Die Sportpsychologie befasst sich mit dem Verhalten und Erleben im Rahmen sportlicher Aktivität. Sie ist darauf ausgerichtet, dieses Verhalten und Erleben zu beschreiben, zu erklären, vorherzusagen, zu beeinflussen und anschließend das gewonnene Wissen praktisch anzuwenden. Dabei betont sie die Empirie und Wissenschaftlichkeit und konzentriert sich nicht nur auf objektiv beobachtbares Verhalten, sondern auch auf subjektives Erleben. Sie ist sowohl ein Teilgebiet der Psychologie als auch der Sportwissenschaft.D. Alfermann, O. Stoll: Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen. (= Sportwissenschaft studieren. Band 4). Meyer & Meyer Verlag, 2016.
Geschichte Der Begriff der Sportpsychologie wurde von Pierre de Coubertin um 1900 zum ersten Mal verwendet. Doch erst etwas später, in den 1920er Jahren, entwickelte sich das Feld der Sportpsychologie weiter. Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt waren Robert Werner Schulte und H. Sippel in Deutschland, C. R. Griffith in den USA sowie P. A. Rudik (der das erste sportpsychologische Laboratorium in Deutschland eröffnete) und A. Z. Puni in der ehemaligen UdSSR. Erstmals im Jahr 1920 wurde an der Deutsche Hochschule für Leibesübungen (DHfL) in Berlin das Fach Psychologie in der Sportlehrausbildung erwähnt. Die ersten Institute und Lehrstühle wurden an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig und an der Deutschen Sporthochschule in Köln gegründet. 1965 wurde die International Society of Sport Psychology gegründet, 1969 auf europäischer Ebene die Fédération Européenne de Psychologie des Sports et des Activités Corporelles – FEPSAC, und im gleichen Jahr auch die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in der Bundesrepublik Deutschland – asp. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war vor allem die erweiterte Verbreitung des Themas Sport in der Gesellschaft hinzu einem vielschichtigen, politisch und ökonomisch sowie für die Freizeitgestaltung und Gesundheitsvorsorge bedeutsamen gesellschaftlichen Phänomen. Heutzutage ist die Sportpsychologie in weiten Teilen der Welt mit Institutionen, Anwendern oder Forschungseinrichtungen vertreten.Jürgen R. Nitsch: Sportpsychologie., In Spektrum.de abgerufen am 26. November 2024.
Grundverständnis Die Sportpsychologie ist in der Anwendung evidenz-basiert und versucht, auf der Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen passende und langfristige Interventionen für die Sportler zu bieten. Um wirken zu können, brauchen die Interventionen Zeit, um sich entfalten zu können. Es geht darum, dem Sportler langfristig, sprich über das aktuelle Problem und die Situation hinaus, einen Nutzen durch die Intervention zu bieten.
Um die passende Intervention für den Sportler oder die Mannschaft zu ermitteln, stützt sich die Sportpsychologie auf wissenschaftlich anerkannte diagnostische Verfahren, wie Interviews oder Befragung mit Hilfe von Fragebögen. Auf Grundlage von den Ergebnissen der Diagnostischen Verfahren können Sportpsychologen entscheiden, ob ihre Kompetenzen ausreichen um den Auftrag anzunehmen. Bei spezifischen Problemen, die über die Kompetenzen und Fähigkeiten eines Sportpsychologen gehen, leiten sie weiter an die Spezialisten. Wie zum Beispiel die Weitervermittlung an einen Psychotherapeuten bei einem Fall von Anorexie nervosa. Die Aufgabe besteht aber auch darin, Wissen zu vermitteln, dass nachhaltige und gesunde Leistungsentwicklung nur erreichbar ist, wenn eine Entwicklung der ganzen Person erfolgt und dabei Sorge für das Wohlbefinden der Athleten getragen wird.J. Beckmann, A. M. Elbe: Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf und Leistungssport. (= Sportpsychologie. Vol. 11). Hogrefe Verlag, 2024.
Ethische Grundsätze sportpsychologischer Beratung Es besteht ein Streben nach einer hohen Kompetenz in allen Bereichen der Arbeit. Dazu gehört die stetige Weiterbildung sowie das Kennen der eigenen Grenzen und Fähigkeiten. Alle ausgewählten Methoden und Interventionen beruhen auf wissenschaftlicher Evidenz. Sportpsychologische Arbeit beginnt erst, wenn alle Beteiligten aufgeklärt und einbezogen sind. Sportpsychologen unterliegen der Verschwiegenheit und dürfen ohne schriftliche Einwilligung keine Informationen an Dritte weitergeben. Sportpsychologen verhalten sich ehrlich, fair und respektvoll anderen Kollegen, Klienten sowie der Öffentlichkeit gegenüber. Sportpsychologen verhalten sich standesgemäß und fördern den Berufsstand. Sie haben eine Verpflichtung ihrem Berufsstand und der Öffentlichkeit gegenüber, andere vor unethischem Verhalten zu schützen. Die Arbeit wird stets dokumentiert, und dabei werden die Grundsätze des Datenschutzes eingehalten.
Ausrichtung Die Sportpsychologie ist sowohl in naturwissenschaftlichen wie geisteswissenschaftlichen Bereichen forschungsmäßig aktiv. Sie befasst sich mit Entwicklung, Motivation, Lernen, volitiven Strukturen und sozialem Verhalten. Es geht einerseits um die Entwicklung und Anwendung sportpsychologischer Methoden der Erkenntnisgewinnung im Sektor Sport, zum anderen um die Bedeutung und die Funktion des Sports als Mittel psychologischer Interventionen.
In der eher naturwissenschaftlichen Sportpsychologie werden Zusammenhänge von psychischer Steuerung und Training erforscht.Arnd Krüger, Paul Kunath: Die Entwicklung der Sportwissenschaft in der SBZ und der DDR. In: W. Buss, C. Becker u. a. (Hrsg.): Der Sport in der SBZ und der frühen DDR. Genese – Strukturen – Bedingungen. Hofmann, Schorndorf 2001, S. 351–366. Als Beitrag zur Grundlagenforschung erarbeitet die Sportpsychologie im experimentalpsychologischen Bereich eigene Methoden für den Erkenntnisgewinn im Sportgeschehen.Siegbert Warwitz: Das sportwissenschaftliche Experiment. Planung – Durchführung – Auswertung – Deutung. Hofmann, Schorndorf 1976.
Im geisteswissenschaftlichen Bereich befasst sich die Sportpsychologie beispielsweise mit gruppendynamischen Prozessen, emotionalen Eigenschaften und Ausdrucksformen wie Angst, Aggression und Mut sowie volitiven Strukturen wie Leistungs- und Wagnisbereitschaft.Alexander Thomas: Einführung in die Sportpsychologie. 2. Auflage. Hogrefe. Göttingen 1995.
Als angewandte Sportpsychologie leistet die Sportpsychologie einen Beitrag im Gesamtsystem des Betreuungswesens des Sportlers.Ralf Brand: Sportpsychologie. VS-Verlag, Wiesbaden 2010.
Zielgruppen sportpsychologischer Beratung Athleten Hierbei unterscheiden sich die Beratungen und Betreuungen hinsichtlich der verschiedenen demographischen Hintergründe der Athleten wie zum Beispiel Alter, Schulbildung, soziales Umfeld oder Persönlichkeitseigenschaften. Vor allem bei jungen Athleten ist das Alter von besonderer Bedeutung und die Beratungen müssen sich immer dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes anpassen. Auch ist es bei jüngeren Athleten häufig wichtig, das Umfeld mit einzubeziehen und das komplexe Feld der Anforderungen zu berücksichtigen.K. Staufenbiel, M. Liesenfeld, B. Lobinger (Hrsg.): Angewandte Sportpsychologie für den Leistungssport. (= Sportpsychologie. Vol. 9). Hogrefe Verlag, 2019.
Trainer Trainer sollten über die verschiedenen Methoden, die von ihren Sportlern verwendet werden informiert sein und gegebenen Falls unterstützen können. Weiter ist der Trainer im Kontext des Sportumfeldes auch als Führungskraft zu verstehen, der seine „Mitarbeiter“ bzw. Sportler anleiten und führen soll. Um diese Fähigkeiten zu entwickeln oder anzubauen, kann die Sportpsychologie eine wichtige Stütze bieten. Hier kann ein Führungskräftecoaching ein wichtiger Baustein sein, um mit Athleten richtig zu kommunizieren oder in Konfliktsituationen richtig zu vermitteln. Trainer sind aber auch in der Regel die ersten Ansprechpartner wenn die Athleten Fürsorge und Seelsorge benötigen. Am Ende stehen Trainer auch selber sehr stark unter Druck mit befristeten Arbeitsverträgen, Stress durch hohe Reisetätigkeit oder Druck Leistung mit den Sportlern zu erbringen. Hier kann die Sportpsychologie durch Beratung im Ausbau der eigenen Fähigkeit zu Belastungs- und Entlastungssteuerung wichtige Unterstützung liefern.
Weitere Mitglieder des Betreuungsteams Neben dem Trainer gibt es auch weitere Personen, die sich aktiv um den Sportler kümmern (z. B. Physiotherapeuten). Sie können auch ein Multiplikator für die sportpsychologische Beratung sein und diese mitunter verstärken. Nicht zu vergessen ist hierbei, dass auch das Betreuungsteam oft sehr viel und hart arbeitet und das auch oft außerhalb regulärer Beschäftigungszeiten. Auch hier kann, ähnlich wie beim Trainer, ein berufsbezogenes Coaching dabei helfen, Be- und Entlastungen richtig zu steuern.
Eltern Vor allem Eltern spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung junger Sportler. Sie unterstützen ihre Kinder oft nicht nur finanziell, sondern auch durch Wissen, Seelsorge und Fürsorge. Dabei ist es wichtig, dass die Bedürfnisse der Kinder und Athleten im Vordergrund stehen müssen und nicht mögliche Profilierungsgedanken der Eltern. Hierbei kann die Sportpsychologie unterstützen, eigenes Verhalten zu reflektieren, Familienwerte und Lebensziele zu entwickeln, Handlungskompetenzen in Konfliktsituationen zu erweitern und Eltern beibringen durch ihre Vorbildfunktion ihren Kindern eine Orientierung geben zu können. Aber auch Beziehungen zwischen Eltern und Betreuer-Stab können im Fokus der sportpsychologischen Betreuung stehen.
Mannschaften Die Aufgabe besteht darin die gesamten Prozess der Mannschaft zu betreuen. Da zu gehören die oben genannten Punkte meistens alle dazu, weil eine funktionierende Mannschaft aus vielen verschiedenen Personen besteht. Themen der Sportpsychologie könnten hier sein: Gruppenprozesse offenlegen, unterstützen Kommunikationsregeln oder andere gruppeninteren Regel festzulegen, Veränderungsprozesse anzustoßen oder für das Teambuilding einen passenden Rahmen zu erschaffen.
Weitere Zielgruppen Weitere Personen im Fokus von Sportpsychologischer Beratung könnten Schiedsrichter, Sportler im Nachwuchs- oder Seniorenbereich, Talente, Behindertensportler, Freizeitsportler oder Führungskräfte sein.BDP Verband "Professionen", abgerufen am 3. Dezember 2024.
Häufig untersuchte Themengebiete Leistungsmotivation Ein Hauptaspekt des Sports ist die Erbringung einer Leistung. Dabei spielt die Motivation eine entscheidende Rolle. Klassische Fragestellungen in diesem Bereich könnten sein: Was motiviert Personen zum Sporttreiben und was hindert Personen daran? Wie kann ich mich selbst motivieren ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Wie kann die Motivation reguliert werden und auf eine Zielerreichung ausgerichteten werden? Wie lassen sich mehr Personen in unserer Gesellschaft zum Sporttreiben motivieren? Als Grundlage der meisten Theorien wird die Leistungsmotivtheorie von David McClelland angesehen. Untersuchungen und Interventionen berufen sich auf klassischen Theorien der Leistungsmotivation wie z. B. dem Risikowahlmodell, Attributionstheorie, die Theorie der Zielorientierung und die Selbstbestimmungstheorie der Motivation.
Erholungs- und Belastungssteuerung