Bioökonomie (im europäischen Raum teilweise auch als knowledge-based bio-economy) wird von manchen gesehen als die Transformation von einer marktwirtschaftlichen Erdöl-basierten Wirtschaft hin zu einer Marktwirtschaft, in der fossile Ressourcen durch verschiedene nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden. Auf: bmbf.de, abgerufen am 1. Februar 2016.
„Bioökonomie“ ist somit ein Baustein einer postfossilen Wirtschaft. Gleichzeitig umschreibt der Begriff alle Formen der Verarbeitung nachwachsender Rohstoffe für die Papierherstellung und in der Arzneimittelproduktion oder Lebensmittelverarbeitung.
Mit Bioökonomie sollen Produkte und Prozesse innerhalb einer Volkswirtschaft nachhaltiger erzeugt werden können; in der Politik wird die Entwicklung der Bioökonomie meist mit gesellschaftlichen Zielen verbunden: Sie soll zu nachhaltiger Entwicklung und grünem Wachstum beitragen. Insbesondere wird sie mit der Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele zur Ernährungssicherung, zum Klimaschutz, zu nachhaltigen Konsum- und Produktionsbedingungen sowie zum Erhalt der wichtigsten Naturgüter wie Trinkwasser, fruchtbare Böden, saubere Luft und Biodiversität in Verbindung gebracht.Bioökonomierat 2015: Bioeconomy Policies (Part II): Synopsis of National Strategies around the World.
In Deutschland war „Bioökonomie“ Motto des Wissenschaftsjahres 2020.
Hintergrund mini|Elemente der Bioökonomie
Das Konzept der Bioökonomie wurde ursprünglich vor dem Hintergrund einer stark wachsenden Weltbevölkerung und der damit verbundenen Erwartung entwickelt, dass fossile Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas und Kohle zukünftig knapper werden.BMBF und BMEL , 2014. Der Bioökonomierat konstatiert, dass die Bioökonomie heute nicht mehr vorwiegend von steigenden Preiserwartungen für fossile Rohstoffe getrieben werde; vielmehr habe die Erschließung weiterer Rohstoffvorkommen u. a. dazu beigetragen, dass dieses Argument an Dringlichkeit verloren habe.Bioökonomierat 2104: Positionen und Strategien des Bioökonomierats Allerdings wurde im Zug der Klimaverhandlungen dem strategischen Ziel der Dekarbonisierung große Bedeutung zugeschrieben, insbesondere von den G7-Industriestaaten.Bioökonomierat 2015: Bioeconomy Policies (Part 1): Synopsis and Analysis of Strategies in the G7
Die Europäische Kommission stellt in diesem Zusammenhang fest, dass die Bioökonomie die Produktion erneuerbarer biologischer Ressourcen und deren Umwandlung in Nahrungs- und Futtermittel, biobasierte Produkte und Bioenergie betrifft. Die Bioökonomie umfasse damit zahlreiche Sektoren wie beispielsweise die Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft, die Nahrungsmittelindustrie, die Holz- und Papierindustrie, die Biotechnologie und andere Verfahrenstechnologien, aber auch Teile der Chemie-, Textil und Energieindustrien sowie Dienstleistungen in den Bereichen Handel, Logistik und Umwelttechnologien.Europäische Kommission 2012: Der Prozess der Biologisierung trage zur weiteren Ausbreitung der Bioökonomie bei.
Die Bioökonomie orientiert sich am Kreislaufprinzip der Natur und sieht den Wandel zu einer Kreislaufwirtschaft als wesentliches Leitbild an. Im Sinn von Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit zielt sie auf die stufenweise Verwertung und Mehrfachnutzung von Ressourcen ab.
Bis 2005 wurde die Bezeichnung Bioökonomie vor allem in Bezug auf wirtschaftliche Aktivitäten angewandt, die sich aus neuen Produkten und Verfahren der Biotechnologie ergeben. Dazu zählen beispielsweise biologische Pharmazeutika, wie Antibiotika und Immuntherapien, aber auch technische Biopolymere für Werkstoffe. Mit den rasanten Entwicklungen in den Lebenswissenschaften wurde diese engere Definition der Bioökonomie vielfach auf die Verwendung biologischer Ressourcen und Erkenntnisse ausgeweitet.van Leeuwen, M., van Meijl, H., Smeets, E. and E. Tabea (Ed.)Overview of the Systems Analysis Framework for the EU Bioeconomy., 2013.
Das Verständnis von Bioökonomie wird stark von Politik und Forschung beeinflusst und unterscheidet sich somit in den verschiedenen Ländern hinsichtlich Umfang und Ausrichtung. Während die Definition in einigen Ländern (z. B. USA, Indien, Südafrika oder Südkorea) stark auf die Lebenswissenschaften und die Gesundheitswirtschaft ausgerichtet ist, beziehen sich andere (z. B. Brasilien, Kanada, Finnland oder Neuseeland) mehr auf die traditionelle Bioökonomie, also die Verwendung nachwachsender Rohstoffe in der Industrie. Eine dritte Gruppe von Ländern (darunter z. B. die Niederlande, China, Malaysia, Thailand, Japan oder Russland) versteht die Bioökonomie eher als neue biobasierte Industrie in Verbindung mit High-Tech-Entwicklungen.Bioökonomierat 2015: Bioeconomy Policies (Part II): Synopsis of National Strategies around the World
Deutschland: Bioökonomierat 2009 richteten die deutschen Bundesministerien für Bildung und Forschung (BMBF) sowie Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) einen Bioökonomierat (BÖR) (davor Forschungs- und Technologierat Bioökonomie) als unabhängiges Beratungsgremium für die Deutsche Bundesregierung ein. Der derzeitige Bioökonomierat wurde 2020 berufen und besteht aus 19 Mitgliedern.
Der BÖR versteht die Bioökonomie als „die Erzeugung und Nutzung biologischer Ressourcen (inkl. biologischen Wissens), um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems bereitzustellen“;biooekonomierat.de 30. April 2013: Eckpunktepapier des Bioökonomierates: „Auf dem Weg zur biobasierten Wirtschaft“ er betont damit das Potenzial zur Entwicklung nachhaltigerer Produkte und Prozesse.
Entwicklung Als Wegbereiter der Bioökonomik gilt Nicholas Georgescu-Roegen (1906–1994) mit seinem Hauptwerk The Entropy Law and the Economic Process (1971). Er erkannte, dass Wirtschaftsprozesse insbesondere von der Thermodynamik beherrscht werden. Der gelegentlich sogenannte „Vierte Hauptsatz von Georgescu-Roegen“ betrifft die Entropie der Materie: Die Ungleichgewichts-Thermodynamik lebender Systeme kann mit energetischen Konzepten ohne die Entität Information nicht hinlänglich beschrieben werden. Formalwissenschaftliche Grundlagen kommen von der Kybernetik (Biophysik: Heinz von Foerster), der Chaosforschung (Physikochemie: Ilya Prigogine) und der Synergetik (Nichtlinearität: Hermann Haken).
Das bioökonomische Interesse gilt den „Bedingungen der Möglichkeit“ (ökologischen Constraints) zur Viabilität, dem Rückfluss der Information in die (symbiontischen) Produkte der Evolution als „Kausalität von oben“ (Rupert Riedl, 1925–2005) sowie der „Abwärtskausalität“ als Selektionsbasis (Donald T. Campbell, 1916–1996). Information ist physikalisch der Gegenbegriff zur Entropie. Wegen der existenziellen biophysischen Bedeutung des Entropie-Gesetzes (Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik und „Vierter Hauptsatz“ nach Georgescu-Roegen) ist die Bioökonomie für die Theorie der Warenlehre grundlegend (Eberhard K. Seifert und Richard Kiridus-Göller, 2012).
Bioökonomische Erkenntnisse zur Dynamik lebender Systeme finden in der nachhaltigen Ressourcen-Nutzung vielfältige Anwendungen. Die mathematische Bioökonomie diskutiert effektivere Methoden des Ressourcen-Managements (Colin W. Clark, 1976). Deren Anfänge stehen mit den Theorien und mathematische Modellierungen der Fischereiwissenschaft in der Mitte der 1950er Jahre im Zusammenhang (S. Gordon, A. Scott, M. B. Schäfer).
Für die Nutzung der Biomasse (Rohstoffe pflanzlicher, tierischer und mikrobieller Herkunft) werden im englischen Sprachgebrauch die Bezeichnungen Food, Feed, Fibre and Fuel benutzt. Darüber hinaus betrifft die Bioökonomie sämtliche ökonomischen Strategien, die sich von der Grundlagenforschung biomolekularer Abläufe bis hin zur Systembiologie und Komplexitätsforschung ableiten. Den systemischen Hintergrund der Bioökonomie erhellt die Bionik. Strikt materielle Definitionen von Bioökonomie sind nicht wissenschaftlich, weil ihre Erkenntnisse primär auf biophysikalischen und informationstheoretischen Grundlagen beruhen und ihre Anwendungen sich nicht auf Biochemie und Biotechnologie beschränken. Ziel ist die Maximierung der Lebensfähigkeit sozialer Systeme.
Während die Grundbedeutung von Bioökonomie im Deutschen allmählich – in ihr Gegenteil – verdrängt zu werden droht, ist sie in vergleichsweise romanischen Sprachen noch erhalten (Maurio Bonaiuti 2011): Bioeconomia im italienischen Sprachraum thematisiert die vom ökonomischen Paradigma der Wachstumsgesellschaft ignorierten Randbedingungen der Biosphäre und die notwendige Interdisziplinarität zwischen Ökonomie, Politik und Kultur. Möglichkeiten der Begegnungen zu Wirtschaftsweisen, die sozial, ökologisch, ökonomisch oder politisch schädlich sind, stehen seit Georgescu-Roegen (La Décroissance 1979) in Diskussion.
Im Sinne des Gutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) aus dem Jahr 2011, „Gesellschaftsvertrags für eine Große Transformation“ mit seinem Postulat einer Abkehr von fossilen Brennstoffen als Grundlage der Ökonomie beherrschte der Begriff der Bioökonomie als neues Leitbild der weltweiten Landwirtschaft und Nahrungsmittelerzeugung das jährliche internationale Treffen der Landwirtschaftsminister auf der Internationalen Grünen Woche 2015 in Berlin.Benjamin Dierks, deutschlandfunk.de: Schwerer Sprung vom Labor in die Industrie. Deutschlandfunk, „Hintergrund“, 15. Januar 2015.gffa-berlin.de: Rückblick des Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) 2015 Die Universität Bonn organisierte zum 80. Geburtstag von Christian Patermann 2022 ein Bioökonomie Symposium. Zahlreiche Vorträge der Veranstaltung sind auf Bioeconomy-Journal-Special online verfügbar.Bioeconomy-Journal-Special zu Ehren von Christian Patermann, Bonn 2022
Interdisziplinäre Einordnung Die biologische und soziokulturelle Evolution aus einheitlichen Evolutionsprinzipien heraus zu beschreiben ist das interdisziplinäre Anliegen der Systemischen Evolutionstheorie (Systemic Theory of Evolution). Die Ökologische Ökonomie bemüht sich um eine Integration von Bioökonomie und Sozioökonomie. „Biostrategien“ orientieren sich an der ökonomischen Effizienz biologischer Vorbilder, bioökonomische Organisationstheorien an den Selbstorganisationsprozessen der Evolution. Für das Evolutionäre Management ist das kybernetische Modell lebensfähiger Systeme (Viable System Model) von Stafford Beer (1926–2002) von Bedeutung. Das Biological Computer Laboratory (BCL) hatte in den Jahren 1958–1974 unter der Leitung des Biophysikers Heinz von Foerster das Studium selbstorganisierender Systeme zum Forschungsschwerpunkt. Die Biokybernetik als Weg zur nachhaltigen Entwicklung ist das Vermächtnis von Frederic Vester (1925–2003). Als Pionier in der Anwendung evolutionärer Strategien zur Optimierung betrieblicher Prozesse in der Beschaffung, Produktion und Distribution gilt Paul Ablay (1987), in der Materialwirtschaft entwickelte er Methoden zur Effizienzsteigerung nach evolutionärem Muster. ‚The Blue Economy®’ steht für die physische Optimierung der nachhaltigen Geschäftsgestaltung (Gunter Pauli 2010).
Zur Förderung der Studien und Anwendungen der Bioökonomik wurde im Mai 1990 die 'European Association for Bioeconomic Studies' (E.A.B.S.) mit Subvention der Dragan Foundation in Venedig gegründet. Seit 1999 erscheint ‚Journal of Bioeconomics’ (Organ der International Society for Bioeconomics), gegründet von Janet T. Landa und Michael T. Ghiselin. Herausgeber ist seit Jahresbeginn 2012 Ulrich Witt, Direktor der Abteilung Evolutionsökonomik am Max-Planck-Institut für Ökonomik, Jena.