Der Aufstand der Fischer (, Wosstanije rybakow) ist ein Spiel- und früher Tonfilm nach der Novelle Aufstand der Fischer von St. Barbara von Anna Seghers, der zwischen 1931 und 1934 im Auftrag der deutsch-russischen Meschrabpom-Film Aktiengesellschaft in der Sowjetunion entstand. Ursprünglich sollten eine gegen die erstarkende NS-Bewegung gerichtete deutsche und eine russische Fassung produziert werden. Aufgrund erheblicher organisatorischer Defizite und Differenzen zwischen Filmgesellschaft und Regisseur konnte nur die russische Fassung vollendet werden. Es handelt sich um das Spielfilmdebüt des deutschen Regisseurs Erwin Piscator.
Der Film behandelt einen Streik unter den Arbeitern der Reederei Bredel. Der Streik wird durch einen Unfall bei der Fischverarbeitung ausgelöst, für den die Arbeiter das überhöhte Arbeitstempo auf der Fangflotte der Reederei verantwortlich machen. Nach dem Tod eines Streikführers eskaliert der Streik und schlägt von den Hochseefischern auf die unabhängigen Küstenfischer der Region über. Die Drehorte befanden sich in der Ukraine, auf der russischen Halbinsel Kola sowie in Moskau.
Der Aufstand der Fischer ähnelt in seinen Schnitteffekten, langen Kamerafahrten und der Lichtregie stilistisch den Arbeiten der sowjetischen Filmregisseure Sergei Eisenstein und Wsewolod Pudowkin aus der damaligen Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm. Aufgrund der Technik der bewegten Kamera und seiner eigenständigen Tonregie steht der Spielfilm jedoch zugleich im Kontrast zur russischen Filmtradition.Erwin Piscator: [Aus dem Vorwort zur französischen Ausgabe des Politischen Theaters], in: Erwin Piscator: Theater, Film, Politik. Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Ludwig Hoffmann. Henschel, Berlin 1980, S. 386–399, hier S. 392
Der Aufstand der Fischer hatte im Oktober 1934 Premiere in der Sowjetunion. Eine Exportfassung mit Untertiteln wurde im folgenden Jahr im europäischen Ausland vertrieben. Der Film wurde während der 6. Westdeutschen Kurzfilmtage im März 1960 erstmals in Westdeutschland vorgestellt. Er wurde seitdem in Filmklubs, Programmkinos und auf Filmfestivals wie der Berlinale 2012 präsentiert, doch bremste die „prekäre Kopienlage eine größere Rezeption“.Günter Agde: Im Widerstreit der Bilder. Utopien und Topoi, in: Günter Agde, Alexander Schwarz (Hrsg.): Die rote Traumfabrik: Meschrabpom-Film und Prometheus (1921–1936). Bertz + Fischer, Berlin 2012, S. 77–89, hier S. 89
Handlung Der Aufstand der Fischer behandelt einen Streik unter den verarmten Hochseefischern bzw. Matrosen des Küstenorts Port Sebastian (auch: San Sebastian), der durch verschlechterte Arbeitsbedingungen auf den Schiffen des Reeders Bredel ausgelöst wird.Die Darstellung der Handlung orientiert sich an rekonstruierten Filmkopien, die auf der untertitelten Exportfassung von 1935 basieren. Kopien der Exportfassung existieren sowohl im Staatlichen Spielfilmarchiv Gosfilmofond in Belyje Stolby bei Moskau als auch in diversen westeuropäischen Filmarchiven. Ob die Originalfassung des Spielfilms von 1934 erhalten ist, ist nicht bekannt. Die Fischer auf einem von Bredels Schiffen holen den Fang ein. Ein Hai ist als Beifang an Bord gelangt und versucht noch im Sterben, einen kleinen Fisch zu fressen. Die Matrosen, die die Fische ausnehmen, werden wiederholt aufgefordert, rascher zu arbeiten. Das Arbeitstempo auf den Schiffen von Bredels Fangflotte hat deutlich zugenommen, da der Reeder statt vier nur noch drei Mann pro Arbeitsschicht einsetzt. Als sich ein Arbeiter mit einem Haumesser den Daumen abschlägt, legen die Fischer aus Protest spontan die Arbeit nieder.
Angesichts des Unfalls fordern die Hochseefischer den Kapitän auf, die Arbeitsintensivierung zurückzunehmen. Es sollen wieder vier Mann pro Arbeitsschicht beschäftigt werden. Als der Kapitän diese Forderung zurückweist, beschließen die Hochseefischer zu streiken. Die Fangflotte muss zum Hafen des Hauptorts Port Sebastian zurückkehren.Einen Ausschnitt aus der deutschen Fassung des Drehbuchs, der die Filmhandlung bis zum Streikbeschluss umfasst, enthält: Erwin Piscator. Eine Arbeitsbiographie in 2 Bänden. Band 2, Moskau – Paris – New York – Berlin 1931–1966. Hrsg. von Knut Boeser und Renata Vatková. Edition Hentrich, Berlin 1986, S. 9–12. Im Reederei-Kontor von Port Sebastian wird den Matrosen der Lohn vorenthalten. Der Garnisonskommandeur und der Reeder Bredel werden Zeuge des geordneten Abgangs der streikenden Matrosen. Der Kommandeur lässt Soldaten aufmarschieren.
Streikführer Hull fordert einen gemeinsamen Streik der Hochseefischer aus Port Sebastian mit den Küstenfischern der Umgebung, deren ökonomische Situation etwas besser ist als die der Hochseefischer. Ein gemeinsamer Arbeitskampf kommt jedoch nicht zustande, da der Reeder Bredel den Kleinfischern der Umgebung hundert Prozent mehr Lohn für ihren Fang in Aussicht stellt. Die Kleinfischer laufen daraufhin für Bredel aus, verlieren jedoch auf stürmischer See die Hälfte ihres Fangs. Die Hochseefischer hingegen setzen sich mit ihren Forderungen gegenüber der Reederei durch und nehmen zunächst die Arbeit wieder auf. Bredel bricht sein Versprechen, den Küstenfischern einen Lohnzuschlag zu zahlen. Als die Küstenfischer erkennen müssen, dass Bredel sich nicht an seine Zusage gebunden fühlt, kommen sie doch noch mit den Hochseefischern aus Port Sebastian zusammen. In Desaks Wirtshaus in dem kleinen Küstenort St. Barbara beraten die Hochsee- und die Küstenfischer über einen gemeinsamen Arbeitskampf. Die Versammlung wird jedoch durch einen Akt von Brandstiftung gesprengt.
Eine Gruppe um den gemäßigten Fischer Kerdhuys entscheidet sich gegen das Streiken und will am Tag nach der missglückten Versammlung in St. Barbara für Bredel zum Fischfang auslaufen. Am Morgen lauern der Individualist Martin Kedennek aus St. Barbara und seine Leute, die die Reederei bestreiken wollen, Kerdhuys und seinen Mitstreitern auf. Kedennek versucht mit einem Messer, Kerdhuys vom Streikbruch abzuhalten. Als Kedennek auf Kerdhuys losgeht, wird er von der Kugel eines der Soldaten niedergestreckt, die der Garnisonskommandeur mobilisiert hatte. Am nächsten Morgen kommt es in den Dünen zu einer weiteren direkten Konfrontation von Streikenden mit einer Gruppe von Küstenfischern um den gut situierten Bootsbesitzer Bruyk, die – wie Kerdhuys am Vortag – für Bredel auslaufen will. Zum Schein schließt sich auch der junge Fischer Andreas, der bei Familie Kedennek lebt, den Streikbrechern an. Insgeheim plant Andreas jedoch einen Sprengstoffanschlag auf Bruyks Fischerboot.
Die Stimmung in den Gemeinden der Küstenfischer ist angespannt. Die trauernden Fischer der gesamten Küstenregion strömen in Scharen zur Beisetzung Martin Kedenneks. Der Reeder Bredel veranlasst, dass weitere Soldaten nach St. Barbara entsandt werden, da er eine Eskalation des Konflikts befürchtet. Den Geistlichen hat Bredel aufgefordert, die Trauergemeinde am Grab hinzuhalten. An der Grabstätte droht die Lage außer Kontrolle zu geraten. Der Unmut der Fischer über eine Strafpredigt des Geistlichen, der Kedenneks Handeln scharf verurteilt, bricht sich in einem Schrei der Witwe, Marie Kedennek, Bahn. Marie Kedennek schlägt dem Geistlichen die Bibel aus der Hand und zerreißt sie. Währenddessen suchen die Soldaten in St. Barbara nach dem revolutionären Matrosen Hull aus Port Sebastian, den Bredel als den eigentlichen Rädelsführer der Streikbewegung ausgemacht hat. Die Soldaten verwüsten Desaks Kneipe und vergewaltigen die Prostituierte Marie, die bei Desak als Aushilfe arbeitet und die ein Verhältnis mit Andreas hat. Die Beerdigung wird durch Explosionen auf Bruyks Schiff unterbrochen, die Andreas herbeigeführt hat. Die Explosionen geben das Signal für einen Aufstand der Küstenfischer gegen den Reeder und das herbeigerufene Militär, das in Schützenkette an den Friedhof heranrückt.
Es kommt zu erbitterten Kampfhandlungen der aufständischen Fischer und ihrer Frauen mit dem Militär, in deren Verlauf der Saboteur Andreas auf der Flucht erschossen wird. Nach der Eroberung strategisch wichtiger Waffenstellungen der Soldaten entscheiden die von dem Streikführer Hull angeführten, zahlenmäßig überlegenen Aufständischen den ungleichen Kampf für sich. In den Wirren des Aufstands gelingt Bredel die Flucht.
Verhältnis zur literarischen Vorlage Der Spielfilm basiert auf der Novelle Aufstand der Fischer von St. Barbara von Anna Seghers, für die der Autorin im Jahr 1928 der Kleist-Preis verliehen worden war. Piscator nahm starke Veränderungen an der Fabel vor. Aus der pessimistisch endenden Vorlage, in der ausführlich das Elend der Fischer beschrieben wird, machte er einen kämpferischen Appell für die Volksfront gegen NS-Deutschland. Der Regisseur verwies darauf, dass er die Filmhandlung zunächst „von Nordspanien nach Norddeutschland“ verlegt und damit den Hauptfiguren „Tuchfühlung mit denen, die im Augenblick eine ähnliche soziale Stellung hatten[, ermöglicht habe]. Sie entsprach dem Kleinfischer, dem Kleinbauern“.Jeanpaul Goergen: Vosstanie rybakov („Aufstand der Fischer“). UdSSR, 1934. Ein Film von Erwin Piscator. Eine Dokumentation. Selbstverlag, Berlin 1993, S. 15 Piscators geografische Überlegungen beziehen sich zunächst auf die nicht beendete deutsche Fassung des Films. Filmwissenschaftler Günther Agde deutet auch die abgeschlossene russische Filmfassung von 1934 als „quasi ortlosen, aber deutlich außer-russischen Film“.Günther Agde: Mit dem Blick nach Westen, in: Günter Agde, Alexander Schwarz (Hrsg.): Die rote Traumfabrik: Meschrabpom-Film und Prometheus (1921–1936). Bertz + Fischer, Berlin 2012, S. 141–147, hier S. 143. – Quasi ortlos ist die russische Filmfassung von 1934 unter anderem dadurch, dass Kulissen und Requisiten sowohl deutsche als auch russische Aufschriften tragen. Piscator wollte ursprünglich ein deutsches Filmpublikum und die gewerkschaftlich und politisch unorganisierten Schichten in Deutschland erreichen, die ihm besonders anfällig für den Nationalsozialismus schienen. Schon Anna Seghers habe gezeigt, dass diese Schichten „abhängig bis zum Ausgesogenwerden“Jeanpaul Goergen: Vosstanie rybakov („Aufstand der Fischer“). Selbstverlag, Berlin 1993, S. 15 waren. Er habe hingegen veranschaulichen wollen, wie man unabhängig bleiben könne, wenn man sich gewerkschaftlich organisiere.
Nach Auffassung des Theaterwissenschaftlers Peter Diezel nahm Piscator sich in seiner Verfilmung ganz im Sinne der strategischen Leitlinie der Thälmannschen KPD-Führung der „antifaschistischen Einheitsfront und der Einbeziehung der kleinbürgerlichen Schichten“ an. Gegenüber Anna Seghers habe sich das allerdings als ein „ziemlich brutales Vorgehen“ manifestiert, da es nichts weniger als eine „Dekonstruktion ihres Erzähltextes“Peter Diezel: Erwin Piscators Film „Aufstand der Fischer“. In: Argonautenschiff. Jahrbuch der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e. V. Hrsg.: Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e. V. Heft 16. Berlin 2008. S. 68–79, hier S. 72 bedeutete. Zu diesem Zweck hatte Piscator, wie er später resümierte, in seiner Literaturverfilmung eine Seemanns-Gewerkschaft eingeführt, die auf den „von großen Fischereien ausgesandten Trawlers arbeiteten und einen Streik begonnen hatten wegen Fortnahme des vierten Mannes in einer Arbeitsgruppe.“ Währenddessen arbeiteten die Kleinfischer weiter und seien damit im Grunde zu Streikbrechern geworden; es schloss eine Folge gewonnener und verlorener Streiks an. Diese Streiks aber wurden Piscator zufolge, „da die Organisierten den Unorganisierten halfen, auch dann, als es nicht mehr um ihre eigene Sache ging, von rein ökonomischen zu politischen Handlungen und – so hoffte ich wenigstens – zum Aufruf gegen ein System, wie die Nazis es beabsichtigten.“
mini|Anna Seghers (1966)