Das geplante Kernkraftwerk Wyhl (auch Kernkraftwerk Süd, KWS) bei Wyhl am Kaiserstuhl sollte zwei Reaktorblöcke der 1300-Megawatt-Klasse (elektrische Leistung) umfassen, erhielt jedoch nur für Block I eine Teilerrichtungsgenehmigung. Mit dem Bau eines Reaktorgebäudes für Block I war bereits begonnen worden, infolge massiver Proteste der sich zu der Zeit noch im Entstehungsprozess befindenden Anti-Atomkraft-Bewegung und eines vom Verwaltungsgericht Freiburg veranlassten Baustopps wurden die Bauarbeiten 1977 eingestellt. Das Projektvorhaben selbst allerdings als politische Entscheidung wurde erst 1994 „offiziell“ beendet.
Damit ist das KKW Wyhl das erste (geplante) Atomkraftwerk in Deutschland, dessen Bau auf Initiative der Anti-Atomkraft-Bewegung verhindert wurde.
Planung Zunächst war das Kernkraftwerk Süd bei der nahe gelegenen Stadt Breisach projektiert. Dies wurde jedoch von der örtlichen Bevölkerung abgelehnt, vor allem aufgrund der zur Abwärmeabfuhr vorgesehenen Nasskühltürme, von deren Emissionen Bauern und Winzer der Umgebung negative klimatische Auswirkungen erwarteten. Am 19. Juli 1973 wurde im Rundfunk verkündet, dass der Standort Breisach aufgegeben werde und das Kraftwerk in Wyhl am Kaiserstuhl gebaut werden solle. Der neue Standort war vom alten nur einige Kilometer entfernt: Hier wurden zwei Druckwasserreaktoren der Kraftwerk Union der 1300-Megawatt-Klasse vom Typ Vor-Konvoi mit einer thermischen Leistung jeweils 3762 MW und einer elektrischen Leistung zwischen ca. 1200 und ca. 1300 MW (englisch) (je nach Art der Kühlung) mit jeweils einem etwa 150 m hohen Naturzug-Nasskühlturm geplant.freidok.uni-freiburg.de: Der Widerstand gegen das Kernkraftwerk Wyhl (pdf; 3,6 MB)
Proteste, Gerichtsverfahren, Projektaufgabe mini|Aufkleber gegen den Bau des Kernkraftwerkes Wyhl, 1975 mini|Die Kritik am KKW Wyhl war Ende der 1970er Jahre noch subtil: unter dem Schild „Mafia“ ist „Kraft“ eingemeißelt mini|Stein zum Gedenken an den Tag der Bauplatzbesetzung "NAI HÄMMER GSAIT!" (Alemannisch für "Nein haben wir gesagt!") Kurz nach der Ankündigung begannen 27 Bürger aus Wyhl, gegen den Bau des geplanten Kraftwerks zu protestieren. Bald darauf gründeten sich in umliegenden Ortschaften sowie wie im angrenzenden französischem Elsass Initiativen: Kondensdämpfe aus den Kühltürmen könnten die Sonneneinstrahlung vermindern und Nebel vermehren, Kühlwasser aus dem Kraftwerk könne den Rhein aufheizen und sein biologisches Gleichgewicht gefährden, vor allem aber die Entwicklung des Rheintales zur industriellen Zone, zu einem „zweiten Ruhrgebiet“, waren die ersten Gründe für die Ablehnung.Hans-Helmut Wüstenhagen: Bürger gegen Kernkraftwerke. Wyhl der Anfang? rororo aktuell, Reinbek bei Hamburg 1975, ISBN 3-499-11949-8, S. 13ff.
Mit Schreiben vom 10. Oktober 1973 beantragte die KWS beim baden-württembergischen Wirtschaftsministerium, die Errichtung eines Kernkraftwerkes am Rhein bei Flusskilometer 246 zu genehmigen und zunächst eine Teilerrichtungsgenehmigung zu erteilen. Der Antrag wurde im Mai 1974 bekannt gemacht,Vgl. Bekanntmachung des Antrages im Staatsanzeiger für BW und in der Badischen Zeitung v. 18. Mai 1974 einschließlich der üblichen Unterlagen zur Einsicht ausgelegt und Gelegenheit gegeben, innerhalb eines Monats Einwendungen zu erheben. Insgesamt sind mehr als 89.000 Einwendungen erhoben worden. Am 9. und 10. Juli 1974 fand in Wyhl ein Erörterungstermin statt, um über die erhobenen Einwendungen zu diskutieren.Vgl. die unten zitierten Urteile des VG Freiburg v. 14. März 1977 und des VGH Mannheim vom 30. März 1982. Zahlreiche Schreiben gingen auch an den Bundesinnenminister Werner Maihofer, darunter auch ein Schreiben des Pfarrers von Emmendingen-Windenreute vom 9. August 1974, in dem er sich unter anderem enttäuscht über den Verlauf des Erörterungstermin zum Bau des Kernkraftwerkes in Wyhl äußerte.
Vorausgegangen und mit konstituierend für den örtlichen Widerstand gegen das Kernkraftwerk war der bereits erfolgreich verlaufene Kampf gegen die Errichtung eines Blei-Chemie-Werks in Marckolsheim im benachbarten französischen Elsass auf westlicher Seite des Rheins.Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Regionalverband Südlicher Oberrhein, Freiburg, 20. August 2014: bund-rvso.de: Bauplatzbesetzung Marckolsheim Elsass 1974–1975: Ein wichtiger Impuls für die Umweltbewegung
Am 12. Januar 1975 stimmten 55 Prozent der wahlberechtigten Bürger von Wyhl in einem Bürgerentscheid für den Verkauf des vorgesehenen Geländes an die KWS, da sie sich Arbeitsplätze erhofften. Am 22. Januar 1975 erteilte das Stuttgarter Wirtschaftsministerium der KWS die „Erste Teilerrichtungsgenehmigung“ für das „Kernkraftwerk Süd“, die jedoch mit zahlreichen Auflagen verbunden war. Die vorgebrachten Einwendungen wurden zurückgewiesen und die sofortige Vollziehung angeordnet.
Die juristische Auseinandersetzung ab 1975 Am 21. Februar 1975 haben mehrere Gemeinden und Privatpersonen beim Verwaltungsgericht Freiburg Klage gegen die Teilerrichtungsgenehmigung erhoben. Sie beanstandeten, dass die angegriffene Genehmigung nicht hätte erteilt werden dürfen, weil es an dem erforderlichen Schutz gegen schädliche Umwelteinwirkungen fehle. Nach ihrer Meinung seien erhebliche Nachteile zu befürchten, die sich durch die mit dem Betrieb des Kernkraftwerkes verbundene Wärmeableitung durch Kühlwasser und durch die unvermeidbaren Radioaktivitätsabgaben ergeben könnten. Sie beanstandeten darüber hinaus, dass die erforderliche Sicherheit gegen Unfälle nicht gewährleistet sei.
Parallel zu den mit den Klagen angestrengten Verfahren in der Hauptsache haben die Kläger vorläufigen Rechtsschutz beantragt, um im Eilverfahren zu verhindern, dass die KWS aufgrund der angeordneten sofortigen Vollziehung bis zum Abschluss der Hauptsacheverfahren – eine erhebliche Verfahrensdauer war abzusehen – mit dem Bau Fakten schafft.
Am 17. Februar 1975 wurde mit der Einrichtung der Baustelle für den Block I begonnen, was rechtlich zulässig war. Die Entscheidung des Freiburger Verwaltungsgerichts im Eilverfahren stand zu diesem Zeitpunkt noch aus. Die Baustelle wurde am Tag darauf von Protestierenden besetzt und von der Polizei geräumt. Nach einer Kundgebung am Sonntag, den 23. Februar 1975, an der laut polizeilichen Angaben 28.000 Menschen teilnehmen, besetzt die Bevölkerung das Gelände. Die Volkshochschule Wyhler Wald wird gegründet. Erst im November 1975 verlassen die Bürgerinitiativen den Platz.
Eine der prägenden Persönlichkeiten des Wyhl-Protestes war der Autor und Liedermacher Walter Mossmann. Er beschrieb in einem Redebeitrag die Besetzer folgendermaßen:
Was neu war: Auf den besetzten Plätzen in Marckolsheim, Wyhl oder Kaiseraugst trafen sich nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen aus der linken Szene, auf die sich Polizei und Justiz längst eingeschossen hatten, vielmehr kamen dort Leute zusammen, die eigentlich gar nicht zusammen gehörten, deshalb ging es ja auch in Wyhl viel lustiger zu als bei den Parteimeetings der Moskau- oder der Peking-Kommunisten. Im Freundschaftshaus auf dem besetzten Platz in Wyhl trafen Winzergenossen und katholische Landfrauen auf eine Jugendgruppe der IG Metall aus NRW oder auf die Stuttgarter Gewerkschaftsopposition bei Daimler ("Plakatgruppe") mit Willi Hoss und Peter Grohmann, es trafen sich evangelische Pfadfinderinnen aus Heidelberg mit bündischen Jungs aus Hamburg und Grauen Panthern aus Westberlin, es kamen denkende Sozialdemokraten, die sich gerade mit Erhard Eppler gegen den Atompolitiker Helmut Schmidt aufrichteten, es kamen die Religiösen von den Anthroposophen bis zu den Zen-Buddhisten, dazwischen Linkskatholiken, Pfingstler, Basisgemeinden, orthodoxe Russen, reformierte Juden, laizistische Iraner, synchretistische und tolerante Brasilianerinnen, es kamen deutsche Männergesangsvereine, französische Feministinnen, geoutete Schwule, heimliche Heteros, Spontis, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, Ornithologen, Vegetarier, Verteidiger des SED-Regimes, die absurderweise auf volkseigene Atomkraftwerke vom Typ Tschernobyl setzten, es kamen Leute vom Schwarzwaldverein, von den Vosges Trotter Colmar, von der Skizunft Brend, es kamen Pazifisten, Reserveoffiziere und die Schnapsnasen aus Webers Weinstuben, es kamen alte Leute, die ihre Ideen vom Naturschutz aus der nationalsozialistischen Erziehung mitbrachten, es kamen kritische Architekten, Mediziner, Pädagogen, Journalisten, frustrierte Orchestermusiker, grübelnde Polizisten, und sie trafen auf den Apotheker vom Kaiserstuhl, den Schmied, den Schreiner, die Ärztin, die Chemikerin, den Müller, den Fischereimeister, den Tabakbauer, die Winzerinnen, die Lehrer, die Pfarrer, und sie trafen Werner Mildebrath, den Elektriker aus Sasbach, der schon 1975/76 den Leuten seine Sonnenkollektoren aufs Dach setzte, denn die Bürgerinitiativen arbeiteten schon damals an erneuerbaren Energien, und sie organisierten 1976 die Sonnentage von Sasbach, als die Stuttgarter Regierung noch einfältig und doktrinär an das Perpetuum Mobile namens Atomkraft glaubten.
Das Verwaltungsgericht hat durch Beschluss vom 14. März 1975 die sofortige Vollziehung der Ersten Teilerrichtungsgenehmigung (TEG) ausgesetzt und damit einen Baustopp verfügt. Ob die Antragsteller im Hauptsacheverfahren voraussichtlich erfolgreich sein würden, ließe sich – so das Gericht – derzeit noch nicht absehen. Eine Entscheidung darüber könne erst nach einer Beweisaufnahme im Hauptsacheverfahren getroffen werden. Das Gericht nahm deshalb eine Interessenabwägung vor, in der es die Interessen der Antragsteller am Aufschub der Bauarbeiten höher bewertete als die Interessen des Landes und der KWS an der Sicherung der Stromversorgung. Es ging dabei davon aus, dass sich die Antragsteller nicht nur auf die Folgen berufen könnten, die der Bau des Kraftwerks als solcher verursache, sondern darüber hinaus auch auf die Auswirkungen, die der spätere Betrieb mit sich bringen könne.
Am 27. Mai 1975 fand eine Sondersitzung der Landesregierung statt, die sich mit dem weiteren Vorgehen befasste. (RTF)
Am 14. Oktober 1975 wurde der vom Verwaltungsgericht Freiburg im März 1975 verhängte Baustopp aufgrund der Beschwerden der Landesregierung unter Ministerpräsident Hans Filbinger und der KWS vom Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim aufgehoben. Auch der VGH sah den voraussichtlichen Ausgang des Hauptsacheverfahrens als offen an und nahm eine Interessenabwägung vor, die zugunsten des Landes und der KWS ausfiel. Allein durch den genehmigten Bau des Kraftwerks könnten die Antragsteller nicht beeinträchtigt sein. Die VGH-Richter betonten jedoch, dass das Risiko für den Beginn der genehmigten Bauphase von der KWS selbst zu tragen sei und dass die Entscheidung in der Hauptsache, welche das Verwaltungsgericht Freiburg zu fällen habe, immer noch zu ihrem Nachteil ausfallen könne. Die Bauplatzbesetzer, die das Baugelände seit 18. Februar 1975 blockierten, bezeichneten den Beschluss als eine erste Schlappe ihres Einsatzes.Rheinische Post. 15. Oktober 1975, S. 1.
Das Battelle-Institut erarbeitete für ein Honorar von 950.000,00 DM eine Strategie für die Verhandlungen im Auftrag der Landesregierung. Das Ergebnis mündete in die Offenburger Gespräche, in denen die Landesregierung erreichte, dass die Protestierenden den besetzten Bauplatz im November 1975 verließen.
Dennoch demonstrierten am 8. Oktober 1976 rund 1000 Bürger gegen Ministerpräsident Filbinger im benachbarten Kiechlinsbergen und am 30. Oktober 1976 ebenfalls rund 1000 Menschen bei der „Platzbegehung“ im Wyhler Wald. Am 6. November beteiligten sich rund 1.200 Menschen am „Solidaritätsfackelzug“ gegen das Kernkraftwerk Brokdorf in der Freiburger Innenstadt. Nach weiteren Bauvorbereitungen und der Installation eines Baustromanschlusses wurde die Baustelle erneut durch Protestierende besetzt.