Während des Volkskreuzzugs, der im Vorfeld des Ersten Kreuzzugs stattfand, wurden im Frühjahr 1096 die jüdischen Gemeinden in Deutschland, insbesondere jene im Rheinland, von Kreuzfahrern angegriffen. Dabei kam es zu den ersten organisierten Judenpogromen des Abendlandes, Gewaltverbrechen und Morden. Im Judentum wird der Ereignisse als Gezerot Tatnu, , gedacht.auch „Verfolgung des Jahres 4856“ (nach jüdischer Zeitrechnung) Sie stellten einen tiefen Einschnitt in dem Verhältnis der beiden Religionsgemeinschaften dar, der weitreichende Folgen für die Geschichte der Juden Europas hatte, und wurde daher auch als eine Urkatastrophe des europäischen Judentums bezeichnet.

Hintergrund Die jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz bildeten einen Städteverbund, die sogenannten SchUM-Städte. Diese waren für ihr Wissen in religiösen Fragen im ganzen Frankenland bekannt. Das Zusammenleben mit der christlichen Mehrheitsbevölkerung war – trotz gelegentlicher Ressentiments, Diskriminierungen und Repressalien – von einer gewissen „Unbefangenheit“ charakterisiert, wie es der Historiker Friedrich Lotter ausgedrückt hat. Dies änderte sich durch die Ereignisse im Jahre 1096 grundlegend, Juden waren seitdem einer permanenten Bedrohung ihrer Existenz ausgesetzt.

Eine wichtige Motivation für den ersten Kreuzzug war eine tiefe Demütigung der Christen im fernen Palästina: Im September 1009 hatte Fatimiden-Kalif al-Hākim die Grabeskirche in Jerusalem plündern und mitsamt dem Felsengrab Christi zerstören lassen. Zudem waren Christen im Fatimidenreich zahlreichen Repressalien ausgesetzt. Christliche Symbole und das Begehen christlicher Feste wurden verboten und die Christen wurden gezwungen auffällige Gürtel und schwarze Kopfbedeckungen zu tragen, um als Christen erkennbar zu sein. Die Vorkommnisse trugen zu einem latenten Fremdenhass auch der Christen im Rheinland bei, den sie vor allem auf die in ihrer Mitte lebenden Juden projizierten.

Im Jahr 1012 befahl König Heinrich II., diejenigen Juden aus Mainz zu vertreiben, die nicht bereit waren, sich taufen zu lassen. Unter diesem Druck gaben einige Mitglieder der Gemeinde nach, die anderen mussten ihre Häuser und Geschäfte verlassen, bald darauf wurde ihnen jedoch die Rückkehr gestattet. Auch in Frankreich wurden in den folgenden Jahren Juden, die sich der Taufe verweigerten, vertrieben oder ermordet.

Unter dem Pontifikat von Papst Urban II. keimte die Idee eines Heiligen Krieges zur „Befreiung“ des Heiligen Landes auf. Zum Abschluss der Synode von Clermont rief er am 27. November 1095 zum Ersten Kreuzzug auf. Denjenigen, die im heiligen Krieg den Tod finden sollten, wurde die Vergebung der Sünden versprochen. Danach hielt Papst Urban II. noch in Tours und Rouen Synoden ab, die den Aufruf verbreiteten. Ein Übriges taten die über das Land gesandten Wanderprediger der Kirche, die dafür sorgten, dass viele einfache Menschen, Abenteurer, Verbrecher, aber auch Bauern in den Krieg zogen. Der bekannteste unter ihnen war der Bußprediger Peter der Einsiedler.mini|Der erste Kreuzzug 1095. Territoriale Situation und Wege ins „Heilige Land“ (Seldschuken) Noch bevor sich das offizielle päpstliche Kreuzzugsheer gesammelt hatte, brach bereits im April 1096 in Nordfrankreich auf eigene Faust ein erster ungeordneter Zug auf, der sogenannte Volks- oder Armenkreuzzug. Diese „Kreuzfahrer“ waren keine Ritter, sondern vorwiegend einfache Bauern, Bettler und Kriminelle, bewaffnet nur mit Stöcken und bäuerlichen Arbeitsgeräten.

Der ursprüngliche Aufruf des Papstes Urban II. richtete sich an die Christen, zum Kreuzzug nach Jerusalem aufzubrechen, um die „Feinde des Christentums“ aus dem Heiligen Land zu vertreiben und zum Heiligen Grab Christi zu pilgern.Bruno Gloger: Kreuzzüge nach dem Orient. Kinderbuchverlag Berlin, 1985, S. 19 ff. Zunehmend setzte sich jedoch die Meinung unter den sich in einem chaotischen Prozess bildenden Kreuzfahrerheeren durch, dass die Juden in den eigenen Territorien bekämpft werden sollten.Leo Trepp: Die Juden. Volk, Geschichte, Religion. Hamburg 1998, ISBN 3-499-60618-6, S. 66. Das Ziel war die Konversion der Juden oder deren Tötung. „Tod oder Taufe“ war dementsprechend der Schlachtruf dieser Kreuzfahrer.

Neben dieser religiösen Motivation war der Finanzbedarf der Teilnehmer des Volkskreuzzuges eine weitere Ursache für die Judenpogrome im Rheinland. Die jüdischen Gemeinden im Rheinland waren sehr wohlhabend, unter anderem, weil es den Juden im Gegensatz zu den Christen seitens der katholischen Kirche erlaubt war, Geld gegen Zinsen zu verleihen (siehe auch: Zinsverbot).

Einer der ersten Gewaltausbrüche gegen Juden fand in Rouen statt, dort fielen der größte Teil der jüdischen Gemeinde einem Massaker zum Opfer. Im Dezember 1095 schrieben die nordfranzösischen jüdischen Gemeinden einen Brief an die rheinischen Juden, in dem diese vor der Ankunft der Kreuzfahrer gewarnt wurden. Die Rheinländer antworteten, sie hätten keine Angst, gaben aber Peter dem Einsiedler bei seinem Volkskreuzzug einen Brief mit, in dem sie ihre europäischen Glaubensbrüder aufforderten, ihn und seine Anhänger zu unterstützen und zu alimentieren.

Im Frühjahr 1096 setzten sich eine Vielzahl von kleinen Gruppen von Rittern und Bauern, durch die Predigten Peters des Einsiedlers angeregt, aus verschiedenen Teilen des Heiligen Römischen Reiches und Frankreichs in Bewegung. Die Zuordnung der einzelnen Gruppen und Anführer ist mit Unsicherheiten behaftet.

Als erstes Pogrom auf europäischem Boden gilt das sogenannte Massaker von Granada von 1066, das von der Wirkung her regional begrenzt war. Unter der Herrschaft der muslimischen Ziriden von Granada wurden wahrscheinlich mehr als 1.500 jüdische Familien, rund 4.000 Personen, ermordet.

Volkmar und Gottschalk Der Zug des Priesters Volkmar war im Rheinland Ende April 1096 mit dem Ziel losgezogen, sich Peter dem Einsiedler im Osten anzuschließen. Dabei kam es zu Judenverfolgungen in Magdeburg und später in Prag (30. Juni 1096). Von den Ungarn wurde der Zug kurzerhand gewaltsam aufgelöst, als klar wurde, dass es sich um Aufrührer handelte.

Ein anderer Priester namens Gottschalk, den Peter der Einsiedler bei seinem Aufbruch am 20. April ebenfalls zurückgelassen hatte, führte Kreuzfahrer aus dem Rheinland und aus Lothringen rheinaufwärts. Als die Kreuzfahrer Bayern auf ihrem Weg nach Ungarn passierten, kam es z. B. in Regensburg zu gegen Juden gerichteten Angriffen. Auch Gottschalks Zug wurde von den Ungarn vernichtet, nachdem dessen betrunkene Teilnehmer ungarisches Gebiet geplündert hatten.

Heerhaufen unter der Führung des Grafen Emicho Der größte dieser Kreuzzüge, der auch am stärksten in die Angriffe auf Juden eingebunden war, wurde von Graf Emicho angeführt. Eine Armee von rund 10.000 Männern, Frauen und Kindern aus dem Rheinland, Ostfrankreich, Lothringen, Flandern und sogar England, die im Frühsommer 1096 gestartet war, wälzte sich das Rheintal entlang, den Main hinauf bis zur Donau. Emicho wurde unter anderem begleitet vom Vizegrafen Wilhelm von Melun, genannt der Zimmermann, und Drogo von Nesle aus Frankreich, Hartmann von Dillingen und dem Herren von Salm aus seiner rheinischen Nachbarschaft. Kaiser Heinrich IV., der in Norditalien festsaß, ordnete den Schutz der Juden (Wormser Privileg) an, als er von den sich anbahnenden Ausschreitungen erfuhr. Zunächst unabhängige Gruppen zogen über Speyer und Worms nach Norden und vereinigten sich erst in Mainz unter der Führung Emichos, der in die Verfolgungen in Speyer und Worms wahrscheinlich nicht involviert war.

Speyer Am 3. Mai erreichten zwei Kolonnen Speyer. Johann I., Bischof von Speyer, befahl die Verteidigung der jüdischen Gemeinde, nachdem es zu massiven Übergriffen gekommen war, bei denen 11 Juden starben. Der Bischof gewährte den Juden Schutz im befestigten Bischofshof in der Stadt und an anderen sicheren Plätzen. Er konnte sich nach mehrtägigen Kämpfen gegen die „Kreuzfahrer“ durchsetzen, die weiter nach Norden zogen und als nächste jüdische Gemeinde die in Worms attackierten.

Worms Am Sonntag, dem 18. Mai, stürmten bewaffnete Männer die jüdischen Häuser in Worms. Juden, die nicht zuvor Zuflucht im Bischofshof gesucht hatten, wurden von der aufgebrachten Menge angegriffen und, wenn sie die Taufe verweigerten, was eine Vielzahl aus Überzeugung tat, grausam umgebracht. Die Angriffe und die anschließenden Plünderungen erfolgten sowohl durch Kreuzfahrer als auch durch Wormser Einwohner. Nach einigen Tagen stürmte der Mob auch den Bischofshof. In Worms wurden bei dem Pogrom nach einer Quelle 800 Juden, nach einer anderen 400 Juden ermordet oder wählten den Freitod.

Mainz Im 11. Jahrhundert waren etwa 1000 der 7000 Einwohner von Magenza (Mainz) Juden. Die meisten von ihnen lebten in der durch den Erzbischof anerkannten Kehillah „Unter den Juden“ in der Stadtmitte. Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde und die Verantwortung für die Entrichtung der Steuern an den christlichen Souverän oblag einem Ratsgremium, dessen zwölf Mitglieder durch die Gemeinde gewählt wurden. Streitigkeiten zwischen Juden wurden durch von der Gemeinde gewählte jüdische Richter entschieden. Im Vergleich zu den meisten christlichen Einwohnern war die jüdische Bevölkerung überdurchschnittlich gebildet und viele waren des Lesens und Schreibens mächtig. Das jüdische Viertel stellte zwar politisch eine eigene „Stadt in der Stadt“ dar, wirtschaftlich herrschte jedoch reger Austausch zwischen den christlichen und jüdischen Einwohnern von Mainz. Dennoch begegneten viele Christen der ihnen fremden Kultur ängstlich und ablehnend. Die Juden wurden, unter anderem wegen ihrer höheren Bildung und ihres fremdartigen Glaubens, verspottet und verleumdet.

Am 25. Mai 1096 erreichte Emichos Tross schließlich Mainz. Nach zwei Tagen Warten vor den verschlossenen Stadttoren wurden diesen, vermutlich gegen den Befehl des Erzbischofs Ruthard II., dann doch geöffnet und es kam sofort zum Pogrom.

Nach den Chroniken wurde die jüdische Gemeinde fast vollständig vernichtet, laut Rolf Dörrlamm starben 600 Gemeindemitglieder. Lotter dagegen macht geltend, dass die in den Chroniken dargestellten Selbstopferungen vermutlich idealisiert dargestellt wurden, einerseits aufgrund der Scham der Überlebenden, die der Taufe zugestimmt haben, aber auch um den nachfolgenden Generationen ein Beispiel von Standhaftigkeit zu geben. Auch die Tatsache, dass sich die jüdischen Gemeinden nach den Verfolgungen relativ schnell erholt haben, spricht für eine beträchtliche Anzahl Überlebender. Einer der überlebenden zwangsgetauften Juden zündete wenige Tage später zuerst sein Haus, dann die Synagoge und sich selbst an, um sich so von der Schmach zu reinigen, seinen Glauben verraten zu haben.

Verfolgungen in den nördlichen Rheingebieten Von Mainz aus wandte sich Emicho nach Norden, wo es in Köln bereits im April zu Ausschreitungen gekommen war. Die Juden hatten die Stadt verlassen und sich in der Umgebung versteckt. Der Einfluss des Kölner Erzbischofs Hermann III. von Hochstaden verhinderte hier eine größere Zahl von Opfern. Emicho kam zu dem Schluss, dass er im Rheinland seine Aufgabe erledigt habe, und setzte seinen Kreuzzug mainaufwärts und donauabwärts Richtung Ungarn fort.