Neuböhmen (, etwa „Böhmische Pfalz“) bezeichnet die oberpfälzischen, mittel- und oberfränkischen Gebiete, die Kaiser Karl IV. ab 1349 für seine Hausmacht erwarb. Der Luxemburger unterstellte das Territorium seiner Herrschaft. Er verschmolz es mit den Ländern der Krone Böhmen, was die Goldene Bulle von 1356 kodifizierte. Das Land wahrte bezüglich Nutzung und Verwaltung seine Eigenständigkeit.

Das Böhmische Salbüchlein von 1366/68 und andere Urkunden dokumentierten wie Karl IV. soziale Verhältnisse, Verwaltung und Wirtschaft planmäßig förderte. Die geschaffenen Grundlagen wirkten sich positiv auf die weitere Entwicklung aus, entfalteten ihre Kraft lange über die letztlich kurze böhmische Periode hinaus.

mini|hochkant=1.4|Die zu Beginn des 14. Jahrhunderts abgebrannte Wenzelsburg ließ Karl IV. in stattlicher Form neu errichten.

Landesname Karl IV. schuf in der Oberpfalz und in Franken ein neues Territorium. Vermutlich wegen dessen Kurzlebigkeit entstand kein prägnanter zeitgenössischer Landesname. Die erworbenen Besitzungen hießen aus Blickrichtung Böhmen das (Bayern jenseits des Böhmischen Waldes) oder aus einer Betrachtung vom Reich her des Kaisers Herrschaft zu Baiern. Städte wie Hersbruck, Lauf und Auerbach waren „in dem lande zu Sulczbach gelegen“.

Der Begriff Neuböhmen erschien erstmals 1783 bei Franz Martin Pelzel: Geschichte Karls IV., König in Böhmen. Er wurde nachfolgend zunächst nicht aufgegriffen. Erst 1906 sprach Michael Doeberl wieder vom sog. Neuböhmen (Entwicklungsgeschichte Bayerns. Band 1. 1. Auflage). 1973 verwendete Fritz Schnelbögl den Eigennamen mit und ohne Anführungszeichen. Fünf Jahre später charakterisierte ihn Heribert Sturm als . Im restlichen Artikel vermied er das Wort Neuböhmen. Jörg K. Hoensch blieb im Jahr 2000 dabei die Bezeichnung in Gänsefüßchen zu setzen.

Geographie mini|Das westlich Böhmens liegende Neuböhmen unter den Besitzungen Karls IV.

Zur Zeit Karls IV. erstreckte sich Neuböhmen über den Großteil der heutigen Landkreise Neustadt an der Waldnaab und Nürnberger Land, die Stadt Erlangen, den Norden des Landkreises Amberg-Sulzbach und den Süden des Landkreises Bayreuth.

Neuböhmen umfasste, mit Ausnahme Bärnaus, nie den jetzigen Landkreis Tirschenreuth. Er ist aber auf fast allen Landkarten falsch eingezeichnet. Das Stiftland blieb unabhängig, ebenso die Landgrafschaft Leuchtenberg. Das Amt Waldeck-Kemnath gehörte zum Kurpräzipium und das Amt Vilseck zum Hochstift Bamberg.

Auf die Funktion des (Oberpfälzer und) Böhmerwalds als Grenzgebirge verwiesen Formulierungen wie uff yenseit des Behemischen waldes.

Bevölkerung Demographie und Sprachen Städte und Marktgemeinden erlebten einen konjunkturellen Aufschwung. Wohl deshalb zogen Bewohner vom platten Lande dorthin. Auf eine solche Bevölkerungsbewegung verwies vor allem das Böhmische Salbüchlein.

Die Tschechische Sprache wanderte mit den böhmischen Adeligen, ihren Familien und Personal ein. So wurde 1365 den Pfarrern auf Burg Rothenberg, in Neustadt und Sulzbach erlaubt, in der slawischen Muttersprache die Beichte abzunehmen und die Sakramente zu spenden. Die wohl einzigen regionalen Belege des Lehnworts Kretscham für Wirtshaus bzw. Schänke in Bärnau, Neidstein, Förbau und Hofstetten fielen in die neuböhmische Zeit.

Religion Die Verehrung des böhmischen Landesheiligen Wenzel führte Karl IV. überall dort ein, wo er über Macht und Einfluss verfügte. Die Wenzelburg in Lauf erhielt seinen Namen nach der dem hl. Wenzel gewidmeten Burgkapelle, nicht nach dem Sohn Karls. Noch im 16. Jahrhundert feierten die Laufer am Wenzeltag (28. September) die Wenzelkirchweih. Daraus ging die Hämmernkirchweih hervor, ursprünglich für die Bewohner der direkt unterhalb der Burg gelegenen Eisenhämmer gedacht. Auf der Burg Rothenberg ließ der König von Böhmen in der Nähe des späteren Schneckenbrunnens eine Sankt-Wenzel-Kirche erbauen. Ihren Pfarrer stattete er mit Pfründen aus, u. a. in Groß- oder Kleinviehberg. Dergleichen sowie Reliquien stiftete er dem Sankt-Wenzel-Hospital zu Sulzbach. Die dortige Pfarrkirche schmückt am Ostchor eine Statue des Heiligen, die die Züge Karls IV. trägt. Karl IV. bedachte demnach Lauf, Rothenberg und Sulzbach. Neben dem religiösen Aspekt zeigte dies, dass er in den 1360er Jahren insbesondere jene drei Ortschaften repräsentativ ausstatten wollte.

Auf die Anwesenheit von Juden im Amt Parkstein verwies der dort eingenommene Judenzins.

Geschichte mini|hochkant|In der Hochzeit mit Anna von der Pfalz sah Karl IV. auch ein Mittel zur Aussöhnung mit dem Haus Wittelsbach; Büste der böhmischen Königin

Johann aus dem Haus Luxemburg trat 1310/11 die Nachfolge der Přemysliden im Königreich Böhmen und der Markgrafschaft Mähren an. Nunmehr einer der großen europäischen Spieler, zielte seine Hausmachtpolitik auch auf an Böhmen angrenzende Gebiete. Er unterstützte Ludwig den Bayern bei dessen Griff nach dem deutschen Königsthron. Zum Dank erhielt Johann 1322 das Egerland (einst größer) als Reichspfandschaft und Eger (vormals eine Reichsstadt) als Pfand. Die prosperierende Stadt übernahm die Funktion des Verwaltungszentrums und Sitzes des königlichen Landeshauptmanns. Der Erwerb verschob die böhmische Grenze Richtung Reichsinneres, legte eine strategisch-territoriale Ausgangsbasis.

Karl IV. beerbte 1346 seinen Vater und setzte den Ausbau der Hausmacht fort. Zur rechtlichen Absicherung gab er dem Begriff Länder der Böhmischen Krone eine tatsächliche staatsrechtliche Substanz. Die aus dem Kirchenrecht übernommene Inkorporation bewirkte keine Änderung des rechtlichen Status eines Landes. Es gab direkt dem König von Böhmen unterstellte und als Lehen Vergebende (Lehensherren). Als erstes eigenes Projekt erkor er ein weiteres Vordringen gen Westen, damit . Es ging demnach um die Schaffung einer Landbrücke über Nürnberg (als Ort der kaiserlichen Hoftage) bis nach Frankfurt am Main (als Wahlort der deutschen Könige).

Die Vermählung mit Anna von der Pfalz am 4. März 1349 diente der Umsetzung dieses Vorhabens, zeigte erstmals das Interesse am Aufbau Neuböhmens. Dem Brautvater Rudolf II. gehörte der vormalige bayrische Nordgau – die nunmehrige Oberpfalz. Der Pfalzgraf bei Rhein versprach eine Morgengabe, sicherte sie mit Teilen seines Nebenlandes ab. Der Schwiegersohn erwarb im Jahr darauf vom Kloster Waldsassen die Ortschaft Bärnau. Den Verpfändungen des pfälzischen Wittelsbachers stimmten die bayrischen Vettern in Urkunden von 1351 und 1353 zu. Der Plan des Luxemburgers, die Gebiete mittels Erbrecht an sich zu bringen, zerschlug sich. Seine Gattin starb im Februar 1353, sechs Monate vor ihrem Vater.

Jedoch erbten die neuen Pfalzgrafen Ruprecht I. und Ruprecht II. einen erheblichen Schuldenstand bei Karl IV. Jener streckte zudem 1353 das hohe Lösegeld zum Freikauf von Ruprecht dem Jüngeren vor. Ein oberpfälzischer Gebietsstreifen beglich die angehäuften Forderungen des Luxemburgers. Dessen Hausmachtzuwächse regelte ein Vertrag mit Ruprecht dem Älteren vom 17. Juli und modifizierte einer vom 29. Oktober 1353, bestätigte der Neffe am 5. November und 23. Dezember 1353. Der Onkel Ruprecht I. verzichtete darüber hinaus am 29. Oktober auf den Veldener Forst.

Daraufhin belehnte der Bischof von Bamberg damit den König von Böhmen. Letzterer hatte 1347 dem Burggrafen von Nürnberg die Burgen Floß und Parkstein samt Zubehör verpfändet. Mit deren Einlösungen während des Jahres 1353 war ein großer Teil Neuböhmens zusammengetragen.

mini|hochkant|Das Rosenberger Stadttor in Sulzbach mit dem Böhmischen Wappen (oben rechts)

In der Folgezeit tätigte der Luxemburger rechtliche Absicherungen sowie Abrundungen durch weitere Erwerbungen und Anrechte. So bestätigten Willebriefe der Kurfürsten die Reichspfandschaft der Böhmischen Krone an den zwei o. g. Burgen, dergleichen den Verkauf der Reichslehen Auerbach und Hersbruck. Der Öffnungsvertrag vom 13. Dezember 1353 über die Burg Rothenberg leitete die Übernahme der wichtigen Feste ein. Die Feste Rothenberg war Lehen der Burggrafen von Nürnberg gewesen, das die Herren von Wildenstein als Lehensmannen besaßen. 1360 erwarb Karl IV. die lehensherrlichen Rechte von den Burggrafen und die Lehensnutzung von den Wildensteinern. Der einheimische Adel diente sich zunehmend dem böhmischen König an. Von ihm nahmen beispielsweise Ritter Heinrich von dem Perge und seine zwei Söhne die Burg Spies am 10. Januar 1354 als Mannlehen auf. Karl IV. brach am 28. September 1354 von Sulzbach aus zum 1. Romzug auf. In der Ewigen Stadt stellte er am 5. April 1355 – dem Tag der Kaiserkrönung – die Urkunde zur Inkorporation für den bisher übernommenen, den (hauptsächlich) oberpfälzischen Teil Neuböhmens aus (siehe auch im Kapitel Luxemburgische Politik). Erst danach organisierte der Landesherr die Verwaltung um. Deren Neuerungen wiesen Ansätze zu einem modernen Staat auf.

Die ebenfalls Franken erfassende Hausmachtpolitik setzte sich bis Ende der 1360er Jahre systematisch und Anfang der 1370er in abgeschwächter Weise fort. Die Übernahme von Ortschaften entlang des Mains, wie Markt Bibart, Iphofen, Mainbernheim, Heidingsfeld, Wertheim und Babenhausen ermöglichte auf einer Reise nach Frankfurt am Main die Übernachtung auf Eigenbesitz. Einige wurden nicht mit Böhmen, sondern in die Grafschaft Luxemburg inkorporiert. Der Kaiser fasste eine Erweiterung Neuböhmens Richtung Westen und Norden, um die dort angrenzende Burggrafschaft Nürnberg ins Auge. Er arbeitete eng mit deren Herrschern – den Hohenzollern zusammen und es kam zu zahlreichen Verlobungen der jeweiligen Kinder.

Wie bereits sein Vater strebte Karl IV. eine Erwerbung der Mark Brandenburg und eine Ausdehnung seiner Hausmacht bis an die Ostsee an. Ersteres Ziel erreichte er mit dem Vertrag von Fürstenwalde vom 18. August 1373. Eine Urkunde vom selben Tag regelte die Folgen für die Änderung der Politik bezüglich Neuböhmen. Der Kaiser verpfändete den südlichen, den sulzbachischen Teil an die pfälzischen Wittelsbacher, um Otto V., Kurfürst von Brandenburg die Mark abkaufen zu können. Er behielt wegen der strategischen Gewichtung aber die Burg Rothenberg und den Regnitzübergangbei Schnellbögl: irrtümlich Rednitz Erlangen. Gemäß Lenka Bobková ging der Luxemburger davon aus, dass seine Nachfolger das Pfand wieder auslösen würden.

Eine undatierte, aber bald nach o. g. Datum verfasste Urkunde legte die neue Grenze fest. Anstelle Sulzbachs avancierte Auerbach zur Hauptstadt des verbliebenen neuböhmischen Gebiets. Darüber herrschte Karl IV. bis zu seinem Tod 1378, dann sein Sohn und Nachfolger Wenzel. Als Römisch-deutschen König setzte ihn die Mehrheit der Kurfürsten im Jahr 1400 ab. Das böhmische Territorium wurde unter der schwachen Regierung Wenzels IV. erschüttert und ist während der Hussitenkriege gänzlich untergegagen. Der neue Amtsträger, der pfälzische Wittelsbacher Ruprecht brachte in einem blutigen Krieg bis 1401 den überwiegenden Teil an sich, zerstörte dabei im Herbst 1400 Auerbach nahezu völlig. Das Königreich Böhmen behielt unter dem Begriff („Lehen außerhalb der Pfalz“) eine Reihe von Kronlehen, die erst 1805 mit dem Frieden von Pressburg an das Königreich Bayern gelangten.

König Wenzel verkaufte 1373 die neuböhmischen Lande an die Wittelsbacher. Im 15. Jahrhundert setzte der böhmische König Georg von Podiebrad die Lehensabhängigkeit der Lande von Böhmen wieder durch.

Die Rechtslage blieb zwischen dem Reich, Bayern und Böhmen umstritten.

Politik mini|hochkant|Der Wappensaal der Wenzelburg zeigt u. a. die Wappen des Adels im Königreich Böhmen. Das symbolisiert deren Ansprüche – die Partizipation an der Macht, die Höherstellung über die Adligen der Länder der Böhmischen Krone; das Wappen der Herren von Welhartitz.

Luxemburgische Politik