mini|Rached Ghannouchi (2017) Rached al-Ghannouchi (; * 22. Juni 1941 als in El Hamma) ist ein tunesischer Politiker und islamisch-politischer Theoretiker. Er führt seit den 1970er Jahren eine politische Bewegung an, die einen demokratischen islamischen Staat propagiert und mit den hart kritisierten despotischen Regimen der tunesischen Präsidenten Habib Bourguiba und Zine el-Abidine Ben Ali in Konflikt geriet. Diese Bewegung wurde 1989 in Ennahda umbenannt und erhielt 2011 die Zulassung als Partei. Al-Ghannouchi selbst verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis und ging 1989 ins Exil nach London. Nach der Revolution in Tunesien 2010/2011 kehrte er nach Tunesien zurück. Ennahda gewann unter seiner Führung mit 37 Prozent der Stimmen die erste freie Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung Tunesiens 2011 und stellte von Dezember 2011 bis Januar 2014 den Ministerpräsidenten. Als Ennahda bei der Wahl zum neugeschaffenen Parlament im Oktober 2014 mit etwa 27 Prozent nur zweitstärkste Kraft hinter der säkularen Sammlungsbewegung Nidaa Tounes wurde, akzeptierte Ghannouchi das Ergebnis und ließ keinen eigenen Kandidaten für die folgende Präsidentschaftswahl in Tunesien 2014 aufstellen. Nach der Parlamentswahl 2019 wurde er zum Präsidenten der Volksrepräsentantenversammlung gewählt. Ghannouchis politische Ansichten sind im Westen umstritten und werden zum Teil in der Nähe des radikalen Islamismus verortet; die Einreise in die Vereinigten Staaten wurde ihm deswegen verboten.

Leben Familie und Ausbildung an der Zitouna Rached Ghannouchi wurde am 22. Juni 1941 als Raschid al-Cheridschi in einem Dorf bei El Hamma geboren. Wie er selbst in seiner Autobiographie schreibt, unterschied sich seine Familie durch die religiöse Atmosphäre von den anderen Familien des Dorfes. Sein Vater, der eine Zeitlang im Handel tätig war, sich dann aber der Landwirtschaft zuwandte, war der einzige im Dorf, der Lesen und Schreiben konnte. Er konnte den Koran auswendig, diente den Leuten als Imam und Mufti und erteilte den Kindern kostenlos Koranunterricht. Die Abende verbrachte die Familie meist mit dem Flechten von Körben aus Palmblättern, während sie Tee trank und Loblieder auf den Propheten sang. Diese gemeinsamen Stunden dauerten oft bis nach Mitternacht. Rāschids wichtigste Aufgabe war es, die von der Familie produzierten landwirtschaftlichen Erzeugnisse zum Markt zu einem Gemüsehändler zu bringen und mit dem Erlös Waren zu erwerben, die die Familie nicht selbst herstellen konnte, wie Tee, Salz, Zucker und Öl.al-Ġannūšī: Min taǧribat al-ḥaraka al-Islāmīya fī Tūnis. 2001, S. 16 f.

Prägend waren für Rāschid die Geschehnisse nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der tunesische Widerstand gegen die französische Kolonialpolitik. Als er als Jugendlicher die Vorbereitungsschule der Zaitouna-Universität besuchte, kam er zum ersten Mal mit der säkularen Moderne der Städte in Berührung, die in starkem Kontrast zum einfachen und religiös geprägten Leben auf dem Land stand, wo er aufwuchs. Von 1959 bis 1962 studierte er an der Universität Ez-Zitouna in Tunis. Von der dortigen Ausbildung war er jedoch sehr enttäuscht. Wie er in seiner Autobiographie schreibt, beantwortete das Bild, das an der Zitouna vom Islam gezeichnet wurde, nicht seine Fragen und ließ ihn das Vertrauen in den Islam verlieren, weil es kein modernes Bild war. Die Fiqh-Seminare, die er besuchte, kamen ihm wie ein „historisches Museum“ vor. Als er seinen Abschluss machte, hatte er das Gefühl, eine moderne Welt vorzufinden, die nichts mit dem Islam zu tun hat.al-Ġannūšī: Min taǧribat al-ḥaraka al-Islāmīya fī Tūnis. 2001, S. 19.

Studienaufenthalte im Ausland mini|Rāschid Ghannūschī 1967 Ghannūschī zog für kurze Zeit nach Kairo, wo er ein Landwirtschaftsstudium begann. Aufgrund der politischen Umstände floh er jedoch wenige Monate später nach Syrien und studierte in Damaskus von 1964 bis 1968 Philosophie. Von Juni 1965 bis Januar 1966 unternahm er eine längere Reise durch Europa, die ihn nach Bulgarien, Jugoslawien, Österreich, Deutschland, Frankreich, Belgien und in die Niederlande führte. In Deutschland arbeitete er für kurze Zeit bei einem Großhändler im Ruhrgebiet. Wie er in seiner Autobiographie vermerkt, empfand er die Menschen in Europa als intolerant, unwirtlich und verschlossen gegenüber Ausländern. Die einzige positive Erfahrung, die er während dieser Zeit gemacht habe, verband sich mit einer deutschen Familie in den Niederlanden, die ihn zum Weihnachtsfest einlud.al-Ġannūšī: Min taǧribat al-ḥaraka al-Islāmīya fī Tūnis. 2001, S. 25.

Die in Europa gemachten Erfahrungen wogen schwer. Sein drittes Jahr in Syrien, 1966, bildete einen intellektuellen Wendepunkt: Ghannouchi wandte sich vom linken nasseristischen Denken ab und entdeckte für sich den Islam.Tamimi: Rachid Ghannouchi: A Democrat within Islamism. 2001, S. 22. Er hatte Kontakt zu den Muslimbrüdern, zu Hizb ut-Tahrir, zu einer sufischen Gruppe und zu einer salafistischen Gruppe, wollte aber keiner dieser Gruppierungen beitreten. Besonders zog es ihn aber in den Studienzirkel des Hadith-Gelehrten Muhammad Nāsir ad-Dīn al-Albānī, den er mehr als ein Jahr besuchte. Ghannouchi war sehr beeindruckt von seinem Umgang mit Hadithen und seinen Bemühungen, „den Islam von abergläubischen Vorstellungen (ḫurāfāt) zu reinigen“. Al-Albānī machte ihn auch mit Ibn Taimīya und Ibn Qaiyim al-Dschauzīya bekannt und prägte ihn damit nachhaltig.al-Ġannūšī: Min taǧribat al-ḥaraka al-Islāmīya fī Tūnis. 2001, S. 32.

Unmittelbar nach seinem Studienabschluss 1968 zog Ghannouchi nach Paris, um dort an der Sorbonne ein Masterstudium in Erziehungsphilosophie aufzunehmen,Tamimi: Rachid Ghannouchi: A Democrat within Islamism. 2001, S. 23. In Paris schloss sich Ghannūschī zunächst einer Gruppe der Tablighi Jamaat an und wurde zum Prediger.al-Ġannūšī: Min taǧribat al-ḥaraka al-Islāmīya fī Tūnis. 2001, S. 36. Dann gründete er zusammen mit anderen muslimischen Studenten an der Großen Pariser Moschee den „Islamischen Studentenverein“ (al-Ǧamʿīya aṭ-ṭulābīya al-islāmīya). Dem Vorsitzenden des Vereins, Ahmad Fachrī, half er bei der Übersetzung der Reden Ruhollah Chomeinis aus dem Französischen ins Arabische. Die Gruppe wurde jedoch bald aus der Moschee geworfen.al-Ġannūšī: Min taǧribat al-ḥaraka al-Islāmīya fī Tūnis. 2001, S. 37f. Sein Philosophiestudium schloss er nicht ab.

Politische Aktivitäten unter dem Bourguiba-Regime mini|Rached Ghannouchi um 1980 Ghannūschī kehrte nach Tunesien zurück und begann dort, Philosophie zu unterrichten. Er veröffentlichte erste Artikel zur Reform von Unterrichtsplänen an Schulen.Azzam Tamimi: Rachid Ghannouchi: A Democrat within Islamism. Oxford University Press, New York 2001. Von 1970 bis 1973 leitete er die von ihm ins Leben gerufene Dschamāʿa Islāmīya, eine religiöse Vereinigung, die sich darauf konzentrierte, die Verwestlichung Tunesiens zu kritisieren. Die Gruppe wurde 1973 wie auch andere soziale und politische Gruppierungen vom Bourguiba-Regime verboten. Die Arbeiterproteste in Tunis 1978 sowie die Islamische Revolution im Iran 1979 inspirierten Ghannouchi zu einer Weiterentwicklung seiner Ideologie.

1979 reiste Ghannūschī in den Sudan, um sich mit der dortigen islamischen Bewegung vertraut zu machen. Was ihn dort besonders beeindruckte, war die starke Partizipation der Frauen an der islamischen Bewegung und ihre weitgehende Gleichstellung. Nach seiner Rückkehr nach Tunesien veröffentlichte er den Artikel „Die Frau in der islamischen Bewegung“ (al-Marʾa fī al-ḥaraka al-islāmīya), in dem er die bisherige Position der tunesischen islamischen Bewegung gegenüber den Frauen kritisierte und zur Gleichstellung der Geschlechter und einer stärkeren Einbindung von Frauen in die sozialen und politischen Aktivitäten der Bewegung aufrief.Tamimi: Rachid Ghannouchi: A Democrat within Islamism. 2001, S. 57. Frauen wandten sich daraufhin in größerer Zahl der islamischen Bewegung zu und nahmen verstärkt an ihren Aktivitäten teil, wobei Ghannūschī auch solche akzeptierte, die keine islamische Kleidung trugen.al-Ġannūšī: Min taǧribat al-ḥaraka al-Islāmīya fī Tūnis. 2001, S. 71.

Im Mai 1980 feierte Ghannūschīs Bewegung zum ersten Mal den Tag der Arbeit, und zwar mit einer Kundgebung in einer Moschee, an der ca. 5000 Menschen teilnahmen. Ghannūschī betonte bei dieser Gelegenheit, dass der Islam die Rechte von Landarbeitern schütze.Tamimi: Rachid Ghannouchi: A Democrat within Islamism. 2001, S. 52. Am 6. Juni 1981 gab Ghannūschī bei einer Pressekonferenz die Gründung des Mouvement de la Tendance Islamique (MTI) bekannt, veröffentlichte als Satzung ein Gründungsmanifest, das ein Bekenntnis zur Demokratie enthielt und die despotische Regierung Bourguibas kritisierte, und beantragte die Registrierung der Bewegung als neue Partei.Tamimi: Rachid Ghannouchi: A Democrat within Islamism. 2001, S. 59. Einen Monat später, am 17. Juli 1981, wurde er mit 500 MTI-Anhängern verhaftet und für vier Jahre inhaftiert. Während seiner Haftzeit, die bis zum August 1984 andauerte, las er viel, unter anderem ein Buch von Roger Garaudy über die Frauen, das ihn sehr beeindruckte, und übersetzte Malek Bennabis Buch Islam und Demokratie ins Arabische.Tamimi: Rachid Ghannouchi: A Democrat within Islamism. 2001, S. 63. 1987 wurde er erneut inhaftiert und zusammen mit anderen führenden Persönlichkeiten der MTI-Bewegung wegen Anstiftung zu Gewalt und Aufwiegelung zu einem Staatsstreich zum Tode verurteilt. Der Fall Ghannouchi wurde zum Politikum, Politiker auch in der Regierungspartei Bourguibas kritisierten den Prozess, Richter hoben die verhängte Todesstrafe wieder auf.

1987 löste Zine El Abidine Ben Ali Habib Bourguiba an der Spitze des Staates ab, Ghannouchi und andere inhaftierte Mitglieder der MTI kamen 1988 frei. Die Führung der Gruppe übernahm 1988 Sadok Chourou, der als radikal eingestuft wird, während Ghannouchi noch inhaftiert war.Dunn (1994), S. 158 Nachdem Ben Ali ein pluralistischeres politisches System angekündigt hatte, stellte Ghannouchi einen Antrag auf Anerkennung der MTI, die sich in Ennahda umbenannte. Mitglieder der Partei nahmen als unabhängige Kandidaten an den Parlamentswahlen 1989 teil und errangen große Erfolge. Das Regime jedoch akzeptierte einen solchen Machtgewinn für eine Oppositionspartei nicht und lehnte den Antrag auf Anerkennung der Nahda-Partei ab. Mitglieder wurden von nun an als Mitglieder einer illegalen politischen Vereinigung verfolgt. Ghannouchi floh 1989 ins britische Exil, wo er bis 2011 lebte.

Im britischen Exil Anfang der 1990er machte er Schlagzeilen durch seine radikale Kritik der amerikanischen Präsenz in Saudi-Arabien während des Golfkrieges. Analysten sehen diese Radikalisierung als politischen Zug, um die tunesische Regierung mit ihrer Unterstützung der anti-irakischen Allianz zu Sturz zu bringen – ursprünglich lehnte Ennahda das Regime Saddam Husseins als unislamisch ab. Ghannouchi rief in seinen folgenden Reden und Schriften Muslime weltweit zum Kampf gegen die saudische Regierung auf, die sich mit ihrer Einladung der Amerikaner in das Land der heiligen Stätten des Islams aus Sicht der Islamisten als „unislamisch“ disqualifiziert hatte. Kritiker werfen Ghannouchi die Anwendung des Takfir vor, was den Kampf gegen des Unglaubens bezichtigte Staaten legitimiere.Dunn (1994), S. 159 In den folgenden beiden Jahren erhob das Regime Vorwürfe gegen Ghannouchi, indem es ihn mit aufgedeckten Terrorplänen Ennahdas in Tunesien in Verbindung brachte. Ghannouchi erwirkte gerichtlich mehrfach von verschiedenen britischen Zeitungen die Feststellung, dass ihm als in London lebendem Ex-Führer der Ennahda keine Beteiligung oder Mitwisserschaft an derartigen Terrorplänen nachzuweisen sei.Dunn (1994), S. 160–161