Die Geschichte der United States Navy umfasst die Entwicklung der US-amerikanischen Seestreitkräfte, United States Navy, vom Unabhängigkeitskrieg in den 1770er Jahren bis zur Gegenwart. Sie lässt sich in zwei Kontinuitäten fassen. Die Old Navy (dt.: „alte Marine“) konstituierte sich in der Gründungsphase der Vereinigten Staaten zu einer kleinen, effizienten Marine aus Segelschiffen, während das Land ab den 1880er-Jahren dazu überging, aus dieser eine schlagkräftige Hochseemarine, die New Navy, zu formen.
Old Navy Unabhängigkeitskrieg mini|Zeichnung der Bonhomme Richard (1765).
Die erste formelle Bewegung für eine Marine kam aus Rhode Island, dessen State Assembly am 26. August 1775 eine Resolution verabschiedete, in der sie ihre Delegierten im Kontinentalkongress anwies, einen Gesetzesvorschlag einzubringen, der „den Bau einer ausreichend starken Flotte auf Kosten des Kongresses zum Schutz dieser Kolonien und ihren Einsatz in einer Weise und an Orten, die unsere Feinde am wirksamsten stören werden“, forderte. Am 5. Oktober 1775 erhielt der Kongress die Nachricht, dass zwei britische Schiffe, beladen mit Waffen und Munition, von England nach Quebec ausgelaufen waren. Da die Kontinentalarmee dringend Nachschub benötigte, beschloss der Kongress, die britischen Schiffe abzufangen und aufzubringen. Am 13. Oktober wurden Silas Deane, John Adams und John Langdon zu Mitgliedern eines Komitees ernannt, das befugt war, zwei schnelle Segelschiffe mit fünfundachtzig Mann auszustatten, um „ostwärts“ zu segeln und diese oder andere Transportschiffe abzufangen. In der Zwischenzeit hatte George Washington, Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee, damit begonnen, Schiffe für die nahende Konfrontation mit den Streitkräften des Vereinigten Königreiches zu beschaffen, indem er sie aus seinem eigenen Vermögen bezahlte. Das erste Schiff der Kontinentalmarine war der Schoner Hannah, der am 5. September 1775 in Dienst gestellt wurde.Maclay: A history of the United States Navy from 1775 to 1893. Appleton, New York 1893, S. 34.Howarth: To shining sea. University of Oklahoma Press, Norman 1999, S. 6.
mini|George Bagby Matthews: John Paul Jones, ca. 1890, Öl auf Leinen
Zur Jahresmitte 1776 befanden sich Einheiten aller Schiffstypen bis zur Größe einer Fregatte für den Dienst in der Kontinentalmarine im Bau. Diese waren jedoch im Hinblick auf ihre Bewaffnung, ihre Manövrierfähigkeit und die Ausbildung ihrer Mannschaften nur unzureichend für eine Konfrontation mit der verfeindeten britischen Marine, der damals dominierenden Seestreitkraft der Welt, gerüstet, sodass bis 1781 alle offiziellen amerikanischen Kriegsschiffe ihre Außergefechtsetzung erlebten. Wesentlich stärker setzte die junge amerikanische Nation ihrem Gegner zur See durch eine massenhafte Ausstellung von Kaperbriefen zu. Auch wenn die Dokumentation dieser Vorgänge nicht vollständig ist, nimmt die Bundesregierung der Vereinigten Staaten heute an, dass die knapp 1.700 Kaperfahrten, die sie zum damaligen Zeitpunkt jeweils einzeln genehmigte, der britischen Flotte einen Schaden von $ 18 Mio. (inflationsbereinigt heute etwa $ 302 Mio.) zufügte.It is estimated that the total damage to British shipping by American privateers was about $18 million by the end of the war, or just over $302 million in today’s dollars. John Frayler: Privateers in the American Revolution. nps.gov; abgerufen am 28. Mai 2008. Dies entfiel auf eine Gesamtflotte von etwa 800 Kaperern, die etwa 600 Schiffe der Briten erbeuteten oder versenkten.Although the documentation is incomplete, about 1,700 Letters of Marque, issued on a per-voyage basis, were granted during the American Revolution. Nearly 800 vessels were commissioned as privateers and are credited with capturing or destroying about 600 British ships. John Frayler: Privateers in the American Revolution. nps.gov; abgerufen am 28. Mai 2008.
Ähnlich wie in den anderen Teilstreitkräften setzte bei der Marine bereits im Unabhängigkeitskrieg die für die amerikanische Militärgeschichte typische Würdigung einzelner Kriegsepisoden und -teilnehmer bis hin zur hagiographischen Heldenverklärung ein. Zur prägenden Figur der Militärseefahrt im Unabhängigkeitskrieg wurde der schottischstämmige Schiffskommandant John Paul Jones, der sich weigerte, das Feuer einzustellen, obwohl sein Schiff, die Bonhomme Richard, brannte und Schlagseite aufwies. Die britische Aufforderung von der Serapis zur Aufgabe seines Schiffes soll er mit den Worten „I have not yet begun to fight!“ (sinngemäß: „Der Kampf hat doch gerade erst angefangen!“) erwidert haben, wobei der Wortlaut in dieser pathetischen Fassung umstritten ist. In: E. Gordon Bowen-Hassell, Dennis M. Conrad, Mark L. Hayes: Sea Raiders of the American Revolution: The Continental Navy in European Waters. Naval Historical Center, Washington DC 2003, S. 47. Drei Stunden später ergaben sich die Briten.„[…] Aboard his flagship, the Bonhomme Richard, Jones led his small squadron in the capture of seven merchantmen off of the Scottish coast. On September 23, 1779, Jones fought one of the bloodiest engagements in naval history. Jones struggled with the 44-gun Royal Navy frigate Serapis, and although his own vessel was burning and sinking, Jones would not accept the British demand for surrender, replying, “I have not yet begun to fight.” More than three hours later, Serapis surrendered and Jones took command.“ In: “I have not yet begun to fight”: The Story of John Paul Jones. FAQ der US Navy, 18. Mai 2001.
Trotz einzelner Momente herausragender Kampfmoral erwies sich der Betrieb der Continental Navy als extrem kostspielig und zu ineffizient im Vergleich mit der Kaperstrategie. Noch während der Kampfhandlungen sah sie sich einem Bedeutungsverlust ausgesetzt, der zu ihrer faktischen Auflösung im Jahre 1785 nach dem Sieg der Vereinigten Staaten führte. Dies lag sowohl an der finanziellen Schwäche der Bundesregierung als auch die zunächst nicht zu legitimierende Existenzberechtigung einer Seestreitmacht.„With the end of the Revolutionary War, followed by the establishment of a new federal government, the infant U.S. Navy went into decline. By war’s end, in 1783, the Navy was down to five ships […] Moreover, there were virtually no roles or missions that a small American navy could realistically be expected to play in the mid-1780s.“. Global Security: The Continental Navy. Zugriff am 28. Mai 2008.„[…] and American independence was officially recognized with the Treaty of Paris of 1783. Congress demobilized the Continental Army, and the Navy was essentially forgotten.“ Naval Station Newport: History - . Zugriff am 28. Mai 2008.
Frühe Kriegseinsätze Aufbau der Bundesmarine Die Entscheidung, die militärische Kapazität der USA auch zur See auf ein Minimum zu reduzieren, war von der Furcht vieler Gründerväter vor willkürlichen und unverhältnismäßigen Einquartierungen und einer für die Freiheit und öffentliche Ordnung schädliche Eigenständigkeit des Militärs geprägt. Vor dem Hintergrund ähnlicher Auseinandersetzungen befürworteten die Föderalisten, die generell die Bundesregierung zu stärken suchten, den Betrieb einer Bundesmarine, während die Antiföderalisten dies zu verhindern suchten. Thomas Jefferson befürwortete eine Bundesmarine bereits im Jahre 1784 in einem Brief an James Madison, um den Außenhandel der Vereinigten Staaten schützen zu können, von dem das Land vollständig abhängig war: „We ought to begin a naval power, if we mean to carry on our commerce. Can we begin it on a more honorable occasion or with a weaker foe?“ (sinngemäße Übersetzung: „Wir sollten anfangen, eine Seestreitmacht zu gründen. Gibt es einen Zeitpunkt, der dafür ehrenhafter wäre als der jetzige, angesichts eines so schwachen Feindes?“)zit. nach: Christopher Hitchens: To The Shores Of Tripoli. TIME Magazine, 5. Juli 2004. Zugriff am 28. Mai 2008.
Drei Entwicklungen im Laufe des nächsten Jahrzehnts verdeutlichten jedoch auch den Kritikern eines stehenden Heeres die Bedeutung einer funktionstüchtigen Marine. Zum einen erholte sich der Außenhandel trotz des fehlenden Schutzes nach dem Revolutionskrieg schnell und dehnte sich bis nach Ostasien aus,„The second development, less specific but more pertinent to the need for a navy, was the recovery of American maritime commerce.“ Global Security: The Federalist Navy 1787–1801. Zugriff am 28. Mai 2008. zum anderen nahm die von Nordafrika und der Karibik ausgehende Piraterie überhand, die die Seefahrt auf dem Atlantik stark beeinträchtigte.„It wasn’t long before the need for a new Navy was realized. America’s small merchant fleet was being molested on the high seas. Pirate attacks upon American commerce in the Mediterranean and Caribbean further accentuated the need for a navy.“ Global Security: The Federalist Navy 1787–1801. Zugriff am 28. Mai 2008. Darüber hinaus setzten sich die Föderalisten soweit gegen ihre Kritiker durch, als dass die 1789 verabschiedete Verfassung eine Besteuerungskompetenz der Bundesebene vorsah.„The Constitution, as any student of United States knows, provided for a much more robust central government, subsuming many of the powers previously retained by the states. Among these was the power to tax, and now the federal government had the means of providing for military forces.“ Global Security: The Federalist Navy 1787–1801. Zugriff am 28. Mai 2008.
mini|Die britische Leopard beschießt die amerikanische Chesapeake, Zeichnung von 1898 Diese Entwicklungen veranlassten den Kongress, sechs Fregatten in Auftrag zu geben, die länger und schwerer bewaffnet sein sollten als herkömmliche Fregatten.„They were to be of a new design -- longer and more heavily armed than traditional frigates. They possessed a combination of firepower and speed.“ Global Security: The Federalist Navy 1787–1801. Zugriff am 28. Mai 2008. Hierbei handelte es sich um die Constitution, United States, President, Constellation, Congress und Chesapeake. Die Constitution befindet sich nach erfolgreichen Bemühungen von Oliver Wendell Holmes sr. um ihren Erhalt bis heute im Dienst der Navy als Segelschulschiff.
Das Wachsen der Marine belastete den zuständigen Kriegsminister James McHenry in seinem Arbeitspensum. Auch das Finanzministerium beklagte den steigenden Arbeitsaufwand, der mit dem Betrieb der an Größe und Bedeutung zunehmenden Marine verbunden war. Aus diesem Grund beschloss der Kongress die von Präsident Adams vorgeschlagene und am 30. April 1798 unterzeichnete Gründung des Marineministeriums. Erster Amtsinhaber wurde Benjamin Stoddert. Zugleich genehmigte der Kongress eine Vergrößerung der Marine, da sich die Vereinigten Staaten zunehmend durch französische Freibeuter bedroht fühlten, die vor der Küste Jagd auf britische Handelsschiffe machten.„In response to the obvious need for an executive department responsible solely for, and staffed with persons competent in, naval affairs, Congress passed a bill establishing the Department of the Navy. President John Adams signed the historic act on 30 April 1798. Benjamin Stoddert, a Maryland merchant who had served as secretary to the Continental Board of War during the American Revolution, became the first secretary of the navy.“ Global Security: The Federalist Navy 1787–1801. Zugriff am 29. Mai 2008.
Quasi-Krieg