mini|Die Prinzessinnengruppe: links Luise, rechts Friederike. Gipsausführung von 1795 in der Friedrichswerderschen Kirche, Berlin. mini|Rückseite der Gipsausführung

Die Prinzessinnengruppe, auch Prinzessinnen-Denkmal genannt, ist eine Skulptur des Bildhauers Johann Gottfried Schadow. Sie zeigt die preußische Kronprinzessin und spätere Königin Luise zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Friederike. Schadow stellte zuerst Porträtbüsten der Schwestern her. Zwischen 1795 und 1797 entstand dann die lebensgroße Gruppe, zunächst in einer Fassung aus Gips, danach aus Marmor. Heute steht die Gipsausführung in der zum Schinkelmuseum umgewidmeten Friedrichswerderschen Kirche. Das Original der Marmorgruppe wird in der Eingangsachse der Alten Nationalgalerie gezeigt.

Das Doppelstandbild wurde von Fachleuten und Publikum gefeiert, von Luises Ehemann jedoch gering geschätzt und in der Folge für rund 90 Jahre fast vergessen. Heute gilt es als ein Hauptwerk des Berliner Frühklassizismus, ähnlich wie Schadows Quadriga auf dem Brandenburger Tor von 1793. Die Prinzessinnengruppe ist in vielen Kopien unterschiedlichster Größe und Qualität als Kunstgegenstand, Dekorationsobjekt und Berlin-Souvenir weit verbreitet.

Vorgeschichte Am 24. Dezember 1793 wurden im Berliner Stadtschloss Kronprinz Friedrich Wilhelm (III.) und Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz getraut. Zwei Tage später heirateten an gleicher Stelle Prinz Louis und Prinzessin Friederike, die jüngeren Geschwister des Kronprinzenpaares. Die beiden Paare wohnten in nebeneinander liegenden Gebäuden an der Straße Unter den Linden, im Kronprinzenpalais und dem später so genannten Prinzessinnenpalais.

Der preußische Staatsminister Friedrich Anton von Heynitz (in alten Texten meist: Heinitz) schlug seinem König Friedrich Wilhelm II. vor, die Schwestern Luise und Friederike, damals 17 und 15 Jahre alt, von Schadow porträtieren zu lassen. Heynitz, eigentlich Minister des Bergbauwesens, wurde 1786 auch Kurator der damals reformbedürftigen Akademie der Künste und leitete zudem die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM). Bis zu seinem Tod 1802 blieb er als tüchtiger Organisator und durch geschickte Berufung geeigneter Künstler die bestimmende Persönlichkeit des preußischen Kunstlebens.Reimar F. Lacher, S. 13 f. Auf Schadow war er erstmals aufmerksam geworden, nachdem dieser während seines Rom-Aufenthaltes von 1785 bis 1787 bei dem angesehenen Kunstwettbewerb der Accademia di San Luca eine der Preismedaillen gewonnen hatte.Reimar F. Lacher, S. 13 Nach der Rückkehr des Bildhauers im November 1787 vermittelte Heynitz ihm eine Reihe von größeren Aufträgen und beschleunigte so seine Karriere. 1793, im Jahr der Doppelhochzeit, war Schadow Leiter der Hofbildhauerwerkstatt. Nach Ansicht des Ministers verdiente er „jetzt unter allen Bildhauern Europas den ersten Platz“.Günter de Bruyn: Preußens Luise. Vom Entstehen und Vergehen einer Legende, S. 13

Der König machte sich den Vorschlag seines Ministers zu eigen, er selbst war von der Schönheit und dem jugendlichen Charme der Prinzessinnen höchst beeindruckt, seit er sie im März 1793 erstmals gesehen hatte; danach hatte er die Heirat seiner Söhne nachdrücklich gefördert. In seinen Memoiren beschrieb Schadow den ersten Schritt, der schließlich zur Entstehung der Prinzessinnengruppe führte: „Der Staatsminister von Heinitz erbat [bei Hof] eine Sitzung für seinen Modelleur“ (also für Schadow); „dieser erhielt sogleich schriftliche Order, wo, wie und wann er sich zu stellen habe und daß man hoffe, er werde etwas der nächsten Ausstellung in der Akademie Würdiges darbringen.“Reimar F. Lacher: Schadows Prinzessinnengruppe. Die schöne Natur, S. 24

Die Porträtbüsten Gegenstand des Auftrags waren zunächst nur zwei Porträtbüsten aus gebranntem Ton. Schadow erhielt einen Arbeitsraum im Seitenflügel des Kronprinzenpalais zugewiesen. Friederike, die jetzt Prinzessin Louis (oder Ludwig) genannt wurde, kam häufig aus dem Nachbargebäude herüber, um ihm Modell zu sitzen. Die Kontakte mit Luise verliefen förmlicher, sie beschränkten sich meist darauf, dass Schadow bei offiziellen Audienzen des Kronprinzenpaares in einer Ecke des Saales anwesend war. Der Bildhauer beschrieb in seinen Erinnerungen aber auch, wie der Kronprinz nach dem Ende des Zeremoniells „nun von manchen die Gebärden und übertriebene Freundlichkeit nachmachte sowie deren poetische Phrasen wiederholte“.Reimar F. Lacher, S. 27

In den Jahren 1794 und 1795 entstanden zwei Porträtbüsten, zuerst die von Friederike, dann die ihrer Schwester. Die Tonbüste von Friederike ist noch in der ursprünglichen Form erhalten, die von Luise nur noch in Abformungen in Gips und Pappmaché. Schadow sah in diesen Arbeiten eine besondere Herausforderung. In anderem Zusammenhang hatte er geschrieben: „Weibliche Büsten sind eine der schwersten Aufgaben in der Kunst; diese zu lösen, habe ich mir immer unglaubliche Mühe gegeben. Ähnlichkeit mit Anmut zu vereinigen […] erfordert ein zartes Kunstgefühl und einen, möchte ich fast sagen, an List grenzenden Beobachtungsgeist.“Reimar F. Lacher, S. 38

1798 entstand eine Variante zur Porträtbüste Luises. Schadow veränderte Kopfhaltung und Blickrichtung der Skulptur derart, dass sie als Pendant zu einer Porträtbüste wirkte, die er 1797 von dem Kronprinzen angefertigt hatte. Bei der Gelegenheit korrigierte er auch das tiefe Dekolleté der ersten Fassung nach oben. Ein Auftragshonorar für die Porträts ist nicht belegt. Aus Schadows Geschäftsunterlagen geht aber hervor, dass er durch den Verkauf einiger Dutzend Gipsabgüsse der Porträts von Luise, Friedrich Wilhelm und Friederike Einnahmen hatte, die weit höher waren als jedes damals übliche Honorar.

Das Standbild aus Gips miniatur|hochkant|Gottfried Schadow in einer Arbeitspause 1795 miniatur|hochkant=0.8|links|Die Prinzessinnen­gruppe, Teilansicht der Gipsvariante

Die Porträtbüsten waren 1795 fertiggestellt. Schadow begann nun mit der Arbeit an einem Doppelstandbild der Prinzessinnen in Lebensgröße. Diese in Gips auszuführende Gruppe sollte als Modell für eine Reihe kleinerer Kopien in Porzellan dienen – ein Projekt, von dem nicht eindeutig belegt ist, ob Minister von Heynitz oder Schadow selbst es angeregt hatte.Reimar F. Lacher, S. 41 Außerdem sollte die lebensgroße Skulptur in der Ausstellung der Kunstakademie im September 1795 präsentiert werden.

Für das Doppelbildnis waren neue Sitzungen mit den Prinzessinnen erforderlich, Schadow arbeitete nach seinen eigenen Worten „in stiller Begeisterung […]; er nahm die Maße nach der Natur; die hohen Damen gaben von ihrer Garderobe das, was er aussuchte, und hatte so die damalige Mode ihren Einfluß auf die Gewandung.“Reimar F. Lacher, S. 41 f. Die Anordnung der beiden Schwestern innerhalb der Gruppe war nicht nur durch künstlerische Erwägungen, sondern wesentlich auch durch die Rangordnung der beiden bestimmt. Luise, die Ältere und Ranghöhere, steht nach den Regeln der Heraldik rechts, Friederike außerdem geringfügig hinter ihrer Schwester.

Am 25. September, dem Geburtstag des Königs, wurde die Akademie-Ausstellung 1795 eröffnet. Der Katalog beschrieb die prominent herausgestellte Prinzessinnengruppe wie folgt: „Eine Gruppe in Lebensgröße, Ihre Königl. Hoheiten die Kronprinzessin und Prinzessin Ludwig vorstellend, welche an einander gelehnt, sich beide schwesterlich umarmen.“Reimar F. Lacher, S. 60 Der weit überwiegende Teil der Besucher war von Schadows Werk begeistert. Im Rückblick fand der Bildhauer das nicht überraschend:

Das Standbild aus Marmor Auftrag und Ausführung Von Heynitz hatte den König, der die Ausstellung 1795 offenbar nicht gesehen hatte, auf das Doppelstandbild aufmerksam gemacht und eine Audienz mit Schadow arrangiert. Am 5. Januar 1796 schrieb Heynitz dem König, namhafte Persönlichkeiten und Sachverständige hätten die Skulptur gelobt und sich für eine Ausführung in Marmor ausgesprochen; eine solche Marmorskulptur sei geeignet, der Nachwelt zu beweisen, dass unter des Königs Regierung etwas wahrhaft Vollendetes entstehen konnte; zudem sei Schadows Honorarforderung von 5000 Reichstalern für eine Arbeitszeit von 18 Monaten und die Beschaffung des nötigen weißen Carrara-Marmors recht maßvoll; und er, Heynitz, könne diesen Betrag aus der Kasse der Porzellanmanufaktur bezahlen, des Königs eigene Kasse werde also nicht belastet. Auch die Kosten für die Porträtbüsten der Prinzessinnen, für die Gipsausführung der Gruppe und für die Vorbereitung der Porzellanausführung waren über die KPM abgerechnet worden. Am 6. Januar erfolgte die Genehmigung des Königs. Vom 16. Januar datiert ein Vertrag zwischen Heynitz als Kurator der Akademie und Schadow; darin sind Arbeitsumfang, Kosten und Zahlungsmodalitäten entsprechend den Vorvereinbarungen festgehalten. 1500 Taler sollten noch im Januar desselben Jahres ausbezahlt werden, weitere 1500 im Oktober und 2000 nach Fertigstellung der Gruppe.Reimar F. Lacher, S. 70 f.

mini|hochkant|Die Marmorfassung mit Sockel in der Alten Nationalgalerie

Die Ausführung der Marmorgruppe übergab Schadow für ein vertraglich vereinbartes Honorar von 1300 Reichstalern an Claude Goussaut, der seit etwa 1760 im Hofbildhaueratelier tätig war, „durch seine grosse Practik in Marmor sich auszeichnete, und im Königl. Bildhauer Atelier lange als Muster in diesem Talente diente“ (Schadow in seinem Nachruf auf Goussaut 1799).Reimar F. Lacher, S. 82 Am 12. Juli 1797 war die Arbeit beendet, etwa zweieinhalb Monate später als geplant. Schadow war dennoch so zufrieden, dass er Goussaut eine Erfolgsprämie von 100 Reichstalern zahlte. Er selbst arbeitete noch bis Anfang August an letzten Feinheiten.

In mehreren Details ergaben sich leichte Veränderungen gegenüber der Gipsfassung, meist vorsichtige stilistische Korrekturen vom Individuellen hin zum Allgemeingültigen, in Richtung auf den idealen „griechischen Stil“.Reimar F. Lacher, S. 84 f. Neu hinzugekommen war ein Sockel aus grauem Marmor mit zwei achteckigen weißen Inschriftentafeln, in denen Namen und Rang der Prinzessinnen genannt werden.

Ausstellung Die Akademieausstellung von 1797 begann wieder am 25. September. Schadows Marmorgruppe wurde im Ausstellungskatalog angezeigt als: „Die Gruppe der Kronprinzessin und Prinzessin Ludewig K. H. [Königliche Hoheiten] in Lebensgröße. Das dazugehörige Piedestal von schlesischem Marmor, mit zwey Rosenkränzen von weissem Marmor decorirt.“Reimar F. Lacher, S. 88 Wiederum war das Publikum begeistert. Der Weimarer Gelehrte Karl August Böttiger hatte die fertige Arbeit zuvor in Schadows Werkstatt gesehen und notierte: „Alle Welt sprach während meines Daseins von der neuesten Kunstschöpfung Schadow’s, der himmlisch schönen Gruppe der beiden Schwestern, der Kronprinzessin und der Prinzessin Luis, die nun vollendet in Schadow’s Künstlerwerkstatt zu sehen war, und am 25. September zum Geburtstag des Königs die Hauptschüssel bei dem Ausstellungsschmause machen sollte.“Karl W. Böttiger (Hrsg.): Literarische Zustände und Zeitgenossen. In: Schilderungen aus Karl Aug. Böttiger’s handschriftlichem Nachlasse. Leipzig 1838, 2. Bd., S. 130–133

Die Porträtkunst als Abbildung der individuellen Natur galt damals eigentlich deutlich weniger als die „reine“ Kunst, die bildnerische Darstellung idealer Vorstellungen. Im Fall der Prinzessinnengruppe traf nun beides zusammen. Ihr Zweck waren zwar die konkreten Bildnisse der beiden Schwestern. Diese aber galten ihrer Umwelt längst als Beispiele vollkommener menschlicher Schönheit, sodass der Künstler mit dem individuellen zugleich das ideale Kunstwerk schaffen konnte.Tb.: Die Fürstlichen Schwestern. Eine Marmorgruppe von Schadow. In: Jahrbücher der preußischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelms des Dritten. Jg. 1798, 1. Bd., S. 129–135 In diesem Sinne äußerte sich auch Böttiger, mit leicht kritischem Unterton:

Bewertung durch Friedrich Wilhelm III.