mini|Eine von elf gefundenen römischen Kopien einer verlorenen griechischen Antisthenes-Darstellung. Sie befindet sich heute in den Vatikanischen Museen.Inventarnummer 288; weitere Information zu diesem Bildnis beispielsweise bei Arachne
Antisthenes (altgriechisch Ἀντισθένης Antisthénēs; * um 445 v. Chr.; † um 365 v. Chr.) war ein griechischer Philosoph der Antike. Er lebte in Athen und war Begründer sowie einer der Hauptvertreter der Lehre des Kynismus.
Antisthenes dürfte zu seiner Zeit einer der bekanntesten Philosophen Athens gewesen sein. Er war ein Schüler des 20 Jahre älteren Sokrates, ein Zeitgenosse Platons und ein Lehrer des Kynikers Diogenes von Sinope. In der Philosophiegeschichte wird Antisthenes oft zu den sogenannten kleinen Sokratikern gezählt.
Schriften des Antisthenes sind – außer zwei kurze Übungsreden – nicht erhalten. Was man heute über sein Leben und seine Lehre weiß, wurde aus Berichten anderer antiker Autoren gesammelt. Insgesamt ist die Überlieferungslage schlecht. Die wichtigsten Auskünfte über Antisthenes stammen von seinem Zeitgenossen Xenophon, Aristoteles und dem im 3. Jahrhundert tätigen Philosophiehistoriker Diogenes Laertios.
Antisthenes war dafür bekannt, Luxus und Reichtum geringzuschätzen, Bedürfnislosigkeit hingegen zu befürworten. Auf dem Gebiet der Logik hat sich Antisthenes mit Definitionen und Aussagen beschäftigt; auf dem der Erkenntnistheorie hat er gegen die Ideenlehre Platons die Existenz der platonischen Ideen angezweifelt. Außerdem hat er politische Fragen behandelt und Werke des Dichters Homer interpretiert.
Leben Die Lebenszeit Antisthenes’ ist vergleichsweise gut aus den antiken Berichten rekonstruierbar und wird auf 445 bis 365 v. Chr. geschätzt.Klaus Döring: Antisthenes. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 268–280, hier: S. 269.
Antisthenes war der Sohn eines gleichnamigen Athener Bürgers und einer Thrakerin.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,1. Er selbst soll – zumindest eine Zeit lang – im 8 km von Athen entfernten Piräus gewohnt haben.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,2. Antisthenes starb im Alter von etwa 80 Jahren infolge einer Krankheit.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,18-19. Er war in die Orphischen Mysterien eingeweihtDiogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,4. und erhielt eine Auszeichnung in der Schlacht von Tanagra.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,1.
mini|Eine weitere Kopie des verlorenen Originals. Sie wurde in Rom an der Via Appia gefunden und befindet sich heute im British Museum.Inventarnummer 1838; weitere Informationen zu diesem Bildnis bei Arachne Über die äußere Erscheinung des Antisthenes, der den Beinamen „reiner Hund“ (haplokyon) führte,Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,13. wird berichtet, dass er bei einer Begegnung mit Sokrates einen schäbigen Mantel getragen habeDiogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,8. und dass er generell nichts als einen doppelt umgeschlagenen Mantel getragen und Stock und Hängetasche mitgeführt haben soll.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,13. Zur Beschreibung seines Charakters wird gesagt, er sei „ein ungewöhnlicher Mann, der durch geistvollen Umgang jedermann für sich einnimmt.“Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,14. Beim spätantiken Philosophiehistoriker Diogenes Laertios stehen auch zahlreiche Anekdoten aus dem Leben des Antisthenes und etliche ihm zugeschriebene prägnante Aussprüche. In Xenophons Symposion tritt Antisthenes einerseits als kynischer Philosoph und bedürfnisloser Mensch auf, andererseits als ständig stichelnder Kritiker, der die Ansichten der anderen Gesprächspartner hinterfragt, sich gerne mit anderen anlegt und sich gelegentlich auch über sie lustig macht. Beispielsweise bezeichnet er Xanthippe, die Ehefrau des Sokrates, als diejenige, „die unter allen lebenden, ja, meines Bedünkens, unter allen die ehemals gelebt haben und künftig leben werden, die unerträglichste ist“Xenophon, Symposion (Gastmahl) 4. und fragt einen gewissen Nikeratos, der Ähnlichkeiten mit den antiken Rhapsoden aufweist, ob er ein „alberneres Volk in der Welt als die Rhapsoden“ kenne.Xenophon, Symposion (Gastmahl) 3.
Anfangs war Antisthenes wahrscheinlich ein Schüler des Sophisten Gorgias von Leontinoi,Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,2. wechselte später aber zu den Anhängern des Sokrates, „dessen Standhaftigkeit und Gelassenheit (apatheia) er sich zu eigen machte und damit die kynische Lebensweise begründete.“Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,2. Seine Gespräche hat Antisthenes in einem athenischen Gymnasion, dem Kynosarges, geführt.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,13. Dieses war denjenigen Athenern für ihre Übungen zugeteilt worden, die wie Antisthenes einen nicht-athenischen Elternteil hatten und somit politisch nicht als volle Bürger zählten.Demosthenes, Gegen Aristokrates 213 (online)
Isokrates verfasste zwei Reden,Gegen die Sophisten und Helenarede. in denen er sich gegen die Sokratiker und auch speziell gegen die Kyniker und Antisthenes wandte. Basierend auf diesem Dokument, gehen einige Forscher davon aus, dass Antisthenes in den ersten Jahrzehnten nach dem Tod des Sokrates der berühmteste Sokratiker war, also auch berühmter als Platon.Andreas Patzer: Antisthenes der Sokratiker, Teildruck, Dissertation Heidelberg 1970, S. 238–246.
Das Verhältnis zu Platon war kritisch. So soll Antisthenes ihn wegen seiner Aufgeblasenheit, Protzigkeit und Arroganz verspottet haben.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,7. In einem Wortspiel nannte er ihn statt Platon („mit breiter Stirn“) Sathon („mit dickem Glied“).Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 3,35. In 6,16 ist ein Dialog namens Sathon angeführt, den auch Athenaios zwei Mal (5,220d und 11,507a) erwähnt. Diogenes Laertios stellt an drei Stellen einen Bezug zwischen Antisthenes und der Schule der Stoa her,Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,14-15 und 19. die möglicherweise von der Lehre des Antisthenes beeinflusst war.
Lehre Antisthenes gilt bereits dem antiken Philosophiehistoriker Diogenes Laertios als Begründer einer neuen Richtung innerhalb der Philosophie, die später die Bezeichnung Kynismus erhielt. Der Kynismus wurde vor allem für seine Ethik bekannt, die sich für Bedürfnislosigkeit und gegen Luxus sowie gesellschaftliche Konventionen ausspricht. Der berühmteste der wenigenDiogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,4. Schüler des Antisthenes war Diogenes von Sinope, weitere Vertreter des Kynismus finden Philosophiehistoriker bis ins 4. Jahrhundert.
Schriften Antisthenes hat zahlreiche Schriften verfasst, Diogenes Laertios gibt die Titel von 60 bis 70 Werken an, die in 10 Bänden gesammelt waren.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,15-18. Unter ihnen waren Dialoge,Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,2. Traktate und Übungsreden.Klaus Döring: Antisthenes. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 268–280, hier S. 271. Eingehend untersucht wurde der Katalog und seine Rezeption von Andreas Patzer.Andreas Patzer: Antisthenes der Sokratiker, Teildruck, Dissertation Heidelberg 1970, S. 51–53 und 107–163, siehe auch S. 91–107. Welche der genannten Schriften es tatsächlich gegeben hat, ist unklar.Vgl. Th. Birt: Das antike Buchwesen, Bonn 1974, S. 449. Grundsätzlich stuft man den Schriftenkatalog bei Diogenes allerdings als vertrauenswürdig ein und geht davon aus, dass er ihn möglicherweise nach ihm vorliegenden Bibliothekskatalogen, vor allem aber nach daraus entstandenen Sammelschriften erstellt hat.Andreas Patzer: Antisthenes der Sokratiker, Teildruck, Dissertation Heidelberg 1970, S. 118–122. Die in Frage kommenden philosophiehistorischen und biographischen Schriften, die auch Bücherlisten enthielten, entstanden zur Zeit des Hellenismus, vor allem in den Städten Alexandria und Pergamon. In Frage kommende Autoren, die Antisthenes mit Sicherheit behandelt haben, waren Satyros von Kallatis, Hermipp, Sotion von Alexandria (* um 200 v. Chr.; † 170 v. Chr.), Panaitios und Herodikos von Babylon.Andreas Patzer: Antisthenes der Sokratiker, Teildruck, Dissertation Heidelberg 1970, S. 123–124. Patzer schließt aus der Anordnung der Schrifttitel, dass es in der Antike eine Gesamtausgabe der Schriften Antisthenes’ gegeben haben muss,Andreas Patzer: Antisthenes der Sokratiker, Teildruck, Dissertation Heidelberg 1970, S. 127. was auch Diogenes Laertios' Bericht von einem zehnbändigen Werk nahelegt.
Einige Forscher schreiben Antisthenes die zwei erhaltenen, äußerst kurzen Übungsreden Aias und Odysseus zu, die nach den Helden Ajax dem Großen und Odysseus benannt sind. Sie wurden in Handschriften von Rednern überliefert.Andreas Patzer: Antisthenes der Sokratiker, Teildruck, Dissertation Heidelberg 1970, S. 45. In ihnen beanspruchen Ajax und Odysseus die Waffen des gestorbenen Achilleus für sich.Klaus Döring: Antisthenes. In: Hellmut Flashar: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 268–280, hier: S. 271.
Antisthenes hat auch Interpretationen zu Dichtungen Homers verfasst. Über diese Interpretationen hat später Porphyrios referiert, wovon noch so genannte Homerscholien erhalten sind.Vgl. Klaus Döring: Antisthenes. In: Hellmut Flashar: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 268–280, hier: S. 278–280.
Ethik
Luxus und Bedürfnislosigkeit Antisthenes richtete sich gegen ein luxuriöses Leben: „Meinen Feinden wünsche ich, dass ihre Kinder in Luxus leben!“Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,8. Einmal soll er den Ehemann einer stark aufgeputzten Frau aufgefordert haben, ihm Pferd und Waffen zu zeigen, da luxuriöser Aufputz erst nach zureichender Verteidigung kommen dürfe.Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,10. Im Gegensatz zum Luxus lobt Antisthenes die Autarkie im Sinne von Bedürfnislosigkeit.Karl Müller: Fragmenta historicorum Graecorum, 2, 283, 51.
Als sich in Xenophons SymposionVgl. Xenophon, Symposion (Gastmahl) 3-4. die Frage stellt, worauf sich Antisthenes am meisten einbilde, antwortet dieser, auf seinen Reichtum. Als sich herausgestellt hat, dass er weder einen Groschen Bargeld, noch Grund und Boden besitzt, erklärt er, dass Reichtum „nicht in unseren Häusern, sondern in unseren Seelen“ liege. Direkt auf dieses Zitat folgt eine längere Stelle, in der Antisthenes seine Position – dem kurz danach auch die „Kunst nichts zu bedürfen“ zugeschrieben wird – in Bezug auf Luxus und Bedürfnislosigkeit darlegt. So gäbe es sehr Reiche, die trotzdem immer noch mehr Geld anhäufen wollen und wie einige Tyrannen nicht einmal vor Mord und Versklavung ganzer Städte zurückschrecken. Er selbst habe wenig, aber doch genug zu essen, trinken sowie Kleidung und ein Haus. Er stehe ungern auf und begnüge sich mit Menschen, mit denen niemand sonst etwas zu tun haben möchte. Er genieße was er habe und würde im Fall des Falles nicht viel verlieren. Hin und wieder leiste er sich eine Kleinigkeit, führe aber ein wenig anspruchsvolles Leben und brauche wenig Geld. Sein Reichtum bestehe aus Schätzen in seiner Seele, die er wie Sokrates gerne mit anderen teile, und in ausgiebig vorhandener Freizeit, die er gerne mit Sokrates verbringe.
Tugend Im folgenden Zitat über die Ethik des Antisthenes steht der Begriff der Tugend (arete) im Zentrum: