Geismar () ist der südlichste und einwohnerreichste Stadtteil der niedersächsischen Universitätsstadt Göttingen.
Namensherkunft Die Herkunft des Ortsnamens liegt im Dunkeln. Jakob Grimm führt die Bedeutung der beiden Silben auf althochdeutschen und keltischen Ursprung zurück, worauf sich eine Übersetzung als „Platz der sprudelnden Quellen“ ergab. Dieser Name weist auf die für die Siedlung charakteristischen Quellen und Bachläufe hin. Außerdem liegen auch die anderen Orte mit dem Namen Geismar bzw. Hofgeismar ebenfalls auf einem Terrain mit wasserführender Quelle. Nach neuerer Forschung stammt die vordere Silbe aus dem Indogermanischen mit der Bedeutung „Beben“ oder „Wabern“. Die hintere lässt sich auf das Altfriesische zurückführen und heißt „Niederung“ oder „Sumpf“. Damit ließe sich die Ortslage mit „wabernder Sumpf“ übersetzen, also ganz ähnlich der früheren Deutung.
Geographie Heute geht Geismar im Norden ohne erkennbare Grenze in die Stadtbezirke Südstadt und Oststadt über. Die angrenzenden Gemeinden sind Rosdorf im Westen, Friedland im Süden und Gleichen im Südosten.
Bevölkerung
Ende 2019 lebten 19.292 Menschen in Geismar, davon waren 18.280 mit ihrem Hauptwohnsitz dort gemeldet. bei GÖSIS Unter den in Geismar gemeldeten Personen gehörten in dem Jahr mit 7.443 etwa 40,7 % der evangelischen Kirche an, während 2.703 katholischen Glaubens waren (14,8 %). Von der wohnberechtigten Bevölkerung waren 1.803 Personen Ausländer,027.02 Stadt Göttingen – Ausländische Bevölkerung in den Stadtbezirken und Statistischen Bezirken 2010 bis 2019 – in GÖSIS – Göttinger Statistisches Informationssystem, Stadt Göttingen – Referat Statistik und Wahlen, abgerufen am 10. Dezember 2020 (PDF) bei GÖSIS 1078 (Stand: 2018) besaßen neben der deutschen eine weitere Staatsangehörigkeit (5,6 %).Stadt Göttingen – Profildaten für Stadtbezirke 2019 – Stadtbezirk 08 Geismar – in GÖSIS – Göttinger Statistisches Informationssystem, Stadt Göttingen – Referat Statistik und Wahlen, abgerufen am 10. Dezember 2020 (PDF) bei GÖSIS Das Durchschnittsalter betrug 45,8 Jahre.021.29 Stadt Göttingen – Wohnberechtigte Bevölkerung – Durchschnittsalter in den Stadtbezirken und Statistischen Bezirken 2010 bis 2019 – in GÖSIS – Göttinger Statistisches Informationssystem, Stadt Göttingen – Referat Statistik und Wahlen, abgerufen am 10. Dezember 2020 (PDF) bei GÖSIS Mit nur etwa 5,4 % war der Anteil der Studenten an der Bevölkerung im Jahr 2019 deutlich niedriger als in der Kernstadt und im Stadtteil Weende. 7,9 % der Einwohner waren 2019 auf den Empfang von Sozialleistungen angewiesen, die Zahl der Sozialwohnungen war auf 3,7 % gesunken. Jahr Einwohner davon Hauptwohnsitz 1896 1.325 1939 3.286 1950 4.708 1961 8.552 1970 14.475 1980 16.889 1990 16.665 15.632 1995 16.656 15.689 2002 17.289 16.498 2006 17.705 16.802 2015 18.755 17.879 2019 19.292 18.280
Geschichte Archäologische Funde belegen, dass es auf dem Gebiet von Geismar seit der Jungsteinzeit verschiedene Besiedlungen gab.
Mittelalter Geismar wird 1055 in einem Stiftungsbrief des Petersstifts zu Nörten erstmals urkundlich erwähnt. Die Christianisierung des Dorfes und der Bau der ersten Kirche fallen wahrscheinlich in die Zeit von Karl dem Großen um das Jahr 800. Der Stiftungsbrief weist Geismar als Mutterkirche aus, was dem Ort seinerzeit eine besondere Bedeutung verlieh.
In die Zeit des Mittelalters fällt das Auftreten des ausgestorbenen Adelsgeschlechtes derer von Geismar, die selbst mehrere Lehen im Ort besaßen. Erstmals erscheint ein Vertreter jenes Geschlechts im Jahr 1184 mit Konrad de Geismare, der Ministerial und Afterlehnsvasall der Mainzer Kirche war, in den Urkunden. Als Vasall des Edelherren Konrad von Schöneberg hatte er unter anderem den Zehnten zu Deiderode inne, den er an das Kloster Reinhausen verkaufte. 1209 wird mit dem Ritter Bartoldus de Geismaria ein weiterer Anhänger derer von Geismar fassbar. Er verkaufte dem Kloster Pöhlde für 88 Mark den Zehnten zu Radolfshausen mit Einwilligung seines Lehnsherrn, dem Grafen Albert von Everstein. Wann das Adelsgeschlecht erlosch, ist unbekannt. Später gingen zahlreiche Lehnsgüter in Geismar an die Familie von Hanstein über.
Neuzeit Bis ins Jahr 1744 war Geismar im Besitz des Erzbischofs von Mainz. Dieser verpfändete im Jahr 1326 den Fronhof von Geismar und damit den Zehnten des Dorfes an die Herren von Hardenberg. Der Erzbischof löste seine Schuld nicht und daher blieb Geismar bis 1801 unter dem Einfluss der Grafen von Hardenberg. Allerdings kündigte Kurfürst Johann Schweikhard von Cronberg 1607 den Brüdern Friedrich und Jobst Philipp von Hardenberg das Lehensverhältnis auf, woraufhin ein Streit entstand, da sich die Hardenberger weigerten, die lange besessenen Güter abzutreten. Die Angelegenheit kam vor das Reichskammergericht, bald darauf mischte sich gar der Herzog Heinrich Julius von Braunschweig ein und beanspruchte die Hoheit über das Gericht zu Hardenberg. Die Auseinandersetzung steht in Beziehung zu dem Streit, der damals zwischen den Braunschweigern und Mainz aufkam und über die Zuständigkeit des Dorfes handelte. Die Hardenberger verfochten zunächst ihren Anspruch auf das Obergericht und wiesen auf Beispiele hin, in denen sie es innehatten. So hielten sie Gericht über Klaus von Schehens uneheliche Söhne Hermann und Franz, als diese Geismar gebrandschatzt hatten, sowie über die Frau Andreas Hoffmans, die ihren Mann umgebracht hatte. Ein weiterer Streit entbrannte, als die Hardenberger einen im Wald aufgrund Holzdiebstahls erschossenen Bauern auf dem Galgen aufhängen ließen. Dieser Galgen wurde kurz davor vom Südhang des Lohberges an die Landstraße nach Göttingen verlegt. Der Friedländer Amtmann rückte auf Befehl der Räte Mündens am 20. Mai 1580 mit 500 bewaffneten Bauern vor, riss den Galgen ab und begrub den Toten. In der Folgezeit näherten sich jedoch die Hardenberger den Braunschweigern an. Am 28. November 1589 erhoben die Hardenberger gegen die Visitation Braunschweigs Einspruch, da das Dorf Geismar unter dem kurfürstlichen Schutze des Mainzer Erzbischofs lag. Am 8. August 1613 gelobten die Hardenberger Vögte Ernst Grusenberg und Jobst Pleßmann dem neuen Herzog Friedrich Ulrich von Braunschweig die Treue, woraufhin das braunschweigische Wappen angeschlagen wurde.
Nach langen Verhandlungen verzichtete das Erzbistum Mainz 1744 auf die Landeshoheit über Dorf und Gemarkung Geismar. Der Ort gehörte seitdem zum Königreich Hannover. Der neue Landesherr war es auch, der 1784 die Trasse des Fernhandelswegs Reinhäuser Landstraße neu anlegen und befestigen ließ.
19. Jahrhundert Die Herrn von Hardenberg, die jahrhundertelang Besitzer des Junkernhofs mit der Gerichtsbarkeit in Geismar gewesen waren, verkauften diesen 1801 an den Oberamtmann von Uslar-Scharnebeck. In der Franzosenzeit kam es zwischen 1807 und 1812 zur Besetzung durch Napoleonische Truppen. Das Dorf wurde Teil des neu geschaffenen Königreichs Westphalen. In dieser Zeit war das Gericht aufgehoben und alle bisherigen Vorrechte des Adels abgeschafft. Im Jahr 1825 war der Junkernhof so verschuldet, dass es zur Zwangsversteigerung kam. Die Gemeinde selbst erhielt den Zuschlag und wurde somit im Folgejahr ihr eigener Gerichtsherr, Dienstherr, Zehntherr sowie Patronats- und Schulherr. Die für den Kauf aufgenommenen Schulden belasteten die Einwohner noch lange und führten zu erheblichen Streitereien. Nachdem 1839 das Patrimonialgericht Geismar aufgelöst und an den Landesherrn übertragen worden war, konnten die Ländereien des Herrenhofs unter den Käufern aufgeteilt werden. Die 1859 vom Königreich Hannover erlassene Landgemeindeverordnung regelte die dörflichen Verwaltungen neu. Zu den damit neu geschaffenen politischen Gemeinden gehörten dann sämtliche Einwohner. In Geismar dauerte es viele Jahre, bis sich die Regelung durchsetzen konnte.
König Georg V. von Hannover und sein Kronprinz besuchten 1861 als Ehrengäste das Schützenfest in Geismar. Das gesamte Dorf war zu ihrem Empfang erschienen. Einige Wochen danach ließ der Monarch der Gemeinde als Geschenk eine Schützenkette mit Wappenschild zukommen. Vier Jahre später, anlässlich des 50. Jahrestags der Schlacht von Waterloo, wurde als Erinnerung an diesen Besuch ein noch heute vorhandener Gedenkstein aufgestellt.
Eine gravierende Veränderung brachte der Krieg von 1866, in dessen Folge das Königreich Hannover aufgelöst und zur preußischen Provinz wurde. Die neue Regierung führte unter anderem die allgemeine Wehrpflicht und die freizügige Wohnortwahl ein. Diese Freizügigkeit gewährte Geismar, nach mehrmaligen Ermahnungen, erst elf Jahre nach der Einführung. Am Krieg von 1870/71 nahmen 28 Männer des Dorfes auf preußischer Seite teil. Der Junkernhof hatte bisher Sitz und Stimme im Landtag, dieses Recht wurde 1877 gestrichen. Damit verlor das Anwesen endgültig seine Ausnahmestellung im Ort. Zwei Jahre später kam es in dem agrarisch geprägten Geismar zu einer Neuverkoppelung – Flurbereinigung – der über die Jahrhunderte sehr kleinteilig gewordenen Felder. Seit der Neubildung von Landkreisen 1885 gehört das Dorf zum Landkreis Göttingen. Im Jahr 1894 erhielt der Ort seine erste Poststelle, drei Jahre danach eine erste Wasserleitung und 1904 wurde die Hauptstraße gepflastert sowie mit einer Kanalisation versehen. Die Verbindung mit dem Gasnetz der Göttinger Gaswerke erfolgte 1910.
20. Jahrhundert Bereits im Jahr 1897 war Geismar an die neue erbaute Göttinger Kleinbahn, eine Schmalspurbahn, angeschlossen worden. Diese als Gartetalbahn bezeichnete Strecke führte vom Göttinger Hauptbahnhof nach Rittmarshausen und Duderstadt. Aus der Stadt kam die Trasse in Verlängerung der Lotzestraße auf Geismarer Gebiet. An der heutigen Kiesseestraße (vor 1964: Mühlenweg) bog sie nach Osten, kreuzte die Reinhäuser Landstraße und führte dann parallel dazu auf der Ostseite in Richtung der Garte. Dem Flusslauf folgte sie auf der Nordseite über Diemarden weiter nach Osten. In Geismar gab es mit der Landwehrschenke und der Garteschenke zwei Stationen an der Reinhäuser Landstraße, außerdem im Gartetal einen Werkanschluss Steinbruch. Mitte der fünfziger Jahre wurden zuerst der Personenverkehr und 1959 auch der Güterverkehr eingestellt und die Strecke abgebrochen.
Am 1. August 1914 hatte die Gemeinde Geismar ungefähr 1600 Einwohner. Davon wurden während des gesamten Ersten Weltkriegs etwa 300 Männer zur Armee eingezogen. Die Bauern mussten Pferde für die Kriegsführung abgeben. Den großen Saal im damaligen Gasthaus Drei Kronen richtete man als Lazarett her und der neu gegründete Vaterländische Frauenverein sammelte Liebesgaben für die dort untergebrachten Verwundeten. In der Kirche begann man regelmäßige Kriegsgebetsstunden abzuhalten. Die Gemeinde zeichnete mehrere Kriegsanleihen in beträchtlicher Höhe. Bereits seit dem zweiten Kriegsjahr mussten Kriegsgefangene in der Landwirtschaft arbeiten. Gegen Ende des Krieges wurden noch die Glocken der St.-Martin-Kirche wegen ihres Metalls eingeschmolzen. Nach dem Waffenstillstand kehrten die überlebenden Soldaten zurück, für sie wurde ein Begrüßungsgottesdienst abgehalten. Fast 70 der Eingezogenen verloren in diesem Krieg ihr Leben.