Userkaf war der erste König (Pharao) der 5. Dynastie im Alten Reich Ägyptens. Er regierte etwa von 2500 bis 2490 v. Chr.Jahreszahlen nach Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Albatros, Düsseldorf 2002, ISBN 3-491-96053-3. Über seine Abstammung, das Verhältnis zur Königsfamilie der vorangegangenen 4. Dynastie und die genauen Umstände des Dynastiewechsels ist nur wenig bekannt. In der Landesverwaltung lassen sich unter seiner Herrschaft erste Ansätze einer Öffnung der höchsten Staatsämter für Personen nicht-königlicher Abstammung erkennen. Handelsbeziehungen sind mit Nubien belegt, auch auf Handel mit Griechenland gibt es Hinweise.
Den wichtigsten Aspekt von Userkafs Regierungszeit stellt seine Bautätigkeit dar, zu deren zentralen Projekten eine Pyramidenanlage in Sakkara und ein Sonnenheiligtum bei Abusir gehörten. Letzteres ist der erste Vertreter dieses für die 5. Dynastie typischen Tempeltyps und ein Zeugnis für den stark gewachsenen Einfluss des Kults um den Sonnengott Re. Sowohl im Sonnenheiligtum als auch in der Pyramidenanlage wurden bedeutende Reste königlicher Statuen gefunden, darunter der Kopf der ältesten bekannten Monumentalfigur des alten Ägypten.
Herkunft und Familie mini|links|hochkant|Chentkaus I., die wahrscheinliche Mutter des Userkaf; Darstellung in ihrer Grabanlage in Gizeh
Die Herkunft und die familiären Beziehungen Userkafs sind bislang nur unvollständig bekannt. Der ägyptische Priester und Geschichtsschreiber Manetho schrieb im 3. Jahrhundert v. Chr., Userkaf käme aus Elephantine an der Südgrenze Ägyptens.Gerald P. Verbrugghe, John M. Wickersham: Berossos and Manetho, introduced and translated. Native traditions in ancient Mesopotamia and Egypt. University of Michigan Press, Ann Arbor (Michigan) 2000, ISBN 0-472-08687-1, S. 135. Ob diese Überlieferung auf Tatsachen beruht, ist unklar. Immerhin scheint er nicht direkt der Königsfamilie der 4. Dynastie zu entstammen.
Schlüsselrollen bei der Frage nach dem Übergang von der 4. zur 5. Dynastie spielen zum einen eine Erzählung aus dem Papyrus Westcar, in dem Userkaf und seine beiden Nachfolger Sahure und Neferirkare als Drillinge und Söhne einer Rudj-Djedet bezeichnet werden, und zum anderen die in Gizeh bestattete Chentkaus I., die als historisches Vorbild der literarischen Rudj-Djedet und als „Stammmutter“ der 5. Dynastie gilt. Chentkaus trug einen Titel, der meist mit „Mutter zweier Könige von Ober- und Unterägypten“ übersetzt wird. Daher wurde lange Zeit angenommen, dass zumindest zwei der ersten drei Könige der 5. Dynastie tatsächlich Brüder waren. Da aber keiner von ihnen in Chentkaus’ Grab namentlich genannt und Chentkaus umgekehrt auch in keiner königlichen Grabanlage erwähnt wird, gab es verschiedene Auffassungen über die genaue Familienkonstellation. So wurde etwa in Betracht gezogen, dass sie die Mutter von Userkaf und Neferirkare sowie die Großmutter von Sahure war.Silke Roth: Die Königsmütter des Alten Ägypten von der Frühzeit bis zum Ende der 12. Dynastie (= Ägypten und Altes Testament. Band 46). Harrassowitz, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04368-7, S. 90–99. Nach einer anderen Hypothese wurde sie hingegen als Gemahlin des Userkaf und Mutter von Sahure und Neferirkare angesehen.Aidan Dodson, Dyan Hilton: The Complete Royal Families of Ancient Egypt. London 2004, S. 62, 64–65, 68.
Durch den Fund einiger Reliefblöcke vom Aufweg der Sahure-Pyramide im Jahr 2002 ist das familiäre Verhältnis der drei Könige inzwischen etwas klarer geworden. Auf ihnen wird eindeutig Königin Neferhetepes als Mutter von Sahure identifiziert. Für sie hatte Userkaf eine kleine Pyramidenanlage neben seinem eigenen Grabmal in Sakkara errichten lassen. Sie war demnach seine Gemahlin und Sahure sein Sohn.Tarek El Awady: The royal family of Sahure. New evidence. In: Miroslav Bárta, Filip Coppens, Jaromír Krejčí (Hrsg.): Abusir and Saqqara in the Year 2005. Prag 2006, S. 192–198. Ebenso ist mittlerweile die Stellung von Neferirkare gesichert. Er war ein Sohn von Sahure und seiner Schwestergemahlin Meretnebty und somit ein Enkel von Userkaf.Tarek El Awady: The royal family of Sahure. New evidence. In: Miroslav Bárta, Filip Coppens, Jaromír Krejčí (Hrsg.): Abusir and Saqqara in the Year 2005. Prag 2006, S. 198–213.
Das genaue Verhältnis zwischen Chentkaus I. und Userkaf ist allerdings nach wie vor nicht sicher geklärt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war sie seine Mutter, doch gibt es dafür nur indirekte Hinweise. Da sie zwar den Titel einer „Königsmutter“, aber weder den Titel einer „Königstochter“ noch einer „Königsgemahlin“ trug, entstammte sie wohl zumindest nicht unmittelbar der Königsfamilie der 4. Dynastie oder höchstens einer SeitenlinieHartwig Altenmüller: Die Stellung der Königsmutter Chentkaus beim Übergang von der 4. zur 5. Dynastie. In: Chronique d’Égypte. Band 45, 1970, S. 223–235 (Online) und war daher mit den letzten Königen der 4. Dynastie – Mykerinos, Schepseskaf und Thamphthis – weder verwandt noch verheiratet. Als ihr Sohn kommt daher lediglich Userkaf in Frage.Silke Roth: Die Königsmütter des Alten Ägypten von der Frühzeit bis zum Ende der 12. Dynastie (= Ägypten und Altes Testament. Band 46). Harrassowitz, Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04368-7, S. 90–93. Über seinen Vater und mögliche Geschwister ist nichts bekannt.
Herrschaft
Regierungsdauer Die genaue Regierungsdauer des Userkaf ist unbekannt. Der Königspapyrus Turin, der im Neuen Reich entstand und ein wichtiges Dokument zur ägyptischen Chronologie darstellt, nennt sieben Jahre, der im 3. Jahrhundert v. Chr. lebende ägyptische Priester Manetho 28. Das höchste zeitgenössisch sicher belegte Datum ist ein „3. Mal der Zählung“, womit die ursprünglich als Horusgeleit eingeführte landesweite Zählung des Viehs zum Zweck der Steuererhebung gemeint ist. Eine gewisse Problematik birgt der Umstand, dass diese Zählungen anfangs alle zwei Jahre stattfanden (das heißt auf ein „x-tes Jahr der Zählung“ folgte ein „Jahr nach dem x-ten Mal der Zählung“), später aber zum Teil auch jährlich stattfinden konnten (auf ein „x-tes Jahr der Zählung“ folgte das „y-te Jahr der Zählung“).Siehe hierzu M. Verner: Archaeological Remarks. Prag 2001. Bei der Annahme einer recht kurzen Regierungszeit würde dieser Umstand allerdings nicht sehr ins Gewicht fallen. Problematischer sind vier Datumsangaben, die im Sonnenheiligtum des Userkaf gefunden wurden und ein „5. Mal der Zählung“ sowie ein „Jahr nach dem 5. Mal der Zählung“ nennen.Verner: Archaeological Remarks. Prag 2001, S. 386–390. Da jedoch bei diesen Datumsangaben kein Königsname steht, ist bis heute unklar, ob sie Userkaf zuzurechnen sind oder ob sie bei Umbaumaßnahmen durch einen späteren König, etwa SahureM. Verner: Archaeological Remarks. Prag 2001, S. 390. oder NeferirkareWerner Kaiser: Zu den Sonnenheiligtümern der 5. Dynastie. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. Band 14, Mainz 1956, S. 108., angebracht wurden. Die ägyptologische Forschung tendiert bei dieser Frage eher zur zweiten Möglichkeit und nimmt für Userkaf eine kurze Regierungszeit an. So akzeptierte etwa Wolfgang Helck die Angaben des Turiner Papyrus und ging von sieben Regierungsjahren aus;Wolfgang Helck: Geschichte des alten Ägypten (= Handbuch der Orientalistik. Abteilung 1: Der Nahe und Mittlere Osten. Band 1). Brill, Leiden / Köln 1981, S. 75 (Onlineversion). Jürgen von Beckerath rechnet mit acht Jahren.Jürgen von Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Mainz 1994, S. 155.
Ereignisse König Userkaf ist auf dem berühmten Palermostein, einem großen Bruchstück des Annalenstein der 5. Dynastie, erhalten. Die Ereignisfenster sind ausgesprochen großformatig und die Ereigniseinträge sehr detailliert – vermutlich liegt dies zum einen daran, dass den Verfassern der Einträge vergleichsweise neue, aktuelle und zudem umfangreiche Quellen zur Verfügung standen und zum anderen auf der Rückseite des Palermosteins großzügig Platz vorhanden war.Toby A. H. Wilkinson: Royal Annals of Ancient Egypt: The Palermostone and its associated Fragments. London 2000, S. 148. Auf der Rückseite des Palermosteins sind in Zeile 2 folgende Regierungsjahre von König Userkaf erhalten (man beachte, dass die Einträge der Palermostein-Rückseite samt und sonders durch Abrieb beschädigt sind und daher Lücken enthalten):
Jahr Ereignisse 5. Jahr - x-tes Mal der Inventur für die Institution „Haus des Horus und des Seth“... (Rest zerstört) 6. Jahr - Der König von Ober- und Unterägypten, Userkaf, hat für folgende Götter Stiftungen veranlasst: Seelen von Pe: 20 Laibe von Opferbroten und Bierkrügen zu jedem sechsten Fest; 37 Aruren von landwirtschaftlich nutzbaren Ländereien aus Userkafs Gutshöfen; Götter des Tempels „Bestimmung-des-Rē“: 24 Aruren von landwirtschaftlich nutzbaren Ländereien aus Userkafs Gutshöfen; 2 Ochsen und 2 Spießenten täglich; Rē: 24 Aruren von landwirtschaftlich nutzbaren Ländereien in den unterägyptischen Gauen; Hathor: 44 Aruren von landwirtschaftlich nutzbaren Ländereien; Götter von Djebau: 54 Aruren von landwirtschaftlich nutzbaren Ländereien; Errichten neuer Postamente für den Tempel von Pe im Gau von Chasuu; Horus: 2 Aruren von landwirtschaftlich nutzbaren Ländereien; Errichten neuer Mauern für dessen Tempel; Nechbet von Oberägypten: 10 Einheiten von Opferbroten und Bierkrügen täglich; Wadjet von Uto: 10 Einheiten von Opferbroten und Bierkrügen täglich; Götter im Gottespalast von Oberägypten: 48 Einheiten von Opferbroten und Bierkrügen täglich. - Drittes Mal der Viehzählung. - Nilfluthöhe: 2,27 m 7. Jahr - Der König von Ober- und Unterägypten, Userkaf, hat folgende Stiftungen veranlasst: 1704 Aruren von landwirtschaftlich nutzbaren Ländereien in Unterägypten für... (Rest zerstört)
Toby Wilkinson, Iorwerth Eiddon Stephen Edwards und Marshall Clagett machen auf die großzügigen Schenkungs- und Stiftungsaktivitäten von Userkaf aufmerksam. Besonderes Augenmerk verdient ihrer Meinung nach die Erwähnung der „Seelen von Pe“ (ägypt. Bau-Pe) und der Götter verschiedener Tempel. Bei sämtlichen Einträgen bleiben die Götter anonym, sodass unklar bleibt, welche Götter genau dort jeweils verehrt wurden. Auch die Identität und religiöse Natur der „Seelen von Pe“ bleibt obskur, Pe war ein wichtiges Kultzentrum, das bei Buto lag. Sicher ist nur, dass sie direkt mit dem Kult des Sonnengottes Rē verknüpft waren. Rē selbst wiederum war seit Beginn der 4. Dynastie eng verbunden mit dem altägyptischen Königtum, was unter König Djedefre erstmalig expliziten Ausdruck fand (er war der erste Herrscher, der seinen Kartuschennamen Rē widmete und den Königstitel „Sohn des Rē“ einführte). Der Djebau-Schrein bei Buto ist seit König Narmer bezeugt (er ist erstmalig auf Narmers Keulenknauf und auf einem Elfenbeinetikett-Fragment abgebildet).Toby A. H. Wilkinson: Royal Annals of Ancient Egypt: The Palermostone and its associated Fragments. London 2000, S. 151–159.
Des Weiteren machen die Gelehrten auf den Eintrag zur dritten Viehzählung aufmerksam. Auf dem Palermostein wird diese wichtige Steuererhebung explizit als „Zählung der Rinder“ bezeichnet, nachdem dieses Ereignis seit Chasechemui als „Zählung von Gold und der Felder“ beschrieben worden war. Entweder gab es nun zwei getrennt laufende Steuererhebungen (Viehzählung + Felderzählung), oder es wurde beschieden, dass Rinder (und Kleinvieh) als Status- und Wohlstandssymbol größeren Wert hatten und der Name der Steuererhebung entsprechend abgeändert worden war. Die Art der Eintragung unter Userkaf lässt gemäß Wilkinson, Edwards und Spalinger darauf schließen, dass die Viehzählung wieder alle zwei Jahre stattfand, nachdem während der 4. Dynastie augenscheinlich unregelmäßige Steuererhebungen stattgefunden hatten.
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