Der 1887 veröffentlichte Roman Das Gemeindekind gilt als das Hauptwerk der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916). Die adelige Autorin erlangte Bekanntheit durch ihre psychologischen Erzählungen mit gesellschaftskritischem Inhalt, verbunden mit der Forderung nach Emanzipation.

Der Titel Das Gemeindekind bezieht sich auf den Protagonisten Pavel Holub, der einer Dorfgemeinde auf der Tasche liegt, weil sein Vater gehenkt wurde und seine Mutter im Kerker sitzt. Thema der Geschichte ist der Einfluss der Erziehung und des Milieus auf die Entwicklung eines Individuums und dessen Wille bei der Gestaltung seines Lebens. Trotz mehrfacher Rückschläge gelingt Pavel der Aufstieg von einem ungeliebten Gemeindekind zu einem respektierten Gemeindemitglied. Dieser Werdegang widerlegt die Auffassung, dass negative Eigenschaften und Verhaltensweisen vererbt würden. Marie von Ebner-Eschenbach übt mit dem Roman Kritik an der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Kindern aus Problemfamilien, den Vorurteilen, die ihnen entgegengebracht werden, und ihrer Zurückweisung oder Abschiebung. Dabei nimmt sie weder Kirche, Adel noch Dorfgemeinschaft von ihrer Kritik aus.

Rezensenten sehen in dem Werk große Erzählkunst, verknüpft mit humanitärem Denken und pädagogischer Absicht der Dichterin. Der Roman wird zur Epoche des Spätrealismus gerechnet. Dies zeigt sich insbesondere in der authentischen Schilderung sozialer Umstände, einer gedämpften Verklärung und der abschließenden Darstellung einer sich frei entwickelnden Persönlichkeit. mini|Marie von Ebner-Eschenbach

Inhalt Die Geschichte beginnt im Jahr 1860 mit dem Prozess des Vaters und Alkoholikers Martin Holub, der wegen Raubmordes gehenkt werden soll. Er beschuldigt seine Frau Barbara der Tat, die aber aus Furcht und wegen des Ehegelübdes nicht gegen ihren Mann aussagen will. Sie wird mit zehn Jahren Gefängnis bestraft, gegen ihren Mann hingegen wird das Todesurteil durch den Strang vollstreckt. Daraufhin werden ihre Kinder Pavel und Milada zu Gemeindekindern: Sie fallen in die Obhut der Gemeinde, worauf der Bürgermeister versucht, die Kinder der alten Baronin aufzubürden. Während diese sich des kleinen, vertrauensvollen Mädchens erbarmt und es aufnimmt, stößt sie sich an Pavels weniger ästhetischem Äußeren. Als Sohn eines Mörders und wegen eines Kirschdiebstahls scheint sein zukünftiger krimineller Werdegang bereits vorherbestimmt. Die Baronin überlässt ihn der Gemeinde, die sich nicht mit dem Jungen belasten möchte und ihn zu einem im Ort verrufenen Ehepaar, der Hirtenfamilie, abschiebt. Einmal versucht Pavel, seine Schwester im Schloss der Baronin zu befreien, der Schlosshund aber vereitelt den Versuch. Im anschließenden Verhör schweigt und trotzt Pavel, was das ihm entgegengebrachte Misstrauen noch verstärkt. Milada wird bald darauf in eine städtische Klosterschule gebracht und dort erzogen.

Virgil, Hirte und Alkoholiker, und Virgilova, Kräuterhexe und Kurpfuscherin, werden von der Gemeinde mit Getreide dafür bezahlt, dass sie sich des unangenehmen Jungen annehmen. In diesem Umfeld sind Pavels Voraussetzungen besonders schlecht. Die Hirtenfamilie schickt ihn zur Arbeit statt zur Schule und nimmt ihm das verdiente Geld ab. Unter dem Einfluss der Tochter der Hirtenfamilie, Vinska, begeht er Diebstähle. Pavels Ruf verschlechtert sich zunehmend. Er fühlt sich durch den Hass und Trotz gestärkt, der als Folge ständigen Hungers sowie der Prügel und Beschimpfungen von Seiten der Dorfgemeinschaft in ihm wächst. Darüber hinaus werden ihm auch Vergehen angelastet, die er gar nicht begangen hat, und er wird zum allgemeinen Sündenbock. Pavel akzeptiert seinen Status in der Gesellschaft. Einerseits verachtet er die Dummheit derer, die ihn zu Unrecht Untaten beschuldigen, andererseits findet er Genuss darin, das engstirnige Volk bei jeder Gelegenheit von neuem gegen sich aufzubringen.

Erst nachdem Pavel seine Schwester im Kloster besuchen darf und sie Pavel anfleht, sich zu bessern, will er versuchen, ein rechtschaffenes Leben zu führen. Er wendet sich an den Lehrer Habrecht, ein „kränklicher, nervöser Mann“S. 16 (Kap. 3). und berüchtigt als Hexenmeister, bittet ihn um Hilfe und beginnt, auf dem Gemeindegrund zu arbeiten. Mit der Zeit wird Pavel gesprächiger und bemüht sich, seine Stellung im sozialen Umfeld zu verbessern. Nachdem Pavel unter Verdacht gerät, den kranken Bürgermeister vergiftet zu haben, muss er seine Unschuld beweisen, was ihm auch gelingt. Danach macht er sich von Virgil und dessen Frau unabhängig und baut sich trotz zahlreicher Sabotagen seiner Mitbürger auf einem überteuert gekauften Grundstück ein Haus. Seine Konsequenz findet schließlich auch Bewunderer, die zu seinen Freunden werden: Arnost, den Schmied Anton und den Förster.

Trotz aller Bemühungen Pavels, sein Benehmen zu verbessern, auf den Ruf zu achten und sogar ein Menschenleben zu retten, zeigt sich bei der Mehrheit der Dorfbewohner keine Einsicht, was wiederum Aggressionen in Pavel auslöst und in einer Schlägerei endet, in der er sich gemeinsam mit Anton und Arnost gegen den Rest des Dorfes behauptet. Zehn Jahre nachdem Pavel Gemeindekind geworden ist, ist er Besitzer eines selbstgebauten Hauses und eines Feldes, das ihm die Baronin geschenkt hat. So kann er seine aus dem Gefängnis entlassene Mutter aufnehmen. Bevor Barbara ankommt, stirbt jedoch Milada aufgrund übermäßiger Askese im Kloster.

Form und Sprache Aufbau Ebner-Eschenbach selbst und der Verlag bezeichneten das Werk offiziell stets als Erzählung. Verschiedene Rezensenten aber ordneten Das Gemeindekind unterschiedlichsten Gattungen zu: Zumeist wurde es als Roman bezeichnet, in einzelnen Fällen auch als Entwicklungsroman, Bildungsroman oder Bauernroman, daneben auch als Novelle oder Dorfgeschichte. Letzteren Begriff verwendete Ebner-Eschenbach selbst einmal in einem Brief an Rodenbach.Anton Bettelheim: Marie von Ebner-Eschenbach. Wirken und Vermächtnis, S. 186; zit. n. Rainer Baasner: Marie von Ebner-Eschenbach. Das Gemeindekind. Kritisch hrsg. und gedeutet von Rainer Baasner. Bouvier, Bonn 1983, ISBN 3-416-01680-7, S. 197. Heute ist das Werk als Roman bekannt.

Der Roman ist in neunzehn Kapitel gegliedert und erstreckt sich inhaltlich von 1860 bis 1870 – die erzählte Zeit beträgt zehn Jahre. Ursprünglich wurde der Roman in zwei Bänden herausgegeben. Der formale Einschnitt durch den zweiten Band lag zwischen dem zehnten und elften Kapitel. Gestützt wurde die Teilung durch den Spannungshöhepunkt der Untersuchungshaft im zehnten Kapitel und den von den vorangehenden Kapiteln unabhängigen Start des elften Kapitels, der den Blick zugleich in die Zukunft lenkt: „Außerhalb des Dorfes, zu Füßen eines Abhangs, den vor Jahren der längst ausgerodete Bauernwald bedeckt hatte, befand sich eine verlassene Sandgrube.“

Der Roman beginnt mit der Beschreibung der allgemeinen Zustände von Kunovic. Die individualisierte Handlung setzt erst mit dem Mord am Pfarrer ein; erst mit dieser von Martin begangenen Tat rückt die Familie ins Zentrum des Interesses der Dorfgemeinschaft und des Romans. Im Schweigen der Mutter während der Verhandlung zeigt sich bereits ein erstes wichtiges Element der Handlungsführung: das Missverständnis zwischen den Idealen der Charaktere und deren Umwelt. Bei der Gerichtsszene besteht das Missverständnis zwischen Barbara, die sich am Ehegelöbnis orientiert und dadurch ihren Mann nicht verraten will, und dem Gericht, das das Schweigen als Schuldbekenntnis interpretiert. Hinzu kommt der bereits von ihr dargestellte vermeintliche Trotz, eine folgende Charaktereigenschaft Pavels.S. 246. Ein weiterer Leitgedanke ist auch bereits in der Exposition versteckt. Er zeigt sich in der grammatikalischen Form der Sätze „Barbara Holub trat ihre Strafe sogleich an“ und „An Martin Holub […] wurde das Urteil vollzogen“: Wer sein Schicksal annimmt, kann aktiv handeln; dagegen wird der, der sich der Passivität hingibt, vernichtet.

Weitere Leitmotive sind das Rufmotiv, veranschaulicht am Lehrer Habrecht mittels Vorwurf der Hexerei und an Pavel über die Vorwürfe der Dieberei, sowie das „neue Leben“,S. 77, 79, 80, 165 (Kap. 8, 16). das nach dem Klosterbesuch einsetzt.

Pavels Entwicklung bildet im Gemeindekind den Hauptstrang, begleitet von den zwei Nebensträngen Barbaras und Miladas. Dafür spricht, dass die Nebenstränge unabhängig vom Hauptstrang verlaufen und ihre eigenen Einflüsse haben, also nicht von Pavels Dorfwelt beeinflusst sind. Des Weiteren kommt dem Handlungsstrang der Mutter die Funktion eines Rahmens zu, der sich zum Ende der Exposition von Pavels Handlungsbahn löst und erst am Schluss des Romans wieder in diesen zurückführt. Miladas Entwicklung hingegen findet keinen Anschluss mehr an den Hauptstrang und bildet somit keinen zweiten geschlossenen Strang. Briefe der Mutter und Pavels unsichere Urteile über sie erinnern den Leser immer wieder an die Rahmenhandlung.

Nach dem tiefgreifenden Einschnitt der Verurteilung, der Rahmen- und Haupthandlung teilt, beginnt die eigentliche Fabel und die Handlung wechselt von der Hauptstadt B., was für Brünn steht, in das fiktive Dorf Soleschau.S. 262. Das kommende Kapitel unterscheidet sich grundlegend von der Vorgeschichte durch Ortswechsel und durch die dialogbeherrschte Erzählweise, die sich durch die weiteren Kapitel zieht. Folgende Ereignisse leiten sich logisch von der Ausgangssituation her. Rückblenden im zweiten Kapitel machen auf Pavels Sorge um Milada aufmerksam.

Pavels Lebensabschnitte werden durch räumliche Gegebenheiten begleitet. Solange er ein rebellischer Knabe ist, lebt er in Virgils Hütte. Der zweite Abschnitt, der Pavel als Lernenden zeigt, spielt in der Lehrerstube. Seine letzte Entwicklungsstufe, die er als Selbständiger erlebt, verbringt Pavel in seinem Haus in der Sandgrube. Diese Milieus haben ihre eigenen Einflüsse auf die Figuren. Unterstützt wird auch der Status der Figuren mittels geografischer Differenzierungen. Die „Chaluppe“ des Gemeindehirten steht dem das Dorf überragenden Schlossareal der Baronin gegenüber. So auch die Sandgrube, die höher liegt als des Lehrers Stube, was Pavel mit den Umzügen jeweils auf eine symbolisch höhere Ebene rücken lässt.

Der Höhepunkt im zehnten Kapitel dient als Mittelpunkt: Er setzt motivisch korrespondierende Ereignisse – in Kapiteln gemessen – zueinander in Symmetrie. Das ist der Fall bei der Exposition und dem Schluss, den Nebenhöhepunkten Schlossgerichtszene und Wirtshausprügelei oder beim Stiefelgeschenk und dem Feldgeschenk. Die Bedeutung der Szenen ist dabei konträr. Zum Beispiel ist das Stiefelgeschenk ein Anreiz, das Feld aber eine Belohnung. Der zweite Abschnitt (Schulmeisterstube) bildet jedoch den Übergang und eine Ausnahme.

Der Erzähler Als Roman der Epik zugehörig, ist Das Gemeindekind durchgängig in Prosa verfasst. Geschrieben ist das Werk überwiegend in Hochdeutsch. In direkten Reden werden gelegentlich Dialekte gebraucht, um die sozialen Schichten voneinander abzuheben. Die Erzählweise ist der Entwicklung und den einzelnen Begebenheiten der Handlung angepasst. Im ersten Kapitel überwiegt ein berichtender Stil: Durch exakte Orts- und Zeitangabe inklusive der genannten realen Gemeinden sowie kurze, sachliche und prägnante Beschreibung der Lebensumstände der Holubs entsteht ein realistischer Schein.S. 324. Bei der Beschreibung der Entdeckung des Mordes am Pfarrer kommen erstmals Präsensformen zum Einsatz, um die Dramatik zu steigern. Dieses Mittel zur Spannungs- oder Bedeutungssteigerung wird noch bei weiteren bedeutenden Szenen angewandt.

Während Pavels erstem Lebensabschnitt bestimmen Dialoge die Handlung, und die Beschreibung von Mimik und Gesten der Figuren spricht für sich. Dadurch erübrigen sich Erklärungen des Erzählers mehrheitlich. Im zweiten Teil des Romans werden die Sätze länger. Der breitere Erzählstil und dessen Komplexität sollen mit Pavels Reifung und Entwicklung einhergehen und sie unterstreichen.S. 328.