Als Frühhelladikum bezeichnet man die früheste der insgesamt drei Phasen der helladischen Periode, wie die Bronzezeit auf dem griechischen Festland genannt wird. Da mit ihm die Einführung der Kenntnis um die Metallverarbeitung einherging, markiert es den Übergang vom Neolithikum in die Metallzeit. Nach gängiger Periodisierung folgt dem Frühhelladikum das Mittelhelladikum, das wiederum dem Späthelladikum vorausgeht, jener Epoche, in der mit der mykenischen Kultur in Griechenland die erste Hochkultur des europäischen Festlands entstand. Geographisch umfasst der Begriff „helladisch“ Zentralgriechenland (Phokis, Böotien, Attika), die Peloponnes (Korinth, Argolis), Thessalien und die griechischen Inseln ohne die Kykladen. Die Datierung des Frühhelladikums ist immer noch unsicher;Vergleiche Philipp B. Betancourt: Book Reviews: The Absolute Chronology of the Aegean Early Bronze Age: Archaeology, Radiocarbon and History, by Sturt W. Manning. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. Nr. 301 (Februar 1996), S. 94–95 (online, aufgerufen am 16. April 2016): „The range of suggested dates for the beginning of the period go from ca. 2300 B.C. to ca. 4000 B.C., with 25 intermediate positions between these extremes. […] From the statistics Manning compiled, the Early Bronze Age begins about 3100–3000 B.C. and ends about 2000 B.C.“ sein Beginn wird heute in der Regel um 3100/3000 v. Chr. angesetzt, sein Ende um 2000 v. Chr.Vergleiche Jeanette Forsén: Mainland Greece. In: Eric H. Cline (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Bronze age Aegean (ca. 3000–1000 BC). Oxford University Press, Oxford u. a. 2010, ISBN 978-0-19-536550-4, S. 53–65. Hier S. 53. Damit entsprechen dem Frühhelladikum die frühminoischen Epoche Kretas, die frühe Phase der Kykladenkultur sowie in etwa Troja I–IVVergleiche Sturt W. Manning: The absolute chronology of the Aegean Early Bronze Age : archaeology, radiocarbon and history. Sheffield Academy Press, 1995, ISBN 1-85075-336-9, S. 79–91. und das Alte Königreich Ägyptens.
Da die frühesten ägäischen Schriftquellen (Linear A und Linear B) aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. stammen und die Mythen und frühgriechische Literatur keinesfalls vor 1200 v. Chr. aufgezeichnet wurden, basieren wissenschaftliche Erkenntnisse zur griechischen Frühbronzezeit fast ausschließlich auf archäologischen Methoden. Die archäologische Erforschung des Frühhelladikums begann am Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu den wichtigsten ausgegrabenen frühbronzezeitlichen Siedlungen in Griechenland gehören Korakou, Zygouries und Tsoungiza in Korinthia, Ägina-Kolonna im Saronischen Golf, Lerna und Tiryns in der Argolis, Manika auf Euböa sowie Eutresis in Böotien. Das wohl bekannteste Gebäude der gesamten Epoche stellt das sogenannte Haus der Ziegel in Lerna dar.
Die frühbronzezeitliche Bevölkerung Griechenlands lebte in meist unweit der Küste gelegenen Siedlungen, die nicht selten befestigt waren. Sie betrieb Ackerbau, Viehzucht und Fischerei,Vergleiche etwa für den Fall Lerna Eva Alram-Stern: Die Ägäische Frühzeit: 2. Serie, Forschungsbericht 1975–2002, Bd. 2: Die Frühbronzezeit in Griechenland, mit Ausnahme von Kreta. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften 2004, ISBN 978-3-7001-3268-4, S. 611. und es gab Kontakte mit anderen Kulturen des Mittelmeerraums, etwa den Kykladen.Vergleiche etwa für Messenien Eva Alram-Stern: Die Ägäische Frühzeit: 2. Serie, Forschungsbericht 1975–2002, Bd. 2: Die Frühbronzezeit in Griechenland, mit Ausnahme von Kreta. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften 2004, ISBN 978-3-7001-3268-4, S. 653. Die Kenntnis um die Schmiedekunst ist archäologisch belegt. Die über Generationen von Archäologen und Althistorikern anerkannte These, im Frühhelladikum II/III seien die Indogermanen nach Griechenland eingewandert, wird seit den 1990er Jahren zunehmend bezweifelt. Manche Forscher halten eine Einwanderung bereits in neolithischer Zeit oder im FH I für wahrscheinlich.
Forschungsgeschichte
Pionierarbeit bei der Erforschung der Bronzezeit auf dem griechischen Festland leisteten am Ende des 19. Jahrhunderts vor allem deutsche Archäologen: So wurden erste Grabungen in Olympia unter Leitung Ernst Curtius’ sowie in Mykene und Tiryns unter Leitung Heinrich Schliemanns durchgeführt. Das Hauptinteresse galt jedoch in dieser Phase der klassischen Antike bzw. der späten Bronzezeit, zumal Schliemann beabsichtigte, durch seine Arbeit die Mythen Homers zu verifizieren. Bei seinen Grabungen, die darauf abzielten, möglichst schnell zu den Überresten aus der Zeit des Trojanischen Krieges zu gelangen, zerstörte er nicht selten die Siedlungsschichten aus früheren Epochen. In Tiryns ergaben die späteren Grabungen unter der Leitung von Wilhelm Dörpfeld, Kurt Müller und Georg Karo, die in den Jahren zwischen 1905 und 1929 durchgeführt wurden, weitere Rückschlüsse auf die einstmals herausragende Bedeutung der Stadt in prähistorischer Zeit. Für die helladische Periode bedeutend waren außerdem die Ausgrabungen in Orchomenos (zunächst Schliemann, dann Heinrich Bulle), Argos (Carl Wilhelm Vollgriff), Agia Marina in Phokis (Georgios Sotiriadis), Chaironeia (Alan Wace, Maurice S. Thompson) sowie Gonia und Yiriza in Korinthia.Vergleiche Jeanette Forsén: The Twilight of the Early Helladics. Paul Åströms, Universität Kalifornia 1992, (= Studies in Mediterranean archaeology and literature. Bd. 116), ISBN 978-91-7081-031-2, S. 10.
Einen Meilenstein für die archäologische Erforschung des Frühhelladikums stellte die Ausgrabung Korakous in der Nähe Korinths 1915–1916 unter Leitung Carl William Blegens dar.Vergleiche Carl W. Blegen: Korakou. A prehistoric settlement near Corinth. American School of Classical Studies at Athens, Boston und New York 1921 (als PDF-Datei online, aufgerufen am 13. April 2016), S. 1. Auf ihr beruht die erste Klassifizierung der helladischen Keramikstile.
Weitere Ausgrabungen frühhelladischer Siedlungen, etwa in Zygouries (1921–1922),Vergleiche Carl W. Blegen: Zygouries. A prehistoric settlement in the valley of Cleonae. Harvard University Press, Cambridge 1928, (online, aufgerufen am 16. April 2016), S. vii. Asea Paleokastro (1930er Jahre)Vergleiche I. Unkel, A. Schimmelmann, C. Shriner, J. Forsén, C. Heymann and H. Brückner: The environmental history of the last 6500 years in the Asea Valley (Peloponnese, Greece) and its linkage to the local archaeological record. In: Zeitschrift für Geomorphologie, Supplementary Issue. (online, aufgerufen am 16. April 2016 um 17:50 Uhr), S. 3. oder Mastos im Berbatital (1937)Vergleiche Jeanette Forsén: The Twilight of the Early Helladics. A Study of the Disturbances in East-Central and Southern Greece Towards the End of the Early Bronze Age. Paul Åströms, Universität Kalifornia 1992, (= Studies in Mediterranean archaeology and literature. Bd. 116), ISBN 978-91-7081-031-2, S. 11. lieferten zwar weitere Informationen zur frühhelladischen Epoche, vor allem zur Architektur, blieben jedoch alle im Vergleich zur Ausgrabung Lernas, die von 1952 bis 1958Vergleiche John L. Caskey: Lerna in the Early Bronze Age. In: American Journal of Archaeology. Bd. 72, Nr. 4 (Oktober 1968), Archaeological Institute of America, S. 313–316 (online, aufgerufen am 13. April 2016), S. 313. unter Leitung John Langdon Caskeys erfolgte, zweitrangig. Als ebenfalls bedeutend hat sich das in einer ersten Phase 1924–1927 von Hetty Goldman, in einer zweiten Phase in den 1950er Jahren ebenfalls von Caskey ausgegrabene Eutresis erwiesen.Vergleiche Daniel Pullen: The Early Bronze Age in Greece. In: Cynthia W. Shelmerdine (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Aegean Bronze Age. Cambridge and New York, Cambridge University Press 2008, ISBN 978-0-521-81444-7, S. 19–46 (online, aufgerufen am 16. April 2016). Hier S. 25. Die Ergebnisse der Ausgrabungen von Lerna, bei der Caskey insgesamt sieben (mitunter auch noch neolithische) Schichten unterschied,Vergleiche John L. Caskey: The Early Helladic Period in the Argolid. In: Hesperia (The American School of Classical Studies at Athens) 29 (3), S. 285–303, 1960, (als PDF-Datei online, aufgerufen am 13. April 2016), S. 216. beeinflussten das Bild von der Epoche nachhaltig, zumal Caskey mit ihnen auch die Einwanderung der Indogermanen nach Griechenland neu datierte (siehe Kontroverse um die indogermanische Einwanderung).
Während die Nekropole von Manika (auf Euböa) bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt worden war, gelang es erst 1953, die zugehörige Siedlung zu lokalisieren. 1973 entdeckte Adamantios Sampson weitere Gebäude, und im Laufe der folgenden Grabungen stellte sich Manika mit einer Fläche von 80 ha als die bisher größte bekannte frühhelladische Siedlung heraus.Vergleiche Eva Alram-Stern: Die Ägäische Frühzeit: 2. Serie, Forschungsbericht 1975–2002, Bd. 2: Die Frühbronzezeit in Griechenland, mit Ausnahme von Kreta. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften 2004, ISBN 978-3-7001-3268-4, S. 703 f.
Chronologie
Die bis heute gebräuchliche Chronologie für die ägäische Bronzezeit geht auf den britischen Archäologen Arthur Evans zurück, der während seiner Ausgrabungen in Knossos (Kreta) die erste Chronologie der minoischen Kultur konstruierte. Er orientierte sich dabei hauptsächlich an der Stratigraphie – den aufeinanderfolgenden Siedlungsschichten, die die Reihenfolge für die Keramikstile angeben sollten. Evans, der dachte, die minoische Kultur hätte sich ähnlich wie die ägyptische entwickelt (was in der heutigen Forschung als widerlegt gilt), teilte deshalb in Analogie zum Alten, Mittleren und Neuen Reich des alten Ägypten die minoische Kultur in drei Phasen ein: Frühminoikum, Mittelminoikum und Spätminoikum.Vergleiche J. Lesley Fitton: Die Minoer. Theiss, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-8062-1862-6, S. 22–32. Es war auch Evans, der in seinem Monumentalwerk The Palace of Minos erstmals den Begriff „helladic“ verwendete.Vergleiche John L. Caskey: Aegean Terminologies. In: Historia: Zeitschrift für Alte Geschichte. Bd. 27, H. 3, Franz Steiner Verlag 1978, S. 488–491 (online, aufgerufen am 16. April 2016). Hier S. 489.
Infolge der Ausgrabungen von Korakou gelang es Carl Blegen gemeinsam mit Alan Wace, der Ausgrabungen in Mykene durchführte, eine Klassifizierung der Keramikstile der vormykenischen Perioden vorzunehmenVergleiche Daniel Pullen: The Early Bronze Age in Greece. In: Cynthia W. Shelmerdine (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Aegean Bronze Age. Cambridge and New York, Cambridge University Press 2008, ISBN 978-0-521-81444-7, S. 19–46 (online, aufgerufen am 16. April 2016). Hier S. 19. und die erste helladische Chronologie überhaupt auszuarbeiten, nach der die Evan’sche Dreiteilung der kretischen Bronzezeit auf das Festland übertragen wurde.Vergleiche dazu (aufgerufen am 12. April 2016 um 23:22 Uhr): „In 1918 Wace and Blegen, in imitation of Evans’ tripartite scheme for Crete, divided the Mainland Greek Bronze Age into Early, Middle, and Late […]“ Blegen und Wace veröffentlichten ihre Ergebnisse erstmals 1918 in ihrem Artikel The Pre-Mycenaen Pottery of the Mainland, detailliertere Ergebnisse brachte Blegens 1921 erschienenes Buch Korakou. A prehistoric settlement near Corinth.Vergleiche R. A. McNeal: Helladic Prehistory through the Looking-Glass. In: Historia. Bd. 24, H. 3, Franz Steiner Verlag 1975, S. 385–401 (online, aufgerufen am 16. April 2016), S. 386 f. Hier verwandte Blegen auch erstmals die feinere Unterteilung in die Substufen FH I, II und III.Vergleiche Carl W. Blegen: Korakou. A prehistoric settlement near Corinth. American School of Classical Studies at Athens, Boston und New York 1921 (als PDF-Datei online, aufgerufen am 13. April 2016), S. 14.
Diese relative Chronologie hat sich bis heute gehalten und wurde nicht nur auf das griechische Festland, sondern auch auf die Kykladen übertragen, obgleich sie Probleme birgt, wie etwa die Tatsache, dass Evans Keramikstile und Perioden den gleichen Namen gab, letztere sich jedoch oft überschneiden.