mini|Klaus-Dietmar Henke (2026) Klaus-Dietmar Henke (* 10. April 1947 in Räckelwitz) ist ein deutscher Historiker. Er hatte bis 2012 den Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Technischen Universität Dresden inne.
Leben Henke wurde in Räckelwitz (Kreis Kamenz) in Sachsen geboren und wuchs in München auf. Nach dem Abitur am Humanistischen Wilhelmsgymnasium in München 1967 und dem Grundwehrdienst studierte er von 1969 bis 1974 an der Ludwig-Maximilians-Universität München die Fächer Neuere und Neueste Geschichte sowie Politikwissenschaft.Die Professoren der TU Dresden 1828–2003, bearb. v. Dorit Petschel, Köln/Weimar/Wien 2003, S. 352. 1977 wurde er in München bei Karl Bosl mit einer Arbeit über die Entnazifizierungs-Politik in Württemberg-Hohenzollern promoviert.
Nach kurzer Tätigkeit an der Hochschule der Bundeswehr München in Neubiberg bei München trat Henke 1979 in das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) ein und arbeitete dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem von dessen Direktor Martin Broszat geleiteten Forschungsprojekt „Gesellschaft und Politik in der amerikanischen Besatzungszone“. In dieser Zeit entstand sein Werk Die amerikanische Besetzung Deutschlands, mit dem sich Henke habilitierte. Die Studie ist der Versuch einer Gesamtgeschichte des Zusammenbruchjahres 1944/1945 und der ersten Begegnung von Siegern – dem „freundlichen Feind“ – und Besiegten. Dabei wird das moralische Versagen der Führung der Wehrmacht ebenso deutlich wie die entfesselte nationalsozialistische Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg gegen die eigene Bevölkerung. Zugleich befasste er sich mit den kontrovers diskutierten Determinanten französischer Besatzungspolitik sowie gemeinsam mit Hans Woller mit den gesellschaftlichen, politischen und psychologischen Bedingungen politischer Säuberung in Deutschland und Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Henke und Woller machten dabei namentlich auf die retardierenden sozialen Gegebenheiten aufmerksam, die einer durchgreifenden Säuberung immer entgegenstehen. 1986 wurde Henke stellvertretender Chefredakteur der von Karl Dietrich Bracher und Hans-Peter Schwarz herausgegebenen Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Nach dem Tod Broszats 1989 war er unter Ägide von Ludolf Herbst kommissarisch stellvertretender Direktor des IfZ.
1992 wechselte Henke zu der in Gründung befindlichen Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) in Berlin und übernahm dort unter Joachim Gauck und seinem Direktor Hansjörg Geiger, den Aufbau und die Leitung der Abteilung Bildung und Forschung. Die Abteilung wurde zu einem Zentrum der Auseinandersetzung mit dem Ministerium für Staatssicherheit als kommunistischer Geheimpolizei mit ihrer Funktionslogik und ihrer Rolle in der DDR.
Von 1997 bis 2012 war Henke Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte in Dresden, bis 2002 zugleich Direktor des dortigen Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT). Beiratsmitglieder wie Saul Friedländer als Vorsitzender, Hans Günter Hockerts als Stellvertreter oder Christoph Kaehler flankierten diesen Neustart. Dem aus dem Institut heraus gezielt unternommenen Versuch, dem Widerstandskämpfer Georg Elser die moralische Berechtigung für sein Handeln abzusprechen, stellte sich Henke entschieden entgegen. Dieser Grundsatzkonflikt führte auf Betreiben des seinerzeitigen Kuratoriumsvorsitzenden und sächsischen Wissenschaftsministers Matthias Rößler (CDU) dazu, dass Henkes Direktorat nach fünf Jahren nicht verlängert wurde. Henke griff dies in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft auf. Inhaltliche Schwerpunkte von Henkes Direktorat waren neben der Geschichte des Nationalsozialismus in Sachsen die DDR-Sozialpolitik und die institutionelle Verankerung der Rehabilitierung von Opfern willkürlicher Sowjetjustiz. Neben solchen überwiegend empirischen Projekten, zu denen auch eine vierbändige Geschichte der Dresdner Bank in der NS-Zeit gehörte, stand der Versuch, die damals florierende tagespolitische Verwertung des Arendtschen Denkens zu beenden und eine eng geführte nivellierende Totalitarismustheorie durch eine „funktionelle Totalitarismustheorie“ zu ersetzen.
In Berlin hat sich Henke, Rezensent politischer Literatur in der FAZ, in Beiräten und Kommissionen an der Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur beteiligt, so als Beiratsvorsitzender und Stiftungsratsmitglied der Stiftung Berliner Mauer ab 2006. In mehreren Veröffentlichungen befasste er sich mit Revolution und Vereinigung 1989/90 sowie der Geschichte der Berliner Mauer und deren weltweiter Fortwirkung im kollektiven Gedächtnis. Zuletzt wandte er sich allerdings gegen die in seinen Augen hypertroph gewordenen staatsinstitutionellen Einrichtungen zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte; eine Position, die er auch als Mitglied der vom Bundestag eingesetzten „Expertenkommission zur Zukunft der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU)“ vertrat.
Henke war Sprecher der „Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968“, die ihre Arbeit 2022 beendet und ihre Ergebnisse in 15 Bänden vorgelegt hat – ein weltweit einmaliges Vorhaben, bei dem ein in voller Funktion stehender geheimer Nachrichtendienst seine Archive zugänglich machte. In diesem Rahmen verfasste er eine zweibändige Monographie zu den innenpolitischen Aktivitäten des Dienstes während der Adenauer-Ära und vertiefte diese Forschungen anschließend in zwei Monographien. Das erste Buch beschreibt die Ausforschung der SPD-Spitze durch den Auslandsnachrichtendienst in den Jahren von 1953 bis 1962. Die zweite Darstellung schildert auf der Basis von erst 2026 freigegebenen Unterlagen des BND dessen Jerusalem-Operation zur Einschleusung eines Informanten in das Büro der Verteidigung im Prozess gegen Adolf Eichmann 1961/62. Dabei stehen die höchstpersönliche wie die staatspolitische Dimension dieser Art „Vergangenheitsabwehr“ von Kanzleramtschef Hans Globke im Mittelpunkt, der im Zentrum der völkisch-antisemitischen Agenda des NS-Staats tätig gewesen war und während der Ära Adenauer unkontrollierten Zugriff auf den BND hatte. Die Analyse von Globkes Verhalten vor und nach 1945 führt überdies zu dem Schluss, dass das allgemeine Verhaltensmuster im nachnationalsozialistischen Westdeutschland mit dem kanonisierten Begriff „Verdrängung“ nicht adäquat benannt ist: Man hat es hier nicht mit einer mehr oder weniger unbewussten Verdrängung der Vergangenheit zu tun, sondern mit deren aktiven Abwehr durch Nichtthematisierung, Verschleierung, Verharmlosung, Umdeutung oder Verleugnung.
Schriften (Auswahl) Monographien Politische Säuberung unter französischer Besatzung. Die Entnazifizierung in Württemberg-Hohenzollern. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1981, ISBN 3-421-01999-1 (Zugl.: München, Univ., Diss., 1977). Die amerikanische Besetzung Deutschlands. Oldenbourg, München 1995, ISBN 3-486-56175-8 (Zugl.: München, Univ., Habil.-Schr., 1990). Die Dresdner Bank 1933–1945. Ökonomische Rationalität, Regimenähe, Mittäterschaft (= Die Dresdner Bank im Dritten Reich. Band 4). Oldenbourg, München 2006, ISBN 3-486-57868-5. Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage der Organisation Gehlen 1946–1953 (= Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968. Band 10). Ch. Links, Berlin 2018, ISBN 3-96289-023-8. Auch als Band 10336 in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin 2018, ISBN 978-3-7425-0336-7. Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage des BND in der Ära Adenauer. (= Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968. Band 14). Ch. Links, Berlin 2022, ISBN 978-3-96289-157-2. Adenauers Watergate. Die Geheimoperation des BND gegen die SPD-Spitze, Aufbau Verlage/Ch. Links, Berlin 2023, ISBN 978-3-96289-199-2. Vergangenheitsabwehr. Adenauers Staatssekretär Hans Globke, der BND und der Eichmann-Prozess, Ch. Links Verlag, Berlin 2026, ISBN 978-3-96289-255-5.
Herausgeberschaften Lehrjahre der CSU. Eine Nachkriegspartei im Spiegel vertraulicher Berichte an die amerikanische Militärregierung (zus. mit Hans Woller), München 1984. Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte – Beiträge von Martin Broszat (zus. mit Hermann Graml). Oldenbourg, München 1986, ISBN 3-486-53881-0. ISBN 3-486-64548-X. Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland (zus. mit Martin Broszat/Hans Woller), Oldenbourg, München 1988, ISBN 3-486-54133-1. Politische Säuberung in Europa. Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg (zus. mit Hans Woller), Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1991, ISBN 3-423-04561-2. Mit dem Pathos der Nüchternheit. Martin Broszat, das Institut für Zeitgeschichte und die Erforschung des Nationalsozialismus (zus. mit Claudio Natoli), Campus-Verlag, Frankfurt/M. 1991, ISBN 3-593-34540-4. Anatomie der Staatssicherheit. Geschichte, Struktur, Methoden. (MfS-Handbuch) (zus. mit Siegfried Suckut, Ehrhart Neubert, Clemens Vollnhals, Walter Süß und Roger Engelmann), Berlin 1995 ff. Wann bricht schon mal ein Staat zusammen? Die Debatte über die Stasi-Akten und die DDR-Geschichte auf dem 39. Historikertag 1992. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1993, ISBN 3-423-02965-X. Aktenlage. Die Bedeutung der Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes für die Zeitgeschichtsforschung (zus. mit Roger Engelmann), Links, Berlin 1995, ISBN 3-86153-098-8. Die Verführungskraft des Totalitären. Saul Friedländer/Hans Maier/Jens Reich/Andrzej Szczypiorski auf dem Hannah-Arendt-Forum 1997 in Dresden, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden 1997, ISBN 3-931648-11-7. 20 Tage im 20. Jahrhundert. Eine Reihe im Deutschen Taschenbuchverlag in 20 Bänden (zus. mit Norbert Frei und Hans Woller), München 1997 ff. Totalitarismus. Sechs Vorträge über Gehalt und Reichweite eines klassischen Konzepts der Diktaturforschung. Dresden 1999, ISBN 3-931648-19-2. Widerstand und Opposition in der DDR (zus. mit Peter Steinbach und Johannes Tuchel), Weimar 1999, ISBN 3-412-15698-1. Auschwitz. Sechs Essays zu Geschehen und Vergegenwärtigung. Dresden 2001, ISBN 3-931648-35-4. Die Dresdner Bank im Dritten Reich. 4 Bde., München 2006. Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte (zus. mit Martin Sabrow u. a.), Göttingen 2007, ISBN 3-525-36299-4. Tödliche Medizin im Nationalsozialismus. Von der Rassenhygiene zum Massenmord, Köln 2008, ISBN 978-3-412-23206-1. Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Band 10: Deutsche Demokratische Republik 1971–1989. Bewegung in der Sozialpolitik, Erstarrung und Niedergang (zus. mit Christoph Boyer/Peter Skyba), Baden-Baden 2008, ISBN 978-3-7890-7331-1. Revolution und Vereinigung. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009, ISBN 978-3-423-24736-8. Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011, ISBN 978-3-423-24877-8. mit Jost Dülffer, Wolfgang Krieger, Rolf-Dieter Müller: Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968 (15 Bände). Ch. Links Verlag, Berlin 2016–2022.
Aufsätze Politik der Widersprüche. Zur Charakteristik der französischen Militärregierung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 30 (1982), S. 500–537; Nachdruck in: Claus Scharf/Hans-Jürgen Schröder (Hrsg.): Die Deutschlandpolitik Frankreichs und die französische Zone 1945–1949, Wiesbaden 1983, S. 49–90. Mußte die Entnazifizierung scheitern? Zu einer Grundfrage der Nachkriegsgeschichte. In: Dieter Galinski/Wolf Schmidt (Hrsg.): Jugendliche erforschen die Nachkriegszeit, Hamburg 1984, S. 15–33.