuge des Genozids in Ruanda. Seit dem Vertrag von Amsterdam von 1997/1999 ist Gender-Mainstreaming zudem ein erklärtes Ziel der Europäischen Union.
Gender-Mainstreaming unterscheidet sich von Frauenpolitik dadurch, dass jenes eine umfassendere präventive Strategie sei, um Ungleichbehandlungen von Frauen und Männern von vornherein in allen Bereichen zu verhindern, während die Frauen- bzw. Gleichstellungspolitik als Strategie überwiegend korrektiv eingesetzt wird, um bestehenden Benachteiligungen entgegenzuwirken. Ein weiterer Unterschied ist, dass für die Umsetzung von Frauen- bzw. Gleichstellungspolitik wenige, speziell damit beauftragte Personen zuständig sind (z. B. die Gleichstellungsbeauftragten in einem Unternehmen), wohingegen Gender-Mainstreaming sich als Aufgabe an alle Beteiligten (z. B. in einem Unternehmen) richtet.Rüdiger Voigt, Ralf Walkenhaus (Hrsg.): Handwörterbuch zur Verwaltungsreform. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-13756-5, S. 154 f.Margherita Zander, Luise Hartwig, Irma Jansen (Hrsg.): Geschlecht Nebensache? Zur Aktualität einer Gender-Perspektive in der sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14947-4, S. 138 f.
Gender-Mainstreaming wird meist in öffentlichen Einrichtungen, z. B. in Bibliotheken,Erwin Miedtke: Gender in Bibliotheken. In: Brigitte E. Jirku, Marion Schulz (Hrsg.): Fiktionen und Realitäten. Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Peter Lang, Frankfurt a. M. 2013, ISBN 978-3-631-63546-9, S. 77–88.Karin Aleksander, Agata Martyna Jadwiżyc, Birte Meiners, Erwin Miedtke: Der Genderfaktor: Macht oder neuer Dialog? Mit Genderblick auf Bibliotheken oder Bibliotheken im Genderblick. Simon Verlag für Bibliothekswissen, 2010, ISBN 978-3-940862-20-4. eingesetzt, während in der Privatwirtschaft Diversity Management als Konzept zur Umsetzung von Chancengleichheit verwendet wird.Peter Massing (Hrsg.): Gender und Diversity. Wochenschau Verlag, 2010, ISBN 978-3-89974-483-5. Der Aspekt Gender im Diversity Management wird auch als Gender Diversity bezeichnet.
Worterklärung und Übersetzung Der englische Ausdruck gender [] bezeichnet das soziale oder psychologische Geschlecht einer Person im Unterschied zu ihrem biologischen Geschlecht (engl. sex), eine Unterscheidung, die fachsprachlich heute auch im deutschen Sprachraum gängig ist. Gender wird mithin als durch Menschen gemachte, soziale Realität gesehen und nicht als natürlich gegebenes Faktum. Diese Form der Geschlechtlichkeit entsteht und verändert sich gesellschaftlich, also in der Interaktion zwischen Individuum, Gruppe und Gesellschaft.
„Mainstreaming“ (von engl. mainstream „Hauptströmung“) bezeichnet die Strategie, ein Thema in den „Hauptstrom“ der Politik zu bringen. Konkret bedeutet Gender-Mainstreaming nach der Definition der Vereinten Nationen, bei jeder staatlichen Aktion grundsätzlich auch die geschlechtsspezifischen Folgen abzuschätzen und zu bewerten. Die Strategie zielt auf eine Gleichstellung der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Bereichen, um so dem Fortbestehen von Geschlechterungleichheit entgegenzuwirken.United Nations: Report of the Economic and Social Council for 1997 (unter Concepts and Principles → Definition of the concept of gender mainstreaming). Entsprechend wird Gender-Mainstreaming auch als Querschnittsaufgabe verstanden, die nicht nur einen bestimmten Bereich in einer Organisation anbelangt, etwa eine Gleichstellungsbeauftragte, sondern sich an alle Menschen in dieser Organisation richtet.GenderKompetenzZentrum Berlin zu den Aufgaben des Mainstreaming
Gender-Mainstreaming wird oft mit „durchgängige Gleichstellungsorientierung“ übersetzt. Bei den Behörden der Europäischen Union werden für die Übersetzungen auch folgende Formulierungen verwendet: „geschlechtersensible Folgenabschätzung“, „gleichstellungsorientierte Politik“ oder „Gleichstellungspolitik“. Mit Bezug auf die zentrale Formel der Pekinger Weltfrauenkonferenz von 1995 – „mainstreaming a gender perspective in all policies and programmes“ – kann Gender-Mainstreaming auch mit „umfassender Implementierung einer Gender-Perspektive“ übersetzt werden.
Aufgaben Von der These ausgehend, dass es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gebe, ist Gender-Mainstreaming gemäß einer Broschüre des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend der Bundesrepublik Deutschland (2002) ein Auftrag an die Spitze einer Verwaltung, einer Organisation, eines Unternehmens und an alle Beschäftigten, die unterschiedlichen Interessen und Lebenssituationen von Frauen und Männern in der Struktur, in der Gestaltung von Prozessen und Arbeitsabläufen, in den Ergebnissen und Produkten, in der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit und in der Steuerung (Controlling) von vornherein zu berücksichtigen, um das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern effektiv verwirklichen zu können.Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen & Jugend: Gender Mainstreaming, was ist das? (Online). Zu den von der EU als Strategie für die Jahre 2010 bis 2015 definierten Aufgaben des Gender-Mainstreamings gehört es, die Hindernisse zu beseitigen, die dazu führen, „dass die Wirtschaft ihr Potenzial nicht ausschöpfen kann und wertvolle Begabungen [der Frauen] ungenutzt bleiben“.Europäische Kommission – Beschäftigung, Soziales und Integration: Strategie 2010–2015.
So besteht die Aufgabe des Gender-Mainstreaming darin, den Blick weg von „den Frauen“ – also sogenannten „frauenspezifischen“ Problemen oder Politikfeldern – auf „die Geschlechter“ allgemein zu richten, damit eine geschlechtersensible Perspektive in alle sozio-politischen und wirtschaftlichen Bereiche integriert und damit eine Gleichstellung der Geschlechter von allen in allen Bereichen gefördert werden kann.Anna Holz, Claudia Neusüß: (PDF; 364 kB), September 2006.
Rechtliche Grundlagen Situation in Europa Sowohl im Recht der Europäischen Union als auch im nationalen Verfassungsrecht und in Bundesgesetzen in Deutschland ist aktive Gleichstellungspolitik verankert, die im Sinne des Gender-Mainstreaming interpretiert wird.
Die Umsetzung des konzeptionell eher schwachen Instruments des Gender-Mainstreaming bleibt aber trotz seiner Festschreibung in der Europäischen Union weiterhin eine nationale Aufgabe, so dass die Implementierung von Gender-Mainstreaming international erhebliche Unterschiede aufweist. Die normativen gleichstellungspolitischen Standards und juristischen Regelungen gegen die Geschlechterdiskriminierung und für die Gleichstellung der Geschlechter sind in der gesamten EU in vielen Bereichen zwar weitreichend und verbindlich, aber die Umsetzung liegt oftmals weit hinter den rechtlichen Standards und ist stark vom politischen Willen der Regierungen sowie von der politischen Kultur der einzelnen Länder abhängig. Zu den Rechtsgrundlagen zählen:
Dies bedeutet in der Praxis eine erhöhte Integration von Frauen in den europäischen Arbeitsmarkt. Mit Satz 2 dieses Absatzes, der 1994 hinzugefügt wurde, wird der Staat ausdrücklich in die Pflicht genommen, aktiv tätig zu werden.
Im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland heißt es:
Methoden In einer Expertise der Politikberaterin Barbara Stiegler aus dem Jahre 2000 werden einige Verfahren vorgestellt, wie Gender-Mainstreaming realisiert werden kann, und zwar durch
Aufstellung geschlechtsspezifischer Statistiken Kosten-Nutzen-Analysen nach Geschlecht und Geschlechterrollen Erarbeitung von Gender-Analysen Checklisten Die 3-R-Methode: Unter den drei Kategorien Repräsentation, Ressourcen und Realität wird jede politische Maßnahme geprüft Das Gleichstellungs-Controlling als betriebswirtschaftliches Instrument des Gender-Mainstreaming.
Beispiele Stadtplanung In Wien wird Gender-Mainstreaming in der Stadt- und Wohnraumplanung durchgeführt. Federführend ist dabei seit 1991 die Stadtplanerin Eva Kail. Insbesondere wird dabei auch „frauengerechtes Wohnen“ nach Kriterien der Sicherheit (etwa Sicht- und Rufkontakt zu Kinderspielzonen und in den Hauseingangsbereichen) und der Alltagstauglichkeit (etwa Vorhandensein kombinierter Kinderwagen- und Fahrradabstellräume) bemessen. Im Jahr 2013 veröffentlichte die Magistratsabteilung für Stadtentwicklung und Stadtplanung ein umfassendes Handbuch Gender Mainstreaming in der Stadtplanung und Stadtentwicklung, das als Praxisanleitung für Projekte in der Stadtplanung dienen soll.
Das gemeinschaftliche Wohnprojekt „Spreefeld“ in der Berliner Innenstadt ist ebenfalls nach Prinzipien des Gender-Mainstreamings geplant und umgesetzt worden.
Abgrenzung zur Frauenpolitik/Frauenförderung Mit Gender-Mainstreaming wird eine Strategie bezeichnet, um unterschiedliche Ausgangslagen und möglicherweise unterschiedliche Wirkungen von Maßnahmen auf Männer und Frauen systematisch zu berücksichtigen.Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen & Jugend: Gleichstellung und Teilhabe. Strategie „Gender Mainstreaming“. Hintergrundmeldung vom 19. Februar 2016. Online. Werden bei diesem Vorgehen Benachteiligungen festgestellt, sind „Frauenpolitik“ bzw. „Männerpolitik“ die einzusetzenden Instrumente, um der jeweiligen Benachteiligung entgegenzuwirken.Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen & Jugend: Gender Mainstreaming – Was ist das? Ohne Jahr, S. 30 (Online).
Gender-Mainstreaming soll daher Frauenpolitik und Männerpolitik keinesfalls ersetzen. Vielmehr können geschlechtsspezifische Angebote aufgrund von Analysen im Rahmen von Gender-Mainstreaming als notwendig erachtet werden. Trotzdem wurden unter Verweis auf Gender-Mainstreaming frauenspezifische Angebote (z. B. in der Jugendarbeit) oder Frauenförderstellen eingespart. Da dies dem Ziel von Gender-Mainstreaming, der Gleichstellung der Geschlechter, zuwiderlaufe, sprechen Kritiker von einem Missbrauch der Strategie. Dieser Missbrauch diskreditiere Gender-Mainstreaming insbesondere in den Kreisen, die ebenfalls gleichstellungspolitische Interessen verfolgen.
Schwierigkeiten bei der Umsetzung Es wird erwartet, dass die konsequente Umsetzung des Gender-Mainstreaming-Gedankens in Europa noch einige Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird, da die Integration des Gleichstellungsziels in ganz normale Arbeitsroutinen anspruchsvoll sei: Es bedürfe der institutionellen Verankerung von Gender-Mainstreaming, um die Umsetzung zu organisieren, es bedürfe der Genderkompetenz sowohl der Leitung als auch der Mitarbeiter in einer Organisation, und es bedürfe geschlechtsdifferenzierter Daten. Der Blick auf die Berücksichtigung aller Gender bei allen Maßnahmen und Programmen müsse zunächst geübt werden und auch bei den Fällen, bei denen unter Umständen genderspezifische Ausgangsbedingungen nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind, zum Ausgangspunkt der Entscheidungen gemacht werden.