Tryphe () bezeichnete bis ins 4. vorchristliche Jahrhundert Zügellosigkeit, Weichlichkeit, aber auch vornehmes Leben. In hellenistischer Zeit wandelte sich die Bedeutung hin zum Positiven und bezeichnete die öffentliche Darstellung dionysischer Fülle und ebensolchen Überflusses, insbesondere bestimmte Formen der Selbststilisierung hellenistischer Könige.
Im Lob der Torheit des Erasmus von Rotterdam gehört Tryphe zum allegorischen Gefolge der Torheit.
Archaische und klassische Zeit Sybaris Die am Golf von Tarent gelegene, zur Magna Graecia gehörige griechische Stadt Sybaris war in der Antike weithin bekannt für ihren Reichtum und die Neigung der Bewohner zu Wohlleben und zur Zurschaustellung ihres Reichtums. Die Lebensweise der Sybariten und Tryphe waren geradezu miteinander austauschbare Begriffe, so dass bereits in der Antike Sybarit bzw. Sybaritentum zu Synonymen für „verwöhnten Weichling“ bzw. „luxuriöses Lotterleben“ wurden.
Auf dieses Luxusleben sich beziehende Anekdoten wurden als Sybaritikoi logoi („sybaritische Geschichten“) bezeichnet. Einige Beispiele dieser Anekdoten sind bei Athenaios überliefert:Athenaios Deipnosophistai 518c–522d. Zur Bewertung der Abschnitte über Sybaris und Sybariten bei Athenaios siehe insbesondere: Gorman/Gorman: The Tryphe of the Sybarites. JHS 127 (2007). S. 38–60. Ein Sybarit erzählt, wie er allein dadurch, dass er einem Landarbeiter bei der Arbeit zusah, sich einen Bruch zuzog. Ein Zuhörer: „Mir schmerzen schon vom Zuhören die Rippen.“ Ein Sybarit besuchte Sparta und nahm dort an einem Gemeinschaftsmahl teil. Die Kost war karg und die Bank hart. Der Sybarit meinte: „Früher habe ich euch Spartaner wegen eurer Tapferkeit bewundert. Jetzt wundert mich euer Todesmut nicht mehr, denn selbst der größte Feigling würde lieber sterben, als ein solches Leben zu Ende zu leben.“ Ein Sybarit wollte nach Kroton fahren und mietete ein Schiff für sich allein. Der Kapitän musste ihm zusichern, dass er nicht nassgespritzt würde. Dann wollte er einen Freund überreden, ihn zu begleiten: „Ich habe mit dem Kapitän vereinbart, dass er sich nahe am Land hält.“ Darauf der Freund: „Was? Ich würde mich kaum zu einer Landreise längs der See überreden lassen, geschweige zu einer Seereise längs des Landes!“
Überhaupt scheinen die Sybariten dem Reisen eher abgeneigt gewesen zu sein. Manche waren stolz darauf, ihr Leben lang Sybaris nicht verlassen zu haben. Es wurde ihnen auch nachgesagt, für die Strecke einer Tagesreise drei Tage zu brauchen, obwohl sie den Wagen benutzten. Einige der Straßen in der Umgebung seien übrigens überdacht gewesen.
Was die Gesundheit und deren Erhaltung betraf, so wurde es für gesund erachtet, viel zu trinken und die Nacht zum Tage zu machen. Das wird jedenfalls von dem Sybariten Smindyrides berichtet. Athenaios zitiert ein dem Chamaeleon von Pontus oder dem Theophrastos zugeschriebenes Werk Über das Vergnügen, wonach Smindyrides in 20 Jahren weder Sonnenaufgang, noch Sonnenuntergang gesehen habe, da er sich erst am Abend erhob und am frühen Morgen zu Bett ging.Athenaios Deipnosophistai 6.105 (511c).
Vom selben Smindyrides berichtet Herodot, er sei einer der Freier gewesen, die sich um Agariste, die Tochter des Kleisthenes, des Tyrannen von Sikyon, bewarben.Herodot 6.127. Zur Brautschau sei er Athenaios zufolge mit einem Gefolge von 1000 Köchen und Vogelfängern erschienen.Athenaios Deipnosophistai 12.58.
Es war auch dieser Smindyrides, von dem Aelian erzählt, dass er nach einer auf Rosenblättern verbrachten Nacht sich über die unbequeme Unterlage beklagt habe.Aelian varia historia 9.24; auch bei Seneca de ira 2.25.2. Das Übertriebene solcher Geschichten legt nahe, dass hier existierende Erzählmotive, die in diesem Fall von der Antike bis zu Andersens Prinzessin auf der Erbse reichen, auf eine konkrete Person übertragen, bzw. entsprechend zu „Sybaritengeschichten“ umgebaut wurden.Kurt Ranke et al. (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. de Gruyter, Berlin 1977. Bd. 10. Sp. 1331 f.
Tryphe im Hellenismus Marsch Alexanders durch Karmanien Plutarch berichtet in seiner Alexander-Biographie, dass, als das Heer Alexanders auf dem Rückweg von Indien durch Karmanien im südlichen Persien zog, dieser Zug die Form eines dionysischen Komos, also des festlichen Umzugs einer Gelagegesellschaft angenommen habe.Plutarch vitae parallelae 67. Sieben Tage lang sei das Heer beständig zechend und singend einhergezogen, begleitet von bakchische Schreie ausstoßenden Frauen und den Klängen von Syrinx und Flöte. Er selbst, Alexander, wäre mit seinen Kumpanen auf einem von acht Pferden gezogenen Festwagen gesessen und hätte die ganze Zeit vor aller Augen gezecht. Die Authentizität dieser Erzählung wurde allerdings schon von Arrian bezweifelt.Arrian Anabasis 6.28.1 f.
Der dionysische Staatskult der Ptolemäer Insbesondere bei den Ptolemäern nahm Tryphe als Selbstdarstellung des Herrschers geradezu die Form eines Staatskults bzw. einer Staatsideologie an.
Das drückte sich auch in den Beinamen aus: Ptolemaios III. und Ptolemaios IV. trugen den Beinamen Tryphon. Bei Ptolemaios VIII. erscheint er als Teil der offiziellen Titulatur.
Zur öffentlichen Darstellung des Wohllebens gehörte auch Wohlbeleibtheit und eine demonstrative Effeminiertheit: Bei den Darstellungen ptolemäischer Herrscher fällt deren offenbare Fettleibigkeit auf.Siehe etwas . So vermerkte auch die römische Gesandtschaft des Scipio Africanus bei Ptolemaios VIII. im Jahr 140/39 v. Chr. den erheblichen Bauchumfang des Königs, der sich zudem in transparenter, effeminierter Kleidung präsentierte. Was den Römern Beleg für Verfall und Dekadenz der ägyptischen Dynastie war, war für den Ptolemäer unverzichtbarer Bestandteil seiner Rolle als Repräsentant des dionysischen Ideals von Wohlleben und Prunkentfaltung.Diodorus Siculus Bibliotheke 33,28a,1–2. Athenaios Deipnosophistai 12,549c. Plutarch moralia 200e − 201a. Junianus Justinus 38,8,8–11.
Dass die Pflege eines dionysischen Lebensstils am Ptolemäerhof nicht nur Lust war, sondern auch Pflicht sein konnte, illustriert eine Anekdote aus der Regierungszeit Ptolemaios XII. über den Philosophen Demetrius:
Festprozession des Ptolemaios II. Einen besonders pomphaften Ausdruck fand die herrscherliche Tryphe im berühmten Festzug des Ptolemaios II. Er wird in einem Werk des Kallixeinos von Rhodos beschrieben, das verloren ist, die Beschreibung wird jedoch in einiger Länge im Gastmahl der Philosophen des Athenaios zitiert, dort als Beispiel für den Inbegriff von Pomp und Luxus schlechthin.Kallixeinos von Rhodos zitiert bei Athenaios Deipnosophistai 5, 197c − 203b .
Dieser Festzug fand in den 70er Jahren des 3. Jahrhunderts v. Chr. in Alexandria statt.Es wird angenommen, der Festzug hätte während der von Ptolemaios II. gestifteten panhellenischen Festspiele, der Ptolemaia, stattgefunden. Die Ptolemaia wurden alle vier Jahre gefeiert. In Frage käme die zweite (276/75 v. Chr.) oder die dritte (271/70 v. Chr.) Austragung.
Da zum einen die Beschreibung in sich von kulturgeschichtlichem Interesse ist, außerdem nichts so geeignet wäre, einen Eindruck von dem zu geben, was man in dem auch in der Antike als sagenhaft reich geltenden ptolemäischen Ägypten unter Tryphe verstand, soll hier zumindest der Anfang wiedergegeben werden:
Man kann kaum ermessen, welchen Eindruck diese Schaustellung eines jedes menschliche Maß sprengenden, unfasslichen Reichtums, neben dem jedes moderne Spektakel zur Schäbigkeit verblasst, auf die zeitgenössischen Betrachter machte. Es war natürlich sicherlich genau die Absicht, zu überwältigen und den Zuschauer mit Eindrücken gewissermaßen zu erschlagen – es war das Prinzip der ptolemäischen Propaganda.
Literatur Adrian Stähli: Die Verweigerung der Lüste. Erotische Gruppen in der antiken Plastik. Reimer, Berlin 1999, ISBN 3-496-01195-5, S. 233 ff. Robert J. Gorman, Vanessa Gorman: The Tryphê of the Sybarites. A Historiographical Problem in Athenaeus. In: Journal of Hellenic Studies. Band 127, 2007, S. 38–60 (online).
Anmerkungen
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