Das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition (RMfBuM) im Kabinett Hitler, ab 2. September 1943 Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion, war ein am 17. März 1940 eingerichtetes Ministerium des Deutschen Reiches, dessen Aufgabe die Versorgung der Wehrmacht mit Waffen und Munition war. Es hatte etwa 500 Mitarbeiter und befand sich im früheren Palais Wrangel am Pariser Platz 3.
Fritz Todt Nachdem die deutsche Rüstungsindustrie bei der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ und dem Überfall auf Polen mit dem Bedarf der Wehrmacht an Waffen und Munition kaum mithalten konnte, wurde am 17. März 1940 mit einem Führererlass (vgl. RGBl. I, S. 513)RGBl. 1940 I, S. 513 das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition gegründet und Fritz Todt als Minister bestellt. Todt sollte die Kriegswirtschaft auf den für die geplanten weiteren Kriegszüge notwendigen Stand bringen.
Seine Organisation Todt arbeitete mit privaten Kontraktfirmen zusammen und hatte allen megalomanen Versuchungen widerstanden, ein großer Baukonzern zu werden. Die Manager in der Industrie schätzten den unprätentiösen Technokraten Todt und sahen ihn als ihresgleichen an.Ludolf Herbst: Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Frankfurt am Main 1996, S. 299.
Die Presseabteilung des Ministeriums publizierte eine Bildwerkreihe mit Abbildungen von aktuellen Werken der bildenden Kunst, u. a. von Paul Burghard.
Wirtschaftsführungsstab Ost Federführend für die Ausarbeitung der wehrwirtschaftlichen Planung des Überfalles auf die Sowjetunion war der Wirtschaftsführungsstab Ost (WiFüStab Ost), welcher von den Staatssekretären des Amtes für den Vierjahresplan dominiert wurde. Sein praktisches Ergebnis war die Grüne Mappe.
Am 14. Juli 1941 forderte der WiFüStab Ost beim Oberkommando der Wehrmacht die „baldige Ghettoisierung“ der Juden in den neu besetzten Teilen der Sowjetunion, damit „die zuverlässigen Nicht-Juden zum Zuge kommen“.Götz Aly und Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-11268-0, S. 506.
Am 28. Juli 1941 besprachen die Mitorganisatoren der NS-Krankenmorde, Viktor Brack und Richard von Hegener, mit dem Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes des OKW Georg Thomas Möglichkeiten der Unterstützung durch sein Amt bei der Durchführung des Sonderauftrages des Führers.
Am 31. Juli 1941 sprachen Wehrwirtschaftsgeneral Thomas und Hermann Görings Staatssekretär Paul Körner über „Organisationsfragen Russland“. In der anschließenden Sitzung des WiFüStab Ost erklärte Backe erneut, dass für die Versorgung der Stadtbevölkerung der UdSSR „nur ganz geringe Mengen verfügbar“ seien. Göring beauftragte wenig später Reinhard Heydrich, „eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa“ vorzubereiten.Aly/Heim: Vordenker der Vernichtung, S. 507.
Akademisierung der Wehrwirtschaft Todt wurde über die Bilanzen der Rüstungsbetriebe und der strategischen Produktionsmittel im deutschen Machtbereich informiert und erstattete Hitler Bericht. Die deutschen wehrwirtschaftlichen Strategien zum Zweiten Weltkrieg waren durch wissenschaftliche Expertise eingehend überprüft. Allein das Kieler Institut für Weltwirtschaft erstellte zu diesen Themen mehr als 1.600 Gutachten.Aly/Heim: Vordenker der Vernichtung. S. 12. Auch Minister Todt wies Hitler auf das Ungleichgewicht zwischen den überlegenen Volkswirtschaften Großbritanniens und Amerikas und dem deutschen/kontinentaleuropäischen Wirtschaftspotenzial hin; er starb am 8. Februar 1942 bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe der Wolfsschanze.
Albert Speer Hitler ernannte nach Todts Ableben seinen bisherigen Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, Albert Speer, zum Nachfolger auf dem Ministerposten und sämtlichen Posten von Todt, darunter die Ämter Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, Generalinspektor für Festungsbau und Generalinspektor für Wasser und Energie. Speer war, anders als Todt, nicht mehr von Göring abhängig, sondern galt als Hitlers enger Vertrauter. Mit einem Führerbefehl vom 31. März 1942 wurde Speer ermächtigt, einschneidende Maßnahmen zur Vereinheitlichung der Rüstungswirtschaft anzuordnen. Gleichzeitig wurde durch diesen Führererlass die angebliche Selbstverantwortung der in der deutschen Wirtschaft führenden Männer herausgestellt (die faktisch zunehmend in eine straffe staatliche Planwirtschaft eingebunden wurden) und so auch für das Erhebungswesen eine neue Grundlage geschaffen.Vgl. google books „Führererlasse 1939–1945“ Zusammengestellt und eingeleitet von Martin Moll. Stuttgart 1997.
Mit der im April 1942 geschaffenen Zentralen Planung erreichte Speer eine zentrale Steuerung der Wirtschaft nach staatlichen Belangen und konnte dabei auf alle Bereiche der Kriegswirtschaft zurückgreifen (z. B. auf die wichtigen Rohstoffkontingente an Betriebe). Der vom Speer-Ministerium propagandawirksam zusammengestellte (aber nicht immer auf realen Grundlagen beruhende) Rüstungsindex stieg laufend und erreichte im Juli 1944 sein Maximum (1944 = 322 zu 1940 = 100).Bekundete der Stellvertretende Leiter der DAF, Staatsrat Rudolf Schmeer in Neuordnung des Berichtswesens, in: Der deutsche Volkswirt, Ausgabe vom 21. August 1942, S. 1502; wiedergegeben nach Götz Aly, Karl Heinz Roth: Die restlose Erfassung: Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus. Fischer, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-596-14767-0 (Englische Version) bei books.google.com online S. 139.
Nebenbei wurde dem Rüstungsministerium auch das Maschinelle Berichtswesen (MB) unterstellt. Das MB beruhte als Serviceleistung auf der in den Rüstungsbetrieben großflächig eingeführten Lochkartentechnik. Mit dem MB konnten aus dem Speerministerium die verfügbaren Produktionsmittel zeitnah disponiert und Produktionsentscheidungen getroffen werden. Zu diesen Produktionsmitteln gehörten – was in den zeitgenössischen und späteren Publikationen gern heruntergespielt wurde – Zwangsarbeiter und Konzentrationslager-Häftlinge.
Diese rationale, im polykratischen NS-System ungewöhnliche Weisungsbefugnis über alle wehrwirtschaftlich wesentlichen Bereiche des sozialen Lebens macht im Umkehrschluss Speer auch für den Häftlingseinsatz in Auschwitz verantwortlich. Speer hatte in Einzelbeurteilungen und später pauschal SS-Wirtschaftsbetrieben das Plazet der Kriegswichtigkeit bescheinigt.Sonderprogramm Prof. Speer in Auschwitz-Birkenau: »In Anwesenheit seiner leitenden Mitarbeiter für Rüstung, Arbeitskräfte und Bauen genehmigte er da dem Chef des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts Oswald Pohl und dessen Bau-Chef Hans Kammler die Vergrößerung des Barackenlagers Auschwitz. Damit genehmigte er als Rüstungsminister und oberster Kontingentverwalter das SS-Bauvorhaben, und förderte es als Generalbevollmächtigter für die Regelung der Bauwirtschaft (Generalbevollmächtigter (GB) Bau).« http://www.wdr.de/tv/speer_und_er/02Nachspiel02AufsatzWillems.phtml
Ausschüsse und Ringe 1942 schuf Speer unter dem Schlagwort „Selbstverantwortung der Industrie“ im Reichsministerium ein System von Ausschüssen und Ringen, die von Industriellen geleitet wurden. Er verkündete: .Gustav Luntowski: Hitler und die Herren an der Ruhr. Frankfurt am Main 2000, S. 207. Zum Stand Ende April 1942 wurden die Hauptausschüsse von folgenden Personen geleitet:Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft. Berlin 1985, Band 2, S. 65 f.
Munition: Edmund Geilenberg Panzerwagen: Walter Rohland Waffen: Arthur Tix Allgemeines Wehrmachtsgerät: Wilhelm Zangen Maschinen: Karl Lange Kriegsschiffe: Rudolf Blohm Schienenfahrzeuge: Gerhard Degenkolb Kraftfahrzeuge: Paul Werners Flugzeugzellen: Karl Freydag Triebwerke: William Werner Flugzeugausrüstung: Hans Heyne Nachrichtengerät: Friedrich Lüschen
Speer äußerte im Mai 1943 gegenüber Hitler beim Vortrag im Führerhauptquartier, dass beim Aufbau seiner Rüstungsorganisation worden sind.Rolf-Dieter Müller: Albert Speer und die Rüstungspolitik im Totalen Krieg. In: MGFA (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Stuttgart 1999, Band 5/2, S. 332.
Die Industriellen wurden mit staatlichen Hoheitsfunktionen ausgestattet, so dass Gustav Luntowski von einer im Rüstungsbereich spricht.Luntowski: Hitler und die Herren an der Ruhr. S. 208. Dietrich Eichholtz spricht von einer neuen Stufe in der Verschmelzung von Staats- und Monopolmacht im Staatsmonopolistischen Kapitalismus, denn ein Hauptausschuss nahm jetzt gleichzeitig die Aufgaben eines Industriezweigministeriums und eines überdimensionalen Trustes wahr.Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft. Band 2, S. 69. Für Rolf-Dieter Müller überschätzt die marxistische Interpretation von einer „weiteren Verschmelzung von Staats- und Monopolmacht“ im System Speer die Wirksamkeit und den Charakter der organisatorischen Veränderungen im gleichen Maße wie sie durch die im Werk Die Mächtigen und der Tyrann vertretene apologetische Behauptung, die habe auf der Industrie gelastet, unterschätzt werden.Müller: Albert Speer und die Rüstungspolitik im Totalen Krieg. In: MGFA (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 5/2, S. 317 f. Nach einem Bericht von Franz Neumann und Paul Sweezy für den amerikanischen Geheimdienst OSS waren die Industriellen mit dem System der Ausschüsse gezwungen Verantwortung für die wirtschaftliche Kriegsführung zu übernehmen, ob sie wollten oder nicht.Raffaele Laudani (Hrsg.): Im Kampf gegen Nazideutschland. Die Berichte der Frankfurter Schule für den amerikanischen Geheimdienst 1943–1949. Frankfurt am Main 2016, S. 109 f. Nach Werner Abelshauser war es keine „Selbstverwaltung der Industrie“, sondern eine Diktatur, der sechstausend dynamischsten, regimetreuesten und durchsetzungsfähigsten Manager, Techniker und Ingenieure aus der Privatindustrie über die Privatindustrie.Werner Abelshauser: Rüstungsschmiede der Nation? Der Kruppkonzern im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit 1933 bis 1951. In: Lothar Gall (Hrsg.): Krupp im 20. Jahrhundert. Berlin 2002, S. 441. Nach Erich Welter waren die Leiter der Ausschüsse und Ringe . Sie blieben jedoch für ihre Unternehmen tätig und wurden von diesen bezahlt.Hans-Erich Volkmann: Zum Verhältnis von Großwirtschaft und NS-Regime im Zweiten Weltkrieg. In: Wacław Długoborski (Hrsg.): Zweiter Weltkrieg und sozialer Wandel. Göttingen 1981, S. 98. Für Martin Broszat verschmolz in den Ausschüssen und Ringen das führerstaatliche Prinzip der Staatsorganisation mit den Führungs- und Koordinationsapparaturen der Großindustrie zu einer kaum noch unterscheidbaren Einheit. Fritz Sauckel sagte vor amerikanischen Vernehmungsoffizieren aus: Martin Broszat: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung. München 1983, S. 375 und 377.
Auf Grund des am 18. Februar 1943 von Hitler unterzeichneten Erlasses über die Stilllegung unrationell arbeitender Betriebe der Rüstungsindustrie hatten die Ringe und Ausschüsse über den Fortbestand kleiner Betriebe ihrer Branche zu entscheiden. Bei vielen Beobachtern nährte das den Argwohn, dass unter dem Vorwand kriegsbedingter Notwendigkeiten unliebsame Konkurrenten aus dem Weg geschafft werden sollten. Man ging davon aus, dass trotz aller gegenteiligen Versicherungen eine Stilllegung praktisch die Auflösung der Firma bedeutete. Goebbels griff die ganze Stilllegungsaktion in einer Sitzung des Dreimännergremiums am 24. Juni 1943 scharf an: Sie stehe im krassen Widerspruch zum Parteiprogramm, da der Mittelstand als tragende Schicht des Nationalsozialismus nicht geschützt, sondern weitgehend vernichtet worden sei.Bernhard R. Kroener: „Menschenbewirtschaftung“, Bevölkerungsverteilung und personelle Rüstung in der zweiten Kriegshälfte (1942-1944). In: MGFA (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Stuttgart 1999, Band 5/2, S. 887 f.
Rüstungsrat Im April 1942 berief Speer einen Rüstungsrat. Ihm gehörten an:Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft. Band 2, S. 72.