Die Entführung von Ursula Herrmann ereignete sich am 15. September 1981 in der Nähe des Ammersees in Bayern. Man fand das zehnjährige Entführungsopfer am 4. Oktober 1981 tot in einer im Boden vergrabenen Kiste in einem Waldstück zwischen Schondorf am Ammersee und Eching am Ammersee. Ein zur Tatzeit hochverschuldeter Mann aus der Nachbarschaft wurde im Jahr 2008 festgenommen und im Rahmen eines Indizienprozesses 2010 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Seine Revision blieb erfolglos.

Das Verbrechen gehört zu den aufsehenerregendsten Kriminalfällen in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Tathergang Die zehnjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee hatte am 15. September 1981 den Turnunterricht und anschließend ihren Onkel im Nachbarort Schondorf besucht. Als sie mit dem Fahrrad zurück nach Hause fuhr, wurde sie gegen 19.30 Uhr von einer oder mehreren Personen entführt. Wahrscheinlich betäubte man Ursula und brachte sie in ein vorher präpariertes Versteck. Dabei handelte es sich um eine in einem Waldstück namens „Weingarten“, das zwischen Schondorf und Eching liegt, im Boden vergrabene Kiste. Sie hatte eine Grundfläche von 72 × 60 cm und war 139 cm hoch. Der Innenraum war mit Sitzbank und Beleuchtung ausgestattet, auch gab es Lebensmittelvorräte, einen Toiletteneimer, ein Radio sowie Comics, Liebes- und Westernromane. Luft sollte durch ein Rohrsystem hinein und hinaus gelangen. Dem auf der Bank sitzenden Mädchen legte man noch einen Jogginganzug in einer Plastiktüte auf den Schoß, dann wurde die Kiste geschlossen und mit Erde bedeckt. Zur Tarnung des Verstecks kamen fünf kleine Fichten in den darüber liegenden Waldboden.Entführt, in Kiste vergraben, erstickt – das grausige Schicksal der kleinen Ursula stern.de, 5. Februar 2018.

Durch die Rohre konnte die Luft sich jedoch nicht austauschen, weshalb das Mädchen vielleicht schon nach einer halben Stunde erstickte. Laut dem Gerichtsmediziner Wolfgang Eisenmenger verlor Ursula, bedingt durch zunehmenden Sauerstoffmangel, das Bewusstsein und starb nach spätestens eineinhalb Stunden.Artikel zur Aussage des Gerichtsmediziners Wolfgang Eisenmenger merkur.de, 26. März 2009.

Ursula Herrmanns Vater war Lehrer, die Mutter kümmerte sich als Hausfrau um ihre vier Kinder.Julia Jüttner: Entführung von Ursula Herrmann: Offene Wunde. Spiegel Online, 2. Mai 2020. Am 17. September 1981 bekamen Ursulas Eltern sieben Anrufe, bei denen der Anrufer kein Wort sprach und lediglich den Verkehrsnachrichten-Jingle des Radiosenders Bayern 3 abspielte. Am 18. September folgten noch einmal vier solche Anrufe. Beim letzten verlangte die Mutter ein Lebenszeichen ihrer Tochter. Am selben Tag kam ein Brief mit einer Lösegeldforderung über zwei Millionen DM, drei Tage später ein weiterer Brief mit Anweisungen zur Geldübergabe. Danach brach der Kontakt ab. Wahrscheinlich waren der oder die Entführer wegen der Forderung nach einem Lebenszeichen zu dem Versteck im Wald gegangen und hatten dort festgestellt, dass das Kind nicht mehr lebte.

Das Gericht ging davon aus, dass Ursula kein Zufallsopfer war, sondern vom Verurteilten Werner Mazurek, der in der Nähe der Herrmanns wohnte, bewusst ausgewählt wurde. Ihm wurde nach Auffassung des Gerichts durch Beobachtungen bekannt, dass Ursula dienstags den Turnunterricht in Schondorf besuchte und deswegen allein mit dem Fahrrad den Seeweg entlangfuhr.Strafurteil des LG Augsburg vom 25. März 2010, Ausfertigung vom 19. Juli 2010 (PDF; 19 MB).

Polizeiliche Ermittlungen Die Kiste mit Ursulas Leiche wurde am 4. Oktober 1981 gefunden, 19 Tage nach der Entführung. Die Lebensmittel hatte sie nicht angerührt, auf ihrem Schoß lag immer noch der Jogginganzug. Anscheinend war sie nicht aufgestanden. Es ist möglich, dass Ursula das Bewusstsein nach der Betäubung überhaupt nicht wieder erlangt hatte.

Die Polizei überprüfte bis 2008 fast 20.000 Fingerabdrücke, 15.000 Personen, 11.000 Fahrzeuge und verfolgte mehr als 40.000 Spuren. In diesem Zeitraum von 27 Jahren wurden mehr als 300 Aktenordner zu den Ermittlungen gefüllt. Juristisch gesehen erfüllte die Tat den Straftatbestand des erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge. Eine Verjährung wäre ohne Unterbrechungstatbestände nach 30 Jahren eingetreten.

Es gab auch die Vermutung, dass Ursula Herrmann bei der Entführung mit einem anderen Kind verwechselt worden sei. In der Nachbarschaft der Herrmanns wohnte ein Mädchen, das Ursula sehr ähnlich sah und wohlhabende Eltern hatte. In den Jahren 2004/2005 begannen Ermittlungen in diese Richtung. Dabei gerieten zwei Männer in Verdacht, die mehrmals Kontakt zum Vater dieses Mädchens gehabt hatten. Sie waren mehrfach straffällig geworden und hatten im Jahr der Entführung hohe Schulden. Einer von ihnen war nach Asien ausgewandert In: news.bayern, 30. Mai 2008. und 2002 in Taiwan wegen Drogenhandels inhaftiert worden. 2008 erhielt er dort eine lebenslange Freiheitsstrafe. Der Verdächtige bestritt eine Beteiligung an der Entführung von Ursula Herrmann und gab freiwillig eine Speichelprobe ab. Beim DNA-Abgleich fanden sich keine Übereinstimmungen.Die Spur führt nach Taiwan. merkur.de, 27. April 2009.Ursulas Entführung: War alles eine tragische Verwechslung? Augsburger Allgemeine, 29. April 2009.

2005 wurden mehrere Haare, die man seinerzeit in der Kiste gefunden hatte und die nicht von Ursula Herrmann stammten, mittels DNA-Analyse untersucht. Der genetische Abdruck gehörte aber zu einem Kriminaltechniker, der mit dem Fall befasst gewesen war.

Anfang 2007 konnte man an einer Holzschraube der Kiste eine neue DNA-Spur sichern. Im Mai desselben Jahres wurde bekannt, dass sie mit zwei Spuren vom Tatort des Mordfalls Charlotte Böhringer in München übereinstimmte. Der Abgleich dieser neuen Spur mit der DNA von rund 30 Verdächtigen im Fall Ursula Herrmann, darunter auch mit der des später verurteilten Werner Mazurek, ergab jedoch keinen Treffer. Wie die beiden Kriminalfälle zusammenhängen könnten, blieb unklar und Gegenstand von Spekulationen. Eine versehentliche oder absichtliche Verunreinigung von Probenmaterial kann der Grund für die Übereinstimmung der DNA-Spuren sein.Mordfälle Ursula Herrmann und Charlotte Böhringer: Das Geheimnis von Spur J73.03.3 sueddeutsche.de, 17. Mai 2010. Auch aus anderen Gründen konnte nicht einmal ein zeitlicher und örtlicher Bezug der DNA-Spuren zum Mordfall Böhringer hergestellt werden. Das Landgericht München I kam in seinem Urteil zum Mordfall Böhringer vom 12. August 2008 zu dem Ergebnis, es gebe trotz der Übereinstimmung der DNA-Spuren keinen Zusammenhang zwischen den beiden Kriminalfällen.Zitiert in der Antwort des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz vom 4. August 2016 auf eine schriftliche Anfrage im Bayerischen Landtag, Drucksache 17/12767 vom 5. Oktober 2016 (PDF), S. 2.

Schließlich konzentrierten sich die Ermittlungen auf Werner Mazurek. Er hatte Anfang der 1980er Jahre in Eching gewohnt und in einem Nachbarort ein Radio- und Fernsehgeschäft betrieben. Schon kurz nach der Tat war gegen ihn ermittelt worden, zwei Zeugen lieferten damals aber ein Alibi. In Mazureks Wohnung fand man 2007 ein Tonbandgerät Fabrikat Grundig Modell TK 248, für das im April 2008 ein aufwendiges Phonetik-Gutachten erstellt wurde. Dem Gutachten zufolge wurde das Gerät wahrscheinlich für die Anrufe verwendet, die damals bei den Herrmanns eingingen. Aufgrund neuer Vernehmungen in den Jahren 2007 und 2008 erwies sich Mazureks Alibi als nicht haltbar.

Juristische Aufarbeitung Der Prozess gegen Werner Mazurek vor dem Augsburger Schwurgericht Im Mai 2008 nahm die Polizei Werner M. in Kappeln fest. Im Oktober 2008 erhob die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Augsburg Anklage gegen den 58-jährigen Fernsehtechniker und seine Ehefrau.

Die Hauptverhandlung gegen den Hauptverdächtigen Werner Mazurek und seine Frau begann im Februar 2009.Mordfall Herrmann: Prozessbeginn. Spuren einer fast vergessenen Tat sueddeutsche.de, 19. Februar 2009. Klaus P., ein möglicher Mittäter, war bereits 1992 verstorben.Ursula-Herrmann-Prozess Ein letzter Zweifel bleibt sueddeutsche.de, 25. März 2010. Als rechtsmedizinischer Gutachter trat Wolfgang Eisenmenger auf. Nach 55 Verhandlungstagen forderte die Augsburger Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer lebenslange Freiheitsstrafe für den Angeklagten wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge.Herrmann-Prozess: Der Angeklagte beharrt auf seiner Unschuld Augsburger Allgemeine, 18. März 2010. Das Gericht entsprach diesem Antrag am 25. März 2010. Maßgeblich für die Verurteilung war ein Geständnis von Klaus P., der im Auftrag von Werner Mazurek das Loch im Wald gegraben haben wollte. Klaus P. hatte das Geständnis zwar widerrufen, verfügte nach Auffassung des Gerichts jedoch über Täterwissen. Auch das Gutachten über das Tonbandgerät überzeugte die Richter. Für die Ehefrau endete das Verfahren mit Freispruch.Im Fall Ursula Herrmann bleiben Zweifel am Urteil welt.de, 25. März 2010.

Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofes unter Armin Nack verwarf die von Mazurek eingelegte Revision am 25. Januar 2011, wodurch das Urteil rechtskräftig wurde.Urteil gegen Entführer von Ursula Herrmann rechtskräftig Augsburger Allgemeine, 25. Januar 2011. Er bestritt die Tat weiterhin. Seine Unterstützergruppe auf Facebook veröffentlicht nach wie vor Beiträge.Unterstützergruppe Werner M. facebook.com

Indizien laut dem Urteil Im Urteil werden folgende Indizien genannt, die das Gericht zur Überzeugung von der Täterschaft Mazureks führten:

Der mutmaßliche Mittäter Klaus P. wurde mehrmals von verschiedenen Zeugen vor der Entführung mit einem Spaten auf dem Mofa fahrend beobachtet. Ein Zeuge sah, wie er mit Mofa und Spaten aus einem Waldweg des Weingartens kam, 140 Meter davon entfernt war die Kiste im Wald vergraben. Er wurde auch am Entführungstag abends, als er nach Hause kam, um 20.30 Uhr mit Spaten am Mofa gesehen. Klaus P. gab bei seinen Vernehmungen an, im Auftrag von Werner Mazurek ein Loch im Weingarten gegraben zu haben. Später revidierte er (mutmaßlich aus Angst vor einer Selbstbezichtigung) seine Aussage, blieb aber dabei, dass Mazurek ein Loch in diesem Waldgebiet habe graben wollen. Klaus P. konnte seine „Spatenfahrten“ nicht plausibel erklären. Bei dem Stoff, der um die Belüftungsrohre an der Kiste gewickelt wurde, handelte es sich um ein altes verschmutztes Bettlaken. Ein ebensolches war aus einer Halle verschwunden, in der Klaus P. sein Fahrzeug abstellte und zu der auch Mazurek Zugang hatte. Das von Mazurek präsentierte Alibi stellte sich als falsch heraus. Zwei anonyme Hinweise auf ihn gingen bei der Polizei ein, am 8. Oktober 1981 und am 27. Januar 1982. Mazurek hatte hohe Schulden und musste eine eidesstattliche Versicherung ablegen. Er war wegen Betrugs und Urkundenfälschung vorbestraft. Mazurek tötete im Jahr 1974 den Hund der Familie, weil dieser in der Küche Abfall verstreut hatte. Er sperrte das Tier in die Tiefkühltruhe, wo es erfror. Werner M. spottete laut Zeugenaussagen, er habe den Hund mit „Verbannung nach Sibirien“ bestraft. Mazurek besaß die nötige Mobilität für den Transport der Kiste, den Einwurf der Erpresserbriefe von außerhalb und die Anrufe von verschiedenen Orten. Er war vor der Entführung zeitlich flexibel und hatte daher die Möglichkeit zur intensiven Tatplanung und Vorbereitung. Er hatte die handwerklichen Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Bau der Kiste. Er besaß die nötige Ortskenntnis. Mazurek sprach gegenüber Bekannten von einem Coup, bei dem man 2 Millionen (die geforderte Lösegeldsumme) machen müsse. Er zog gegenüber einem Freund auch einen Geldbotenüberfall in Erwägung. Er wohnte in der Nachbarschaft der Herrmanns. Er hatte die Möglichkeit, das Opfer auszuspionieren und den Hinweg des Mädchens zu beobachten. Weitere Beobachtungsposten wurden an der Entführungsstelle vorbereitet.