mini|hochkant|Erstveröffentlichung Marcel Mauss’ Essai sur le don Der Begriff Schenkökonomie (auch „Kultur des Schenkens“ bzw. UmsonstökonomieUmsonst-Ökonomie:Marktplatz des Vertrauens, von Katharina Brunner, München, und Helmut Martin-Jung, Berlin, Süddeutsche Zeitung 2. Juni 2015) bezeichnet eine soziologische Theorie, die dem Strukturfunktionalismus zugeordnet wird. Die Schenkökonomie ist demzufolge ein soziales System, in dem Güter und Dienstleistungen ohne direkte oder zukünftige erkennbare (monetäre) Gegenleistung weitergegeben werden, tatsächlich allerdings meist mit verzögerter Reziprozität.David Cheal: „The Gift Economy“ (1998), Routledge, S. 105.A. Offer „Between the Gift and the Market: The Economy of Regard“, The Economic History Review, New Series, Vol. 50, No. 3 (Aug., 1997), S. 450–476. Auf längere Sicht handelt es sich dann um eine Form von Tauschen, die sich aber vom Tauschhandel unterscheidet – man spricht von Gabentausch als Gegensatz zum Warentausch. Die Schenkökonomie gründet sich häufig auf dem Prinzip allgemeiner Solidarität. Ursprünglich wurde der Begriff für ein vorherrschendes Phänomen in urgeschichtlichen und Stammesgesellschaften verwendet, in denen soziale oder immaterielle Gegenleistungen wie Karma, Ansehen oder Loyalität und andere Formen von Dank erwartet wurden. Anthropologen und anderen Wissenschaftlern ist es gelungen, den Gabentausch auch in gegenwärtigen Kulturen nachzuweisen.R. Kranton: Reciprocal exchange: a self-sustaining system. In: American Economic Review. Band 86, Nr. 4 (September), 1996, S. 830–851.

Begriffsherkunft Erstmals wird der Ausdruck „Schenkökonomie“ in Marcel Mauss’ Essai sur le don (1923/24) erwähnt im Zusammenhang mit der Untersuchung des Austausches und der Verteilung von Gaben bei den Indianerstämmen der Tlingit, Haida, Tsimshian und Kwakiutl in Nordamerika. Mauss hat dabei die systemische Bedeutung des Gabentauschs ethnologisch untersucht und Kriterien aufgestellt, nach denen sich Gabentausch grundsätzlich vom Warentausch unterscheidet. In Geschenkwirtschaften wird zwar durchaus eine Gegenleistung erwartet, sie ist jedoch meist nicht materieller Natur und vor allem nicht in derselben Weise formalisiert.

Sein bekanntestes Beispiel ist der Potlatch, ein periodisch wiederkehrendes Fest einzelner Indianerstämme, bei welchem der Gabentausch zum Wettbewerb um Großzügigkeit und Verschwendung ausuferte. Mauss geht davon aus, dass es sich beim Gabentausch um ein sozialanthropologisches Grundmuster handelt und dass die Gabe sowohl ein beziehungsstiftendes Element als auch eine Möglichkeit ist, den sozialen Abstand zu manifestieren.

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt auch Bronisław Malinowski, der das Phänomen des Kula-Tausches untersuchte, das er bei den gartenbauenden Trobriandern entdeckt hatte.B. Malinowski, Argonauten des westlichen Pazifik: ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea. Mit einem Vorw. von James G. Frazer. Aus dem Engl. von Heinrich Ludwig Herdt. Hrsg. von Fritz Kramer, Erstveröffentlichung 1922.

Begriffsabgrenzung Der Unterschied zwischen Waren- und Gabentausch wird zum Teil über eine gegensätzliche Deutung von „Ware“ und „Gabe“ erklärt. Die Gabe wird in der Wissenschaftsgemeinde unterschiedlich thematisiert. Einige Wissenschaftler betrachten die Gabe als reinen Eigennutz, andere betrachten die Gabe aus der tauschtheoretischen Perspektive, andere wiederum verknüpfen die Gabe mit ökonomischem Kalkül, welches tabuisiert bleibt. Manchmal wird die Gabe auch als Schnittmenge zwischen Eigennutz und Altruismus interpretiert und im extremsten Fall als Gabe ohne Reziprozitätserwartung verstanden und somit als Ideal dargestellt.

Waren- und Gabentausch Sowohl der Waren- als auch der Gabentausch beinhalten jeweils einen Transfer, für welchen eine Gegenleistung erwartet wird. Wie anfangs bereits erwähnt, kann diese Gegenleistung auch verzögert stattfinden und an Ereignisse geknüpft sein.So z. B. das Hxarosystem welches sowohl bei den San der Kalahari als auch bei den Enga von Papua-Neuguinea vorzufinden war. Hierbei handelte es sich auch um Gabentausch mit Gegenleistungen, diese wurde aber nur dann eingefordert, wenn die Umstände (schlechte persönliche Situation) gegeben waren. Siehe dazu: P. Wiessner: Connecting the connected: The inheritance of social ties among the Ju/’hoan Bushmen and the Enga of Papua New Guinea, unpublished paper, Department of anthropology, University of Utah. Beim Gabentausch bleiben sowohl der Wert der Gegenleistung als auch die zeitliche Erfüllung dem Gabenempfangenden überlassen. Als Beispiel für diese verzögerte Gegenleistung wird die Einladung zum Essen unter Bekannten angeführt. Die Gegenleistung kann aber auch indirekt erfolgen, das heißt, der Gabenempfangende muss keine Gegenleistung erbringen, sondern der Gabengebende erhält durch die Vergabe Anerkennung in der Gemeinschaft. Als Beispiel hierfür wird die (teilweise vormalige) bedingungslose Gastfreundschaft der mediterranen,J. du Boulay: Strangers and gifts: hostility and hospitality in rural Greece. J. Med. Stud., 1 (1991), S. 37–53. arabischen,A. Gingrich: Is wa milh: Brot und Salz. Vom Gastmahl bei den Hawlan bin Amir im Jemen. Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, 116 (1986), S. 41–69. persischenM. Simpson-Herbert: Women, food and hospitality in Iranian society. Canberra Anthropology, 10, (1987), S. 24–34. und indischenJ. Pitt-Rivers: The stranger, the guest and the hostile host: introduction to the study of the laws of hospitality. in J. G. Peristiany, ed., Contributions to Mediterranean sociology (Paris, 1968), S. 13–30. Völker angesehen.

Gabe und Handel Die Gabe transportiere – so das Begriffsverständnis – das Signal der Achtung und Ehrerbietung gegenüber einer anderen Person. Der Handel im Gegensatz dazu liefert meist keine externe Bestätigung. Die Gabe kann billig, materiell oder symbolisch sein. Sie ist aber mit Kosten, also zunächst negativen Konsequenzen einer Aktion angesichts eines bestimmten Planes und Entscheidungsfeldes, verbunden. Aber die Gabe ist Anerkennung, und Anerkennung ist eine knappe Ressource.S. Gifford: „The allocation of entrepreneurial attention“, Journal of Economic Behavior & Organization, 19 (1992), S. 265–84. Die Knappheit der Anerkennung ist bedingt durch die eingeschränkte Verfügbarkeit von Zeit und psychischer Energie. Insofern kann die Gabe als Anerkennung auch eine Form der Gegenleistung für etwas verstanden werden – also im Sinne von Dankbarkeit.

Eine strikte Trennung von Gabe und Handelsgut, wie sie Marcel Mauss vorschlug, beruht überwiegend auf der zu seiner Zeit vorherrschenden Lehre und der Unterschätzung der dualen Natur der Gabe und des Gabentausches.D. K. Feil: The morality of exchange. In: George N. Appell, T.N. Madan: Choice and morality in anthropological perspective: Essays in honor of Derek Freeman, State University of New York Press, 1988, ISBN 0-88706-606-2. So sieht zum Beispiel Maurice Godelier die Gabe als eine Kombination aus beidem, Gabe und Handelsware. Die Gabe bestehe aus der nicht monetär messbaren Gabe und dem monetär messbaren Wirtschaftsgut.Maurice Godelier: „Perspectives in Marxist anthropology“. Issue 18, Cambridge studies in social anthropology, Cambridge University Press, 1977, S. 128. Dabei erhält beim Austausch das Austauschobjekt bzw. der Gabenempfangende neben der Funktion des Austauschobjektes einen besonderen Status und eine besondere Identität.Jan van Baal: Reciprocity and the position of women. Anthropological papers, Van Gorcum, 1975, ISBN 90-232-1320-3, S. 54ff.

Ältere wirtschaftswissenschaftliche Betrachtung Um das Thema Gabentausch fand zum Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts eine intensive wissenschaftliche Diskussion statt. Diese war von unterschiedlichen Auffassungen der verschiedenen Wissenschaftsbereiche geprägt. Die eine Seite wurde durch die Wirtschaftswissenschaftler vertreten, die aber wiederum unter sich durchaus unterschiedliche Auffassungen hatten, und die andere Seite durch die Soziologen und Philosophen.

Einheit von Moral und Ökonomie Standpunkte wie die des Bronisław Malinowskis, der Gaben als eine sinnlose Form des Güteraustauschs bezeichnete und von Gesellschaftsformen berichtete, die im Gegensatz zur damals vorherrschenden Wirtschaftsform Europas eine alternative Lebensweise bieten würden, dienten ebenfalls wie Marcel Mauss’ Ausführungen als Ausgangspunkt für die Kritik an den Prinzipien des Rationalismus und Merkantilismus. Mauss kritisierte insbesondere, dass Begriffe wie „Individuum“ und „Profit“ eine immer größere Bedeutung erfahren und dies nicht nur der Gesellschaft, sondern sogar letztendlich auch dem Einzelnen selbst schade.Vgl. M. Mauss: Die Gabe, Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 6. Auflage, Berlin, 1990, S. 135–147. Mauss’ Ansichten decken sich in diesem Bereich mit denen seines Onkels und Lehrers Émile Durkheim, dem Begründer der empirischen soziologischen Wissenschaft, der die fortschreitende Trennung von Moral und Ökonomie kritisierte und die Idee des Individualismus ablehnte.E. Durkheim: Über die Teilung der sozialen Arbeit, eing. Von Niklas Luhmann, Hrsg.: Franz v. Ludwig, Frankfurt, 1977, S. 39–71. Mit der Kritik am Individualismus reiht sich Durkheim in die Vertreter der Historischen Schule der Nationalökonomen ein, zu der zum Beispiel auch Gustav von Schmoller gehörte und bei dem Durkheim studiert hatte. Der Kerngedanke der Historischen Schule war die Idee der strikten ethischen Wirtschaftsauffassung, also einer Verbundenheit beziehungsweise Einheit der Moral und Ökonomie.Vgl. H. Winkel: Die deutsche Nationalökonomie im 19. Jahrhundert. Darmstadt, 1977. Zu Schmoller gesellte sich auch Karl Bücher als Kritiker der vorhandenen Wirtschaftsstruktur, welche mehr und mehr einzig auf den geregelten Tausch ausgerichtet gewesen sei. Schmoller und Bücher schlugen als Alternative die Weitergabe von Dienstleistungen und Gütern im unentgeltlichen Sinne vor. Aus diesem solle sich dann für das Gegenüber die implizite, moralische Verpflichtung entwickeln, für die erhaltenen Gaben ebenso Dienste zu leisten oder Güter zu vergeben.

System der totalen Leistung Marcel Mauss definiert den Gabentausch als „système des prestations totales“ (System der totalen Leistung). Dieses Prinzip des Systems der totalen Leistung beruht darauf, dass ein Austausch von Gütern und Dienstleistungen nicht im streng ökonomischen Sinne abläuft, sondern freiwillig in Form von Gaben und Geschenken erfolgt. Mauss hebt insbesondere hervor, dass es sich in diesem System nicht nur um das Geben („donner“) und das Annehmen („recevoir“) eines Geschenkes handelt, sondern eben gerade auch die Erwiderung („rendre“) als drittes Element von besonderer Bedeutung ist.

Neuere wirtschaftswissenschaftliche Betrachtung Mit dem Wiederaufleben der wissenschaftlichen Diskussion über den Gabentausch in den 1960er bis 1990er Jahren wurde vereinzelt aus wirtschaftshistorischer und wirtschaftstheoretischer Sicht das System der Schenkökonomie wieder aufgegriffen.

Verhaltensökonomisch betrachtet, beinhaltet der Gabentausch zwei Elemente: erstens den Gewinn und Nutzen für den Gabenempfänger und zweitens die Zufriedenheit und den Nutzen aus der Vergabe für den Gabegebenden. Die Effizienz des Gabentausches ergibt sich aus der Kombination dieser Elemente. Mikroökonomisch betrachtet entspricht der Gabentausch einer perfekten Preisdiskriminierung unter Monopolbedingungen (Abb. 1).Robert H. Frank: Microeconomics and behavior, McGraw-Hill Education, 1. Auflage, 1991, ISBN 0-07-021870-6, S. 393–395.

Die Zufriedenheit ist nicht (monetär) messbar und daher als immaterieller Nutzen zu sehen.

Gabentausch und perfekte Preisdiskriminierung mini|Abb. 1: Perfekte Preisdiskriminierung unter Monopolbedingungen