mini|Bernhard Stempfle (um 1928).
Pater Bernhard Rudolf Stempfle OSH (* 17. April 1882 in MünchenOtto Gritscheder: „Der Führer hat Sie zum Tode verurteilt…“ Hitlers „Röhm-Putsch“-Morde vor Gericht. Verlag C.H. Beck, München 1993, ISBN 3-406-37651-7, S. 145. Geburtsjahr auch bei Günther Gerstenberg: Freiheit! Sozialdemokratischer Selbstschutz im München der Zwanziger, 1997, S. 291. Alternativ gibt Hans-Günter Richardi: Schule der Gewalt. Die Anfänge des Konzentrationslagers Dachau 1933-1934, 1983, S. 331 den 17. April 1888 als Geburtsdatum an. Das Geburtsjahr 1882 wird jedoch auch durch eine NSDAP-Karteikarte zu Stempfle aus dem Jahr 1934 gestützt, die sich in der NSDAP-Parteikorrespondenz im Bundesarchiv Lichterfelde findet. In Hinblick auf den Geburtsort stimmen Richardi und Gerstenberg überein, bei Gritscheder keine Angabe.; † 1. Juli 1934 im KZ Dachau bei München) (Pseudonyme: Redivivus; Spectator Germaniae)Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922-1945, S. 134. war ein deutscher Ordensmann, Theologe und Publizist. Er wurde vor allem bekannt als Herausgeber der antisemitischen Zeitung Miesbacher Anzeiger. In der Forschung wird zum Teil angenommen, dass er ein wichtiger Mitarbeiter an Adolf Hitlers Buch Mein Kampf war. Stempfle war einer der Getöteten des sogenannten Röhm-Putsches.
Biografie Leben und Wirken Stempfle trat als junger Mann in den katholischen Orden der Hieronymiten ein.Gritscheder: Führer. S. 145. Siehe auch Der Furcht so fern, dem Tod so nah’. Die ihm in der Literatur häufig zugeschriebene Mitgliedschaft im Jesuiten-OrdenSo etwa bei Edmond Paris: Historie Secrete des Jesuites, 1970, S. 231, Edouard Calic: Reinhard Heydrich. Schlüsselfigur des dritten Reiches, 1982, S. 155, Heinrich Hoffmann: Hitler, wie ich ihn sah, S. 70 books.google („ehemaliger Jesuitenpater“), oder in David Clay Large: Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung, Verlag C.H. Beck, PT330 books.google („der ehemalige Jesuitenpater“); Originalausgabe: Where Ghosts Walked. Munich's Road to the Third Reich, 1997, S. 153. ist demgegenüber, wie Lapomarda gezeigt hat, ein Irrtum der betreffenden Autoren,Vincent A. Lapomarda: The Jesuits and the Third Reich, 1989, S. 36. der auch schon Zeitgenossen Stempfles häufig unterlief und über den Stempfle sich, Othmar Plöckinger zufolge, „gerne lustig machte“.Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922-1945, S. 134. Wegen Mitgliedermangels wurde der Hieronymiten-Orden später aufgelöst. Stempfle selbst trug etwa ab 1923 keine Ordenstracht mehr und übte keine priesterlichen Funktionen mehr aus, wurde aber von Vertrauten und Bekannten weiterhin als „Pater Stempfle“ bezeichnet. Auch in der Literatur figuriert Stempfle aus diesem Grund häufig noch als Pater, wenn von den Jahren 1923 bis 1934 die Rede ist, für die dieser Titel streng genommen nicht mehr zutrifft. Helmut Heiber bezeichnet ihn sogar – als einziger Autor und wahrscheinlich fälschlich – als Prälaten.Helmut Heiber: Adolf Hitler. Eine Biographie, 1960, S. 47.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Behauptung Bronders, Stempfle sei zeitweise der „Beichtvater des gottgläubigen Hitler“ gewesen,Dietrich Bronder: Bevor Hitler kam. Eine Historische Studie, 1964, S. 240; 2., erweiterte Auflage 1975, S. 272 archive.org. wenig plausibel. Bronders Einschätzung, Stempfle sei ein Intimus Hitlers gewesen, ist demgegenüber deutlich wahrscheinlicher. Die Angabe Zamoiskys, dass Hitler Stempfle bereits 1919 kennengelernt habe und von diesem in die Freimaurerei eingeführt worden sei, gilt als unwahrscheinlich.Lolly Zamoisky: Behind the Facade of the Masonic Temple, Moskau 1989, S. 128.
Stempfle studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er als Dr. phil. promovierte.
Bereits während des Ersten Weltkrieges gehörte Stempfle der extrem nationalistischen, aus Einwohnerwehren hervorgegangenen Organisation Kanzler (Orka) an. Für diese ging er Ende 1918 nach Österreich, um nach dem Zerfall der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn für die Idee eines Anschlusses Deutschösterreichs an das Deutsche Reich zu werben. Das Verbot eines solchen Anschlusses im Friedensvertrag von St. Germain im Sommer 1919 machte diese Idee vorerst gegenstandslos, weshalb Stempfle in seine bayerische Heimat zurückkehrte. Vom 1. Februar 1920 bis zum 30. Juni 1921 war er noch Pressereferent der Orka. Zudem war Stempfle in den frühen 1920er Jahren in verschiedene Fememorde verwickelt, insbesondere mit der Ermordung Wilhelm Hörnleins wurde er später in Verbindung gebracht.Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922-1945, S. 134.
In den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg lehrte Stempfle Theologie an der Münchener Universität, an der er sich bereits früh seinen Kollegen und Studenten gegenüber für Teile des nationalsozialistischen Gedankenguts starkmachte.Elisabeth Kraus: Die Universität München im Dritten Reich. Aufsätze. 2006, S. 17. Während er dem Nationalsozialismus auf antisemitischer und nationalistischer Ebene sehr nahestand, lehnte Stempfle Hitlers Haltung gegenüber Italien und der Südtirolfrage entschieden ab. Außerdem störte ihn das taktische Lavieren des NS-Führers in der Frage der Staatsform, in der Stempfle ein klares Bekenntnis zur Monarchie forderte.
Nachdem er bereits seit 1919 unter den Pseudonymen Redivivus und Spectator Germaniae Artikel in Zeitungen wie dem Völkischen Beobachter und der Oberbayerischen Landeszeitung veröffentlicht hatte, fungierte Stempfle von August 1922 bis Ende 1925 als Herausgeber und politischer Redakteur des als „fanatisch antisemitisch“Werner Maser: Frühgeschichte der NSDAP. Hitlers Weg bis 1924, 1965, S. 320. Siehe auch: Karl Dietrich Bracher: Die Deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, 1979, S. 139. und „extrem weißblau“ (d. h. bayerisch-regionalstolz) beziehungsweise antipreußischPaul Hoser: Die Politische, Wirtschaftlichen und Sozialen Hintergründe der Münchener..., 1990, S. 474. geltenden Miesbacher Anzeigers. Die redaktionelle Leitung wurde dagegen von Klaus Eck besorgt. Der Miesbacher Anzeiger war unter Stempfles Regie ein „an Geschmacklosigkeit nicht zu überbietendes“ Hetzblatt (Werner Maser)Werner Maser: Die Frühgeschichte der NSDAP Hitlers Weg bis 1924, 1965, S. 320. und wirkte bereits seit 1921 publizistisch eng mit dem Völkischen Beobachter zusammen, dessen Standpunkte er in vielen Fragen einnahm. Farrell zufolge gehörte Stempfle in der Nachkriegszeit außerdem der Thule-Gesellschaft an.Joseph P. Farrell: The SS Brotherhood of the Bell. The Nazis Incredible Secret Technology, 2006, 108.
Als Publizist und Dozent besaß Stempfle im München der frühen 1920er Jahre einen weitläufigen Bekanntenkreis. Insbesondere knüpfte er immer neue Kontakte zu Vertretern der extremen Rechten. So erwähnt Anton Lehár in seinen Memoiren, dass Stempfle bereits damals Ernst Röhm gekannt habe.Anton Lehár: Erinnerungen. Gegenrevolution und Restaurationsversuche in Ungarn 1918-1921, 1973, S. 236. Lehár erwähnt an besagter Stelle, dass Stempfle ihn, Lehár, mit Röhm bekannt gemacht habe. Stempfle fungierte zudem als Verbindungsmann zwischen der Münchner Polizeidirektion sowie dem Bund Oberland und besorgte an Fememorden Beteiligten Pässe.Gritschneder: Führer, S. 145. Während dieser Zeit lernte Stempfle – wahrscheinlich auf Vermittlung des Fotografen Heinrich Hoffmann – auch den jungen Adolf Hitler kennen. Obwohl Hitler ihm – Hoffmanns Lebenserinnerungen zufolge – anfangs misstraute und ihn verdächtigte, ein „katholischer Spion“ zu sein, nahm er Stempfle in seinen „Hofstaat“ auf: Nach den Erinnerungen von Hitlers Auslandspressechef Ernst Hanfstaengl wurde Stempfle zu dieser Zeit ein ständiger Gast in Hitlers Stammtischrunde im Cafe Heck in der Münchner Galeriestraße. Schließlich habe Stempfle für Hitler die Funktion eines Verbindungsmanns zum Vatikan und zum ehemaligen bayerischen Herrscherhaus Wittelsbach übernommen.Ernst Hanfstaengl/John Toland: Hitler. The Missing Years, 1994, S. 132. David Irving: The War Path. Hitler’s Germany, 1933-1939, 1978, S. 39 bestätigt, dass Stempfle in diesen frühen Jahren beinahe täglich mit Hitler verkehrt habe.
1925 war Stempfle angeblich als Lektor an der Durchsicht der Druckfahnen des ersten Bandes von Hitlers Buch Mein Kampf beteiligt. Gemeinsam mit Elsa Bruckmann soll er die Kontroll- und Korrekturlektüre der Hitlerschen Manuskripte besorgt und das Buch redigiert haben, bevor dieses von Max Amann veröffentlicht wurde.
Um sich der Aussage vor dem Fememord-Untersuchungsausschuss des Reichstages zu entziehen, floh Stempfle im Oktober 1926 nach Salzburg, von wo aus er den Reichstag durch den Verweis auf den vorzüglichen Heurigen, den er dort genieße, verhöhnte. Der genaue Zeitpunkt seiner Rückkehr nach Deutschland ist nicht mehr feststellbar. Allerdings erkrankte Stempfles Mutter Ende 1926 schwer, deren Pflege er übernahm.Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922-1945, S. 138.
1929 übernahm Stempfle die Führung des Parteiarchivs der NSDAP in München und wurde Kurator eines privaten Museums der NSDAP mit Parteireliquien.Konrad Heiden: Der Fuehrer. Hitler’s Rise to Power, 1944, S. 305.
Stempfle und „Mein Kampf“ Die Rolle, die Stempfle bei der Entstehung von Hitlers politischer Bekenntnisschrift Mein Kampf spielte, ist in der historischen Forschung umstritten und bis heute nicht endgültig geklärt. Konrad Heiden, der 1936 die erste wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Hitler-Biografie vorlegte, gab in seinem Werk an, Stempfle habe gemeinsam mit Elsa Bruckmann, der Gattin eines Hitlerfreundes, die Korrekturfahnen für Hitlers Buch gelesen. Dabei habe er einige Änderungen am Urtext vorgenommen und sogar einige Passagen ganz umgeschrieben.Konrad Heiden: Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit. Eine Biographie, 1936, S. 455. Heidens Aussage wird durch eine Aussage von Hitlers Adjutanten Julius Schaub gestützt, der 1961 erklärte, er habe gesehen, wie Stempfle die Fahnen zu „Mein Kampf“ in der Hand gehalten habe.IfZ-Archiv, München ZS 137.
Der abtrünnige Nationalsozialist Otto Strasser berichtete 1942 in seinem im amerikanischen Exil veröffentlichten Buch Hitler und ich, dass Stempfle monatelang daran gearbeitet habe, die im Manuskript zu Mein Kampf zum Ausdruck gebrachten Gedanken zu ordnen. Nebenbei setzte er so die Legende in die Welt, Hitler habe Stempfle wegen seiner Korrekturen an dem Buch ermorden lassen. Diesen Hinweis nahm später der englische Hitler-Biograf Alan Bullock auf. In seiner Betrachtung der Vita Hitlers gab er an, Stempfle habe Hitlers Manuskript „stilistisch gesäubert“ (pruned) und in Teilen neu geschrieben.Alan Bullock: Hitler. A Study in Tyranny, 1960, S. 120. Othmar Plöckinger weist in seiner breit angelegten Untersuchung der Geschichte von Mein Kampf nach, dass im Laufe der Jahre zahlreiche Autoren Bullocks Behauptung aufgriffen und so dessen Auffassung über Stempfles Rolle bei der Entstehung von Mein Kampf weiter verbreiteten.Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers „Mein Kampf“ 1922-1945, München 2006.
Harry Schulze-Wilde ging so weit, Stempfle das Verdienst zuzuordnen, dass er Mein Kampf in ein „einigermaßen verständliches Deutsch“ umgeschrieben habe.Harry Schulze-Wilde: Die Reichskanzlei 1933-1945. Anfang und Ende des dritten Reiches, 1966, S. 176. Bei Riemeck findet sich die Behauptung, Stempfle habe sich, zusammen mit Josef Czerny, bemüht, etwas Ordnung in die Gedanken in Hitlers Buch zu bringen, indem er den von Hitler wild zusammengeworfenen Eingebungen Struktur gegeben sowie Grammatik und Orthographie des Manuskripts korrigiert habe.Renate Riemeck: Mitteleuropa. Bilanz eines Jahrhunderts, 1981, S. 112.