Konservatismus (selten Konservativismus; von „erhalten“, „bewahren“ oder auch „etwas in seinem Zusammenhang erhalten“) „ist ein Sammelbegriff für geistige und politische Bewegungen, welche die Bewahrung bestehender oder die Wiederherstellung früherer gesellschaftlicher Ordnungen zum Ziel haben“. Dem Konservatismus liegt „der Gedanke einer auf friedliche Evolution hin angelegte politische und geistige Kontinuität und einer Orientierung an bewährter, historisch gewachsener Tradition“ zugrunde.Konservatismus Konrad-Adenauer-Stiftung, abgerufen am 18. Dezember 2019.

Neben dem Liberalismus und dem Sozialismus stellt er eine der drei großen politischen Ideologien bzw. Weltanschauungen dar, die im 18. und 19. Jahrhundert in Europa begrifflich definiert wurden. Im Unterschied zu den beiden anderen stellt der politische Konservatismus allerdings mehr eine Haltung in einer spezifischen historischen Situation als eine geschlossene politische Philosophie dar. In seiner Entstehung als politische Weltanschauung wurde der Konservatismus als Gegenbewegung zur Epoche der Aufklärung und den Ideen der Französischen Revolution sowie des Liberalismus und des Radikalismus beschrieben.Vgl. Martin Greiffenhagen: Das Dilemma des deutschen Konservatismus. Piper, München 1971, S. 40–44.

Im Gegensatz dazu interpretiert Panajotis Kondylis in seiner Konservativismus-Studie den Konservatismus nicht mehr als bloße Gegenbewegung,Panajotis Kondylis: Konservativismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1986, S. 11. sondern versteht sie als Reformulierung der Gedankenwelt der societas civilis.Panajotis Kondylis: Konservativismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1986, S. 16.

Zur Entstehungs- und Begriffsgeschichte Als politische Strömung formierte sich konservatives Gedankengut erstmals beispielhaft in der Frühen Neuzeit, im politischen Kampf der Stände gegen den Machtanspruch des frühmodernen absolutistischen Staates. Er wurde zuerst getragen von den Kräften des Adels und den traditionellen regionalen Führungsschichten. Seine Ideen führte man dabei bereits früh zurück auf die Vorstellung der societas civilis (lat., etwa: „bürgerliche“ oder „Bürgergesellschaft“),Sven-Uwe Schmitz: Konservativismus. VS Verlag, Wiesbaden 2009, S. 22 ff. die man u. a. aus der politischen Theorie des Aristoteles entnahm, und die das Idealbild einer naturgemäßen, „wohlgeordneten“ Gesellschaft beinhaltete, in der jeder die ihm zukommende Stellung und niemand – auch nicht der Monarch – mehr als diese erhalten sollte.

Im 18. Jahrhundert bekämpften frühe konservative Denker den Rationalismus der Aufklärung, der den Glauben an die vernunftbestimmte Autonomie des Menschen und an dessen Fähigkeit zur rein vernunftgemäßen Neuordnung aller Bereiche des Politischen propagierte, was man als widerrechtlichen und widernatürlichen Eingriff des Menschen in die natürliche und göttliche Weltordnung ansah. Auch setzte sich hierin der anti-absolutistische Grundzug des Konservatismus fort, da sich die Herrschaftspraxis des „aufgeklärten Absolutismus“ zunehmend rationalistisch rechtfertigte. In der kritischen Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution und ihren Folgen entstanden schließlich die ersten großen politischen Programmschriften des Konservatismus (insbesondere bei Edmund Burke, Ernst Brandes, Friedrich Gentz, Adam Heinrich Müller und Karl Ludwig von Haller).

Der politische Begriff konservativ entstand erst um 1800 in England und Frankreich (conservative; conservateur) und wurde (nach der 1832 erfolgten Umbenennung der britischen Tory-Party in Conservative Party) seit den frühen 1830er Jahren auch in Deutschland übernommen. Der Konservatismus richtete sich seit der Revolution nicht mehr nur gegen den Absolutismus, sondern vor allem – und in erster Linie – gegen die verschiedenen Ausprägungen revolutionärer politischer Theorie und Praxis, zu welchen man neben dem Liberalismus und dem frühen Konstitutionalismus auch den Gedanken der radikalen Demokratie und (später) den des Sozialismus zählte.

Ideen des Konservatismus Grundgedanken Zum Konservatismus werden grundsätzlich folgende Grundpositionen gerechnet: die Einsicht in die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft die konkrete Anschauung und aus der Geschichte gewonnene Erfahrung im Unterschied zu abstrakter Systematik die Vielfalt des historisch Gewachsenen in der Gesellschaft im Unterschied zur uniformen Freiheit für alle Tradition in der Gestalt der unbewussten Weisheit der Ahnen Autorität mit Rücksicht auf die natürliche Ungleichheit der Menschen im Gegensatz zum egalitären Denken die Einheit von bürgerlicher Freiheit und PrivateigentumGustav E. Kafka: Artikel „Konservatismus“ in: Staatslexikon. 6., erw. Auflage. Bd. 4, Freiburg im Breisgau 1959, Sp. 1239.

Der Konservatismus als geistig-politische Strömung in Europa ist in seinem Kern eine politische Ordnungslehre, die ihre Wurzeln in mittelalterlichen und christlichen Ideen hat. Der Konservatismus ging historisch davon aus, dass es eine der menschlichen Vernunft vorgegebene Ordnung natürlichen oder göttlichen Ursprungs gibt, deren Grundzüge sich vor allem in der Idee eines ewigen, transzendent verbürgten und unantastbaren Rechts ausdrücken (Naturrecht/göttliches Recht). Dem Prinzip der radikalen Neuerung („Avantgarde“) wurde der Gedanke einer politischen und geistigen Kontinuität und einer Orientierung an bewährter, historisch gewachsener Tradition gegenübergestellt. Der Konservatismus kennt jedoch keine Gesellschaftstheorie, er bezeichnet eher eine Lebenshaltung als theoretische Modelle.

Die Selbstbezeichnung „konservativ“ orientierte sich ursprünglich an den römischen Begriffen conservator rei publicae und conservator populi (dt.: Erhalter des Staates, Erhalter des Volkes), was als Abwendung einer gefährlichen, zerstörerischen Situation oder Tendenz verstanden wurde. Anhänger der konservativen Idee haben nicht unbedingt einen grundsätzlichen Gegensatz zum Fortschritt behauptet, wie etwa die Selbstbezeichnung der führenden konservativen Tageszeitung Wiens um 1880, „Vaterland“ (mit dem Chefredakteur Karl von Vogelsang), belegt, welche sich im Untertitel „konservativ-fortschrittlich“ nannte. Abgelehnt wurde die Mehrheit der von den revolutionären Kräften geforderten Veränderungen; Reformen sollten auch nicht gewaltsam, sondern kontinuierlich erfolgen. Den Konservativen ging es um die Erhaltung und den Ausbau des ihrer Überzeugung nach Erhaltenswerten (einschließlich der moralischen Werte) und zu diesem Zweck wurden häufig auch eigene Ideen zur Gesellschaftsgestaltung und Sozialreform propagiert.

Die emotionalen Aspekte des Konservatismus betonte der Brite Roger Scruton. Danach habe „wahrer Konservatismus“ nichts mit Ideologie oder Weltverbesserungskonzepten zu tun, sondern sei vielmehr eine Frage der Mentalität – und zwar der „Liebe zu vergehenden Dingen“, was im Übrigen der Quintessenz von Liebe entspreche: «Love is the relation between dying things.»Roger Scruton: Conservatism: An Invitation to the Great Tradition (2018); Von der Idee, konservativ zu sein – Eine Anleitung für Gegenwart und Zukunft (2019) Selbst wenn man damit welthistorisch zwangsläufig auf der VerliererseiteDie Bücher des reaktionär-konservativen Philosophen Nicolás Gómez Dávila tragen bezeichnenderweise Titel wie Auf verlorenem Posten, Einsamkeiten, Aufzeichnungen des Besiegten. stehe, tue man es doch mit humaner Würde. Für vergangene Epochen sind solche emotionalen Bindungen erfassbar durch die Mentalitätsgeschichte, doch auch die Weltliteratur liefert anschauliche Beispiele: So vertritt etwa der Held in Theodor Fontanes Roman Der Stechlin einen altpreußischen Konservatismus, freilich milde-resignierend, gegen die Neuerungen im Bismarck’schen Deutschen Kaiserreich, ähnlich wie eine Generation zuvor Marwitz die Stein-Hardenberg-Reformen bekämpft hatte. Solche von Konservativen selbst betriebenen Reformen sind nach Hans-Joachim Schoeps Ausdruck eines „aktionistischen“ Moments einer konservativen Einstellung, die nicht Bewahrung an sich zum Ziel habe, sondern der Wiederherstellung bzw. Erneuerung erhaltenswerter Zustände und Institutionen diene: „Konservative Gesinnung ist etwas Höheres und Tieferes als der kleinmütige Wunsch, das, was man hat, möglichst langsam zu verlieren.“Hans-Joachim Schoeps: Konservative Erneuerung. Stuttgart 1958, S. 51. Als beispielhaft für diese Erscheinungsform kann Otto von Bismarck gesehen werden, dessen innen-, außen- und sozialpolitische Reformen nach der Deutschen Reichsgründung von einer konservativen Grundhaltung getragen wurden, aber zugleich einen neuen Wirtschaftsraum schufen, durch Sozialreformen der Sozialdemokratie einigen Wind aus den Segeln nahmen und gleichzeitig den machtpolitischen Aufstieg des zuvor zersplitterten Deutschlands bewirkten. Auf den Punkt gebracht werden solche Bestrebungen durch das berühmte Zitat aus Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman Der Leopard (1958). Als Fürst Fabrizio den Untergang des Königreichs beider Sizilien durch die Einigung Italiens unter bürgerlichen Vorzeichen bedauert, wird er von seinem Neffen Tancredi belehrt: „Wenn wir wollen, daß alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.“Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Leopard. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, Piper Verlag, München 2019, S. 36.

Edmund Burke und seine Nachfolger mini|hochkant|Edmund Burke (1729–1797)

Gegen die Forderung der Französischen Revolution nach Gleichheit (egalité) betont der Konservatismus vor allem die hierarchischen und freiheitlichen Elemente einer harmonischen, gottgegebenen Ordnung (Edmund Burke). Diese „natürliche“ Gesellschaftsordnung sieht Burke als organisches Ganzes. Gegenüber diesem Ganzen müssen individualistisch-egoistische Ansprüche zurücktreten. Die Gemeinschaft wird gegen eine atomisierte und rechtlose Gesellschaft in Stellung gebracht. Die Gemeinschaft ist geprägt von Tradition, Brauchtum, Gewohnheit und Bindung. An die Stelle der Vertragstheorie des modernen Naturrechts tritt die Vorstellung eines generationenübergreifenden Kontinuums. Gegenüber allen vergangenen Generationen ist die gegenwärtige Generation immer in der Position der Minderheit. Wie sollte also die gegenwärtige Generation die Reform wagen und damit alle vergangenen Generationen überstimmen?

mini|hochkant|Karl Ludwig von Haller (1768–1854) Eine weitere Wurzel des deutschen Konservatismus ist das politische Denken des deutschschweizerischen Staatsrechtlers und Restaurators Carl Ludwig von Haller (1768–1854). Dieser vertrat in seinem zu großer zeitgenössischer Bekanntheit gelangtem, mehrbändigen Hauptwerk, der Restauration der Staatswissenschaft (1816 ff.) eine bisweilen extreme Position starker, eigenständiger Fürstenmacht, die als direkter Gegenentwurf zum politischen Denken der Aufklärung und der Revolutionäre von 1789 angelegt ist. Ausgehend von der Behauptung, dass das revolutionäre Gedankengut schlichtweg auf Verdrehung und Verdunkelung der politischen und rechtlichen Wirklichkeit beruhe und die Fürsten in Wahrheit durch ihr ursprüngliches Eigentum am Staat auch das ungeteilte Recht auf die oberste Staatsgewalt besäßen, entwickelt er eine Theorie des Patrimonialstaates, in dem alle sozialen und politischen Beziehungen zwischen den Menschen rein privatrechtlicher und nicht öffentlich-rechtlicher Natur sind. Auch wenn sein Konzept, auch auf Grund seiner Radikalität, breit kritisiert und selbst innerhalb der späteren konservativen Theoriebildung kaum rezipiert worden ist, hatte die Lektüre der Restauration dennoch einen nachweisbaren Mobilisierungseffekt auf einige konservative Politiker der kommenden Jahrzehnte: So lässt sich eine mittelbare Wirkung seiner politischen Positionen im Altkonservatismus wiederfinden (so etwa bei Ernst Ludwig von Gerlach).

mini|hochkant|Friedrich Carl von Savigny (1779–1861)