mini|Jacques Abbadie Jacques Abbadie, auch James, Jacobus oder Jacob Abbadie (* wohl 1654So Ruth Whelan, Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 1 (2004), S. 2. in Nay (Pyrénées-Atlantiques), Béarn; † 25. September 1727 in Mary-le-Bone bei London) war ein französischer reformierter Theologe und apologetischer Schriftsteller. Nach seiner theologischen Ausbildung verließ er Frankreich, wo sich die Hugenotten aufgrund der Religionspolitik König Ludwigs XIV. zunehmenden Repressionen ausgesetzt sahen, und wirkte von 1680 bis 1689 als Prediger der französischen reformierten Gemeinde in Berlin. Er gewann die Gunst des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und verfasste in dieser Zeit als Hauptwerk seinen Traktat „Über die Wahrheit der christlichen Religion“, der zu den Schriften der christlichen Apologetik zählt. Bald nach dem Tod des Kurfürsten begab sich Abbadie nach England und schrieb dort neben theologischen Werken auch zwei politische Verteidigungsschriften im Interesse des englischen Königs Wilhelm III. Ab 1699 lebte er meist in Irland, wo ihm eine Pfründe zugewiesen worden war.
Leben Herkunft und frühes Leben Das Geburtsjahr von Jacques Abbadie ist unsicher. Jürgen Splett grenzt den Zeitraum, in dem Abbadie geboren wurde, aufgrund widersprüchlicher Angaben in einschlägiger Fachliteratur auf 1654 bis 1658 ein. Die Londoner Zeitung Daily Courant gab in ihrem Nachruf auf Abbadie vom 5. Oktober 1727 an, dass er im Alter von 74 Jahren verstorben sei.Jürgen Splett, Bio-Bibliographien. Brandenburgische Gelehrte der Frühen Neuzeit. Berlin-Cölln 1640–1688, 1997, S. 3. Laut Ruth Whelan ist es sehr wahrscheinlich, dass er mit jener gleichnamigen Person identisch ist, deren am 27. April 1654 erfolgte Taufe bezeugt ist. In diesem Fall wäre er das dritte Kind von Pierre Abbadie und Violente, geb. de Fortaner.Ruth Whelan, Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 1 (2004), S. 2. A. Degert vertrat im Dictionnaire de Biographie française den Standpunkt, dass Abbadies Eltern arm gewesen seien und er nur durch finanzielle Zuwendungen führender Hugenotten seiner Umgebung eine höhere Ausbildung habe erlangen können.A. Degert, Dictionnaire de Biographie française. Bd. 1 (1932), Sp. 45. Jedenfalls wurde Abbadie durch den Besuch der protestantischen Schule seines Geburtsortes Nay, die vom Prediger und theologischen Schriftsteller Jean de la Placette geleitet wurde, auf die Absolvierung eines Universitätsstudiums vorbereitet.
Abbadie studierte ab 1673 Theologie an den damals noch bestehenden reformierten Akademien von Montauban-Puylaurens, Saumur und Sedan. Letzteres Institut, das sich die Genfer Akademie zum Vorbild nahm, brachte auf hohem Niveau ausgebildete Prediger hervor, die sich auch in der Kontroversliteratur gut auskannten. Im Januar 1679 wechselte Abbadie als Kandidat für das Predigeramt an die französisch-reformierte Kirche von Charenton bei Paris und perfektionierte dort seine Redekunst bei den Predigern Jean Claude und Pierre Allix. Besonders beeindruckten ihn aber die Kanzelreden des Jesuiten Louis Bourdaloue. Bald wurde er in der französischen Hauptstadt als begabter Redner bekannt. Im März 1680 promovierte er an der Akademie von Sedan zum Doktor der Theologie. Damals zwang aber die Religionspolitik König Ludwigs XIV. zahlreiche Hugenotten zur Auswanderung. Der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm, gewährte den Emigranten in seinem brandenburgischen Reichsgebiet großzügig Gastfreundschaft. Sein Gesandter in Paris, Louis de Bouveau, Graf d’Espence, suchte in kurfürstlichem Auftrag einen neuen Prediger für die damals noch nicht sehr zahlreiche französische protestantische Gemeinde in Berlin. Er war bereits auf die rhetorischen Fähigkeiten Abbadies aufmerksam geworden und bewog ihn, nach der Erlangung des Doktorgrades dem Ruf nach Berlin zu folgen.
Prediger in Berlin So zog Abbadie im Frühling 1680 – noch vor der Rücknahme des Edikts von Nantes – nach Berlin und hielt dort zur Probe einige Predigten, so erstmals am 2. Mai 1680. Schließlich wurde am 4. September 1680 vom Hofprediger Friedrich Wilhelms, Georg Conrad Bergius, nach dem Ritus der deutschen reformierten Kirche ordiniert. Danach wirkte er erfolgreich als Theologe der reformierten Gemeinde seiner Landsleute in Berlin und erfreute sich großer Beliebtheit. Zunächst diente ihm ein Appartement des Grafen d’Espence als kirchlicher Versammlungsort seiner Gläubigen. Seine Predigten, in denen er erneut seine Rednergabe unter Beweis stellte, hörten sich auch der Kurfürst und dessen Familie öfters an. In Frankreich sahen sich die Hugenotten unterdessen zunehmenden Repressionen ausgesetzt. Dies gab Abbadies Predigten eine zusätzliche politische Note. In der damaligen Zeit sah er sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er in einer seiner Predigten Ludwig XIV. mit einem Pharao und Antiochus verglichen habe; hierdurch sei der Sonnenkönig von ihm beleidigt worden. Er widerlegte aber diese Vorhaltungen durch Übergabe des Textes der beanstandeten Predigt an den Comte de Rébenac, der als Ludwigs Gesandter in Berlin weilte. In der Folge fuhr Abbadie trotz dieses Vorfalls fort, u. a. in von ihm ab 1683 abgehaltenen liturgischen Gottesdiensten auf das Schicksal der in Frankreich bedrängten Hugenotten aufmerksam zu machen.
Abbadie widmete sich auch der Schaffung einer Kirchenordnung für seine Gemeinde und der Sorge für deren geregeltes Alltagsleben. Diese Aufgabe umfasste u. a. die Einrichtung eines Ältestenrats, der in kirchlichen Belangen zu entscheiden hatte, ferner den Religionsunterricht sowie die Fürsorge für mittellose Gemeindemitglieder und Waisenkinder. Die städtischen Lutheraner beobachteten diese Tätigkeit des französischen Predigers misstrauisch, da sie Angst vor einer zu großen Stärkung der Berliner Reformierten hatten. Sie streuten daher, als die Prinzessin Elisabeth Henriette von Hessen-Kassel 1683 starb, das Gerücht, dass die Hugenotten die Schlosskapelle, die ihnen seit 1682 zur Verfügung stand, auch bei den für die Verstorbene abzuhaltenden Trauerzeremonien weiter für sich zu nutzen beabsichtigten. In Wirklichkeit hatte Abbadie bereits selbst um die Bereitstellung eines Ausweichquartiers für seine Gemeinde angesucht.Jürgen Splett: Bio-Bibliographien. Brandenburgische Gelehrte der Frühen Neuzeit. Berlin-Cölln 1640–1688, 1997, S. 3–4.
Während der neun Jahre in seiner Stellung als reformierter Prediger in Berlin verfasste Abbadie u. a. zwei Bände mit Predigten, drei Einzelpredigten sowie eine Lobrede auf Friedrich Wilhelm (1684), durch die er in der Achtung des von ihm gepriesenen Großen Kurfürsten stark stieg. Diese Schrift mehrte aber auch das Ansehen des Kurfürsten in Europa. Ferner schrieb Abbadie damals einen Traktat über die Eucharistie (1685) und als Hauptwerk seinen Traité de la vérité de la religion chrétienne („Abhandlung über die Wahrheit der christlichen Religion“), den er 1684 in Rotterdam drucken ließ. Für letztgenannten Traktat, der zu den apologetischen christlichen Werken gehört, erhielt Abbadie große Anerkennung. Das Werk erlebte viele Auflagen und wurde ins Deutsche, Englische, Niederländische und Italienische übersetzt. Durch die Veröffentlichung dieser Schrift wollte Abbadie seine Zeitgenossen anregen, wieder in größerem Ausmaß christlich zu handeln. Das von ihm gewählte Thema, die Wahrheit der christlichen Religion aufzuzeigen, war zu seiner Zeit sehr aktuell, so dass damals zahlreiche apologetische Werke erschienen. Diese sollten der sichtbarer werdenden Säkularisierung der Gesellschaft entgegenwirken, durch die es zu verstärkter religiöser Indifferenz und zum Auseinanderdriften von tatsächlichen Lebensweisen und christlicher Moral gekommen war. Abbadie bemühte sich in seinem Werk, den Einklang von Vernunft und Offenbarung rational zu begründen, um so den Glauben an Gott wieder in das Zentrum des menschlichen Handelns zu rücken. Selbst sein späterer Widersacher Pierre Bayle lobte den Traktat als vernünftiges und sprachgewandtes Werk.Jürgen Splett: Bio-Bibliographien. Brandenburgische Gelehrte der Frühen Neuzeit. Berlin-Cölln 1640–1688, 1997, S. 4–5. Ebenso war für die Empfehlung von Abbadies Schrift die ihr von der Madame de Sévigné gezollte Anerkennung als „göttlichstes aller Bücher“ bedeutsam. Obwohl das Werk eine leicht antikatholische Polemik enthielt, wurde es auch von vielen Katholiken gelesen, auch am Hof Ludwigs XIV. Jürgen Splett meint indessen, dass Abbadie in seinem Traité de la vérité keinerlei konfessionelle Polemik geübt habe, weswegen diese von einem Calvinisten verfasste Abhandlung dem lutherischen Theologen Philipp Jacob Spener in seinem Traktat Verteidigung des Zeugnisses von der ewigen Gottheit unseres Herrn Jesu Christi … als Beispiel der Einigkeit der Protestanten in der Christologie habe dienen können.Jürgen Splett: Bio-Bibliographien. Brandenburgische Gelehrte der Frühen Neuzeit. Berlin-Cölln 1640–1688, 1997, S. 5.
Als König Ludwig XIV. im Oktober 1685 das Edikt von Nantes widerrief, war Abbadie maßgeblich am Erlass des Edikts von Potsdam beteiligt, in dem der brandenburgische Kurfürst die französischen Protestanten zur Ansiedlung in seinen Territorien einlud. In diesem Sinn beauftragte Friedrich Wilhelm noch im gleichen Jahr Abbadie, zahlreiche der nun in steigender Zahl – meist nach Holland oder England – ins Exil gehenden Hugenotten zum Umzug nach Brandenburg zu überreden. So sollte Abbadie nach Holland reisen, um Handwerker anzuwerben, die in Brandenburg Manufakturen aufbauen sollten. In Erfüllung dieser Mission begab sich Abbadie in den nächsten Jahren wiederholt nach Den Haag. Im Rahmen seiner diesbezüglichen Anstrengungen erreichte er beispielsweise, dass 109 als Handwerker ausgebildete französische Glaubensflüchtlinge im Dezember 1685 ein Schiff in Richtung Brandenburg bestiegen. Die Zahl der sich nun dort aufhaltenden Hugenotten stieg beträchtlich. Vergeblich war indessen Abbadies Versuch, den ebenfalls nach Den Haag geflohenen Prediger Jean Claude zur Übersiedlung in die kurfürstlichen Territorien zu veranlassen. Seinen früheren Lehrer Jean de la Placette vermochte er zwar zur Reise nach Berlin zu bewegen, doch folgte dieser dann einem Ruf der dänischen Königin Charlotte Amalie, als Hofprediger in Kopenhagen zu wirken.Jürgen Splett: Bio-Bibliographien. Brandenburgische Gelehrte der Frühen Neuzeit. Berlin-Cölln 1640–1688, 1997, S. 4.
Abreise nach England aufgrund religiöser Konflikte Als Abbadie, der seine Aufenthalte in Holland auch zum Druck seiner Werke nutzte, im Frühjahr 1686 wieder in Berlin weilte, sah er sich mit einem Konflikt innerhalb der Hugenottengemeinde Brandenburgs konfrontiert, die aufgrund ihrer mittlerweile deutlich größeren Mitgliederzahl nun von vier Predigern betreut wurde. Nachdem das Mittwochs-Konsistorium am 2. Februar 1687 die Verlesung der alten französischen Kirchenordnung (Discipline ecclésiastique) während ihrer Sitzungen beschlossen hatte, wurde am 13. Juni 1688 auch die Wiederherstellung der Kirchenordnung in ihrer alten Form in Brandenburg vereinbart. In diesem Fall hätte es keine Rangordnung unter den Predigern mehr gegeben. Bei zwei Gelegenheiten, im Juni und im November 1688, lehnte es Abbadie entschieden ab, diesen Beschluss zu unterschreiben. Seinen Widerstand begründete er u. a. mit der Feststellung, dass seine Ordinierung nach der deutschen Kirchenordnung erfolgt war.