mini|Wolfgang Tiefensee (2024) Wolfgang Erwin Bernhard Tiefensee : Vorläufiges Ergebnis der Bundestagswahl 2009; Gewählte Landeslistenbewerber: Sachsen (aufgerufen 13. Oktober 2009) (* 4. Januar 1955 in Gera) ist ein deutscher Politiker (SPD). Er war zuletzt von 2014 bis 2024 mit kurzer Unterbrechung thüringischer Wirtschafts- und Wissenschaftsminister.

Zuvor war er von 1998 bis 2005 Oberbürgermeister von Leipzig und von 2005 bis 2009 Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sowie Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer im Kabinett Merkel I. Von 2012 bis 2014 war er wirtschafts- und energiepolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion sowie Vorsitzender der Vereinigung Gegen Vergessen – Für Demokratie.

Im Rahmen seines Ministeramts war Tiefensee von März 2020 bis August 2021 stellvertretender Ministerpräsident Thüringens. Zwischen März 2018 und September 2020 war er Landesvorsitzender der SPD Thüringen. Er war deren Spitzenkandidat bei der Landtagswahl 2019.

Leben Herkunft und Schulzeit Wolfgang Tiefensee wuchs in einer sehr musikalischen römisch-katholischen Familie als Sohn des Komponisten Siegfried Tiefensee auf und erhielt frühzeitig Instrumentalunterricht. Als Schüler gewann er am Cello den Leipziger Bachpreis, schlug jedoch keine musikalische Karriere ein.

Auf Grund seiner christlichen Erziehung war er nicht Mitglied der Jungen Pioniere und der FDJ, nahm nicht an der Jugendweihe teil und verweigerte den Dienst an der Waffe in der NVA.

Ein Bruder, der Priester Eberhard Tiefensee, ist emeritierter Professor für Philosophie und war Rektor der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt (heute Katholisch-theologische Fakultät der Universität Erfurt). Ein weiterer Bruder, Volker Tiefensee (CDU), ist ebenfalls Politiker und ehemaliges Mitglied des Sächsischen Landtags.

Privates Wolfgang Tiefensee lebt in Erfurt und Gera. Er ist Vater von vier Kindern aus einer 2011 geschiedenen Ehe. Tiefensee lebt in einer Partnerschaft mit Sibylle Müller, der Geschäftsführerin der Kulturfabrik Apolda.

Ausbildung und Beruf Nach dem Abitur 1973 erwarb Wolfgang Tiefensee zunächst 1974 den Berufsabschluss als Facharbeiter für Nachrichtentechnik. Nach dem Wehrdienst, den er ohne Waffe als Bausoldat bis 1976 absolvierte, begann er ein Studium an der Ingenieurschule für Elektronik und Informationsverarbeitung in Görlitz und wurde 1979 Ingenieur für Industrielle Elektronik. Von 1979 bis 1986 arbeitete er als Entwicklungsingenieur in der Abteilung Forschung und Entwicklung des VEB Fernmeldewerk Leipzig. In dieser Zeit schloss er 1982 ein berufsbegleitendes Studium als Fachingenieur für Informatik im Bauwesen ab.

In den Jahren 1986 bis 1990 war er Entwicklungsingenieur in der Sektion Elektroenergieanlagen (Direktor: Siegfried Altmann) der Technischen Hochschule Leipzig. 1988 erwarb er mit einem weiteren berufsbegleitenden Studium den Abschluss als Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik.

Seit 2026 arbeitet Tiefensee als Projektentwickler und Projektkoordinator beim Trägerwerk Soziale Dienste in Thüringen.

Politische Laufbahn 1989 engagierte sich Wolfgang Tiefensee erstmals politisch in der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt, die er am Runden Tisch in Leipzig vertrat. Der Runde Tisch entsandte ihn als hauptamtlichen Stadtrat in die Leipziger Stadtverwaltung. Er war kurzzeitig parteiloser Stadtverordneter der Fraktion von Bündnis 90 in der Leipziger Stadtverordnetenversammlung.

1990 wurde er zum Amtsleiter des Schulverwaltungsamtes der Stadt Leipzig gewählt. Ab 1992 war er Stadtrat (Beigeordneter) für Jugend, Schule und Bildung. 1994 wurde er dann Bürgermeister und erster Stellvertreter des amtierenden Oberbürgermeisters Hinrich Lehmann-Grube sowie Beigeordneter für Jugend, Schule und Sport. 1995 trat er in die SPD ein. Seit Januar 2024 ist Tiefensee einer der Co-Sprecher des Seeheimer Kreises in Thüringen.

1998–2005: Oberbürgermeister der Stadt Leipzig miniatur|Wolfgang Tiefensee (2004) Am 26. April 1998 wurde Wolfgang Tiefensee im zweiten Wahlgang mit 48,4 Prozent der Stimmen (Wahl mit einfacher Mehrheit) für sieben Jahre zum Oberbürgermeister von Leipzig gewählt und übte dieses Amt ab dem 1. Juli aus. Im ersten Jahr von Tiefensees Amtszeit wurde das Leipziger Stadtgebiet durch zahlreiche Eingemeindungen (u. a. Böhlitz-Ehrenberg, Engelsdorf, Wiederitzsch) erheblich vergrößert. Die Einwohnerzahl stieg dadurch um 12 Prozent, das Ziel, sie wieder über die Marke von 500.000 zu heben, wurde aber erst im Jahr 2005 erreicht. Tiefensee engagierte sich für die Ansiedlung von Großunternehmen in Leipzig. 1999 wurde Porsche Leipzig, 2001 das BMW-Werk Leipzig gegründet. DHL beschloss 2004, ihr Europa-Luftfracht-Drehkreuz an den Flughafen Leipzig/Halle zu verlegen.Diana Becht-Zwetkov: "Erfolgreiche Industrie-Ansiedlung ist Teamarbeit". In: Welt am Sonntag, 8. Mai 2005.

Von 2001 bis 2005 war Wolfgang Tiefensee Vizepräsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages, in den Jahren 2002 bis 2004 zudem Präsident des Europäischen Städtenetzwerkes Eurocities.

Nach der Bundestagswahl 2002 lehnte Tiefensee das Angebot Gerhard Schröders ab, als Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen in die Bundesregierung nach Berlin zu gehen. Dies begründete er mit seiner starken Verbundenheit mit Leipzig und der Einbindung in die Olympiabewerbung der Messestadt. 2003 gehörte Wolfgang Tiefensee der Kommission „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ an, die das Hartz-Konzept für die Agenda 2010 ausarbeitete. In Tiefensees Amtszeit verkaufte die Stadt Leipzig Trinkwasserversorgungseinrichtungen der Kommunalen Wasserwerke (KWL) an US-amerikanische Investoren, um sie von diesen zurück zu leasen (Cross-Border-Leasing). Dieses Geschäft verursachte hohe Verluste für die Stadt (KWL-Skandal).

Als Oberbürgermeister trat er für die Bewerbung der Stadt Leipzig um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2012 ein und war stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Bewerbungsgesellschaft „Leipzig 2012 GmbH“. Bei der Präsentation der Olympiabewerbung spielte Tiefensee auf dem Cello die Melodie des Kanons Dona nobis pacem.Uwe Müller: Das Wunder von Leipzig. In: Die Welt, 14. April 2003. Leipzig wurde vom Nationalen Olympischen Komitee als deutsche Bewerberstadt ausgewählt, kam im internationalen Auswahlverfahren des Internationalen Olympischen Komitees jedoch nur auf den sechsten Platz und qualifizierte sich nicht für die Endausscheidung. Nach dem Ende der Olympiabewerbung stand Tiefensee wegen rechtswidriger Provisionszahlungen gegenüber den Gesellschaftern der Bewerbungs-GmbH in der Kritik.

Tiefensee verzichtete 2004 auf die Spitzenkandidatur der SPD für die sächsische Landtagswahl. Im Oktober 2004 war Tiefensee Mitglied der SPD-Delegation bei den Koalitionsverhandlungen mit der CDU zur Bildung der neuen sächsischen Landesregierung.

Bei der Oberbürgermeisterwahl am 10. April 2005 wurde Tiefensee im ersten Wahlgang mit 67,1 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt und behielt dieses offiziell bis zur Amtseinführung seines Nachfolgers Burkhard Jung am 29. März 2006. Nach Tiefensees Ernennung zum Bundesminister führte sein erster Stellvertreter und Beigeordneter für Allgemeine Verwaltung Andreas Müller kommissarisch die Amtsgeschäfte des Stadtoberhaupts.

2005–2009: Bundesverkehrsminister in der großen Koalition miniatur|Wolfgang Tiefensee spricht in seiner Funktion als Bundesminister für Ver­kehr, Bau und Stadtentwicklung auf dem Fachpolitischen Dialog zum Stadt­umbau Ost in Berlin (17. Juni 2008) Am 13. Oktober 2005 nominierte ihn das SPD-Präsidium für einen Ministerposten in der zu bildenden Bundesregierung, am 15. November wurde er in den Bundesvorstand der SPD gewählt. Am 22. November 2005 trat Tiefensee das Amt des Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung an und wurde zugleich Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer.

Anlässlich der Frühjahrstagung der Verkehrsministerkonferenz vom 18./19. April 2007 in Wernigerode Unterzeichnung der Absichtserklärung zum Geschichtsprojekt Brocken-Erklärung.

Nach der Bundestagswahl 2009 erhielt Tiefensee am 27. Oktober 2009 seine Entlassungsurkunde als Bundesminister und war bis zur Bildung des Kabinetts Merkel II nur noch geschäftsführend im Amt.

Tiefensee initiierte eines der vier Autobahn-Pilotprojekte mit öffentlich-privaten Partnerschaften (ÖPP) und war an der Gründung der Verkehrs­infrastruktur­finanzierungs­gesellschaft beteiligt. Schon damals wurde er gewarnt, dass das Mautsystem nicht tragbar sein werde.

Gemäß einer internen Umfrage des Bundesverkehrsministeriums wurden die Führungsqualitäten von Tiefensee von einem erheblichen Teil der Mitarbeiter des Ministeriums angezweifelt, so gaben 57 Prozent der Befragten an, dass er diese Aufgabe „eher schlecht“ bzw. „schlecht“ erfülle, 11 Prozent sagten das Gegenteil. Darüber hinaus wurde er aufgrund der Personalie um die Referatsleiterin Martina Doehler-Behzadi kritisiert, welche das Referat Baukultur im Ministerium leitete.Eigene Mitarbeiter stellen Tiefensee schlechtes Zeugnis aus Tiefensee besetzte die Referatsleitung mit Marta Doehler-Behzadi, welche er persönlich aus seiner Zeit als Leipziger Bürgermeister kannte, allerdings erhielt sie sofort nach Einstellung Dienstbezüge gemäß Besoldungsgruppe B 3, statt der üblichen Besoldungsgruppe A 15. Dadurch lagen ihre Dienstbezüge circa 25.000 Euro pro Jahr höher als üblich.Besoldungstabelle 2006 Bund

2009–2014: Bundestagsabgeordneter miniatur|hochkant|Tiefensee bei der Eröffnung des Citytunnels Leipzig (14. Dezember 2013) Tiefensee gehörte ab 2005 dem SPD-Parteivorstand an. Seit Juni 2009 ist Tiefensee Vorsitzender des Forums Ostdeutschland der Sozialdemokratie e. V. (FOD), das sich mit aktuellen Problemen, die in den neuen Bundesländern behandelt werden müssen, befasst. Er ist außerdem stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung „Lebendige Stadt“ und Mitglied des Senats der Deutschen Nationalstiftung.

Tiefensee gehörte dem Deutschen Bundestag von 2009 bis 2014 an. Bei den Wahlen 2009 und 2013 trat er jeweils im Bundestagswahlkreis Leipzig II an, verfehlte das Direktmandat mit 23,0 bzw. 23,3 aber beide Male und zog über die Landesliste Sachsen ins Parlament ein. Ab Juni 2012 war er wirtschafts-, später auch energiepolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und wurde in dieser Funktion als Nachfolger von Garrelt Duin gewählt, der im Zuge seiner Ernennung zum Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem Bundestag ausschied. Nach seiner Ernennung zum Minister in Thüringen im Dezember 2014 verzichtete er auf sein Mandat, für ihn rückte Detlef Müller nach.

2014–2024: Wirtschafts- und Wissenschaftsminister in Thüringen Nach der Wahl Bodo Ramelows zum Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringen am 5. Dezember 2014 wurde Wolfgang Tiefensee Wirtschafts- und Wissenschaftsminister im Kabinett Ramelow I.