mini|İsmet İnönü (1938) Mustafa İsmet Pascha, ab 1934 İsmet İnönü (* 24. September 1884 in Izmir; † 25. Dezember 1973 in Ankara), war ein türkischer Offizier und später Politiker der kemalistischen Republikanischen Volkspartei (CHP) und Weggefährte des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Er war von 1923 bis 1937 mit dreieinhalbmonatiger Unterbrechung unter Atatürk der erste Ministerpräsident und anschließend von 1938 bis 1950 der zweite Präsident der Republik Türkei. Von 1961 bis 1965 war er ein weiteres Mal Ministerpräsident.

Inönü selbst hatte ab 1943 den Weg für ein Mehrparteiensystem geöffnet und verlor in der Folge das Präsidentenamt. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang beeinflusste er sowohl in Regierungsverantwortung als auch als Oppositionsführer in größtem Ausmaß die türkische Außen- und Innenpolitik, zumal ihm bereits Atatürk die praktischen Aspekte der Innen- und Außenpolitik früh überlassen hatte.Metin Heper: İsmet İnönü. The Making of a Turkish Statesman, Brill, Leiden 1998, S. 20.

Herkunft mini|Mustafa İsmet (links) und Kâzım Karabekir, 1910 Mustafa İsmet kam 1884 als zweiter Sohn des Ehepaares Hadschi Reşit Efendi und Cevriye Temelli Hanım auf die Welt. Sein Vater stammte aus Malatya und dessen Vater stammte seinerseits aus der bekannten kurdischen Familie Kürümoğulları aus Bitlis.Burhan Kocadağ: Doğu’da Aşiretler, Kürtler, Aleviler, İkinci Basım, Can Yayınları, ISBN 975-7812-70-6, S. 209. İsmet İnönüs Mutter stammte aus der Stadt Rasgrad in Bulgarien und zog in den 1870er Jahren mit ihrer Familie nach İstanbul. Dort heirateten beide im Jahr 1880. Nach der Geburt des ältesten Sohnes Ahmet Mithat kam Mustafa zur Welt, dann Hasan Rıza, Hayri und Semiha.Şerafettin Turan: İsmet İnönü - Yaşamı, Dönemi ve Kişiliği, T.C. Kültür Bakanlığı Yayınları, Ankara 2000, ISBN 975-17-2506-2, S. 1. Mustafa Ismets Vater wurde als Magistrat nach Sivas versetzt, wo Mustafa die Schule besuchte.

Militärische Karriere unter den Osmanen Darauf folgte von 1892 bis 1895 eine Kadettenanstalt, dann bis 1897 eine Zivilschule. 1897 ging er nach Istanbul, wo er bis 1903 die Artillerieakademie, dann bis 1906 die Militärakademie der osmanischen Armee besuchte.

Während seiner Stabsausbildung in Istanbul lernte er Mustafa Kemal (später Atatürk) kennen und sie wurden Freunde. 1906 wurde er Hauptmann im Generalstab. Von dort ging er nach Edirne, wo er nach einem Zwischenfall an der bulgarischen Grenze erste Verhandlungserfahrungen sammelte. Wegen allzu offener politischer Diskussionen erhielt er zwei Abmahnungen. Mustafa İsmet schloss sich einer oppositionellen Gruppe an. 1908/09 beteiligte er sich nicht am Aufstand der Jungtürken, denn er war der Ansicht, dass Offiziere dazu nicht berechtigt seien. Als diese Meinung nicht akzeptiert wurde, verließ er das Komitee für Einheit und Fortschritt.

Vor dem Ersten Weltkrieg war er 1910 im Jemen stationiert, wo er sich eine Malariainfektion einhandelte, die sein Gehör schädigte.Dietrich Gronau: Mustafa Kemal Atatürk oder die Geburt der Republik, Fischer, 1994, S. 112. Bei Verhandlungen mit den Aufständischen unter Imam Yahya erwarb er sich erhebliche Verdienste. 1912 wurde er zum Major befördert.

1913 übernahm er die Leitung der ersten Sektion des Generalstabs in Çatalca bei Istanbul. In dieser Zeit reiste er nach Österreich, Deutschland, Frankreich und in die Schweiz. Im selben Jahr war er militärischer Berater bei den Verhandlungen über den Vertrag von Konstantinopel, der den Zweiten Balkankrieg beendete.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er im Dezember 1914 zum Oberst befördert und dem deutschen General Liman von Sanders unterstellt. In dieser Zeit führte er lange Gespräche mit Atatürk. 1915 arbeitete er unter Enver Pascha. Während der Schlacht von Gallipoli leitete er die Operationsabteilung im türkischen Großen Hauptquartier. Als Armeekommandeur war er in Syrien (gegen die Westalliierten) eingesetzt. 1915 war er Chef des Generalstabes an der Kaukasusfront (gegen Russland) und 1917 Kommandierender General des III. Armeekorps in Palästina. Auch war er mit der Zweiten Armee in Diyarbakır stationiert. İsmet heiratete 1916 Mevhibe (geboren 1897; gestorben am 7. Februar 1992 in Ankara), wozu er, während die Zweite Armee in den Südosten abkommandiert wurde, zehn Tage in Istanbul blieb. İsmet und Mevhibe İnönü hatten drei Kinder, der 1926 geborene Sohn Erdal wurde 1995 Minister für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Türkei.

Als der kommandierende General der Zweiten Armee in der Schlacht an der russischen Front (6. bis 7. August 1916) starb, vertrat ihn Mustafa İsmet. Der spätere Atatürk arbeitete dort erstmals mit dem späteren Inönü zusammen. Letzterer leitete den geordneten Rückzug der Armee aus Syrien.

Nach der Niederlage der Mittelmächte verlor das Osmanische Reich infolge des Friedensvertrages von Sèvres seine verbliebenen Gebiete außerhalb von Anatolien und Thrakien. Darüber hinaus sollte das Gebiet der späteren Türkei weitgehend zerstückelt werden. İsmet erhielt nach dem Mudros-Waffenstillstand vom 30. Oktober 1918 verschiedene Posten in Istanbul, darunter den eines Untersekretärs im Kriegsministerium.

Militärisch-politische Karriere unter Atatürk mini|links|İsmet Pascha (İnönü) und sein Stabschef Asım Bey (Gündüz), 6. Februar 1922 mini|Inönü und Atatürk 1936 mini|Ismet Inönü (rechts unten) mit Familie. Sein Sohn Erdal ist direkt hinter ihm zu sehen. Im türkischen Befreiungskrieg, den Mustafa Kemal Pascha von 1919 bis 1923 zum einen gegen die Besatzungsmächte der Triple Entente führte, also gegen italienische, französische und britische Besatzungszonen in Anatolien und der Ägäis, zum anderen gegen den Plan eines Großarmeniens im Osten und eines Großgriechenlands im Westen, wurde İnönü am 6. Juni 1920 in Abwesenheit durch das Militärgericht der Istanbuler Sultansregierung zum Tode verurteilt.Metin Heper: İsmet İnönü. The Making of a Tukish Statesman, Brill, Leiden 1998, S. 16. Er hatte Atatürk mit Nachrichten und abgelegten Waffen der osmanischen Armee versorgt. Als Atatürk 1920 seine Gegenregierung gebildet hatte, stellte sich İnönü nach einigem Zögern auf seine Seite, denn er war zunächst höchst pessimistisch. Im Januar 1920 ging er gleichfalls nach Ankara. Am 18. März 1920 wurde Istanbul von den alliierten Kräften besetzt. İnönü verließ am nächsten Tag die Hauptstadt Richtung Ankara. Am 9. April 1920 wurde er als Vertreter der Armee Abgeordneter in der Großen Nationalversammlung in Ankara. Er erhielt den Auftrag, eine reguläre Armee aufzubauen, nachdem er Atatürk davon überzeugt hatte, dass eine Fortsetzung des Kampfes mit Milizen wenig aussichtsreich war.

Am 25. Oktober 1920 wurde İnönü von der Nationalversammlung der Oberbefehl an der griechisch-türkischen oder Westfront erteilt. In den beiden Schlachten von İnönü im Januar und März/April 1921 siegten seine Truppen entscheidend gegen die griechische Armee, die Anatolien räumen musste. Nach der Einnahme von Smyrna (heute Izmir), das bis zu diesem Zeitpunkt eine große griechische Gemeinde hatte, am 9. September 1922 endete der Krieg. 1934 nahm Mustafa İsmet zur Erinnerung an die Siege von İnönü gemäß dem türkischen Familiennamensgesetz den Nachnamen İnönü an.

mini|İnönü Außenminister 1932 in Moskau mini|İnönü (2. v. l.) wird 1932 am Lido von Ostia durch Mussolini (Mitte) empfangen 1922 erfolgte die Berufung zum Außenminister (er sprach Deutsch, Englisch und Französisch). İsmet İnönü nahm am 11. Oktober 1922 an den Waffenstillstandsverhandlungen in Mudanya als Delegationsführer teil. Atatürk ernannte ihn am 26. Oktober 1922 zum Außenminister und vom 21. November 1922 bis zum 24. Juli 1923 führte er die Delegation bei den Verhandlungen zum Vertrag von Lausanne, nachdem ihn Atatürk zum Delegationsleiter bereits am 2. November des Vorjahres ernannt hatte. Atatürk und İsmet bereiteten die Änderungen an der Verfassung von 1921 vor, die am 29. Oktober 1923 die Ausrufung der Republik ermöglichten, deren erster Präsident Atatürk wurde.

Das Amt des Ministerpräsidenten hatte İnönü von 1923 bis zum 20. November 1924 – İsmet trat „aus Gesundheitsgründen“ zurück –, wurde jedoch am 3. März 1925 erneut berufen, um den Aufstand von Scheich Said in der Osttürkei zu bekämpfen. İsmet war im November 1924 durch Ali Fethi Bey (Okyar) ersetzt worden, weil sich innerhalb der CHP eine starke Gruppe entwickelt hatte, die zwar kemalistisch orientiert war, sich aber gegen Autoritarismus und Zentralismus wandte. Sie gründete schließlich die Fortschrittliche Republikanische Partei (Terakkiperver Cumhuriyet Fırkası) Der Zuspruch für diese Gruppe war im traditionalistischen Osten ebenso stark, wie in Izmir und Istanbul. İsmet wurde, um die Spannungen zu mindern, durch Ali Fethi Bey eine Zeit lang ersetzt, der der Kopf des liberalen Flügels der Partei war.Matthes Buhbe: Türkei. Politik und Zeitgeschichte, Springer, 2013, S. 40. Das Verbot der kurdischen Sprache, die Abschaffung des übergreifenden Kalifats, der türkische Nationalismus und die Deportation der Unbotmäßigen führten zum Aufstand der Kurden, der wiederum den kemalistischen Zentralismus stärkte. Bereits am 2. März 1925 erhielt İsmet sein Amt zurück. Die TCF wurde aufgelöst, viele verbotene Zeitungen gingen ein, der Aufstand brach schnell zusammen.

Am 3. November 1928 wurde das Lateinische Alphabet eingeführt, die arabische Schrift kam außer Gebrauch. Inönü selbst schrieb nie wieder arabisch, und er achtete auch darauf, dass diese Schrift in seiner Umgebung nicht gebraucht wurde, auch nicht durch Atatürk.Metin Heper: İsmet İnönü. The Making of a Turkish Statesman, Brill, Leiden 1998, S. 21. Dieser war erheblich impulsiver, so dass er von Inönü, den er als Staatspascha bezeichnete, beruhigt werden musste, da er womöglich 1930 bereit gewesen wäre, sich auf eine militärische Auseinandersetzung mit Mussolini einzulassen.Metin Heper: İsmet İnönü. The Making of a Turkish Statesman, Brill, Leiden 1998, S. 22.

Er trat am 20. September 1937 wegen Auseinandersetzungen mit dem Wirtschaftsminister Celâl Bayar vom Amt zurück. Dieser setzte stärker auf Privatisierung, während Inönü der Staatswirtschaft den Vorrang gab. Auch den Parteivorsitz gab Inönü ab. Atatürk, der sich immer mehr zurückzog und schließlich an Leberzirrhose erkrankte, sich aber mit seinen Entscheidungen jederzeit über Inönü hinwegsetzte, provozierte den Bruch, der 1937 eintrat. Atatürk lebte ab Sommer 1938 nur noch in den Räumen des Dolmabahce-Palastes am Bosporus.Matthes Buhbe: Türkei. Politik und Zeitgeschichte, Springer, 2013, S. 58. Nach dem Tod Atatürks wurde Inönü am 11. November 1938 zum zweiten Präsidenten der Türkei gewählt und wurde auch wieder Parteichef. Wie Inönü in sein Tagebuch eintrug, wählten sie einstimmig jemanden, der nicht an der Macht war, mit dessen Ansichten sie nicht übereinstimmten, und den sie fürchteten.Sinngemäß nach Metin Heper: İsmet İnönü. The Making of a Turkish Statesman, Brill, Leiden 1998, S. 22.

Präsident (1938–50) Personenkult (1938–46) Am 3. Dezember 1938 wurde İnönü auf dem 4. außerordentlichen Kongress der Republikanischen Volkspartei (CHP) der Titel Nationales Oberhaupt oder Nationaler Führer („Millî Şef“) und Unabänderlicher Parteivorsitzender (Değişmez Genel Başkan) verliehen. Daher wird die Zeit zwischen dem 11. November 1938 und dem 22. Mai 1950 (nach anderen Angaben nur bis 1945Cemil Koçak: Türkiye'de Millî Şef Dönemi, 2 Bde., Istanbul 1996, passim.) als „Periode des Nationalen Führers in der Türkei“ (Türkiye'de Millî Şef Dönemi) bezeichnet.Mit „Periode des Nationalen Führers in der Türkei“ übersetzt bei Matthes Buhbe: Türkei. Politik und Zeitgeschichte, Springer, 2013, S. 254. Des Weiteren wurde dem verstorbenen Staatspräsident Atatürk der Titel „Ewiges Oberhaupt“ (Ebedi Şef) verliehen. Im Mai 1946, vor den ersten Mehrparteien-Wahlen vom 21. Juli 1946, legte İnönü beide Titel wieder ab.Metin Heper: İsmet İnönü. The Making of a Turkish Statesman, Brill, Leiden 1998, S. 183, 185.