Angelsächsische Religion bezeichnet die vorchristliche polytheistische Religion des germanischen Sammelvolks der Angelsachsen in Britannien. In der Religionswissenschaft wird sie als Bestandteil der germanischen Religion insgesamt sowie als Teil der kontinentalen südgermanischen Religion eingeordnet.Die wissenschaftliche Klassifizierung wird u. a. bei A. Ström, Karl Helm und in der Theologischen Real-Enzyklopädie unter dem Stichwort Germanische Religion plausibel nach sprachwissenschaftlichen und kulturmorphologischen Aspekten erläutert. Grundlegend für die etwa 150 Jahre währende heidnische Zeit der Angelsachsen war ihre gemeinsame Herkunft aus Norddeutschland und Dänemark, von wo sie germanische Traditionen nach England mitbrachten. So sind z. B. Göttervorstellungen und heidnische Kulte ähnlich zu denen auf dem Kontinent. Die angelsächsischen Könige führten noch im 8. Jahrhundert ihre Dynastien auf den Kriegsgott Wodan zurück.

Typisch sind angelsächsische Kultstätten im Freien, worauf auch zahlreiche Ortsnamen aus angelsächsischer Zeit hinweisen, wobei die Angelsachsen zum Teil die Kultstätten der romanisierten einheimischen Briten übernahmen. Altenglische Texte belegen ferner die Bedeutung von Totenklagen und Zaubersprüchen. Bedeutend für die Erforschung des angelsächsischen Totenkults sind archäologische Funde auf angelsächsischen Gräberfeldern und in Grabhügeln, spektakulärster Fund ist das Schiffsgrab von Sutton Hoo. Die Zeit der heidnisch geprägten angelsächsischen Religion geht Ende des 6. Jahrhunderts in eine Phase der Christianisierung über, vor allem durch Missionare vom europäischen Kontinent.

Quellen und Grundlagen Quellenlage und Befund Die Quellen zur angelsächsischen Religion sind unterschiedliche schriftliche Zeugnisse, der Wortschatz der altenglischen Sprache, Ortsnamen sowie archäologische Zeugnisse unterschiedlicher Art.

Zu den schriftlichen Quellen zählen unter anderem Adelsstammbäume, Zaubersprüche, Glossare, Heldensagen (Beowulf-Epos), Historien, klerikales Schrifttum und Versdichtungen. Bei den Historien hat besonders die Historia ecclesiastica gentis Anglorum von Beda Venerabilis Tragweite. Beda berichtet nicht gezielt und bewusst über die paganen Verhältnisse seiner Vorfahren. Er liefert vielmehr sekundäre Informationen, die jedoch im Rückschluss, in Kombination und im Vergleich mit anderen Quellen belastbar sind. Diesbezüglich kommt der altenglischen Übersetzung Bedas durch Alfred den Großen linguistische Relevanz bei, da er lateinische Begriffe in altenglische übertrug, die vergangenes heidnisches Erbe überliefern oder widerspiegeln. Für Religion und Kult ist die Ritualdichtung eine besonders wertvolle Quelle. Im angelsächsischen Kontext sind das vor allem die gut und zahlreich erhaltenen Zaubersprüche sowie die Totenklagen und eine Phrase zum Opfer in einem paganen Heiligtum im Beowulf.Ewald Standop, Edgar Mertner: Englische Literaturgeschichte. Quelle & Meyer Verlag, Heidelberg 1976, S. 20.

Die archäologische Forschung hat durch Interpretation von Funden und Fundorten wesentlich zum Verständnis von Ritus und Kult in der angelsächsischen Religion beigetragen. Kontinuitäten und Abweichungen zwischen Funden auf angelsächsischem Gebiet und anderen aus Deutschland und Skandinavien erlauben ebenso Rückschlüsse auf die geistig-religiöse Haltung der Angelsachsen wie die Gestaltung und Grabbeigaben angelsächsischer Bestattungsstätten.

Zur Wikingerzeit siedelten im nordöstlichen England heidnische Dänen (Danelag). Die durch diese Umstände bedingten Einflüsse aus nordischer Mythologie und nordgermanischer Religion lassen sich von der authentischen einheimischen Überlieferung unterscheiden. Hier sind besonders die Ortsnamen mit Gottesbezug (theophor) zu nennen, die zu dieser Zeit regional mit den nordischen Namensformen der Hauptgottheiten belegt wurden.

In verschiedenen Schichtungen zeigt der Quellenbefund inhomogene Ergebnisse und erlaubt lediglich eine rekonstruktive Annäherung.

Grundvoraussetzungen der angelsächsischen Religion

Die moderne Unterscheidung der Lebenswelt in einen sakralen, religiösen Bereich und einen profanen, weltlichen Bereich ist der germanischen und insbesondere der angelsächsischen Religion fremd. Diese Unterscheidung entspringt dem christlich-mediterranen, durch die späthellenistische Stoa geprägten Weltbild. Wie andere archaische Gesellschaften, so verfügten auch die Germanen über ein anderes Gottesverständnis, beginnend bei den zuordnenden Begrifflichkeiten (→ Gott#Bedeutungsverschiebung zu christlicher Zeit). Das Individuum war primär nicht an die Religion, manifestiert durch die Götter, gebunden, sondern an die soziale Gemeinschaft, die Sippe, und die gegenseitige Verpflichtung zur Wahrung und Erhaltung des Rechts und der Sitte, mithin des Friedens innerhalb der lokalen Gemeinschaft, ge- und verbunden.Wilhelm Grönbech: Kultur und Religion der Germanen. 13. Auflage. WBG, Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-229-0, Band 1, S. 33ff., Bernhard Maier: Die Religion der Germanen. C.H. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50280-6, S. 32ff. Der religiöse Kult einer bestimmten Gottheit, beispielhaft am prägnanten Opferwesen, war nach dem do ut des Prinzip ausgerichtet, des ich gebe, damit du gibst. Haben jedoch die alten Götter nicht mehr gegeben, wurde nüchtern der Stärke verheißende Christengott erwählt, neben reinen ordnungs- oder machtpolitischen Zwecken des Religionswechsels seitens des bestimmenden angelsächsischen Adels.Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter. Ullstein, Berlin 1999, ISBN 3-548-26513-8, S. 37ff. Ebenfalls ist die Trennung des Zaubers und der Magie vom übrigen religiösen Kult nicht angebracht, als beispielsweise verstandene Praktiken einer primitiven Stufe des Aberglauben. Die Sphäre des Zaubers ist als integraler Bestandteil und Ausformung des religiösen Kultus und Ritus anzusehen. Die Germanen, mithin die Angelsachsen, unterschieden nicht zwischen den Begriffen Religion und Zauber, wie die mediterrane Welt, noch in deren grundsätzliche kategorisierende Anschauungen.Bernhard Maier: Die Religion der Germanen. C.H. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50280-6, S. 124f.

Grundlegend und prägend für die kurze 150-jährige pagane Zeit bis zur umfassenden und zeitlich folgenden nachhaltigen Christianisierung der Angelsachsen auf der Britischen Insel war die gemeinsame Herkunft aus den Gebieten der norddeutschen Niederung oder der Kimbrischen Halbinsel, größtenteils aus dem heutigen Schleswig-Holstein und den Elbmarschen. Jene germanischen Volks- und Stammesgruppen, Nordsee-Germanen (Ingwäonen), bildeten den Kern der späteren Angelsachsen.

Als Glieder dieser Kulturgruppe hatten sie an den Entwicklungen der religiösen Riten und Kulte ihrer ursprünglichen Heimat bis über die römische Kaiserzeit und die Zeit bis zur Abwanderung Anteil. Die wesentlichen Vorstellungen von den Gottheiten des 1. Jahrhunderts nahmen die Angelsachsen mit, wie beispielsweise die von Tacitus geschilderten Vegetationsriten in Verbindung mit dem Nerthuskult. Somit waren die wesentlichen Grundzüge von der religiösen Kultpraxis geprägt und relativ homogen und eng verwandt mit den kontinentalen Verhältnissen in Altsachsen, also auch bedingt durch den nicht abbrechenden Kultur- und Handelsverkehr. Deren (Altsachsen) Entwicklung war jedoch gleichfalls in Bewegung und muss unter dem Gesichtspunkt der makropolitischen Umstände der Völkerwanderung gebührend berücksichtigt werden.Heinrich Beck: Probleme einer völkerwanderungszeitlichen Religionsgeschichte. In: Die Franken und die Alemannen bis zur “Schlacht von Zülpich”. Dieter Geuenich (Hrsg.). Walter de Gruyter, Berlin / New York 1998, ISBN 3-11-015826-4, S. 475ff. Übernahme keltischen Gutes und mitgebrachte regionale Variationen des Kultes der einzelnen Volksteile wirkten sich nicht nur auf die materielle Alltagskultur aus, sondern waren Ausgangspunkt zur Entstehung einer verifizierbaren eigenständigen angelsächsischen Kultur.

Archäologische Funde, die im Kontext von Opferhandlungen stehen, dokumentieren die religiösen Kulte der Germanen. Gleichartige Zeugnisse aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. im gesamten germanischen Raum des Nordens und Südens zeigen, dass Orte mit sakraler Bedeutung bewusst von der profanen Lebenswelt getrennt wurden. Feuchte Stellen wie Seen, Moore, Flüsse, Quellen und Landmarken wurden als Orte für die Opferhandlungen gewählt. Erst in der nachrömischen Eisenzeit änderte sich dies mit stärker werdender Tendenz zur Verlagerung auf trockenen Grund.Michael Müller-Wille: Opferkulte der Germanen und Slaven. Theiss, Stuttgart 1999, S. 7, 8. Ernst Alfred Philippson: Germanisches Heidentum bei den Angelsachsen (= Kölner anglistische Arbeiten. Band 4). Verlag Bernh. Tauchnitz, Leipzig 1929, S. 44.

An der späteren Entwicklung waren die Angelsachsen nur bedingt beteiligt. Die Neigung zum Quellopfer ist geblieben und in der Ortsnamenforschung über den englischen Teil der britischen Insel als sakraler Bezug zu Quellen und fließendem Wasser belegt. Für den Süden- und Südwesten Englands sind in den mittelalterlichen schriftlichen Texten mehrmals Varianten von on (to) halgan wylle, welle festzustellen, andere sakrale Gewässer sind to halgan forde, Halgeford(t)e und broces to halgan welle broces ist gleich dem niederdeutschen Begriff Bruch, Bro(c)k für eine sumpfige Geländeniederung. Noch heutige englische Ortsnamen, die auf der Namensform Holywell variieren, bezeugen die Stellung von Quellen und im übertragenen Sinn Feuchtgebiete im religiösen Kultus der Angelsachsen.Ernst Alfred Philippson: Germanisches Heidentum bei den Angelsachsen (= Kölner anglistische Arbeiten. Band 4). Verlag Bernh. Tauchnitz, Leipzig 1929, S. 47, 48.

Die Gottheiten miniatur|Gürtelschnalle von Finglesham, Kent. Ein Beleg des Wōden Kults

Gemeingermanische Gottheiten der Angelsachsen sind: Þunor: Donnergott. In kirchlichen und literarischen Quellen als Jupiter glossiert; mit „feuriger Axt“ und „Fahrer über den Wolken“. Zahlreiche Belege aus der Ortsnamenforschung. Tīw/Tīg: Gleichsetzung in Glossen mit Mars. Ein 2004 bei Holt in Norfolk entdecktes Goldbrakteat zeigt eine männliche Gestalt, die mit dem Schwert gegen zwei Untiere kämpft. Fast identische Funde aus Niedersachsen lassen eine Deutung, bedingt durch das mythische Motiv analog zur nordischen Mythologie, auf die Gottheit zu, und mithin eine gemeingermanische Kontinuität.Alexandra Pesch: Die Götter sind überall. In: Goldbrakteaten. Archäologie in Deutschland, Ausgabe 4, 2005. Wōden: Hauptgott, in Glossen erfolgte stets die Gleichsetzung Wódens mit Mercurius. In den Stammbäumen der frühen Gentilzeit (Volksstämme) ist er der Stammvater der heptarchen angelsächsischen Königshäuser. Zahlreiche Belege aus der Ortsnamenforschung. Bældæg/Beldeg/Beldeyg: Nach Nennius Sohn Wōdens und Stammvater mehrerer angelsächsischer KönigslinienNennius: Historia Brittonum: Zweisprachige Ausgabe. Wiesbaden 2012, S. 108 f., 112 f.. Nach W. Golther mit dem nordischen Gott Balder identischWolfgang Golther: Germanische Mythologie: Vollständige Ausgabe. Wiesbaden 2011, S. 442.. Frīg: Laut Galfred von Monmouth, von Hengest oberste angelsächsische Göttin genannt, nach der der Freitag (altengl. Frīgedæg) benannt sei. Aus dem Tagesnamen rekonstruierbarWolfgang Golther: Germanische Mythologie: Vollständige Ausgabe. Wiesbaden 2011, S. 514 f..

Die Angelsachsen kannten neben diesen Gottheiten folgende mythische Figuren, deren teilweise angenommene Stellung als Gottheiten unklar ist. Neben den mythischen Hengest und Horsa als Urväter der angelsächsischen Einwanderung:

Ēostra: Nur bei Beda genannt. Ihr ist ein Fest im April (éosturmónað) geweiht. Aus dieser einen Erwähnung hatte J. Grimm eine deutsche Göttin *Ôstara rekonstruiert. Erce, sowie die Mütter der Mōdranith: Vermutlich eine Hypostase der Matronenverehrung; die Stellung als tatsächliche Gottheiten ist unklar.