mini|Nossa Senhora da Nazeré, Statue mini|Nossa Senhora da Nazaré, Ausschnitt
Nossa Senhora da Nazaré (Unsere Liebe Frau von Nazareth)Sinngemäß übersetzt man Nossa Senhora mit der vor allem in Süddeutschland noch bekannten Bezeichnung Marias als Unsere Liebe Frau ist eine auf der iberischen Halbinsel seit dem 13. Jahrhundert weit verbreitete Form der Marienverehrung, die in Portugal bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die bedeutendste Form der Verehrung der Muttergottes Maria war. Diese Stellung hat sie heute noch in Teilen Brasiliens, wo Maria als Nossa Senhora da Nazaré zahlreiche Kirchen gewidmet sind und ihr mit großen Prozessionen gehuldigt wird. Gegenstand der Verehrung ist ein etwa 30 cm hohes hölzernes Abbild einer Jesus stillenden Madonna, das der religiösen Tradition nach in Nazareth nach Jesu Geburt gefertigt worden sei. Es spricht einiges dafür, dass sie zu den ältesten Marienskulpturen der Geschichte gehört. Die kleine Statue wird in der Kirche der Nossa Senhora da Nazaré in der portugiesischen Stadt Nazaré aufbewahrt. Der Sage nach wurde die wundertätige Darstellung der Madonna, die sich mittlerweile in Spanien befand, vom letzten christlichen König von Hispanien, dem Westgoten Roderich, nach dem Sieg der Mauren in der Schlacht von Guadalete von 711, die das Schicksal des christlichen Hispaniens besiegelte, vor den andersgläubigen Arabern und Berbern errettet. In einer Felsenklippe in Sitío de Nossa Senhora da Nazaré (Ort Unserer Lieben Frau von Nazareth), nahe Nazarés, versteckt, soll es die 450-jährige Herrschaft der islamischen Mauren überstanden haben und 1179 bei der Reconquista Portugals von einem Gefährten des ersten portugiesischen Königs Afonso Henriques aufgefunden worden sein. Ihrem Entdecker, Dom Fuas Roupinho, soll sie am 8. September 1182 das Leben gerettet haben, ein Wunder, das den Grund für die daraufhin beginnende Verehrung der Nossa Senhora da Nazeré abgab.
Die Legende bis zu Roderichs Tod mini|Berg São Brás vom Süden
Der Legende nach soll die Statue angesichts der stillenden Maria vom Heiligen Josef geschnitzt und vom Heiligen Lukas bemalt worden sein. Im 4. Jahrhundert entdeckte sie der griechische Mönch Círíaco und übergab sie dem Heiligen Jerónimo, der sie in Africa an den Bischof von Hippo, den Heiligen Augustinus (354–430) weitergegeben haben soll. Augustinus brachte das Abbild nach Spanien in das Kloster Cauliniana, 12 km von Mérida entfernt. Dort blieb die Statue der Jungfrau von Nazaré bis zum 8. Jahrhundert und war wegen ihrer Wundertätigkeit berühmt. 711 drangen die Mauren in Hispanien ein. In der Schlacht am Río Guadalete vom 26. Juli 711 wurde der letzte christliche westgotische König Hispaniens Roderich (Don Rodrigo) von den Mauren geschlagen und findet dort den historischen Berichten nach den Tod. Der Legende nach jedoch entkommt er lebend den Mauren und flieht in das Kloster Cauliniana. Als auch Mérida von den Mauren besetzt wird, entscheidet sich Roderich zusammen mit dem Mönch Romano zur weiteren Flucht. Mönche des Klosters geben ihnen den Schrein mit dem heiligen Abbild der Jungfrau von Nazaré (A Sagrada Imagem de Nossa Senhora da Nazaré) mit, um sie vor den Mauren zu retten. Sie schlagen sich zur Westküste der iberischen Halbinsel durch und kommen 714 in der Gegend vom heutigen Nazaré an. Roderich entscheidet sich, sein Leben als Einsiedler zu Ende zu führen und zieht sich auf den 156 Meter hohen Berg S. Bartolomeu oder auch São Brás genannt zurück, in der Nähe der heutigen Gemeinde Valado dos Frades. Roman bezieht einen Nachbarberg, die vier Kilometer entfernt liegende Anhöhe von Sítio, ein Felsplateau, mit senkrecht in den Atlantik abfallenden Steilhängen, das sich 110 Meter über Nazarés Strand erhebt. Nur über Rauchschwaden geben die beiden einander noch Zeichen. Als Roman sein Ende kommen sieht, versteckt er den Schrein mit dem Abbild Marias in einer Felsspalte am zum Meer hin abfallenden Felshang. Roderich besucht das Bild Marias noch einmal, nachdem er die Rauchzeichen Romans vermisste, und stirbt auf seinem Berg. Nach anderer Schilderung stirbt Roderich als Erster und Roman verlässt Sítio, nachdem er dort den Heiligenschrein versteckt hat, um in den von den Mauren nicht beherrschten Norden zu gehen.
Die Legende von der Wiederentdeckung der Madonna mini|Dom Fuas Rettung, Kirche Nossa Senhora da Nazaré
Erst 1179, Portugal ist gerade aus dem Befreiungskampf gegen die Mauren hervorgegangen, findet ein naher Gefolgsmann von König Afonso Henriques, Dom Fuas Roupinho, Ritter und Kapitän von Porto de Mós, bei einer Jagd die Figur, die er aber in ihrem Versteck belässt. Drei Jahre später, am 8. September 1182, verfolgt D. Fuas, wieder auf der Jagd, zu Pferde im tiefen Nebel auf der Anhöhe von Sítio einen Hirsch, der mit einem weiten Satz von der Felsterrasse abspringt und in die Tiefe der Bucht von Nazaré stürzt. D. Fuas ist gerade dabei, im Nebel die Gefahr nicht erkennend, dem Hirsch hinterherzusetzen, sein Pferd ist schon im Sprung, da erscheint ihm das nur wenige Meter davon entfernt versteckte Abbild Marias und veranlasst ihn, sich vom Pferd herabzustürzen, was ihm das Leben rettet. Das Pferd folgt dem Sprung des Hirsches. Dieses Wunder veranlasst D. Fuas über dem Versteck des Abbildes eine kleine Kapelle erbauen zu lassen, wo heute die Ermida da Memória (Erinnerungskapelle) steht, und schenkt das Gelände von Sítio der Jungfrau Maria. Die Kapelle wird zum Ausgangspunkt der Verehrung des Heiligen Abbildes Unserer Lieben Frau von Nazareth. Seither wurden ihr viele Wunder zugeschrieben. Schon 1628 erscheint ein Buch des Paters Manuel de Brito Alão,Antiguidade da Sagrada Imagem de Nossa Senhora de Nazaré, Lisboa 1628, Neuauflage: Edição de Pedro Penteado, Lissabon 2001, Edições Colibri, ISBN 972-772-206-7 in dem diese Wunder ausführlich beschrieben werden.
Die Verehrung der Nossa Senhora da Nazaré auf der iberischen Halbinsel mini|Alte Kirche mit Erinnerungskapelle, Gemälde um 1600 mini|Kirche Nossa Senhora da Nazaré mini|Sanutário, Palast mit Kirche mini|Hauptaltar mit Bühne
Frühe Zeit Die Verehrung dürfte bereits im 12. Jahrhundert begonnen und mit zur Begründung des Mythos von der christlichen Befreiung Hispaniens von den Mauren beigetragen haben, was auch im Zusammenhang mit der Kreuzzugsidee zur Befreiung des Heiligen Landes steht: Die vor den Mauren vom letzten christlichen König Hispaniens in Sicherheit gebrachte Madonna von Nazareth stand mit deren Vertreibung wieder auf. Historisch gesichert ist für das 14. Jahrhundert eine kleine bereits damals baufällige Kapelle am Fundort als Aufbewahrungsort der Figur. Diese Kapelle ließ König Fernando I. (1345–1383) 1377 durch eine größere Kirche ersetzen, um das Gnadenbild aufzunehmen und auch den Pilgern eine angemessene Stätte zu geben. Hieraus wird hergeleitet, dass diese Verehrung jedenfalls seit dem 13. Jahrhundert historisch belegt sei. Vasco da Gama pilgerte 1497 vor und 1499 nach erfolgreichem Abschluss seiner Reise zur Entdeckung des wirklichen Seewegs nach Indien dorthin. König Sebastião I. (1554–1578) ließ in der Nähe der Kirche das Fort San Miguel Arconjo, heute auch Farol da Nazaré (Leuchtturm von Nazaré) genannt, errichten, das Sítio vor den häufigen Angriffen von Piraten schützen sollte. Nicht geklärt ist, ob schon aus dieser Zeit die teilweise noch erhaltenen Stadtmauern, die Sítio zum Land hin schützen, stammen.
Ab dem 17. Jahrhundert In den in den Jahren 1597 und 1609 erschienenen Ausgaben der Monarquia Lusitána, einem fortlaufenden Werk über die portugiesische Geschichte, schildert der das Amt eines königlichen Hauptchronisten versehende Mönch und Historiker Frei Bernardo de Brito die Geschichte der Verehrung der Senhora da Nazaré ausführlich und bezog sich dabei auf angeblich in der Abtei befindliche Dokumente. Die Dokumente konnten aber niemals verifiziert werden.Pedro Penteado: A Lenda de Nossa Senhora da Nazaré (Uma versão crítica) (portugiesisch) Wegen der großen Autorität, die die Verfasser der Geschichtssammlung zum portugiesischen Königreich als Chronistas de Alcobaças besaßen, entbrannte nun eine wahrhaftige Welle der Verehrung der Nossa Senhora da Nazeré. Die Mönche der etwa 12 km entfernt liegenden Abtei Alcobaça pflegten, große Prozessionen nach Sítio durchzuführen. Die Kirche wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts erweitert und zwischen 1680 und 1691 vollkommen umgebaut. 1709 wurde sie mit aufwändigen Keramikarbeiten ausgestattet. In die Krone des Hochaltars wurde der Heiligenschrein mit der Marienstatue so eingebaut, dass Pilger über eine von hinten zugängliche Tribüne zu ihr gelangen können. Es entstand das Santuário de Nossa Senhora da Nazaré (Heiligtum Unserer Lieben Frau von Nazareth), das unter anderem aus einem 1718 südlich angefügten kleineren Palast für die königliche Familie und dem Palast des Rektors der Confraria de Nossa Senhora da Nazaré bestand. Die Bruderschaft (Confraria) wurde aus angesehenen Mitgliedern der naheliegenden Stadt Pederneira (Vorgängerin von Nazaré) gebildet, die die Wallfahrtsstätte seit ihren Anfängen verwaltet hatte. Die Popularität der Pilgerstätte ließ das Vermögen der Bruderschaft infolge der Donationen der Pilger gewaltig anschwellen, wie ein aus dem Jahr 1608 überkommenes Inventarverzeichnis über Gold, Silber und andere Wertgegenstände belegt.Pedro Penteado, Tesouros do Santuário da Nazaré: estudo de bens de 1608, 1996, Sep. de Museu, IV série, Nr. 5, (1996), S. 43–72 Dieser Reichtum ließ die Krone die Verwaltung des Heiligtums durch A Real Casa Nossa Senhora da Nazaré (Königliche Haus Unserer Lieben Frau von Nazareth) übernehmen. Auch unterstellte die Krone, gestützt auf eine von Frei Bernardo de Brito wiedergegebene Urkunde, Sítio, das an sich zum Herrschaftsgebiet der Abtei von Alcobaça gehörte, der unmittelbaren Herrschaft des Königs. Es entstand mit dem Heiligtum in Sitío die bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts größte und bedeutendste Wallfahrtsstätte Portugals, die diesen Rang erst an Fátima, 30 km landeinwärts liegend, verlor, wo sich ab 1917 einer der größten katholischen Marienwallfahrtsorte der Gegenwart entwickelte.
Weltliche Entwicklung der Wallfahrtsstätte mini|Theater am Santuário
Vom 18. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nahm Sítio und auch Nazaré eine Entwicklung, die diejenige moderner Touristenorte vorwegnahm. Bereits 1712 wurde von der Real Casa die erste Stierkampfarena gebaut, zuletzt 1896 mit 5.000 Plätzen erneuert. 1889 wurde eine eigene Bergbahn von den Ingenieuren Alexandre Gustave Eiffels errichtet, die die 110 Meter hohe Steilwand, die Sítio von Nazaré trennte, überwand. Nazeré selber wurde schon Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten portugiesischen Fremdenverkehrsorte, mit eigenem Bahnanschluss in Valado dos Frades. 1897 wurde in der Mitte des Platzes des Heiligtums ein Musikpavillon errichtet. Noch 1926 eröffnete die nach Abschaffung der Monarchie im Jahr 1910 neu gegründete Bruderschaft, die Confraria de Nossa Senhora da Nazeré, der die Republik wieder die Verwaltung der Pilgerstätten von Sítio übertragen hatte, ein neues Theater für 400 Personen auf der Nordseite des Heiligtums.
Verehrung der Nossa Senhora da Nazaré in Brasilien