mini|220px|Filippo Bonanni: Floh (aus: Micrographia Curiosa 1691) Die Flohliteratur ist eine besondere Literaturgattung, die das Thema des Flohs in einer Vielzahl von Dichtungen, Satiren, Fabeln, Grotesken und Humoresken zum Thema hat. Nach einigen französischen und italienischen Vorbildern erscheint die Flohliteratur besonders im deutschen Sprachraum des 16. und 17. Jahrhunderts. Sie kontrastiert bewusst die moralisierenden Tierfiguren der klassischen und mittelalterlichen Fabel. Durch moralische Gegenentwürfe, gesellschaftliche Kritiken und Satiren auf wissenschaftliche Werke wurde die Flohliteratur zu einer typischen Literaturgattung des Humanismus. Meist erscheint der Floh als Personifikation oder vermenschlichte Allegorie verschiedener ihm zugeschriebener Eigenschaften wie Schnelligkeit, Kleinheit, Witz, Intelligenz, Wollust, Promiskuität oder Eloquenz. Auch die Auseinandersetzung mit dem Floh als Parasit und dauerndem Begleiter des menschlichen Lebens ist Thema der Flohliteratur. In diesem Zusammenhang wird der Floh als Bewohner tabuisierter Körperstellen auch zur erotischen Metapher.

Die wesentlichen Motive der Flohliteratur erscheinen bis in die Literatur des späten 19. Jahrhunderts; mit dem Verschwinden der Allgegenwart des Parasiten aus den modernen Gesellschaften verliert das Flohmotiv auch seine literarische Bedeutung. In der Literatur des 20. Jahrhunderts erscheinen die Motive der klassischen Flohliteratur erneut, sie werden lediglich auf andere Handlungsträger des allegorischen Tierepos als dem Floh übertragen.

Der Floh als literarisches Motiv der frühen Neuzeit mini|Johann Fischart (1546–1591) In den Tierdichtungen und Fabeln der Antike und des Spätmittelalters erscheinen überwiegend größere Tiere wie beispielsweise Wolf, Fuchs, Löwe und Bär. Sie bestimmen mit ihren eng umrissenen Charakteren das Handlungsrepertoire und die oft wiederkehrenden Motive der klassischen Fabel, wie bei Äsop als prägenden Autor des Genres. In wenigen dieser klassischen Werke erscheinen Insekten (beispielsweise in Äsops Die Ameise und die Heuschrecke), nur sehr selten der Floh. Einzelne Dichtungen des Spätmittelalters personifizieren den Floh, so in dem Gedicht Von dem Rittenvon mittelhochdeutsch ritte, „Fieber“. Vgl. etwa Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991, ISBN 3-88479-801-4, S. 163 (Würzburger medizinhistorische Forschungen, Band 52; zugleich: Medizinische Dissertation, Würzburg 1990). und von der vlô (um 1320) von Ulrich Boner. Im 16. Jahrhundert erfährt das literarische Tierrepertoire einen auffallenden Wechsel hin zu Kleintieren und Insekten. Nun werden Mäuse, Frösche, Mücken und Flöhe zu Trägern der Haupthandlung oder zum eigentlichen Gegenstand einer satirischen Betrachtung. Mit dem Floh als neuen Protagonisten werden in dieser frühen europäischen Flohliteratur keine gesellschaftliche Moralvorstellungen oder charakterliche Belehrungen wie bei üblichen Fabeltieren vermittelt. Während andere Tiermotive oft mit vorbildhaften Eigenschaften verbunden wurden, beispielsweise der Fleiß von Ameise und Biene, nutzen die Literaten des 16. und 17. Jahrhunderts den Floh zur Darstellung moralischer und wissenschaftlicher Gegenentwürfe. Die Flohliteratur ist mit ihren Motiven und Absichten ursprünglich ein Kind des späten Humanismus. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen der Existenz als lästiger Parasit und einer erdachten Rolle als Liebesbote, Gelehrter, Politiker gewinnt die Flohliteratur ihren humoristischen, satirischen Charakter. Der Reiz des Floh-Motives liegt zum großen Teil in dieser Ambivalenz seiner ihm zugeschriebenen Eigenschaften.

Überwiegend erschienen diese damals neuartigen Werke in den Verlagen von Johann Carolus und Bernhard Jobin in Straßburg. Beispielhaft sind der Froschmeuseler (1595) von Georg Rollenhagen und die Floïa, cortum versicale (1593) von „Gripholdo Knickknackio“.Gripholdo Knickknackio: Floia, Cortum versicale de Flois schwartibus, illis deiriculis, quae omnes fere Minschos, Mannos, Vveibras, Iungfras, &c. behùppere, & spitzibus suis schnaflis steckere & bitere solent. Floilandia (Straßburg) 1593. In: Hedwig Heger (Hrsg.): Spätmittelalter, Humanismus, Reformation. Texte und Zeugnisse. 2. Teilband: Blütezeit des Humanismus und Reformation. München 1978, S. 491–497. Die literarischen Vorbilder hierfür sind in Italien und Frankreich zu finden. So beispielsweise in der Moschaea (Krieg zwischen Mücken und Ameisen) des Italieners Teofilo Folengo (1519) und dem Pulicis Encomium Physica Ratione Tractatum (Lyon 1550) des Petrus Gallisardus wiederum angeregt durch das Encomium pulicis (Ferrara? 1519) des Caelio Calcagnini (1479–1541). Eine deutsche Übertragung der Moschaea Folengos, die dem Beispiel einer pseudolateinischen Mischsprache als makkaronische Dichtung folgt, erscheint um 1580 als Mückenkrieg von Hans Christoph Fuchs.Hans (Johannes) Christoph Fuchs: Der Mückenkrieg. Nach der Ausgabe von 1600 (Herausgeber Genthe), Eisleben 1833 (Text der Ausgabe von 1833 books.google.de; Ausgabe um 1580 ist verschollen, jedoch im Handlexikon von Johann Christoph Gottsched 1760 aufgeführt) Am Mückenkrieg bzw. der Moschaea sind auch Flöhe beteiligt, so finden wir hier Cacaniel, den König der Flöhe und Atricos, das Schloss der Flöhe. Folengos Dichtung erscheint in einer Übersetzung von Balthasar Schnurr 1612 erneut bei Carolus in Straßburg. Der Krieg zwischen Mücken und Ameisen ahmt, ganz der humanistischen Tradition entsprechend, das antike Vorbild Homers in der „Batrachomyomachie“ (Froschmäusekrieg) nach. In Wolfhart Spangenbergs Von des Flohes Strauß mit der Laus (Muckenlob) (1610) und in Galissardus’ Pulicis Encomium wird die literarische Form des Loblieds (Enkomion) beispielsweise eines Pindars karikiert und damit die gerade in dieser Zeit neuentdeckten Autoren der Antike ironisiert. mini|links|Titelblatt der Ausgabe von Flöh Haz \ Weiber Traz aus dem Jahr 1577 Als erstes großes Werk der Flohliteratur gilt Johann Fischarts Flöh Haz, Weiber Traz, das 1573 und erweitert 1577 bei seinem Schwager Jobin in Straßburg erschien. Fischart nimmt in die erste Fassung die Flohklage von Mathias Holtzwart und ein 1530 als Flugblatt erschienenes Flohlied auf, das mit den Versen beginnt: „Die Weiber mit den Flöhen, Die han ein stäten krieg, Sie geben auß groß Lehen, Das man sie all erschlieg.“Anonymus: Alt gemein Flöhlied. Flugblatt (Straßburg?) 1530, zitiert nach Rainer Schmitz (1997) S. 18 Ausgehend von der These einer besonderen Beziehung zwischen Flöhen und Frauen, entwirft Fischart in seiner Flöh Haz ein wortspiel-reiches ironisches Sammelsurium verschiedener Textarten: Dialog, Verteidigungsrede, Rezept, Lied (Flohlid zu singen\ wann sie die Pelz schwingen\ schön inn tact zuspringen) und Epilog (Friden und rue vor den Flöhen) mit thematisch vergleichbaren literarischen Beispielen, v. a. Tierfabeln.

Flöh Haz ist kein allegorisches Tierepos, sondern ein in Knittelversen geschriebenes Spottgedicht in der Manier des Grobianismus. Verspottet werden sowohl menschliche Schwächen als auch die Gerichtsrhetorik und ihre absurden Beweisführungen mit Hilfe eines akademischen, katalogisierenden und enzyklopädisierenden Wissens. In dieser Weise ist Fischarts Flohliteratur ein Beispiel früher Skepsis gegenüber den euphorischen Welterfassungsmustern des Humanismus.

Mit satirischen Übertreibungen und langen Tiraden werden in den beiden ersten Texten „Erneuerte Floh klag Wider der Weiber Plag“ und „Notwendige Verantwortung der Weiber“ die Klage eines Flohs und die Verteidigung der Weiber durch den „Flöhkantzler“ vorgetragen. Im Dialog zwischen Muck (Stechfliege) und dem durch Weiberhiebe verletzten Floh Räsimgsäs (Zeile 1913) treten beide als Brüder auf und beklagen sich als Opfer der großen Menschen, welche die harmlosen Stiche übertreiben und schon als Kinder zur Tierquälerei erzogen werden. Beide rufen nach Verständnis für die kleinen Geschöpfe Jupiters und verteilen Seitenhiebe gegen die Großen und Kleinen der sozialen Schichtung: „Klein Leut bedörfen klaine lucken\ Groß Leut sind nicht bald zuvertdrucken“ (Z 537–538) bzw. „Niman ist kärger dan die Reichen“ (Z 829). Im anschließenden Monolog des Hauptteils erzählt der Floh vom verlustreichen Angriff seines Heeres und dem brutalen Kampf der Weiber in den Spinnstuben, Schlafkammern und Küchen, die sogar, um die in die Intimbereiche eingedrungenen Angreifer abzuwehren, ihre Kleider ablegen, sie nach dem Feind durchsuchen und diesen dann grausam abschlachten. Diese Szenen werden mit sexuellen Anspielungen genüsslich detailliert ausgeführt. Der Zug der Flöhe durch Märkte und Häuser auf der Suche nach neuen Opfern und ihre Flucht bei Entdeckung nutzt der Autor für die satirische Enthüllung menschlicher Schwächen. Dabei mischen sich derbe burleske Schwank-Szenen mit gelehrt wirkenden Hinweisen auf literarische Beispiele (u. a. Rabelais, Ovid, Tierfabeln). Der Dialog des Schlussteils parodiert die moralisierende Lehrdichtung und ruft die Jugend zur Besonnenheit und zum maßvollen Ausgleich auf, denn die Verletzung des Flohs sei Folge seines Übermuts, und er wird von Muck als zu anspruchsvoll und waghalsig bei der Auswahl seiner Opfer kritisiert: Er ging die Gefahr ein, gejagt und erlegt zu werden, weil er lüstern war nach zartem Jungfrauenfleisch und in die intimen Bereiche sticht, anstatt sich von Hundeblut zu ernähren. Diesen Aspekt erweitert im folgenden Text der Flöhkanzler zu einer grundlegenden Kritik an den Flöhen, die das Leben der Menschen stark beeinträchtigen, was die Selbstjustiz der Weiber als Notwehr rechtfertigt. Zum Schluss droht er den listigen Menschenbluträubern mit allen damals üblichen harten gerichtlichen Strafen und bietet den Frauen Rezepte gegen Flöhe an. Hier ahmt Fischart die Wissenschaftssprache seiner Zeit nach und zieht sie ins Lächerliche. Die offenkundige Beliebigkeit der Rezepte nährt die Zweifel an ihrer Wirksamkeit; die Sprache damaliger medizinischer Rezepturen nachahmend, eröffnen sie damit den Skeptizismus gegenüber der akademischen Ars medicina.

Biologische Grundlagen und zugeschriebene Eigenschaften mini|links|Ein Bader beim „Abflehen“ (von Flöhen befreien). Aus dem Ständebuch von Jost Amman, Frankfurt am Main 1568 In der Flohliteratur werden dem Floh Charakterzüge zugeschrieben, die aus der Beobachtung der Gestalt und dem Verhalten des Menschenflohs abgeleitet wurden. Die für den Menschen offensichtlich lästige Existenz des Flohes wird mit positiven Charaktereigenschaften kontrastiert. Seine bis in das 19. Jahrhundert anhaltende, unausweichliche Präsenz in Betten und Kleidern aller Gesellschaftsschichten lässt ihn zunächst als einen Vertreter sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit erscheinen. Die Flohliteratur erwähnt dieses Motiv meist mit der unverhohlenen Auffassung, dass das Blut der höheren Stände für den Floh sogar wohlschmeckender sei. Der Floh wird also als der unausweichliche, alle betreffende „Gleichmacher“ betrachtet, wie es sonst nur dem Tod in den Darstellungen der Totentänze zukommt. Eine literarische Tabuisierung des Flohbefalls oder dessen Zusammenhang mit Verwahrlosung und Unreinheit, kann man bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht feststellen.

Die Größe des Flohes von nur 1,5 bis 3 mm macht ihn zum „Kleinsten der Kleinen“, eine Eigenschaft, die im Kontrast zu Großem oft den humoristischen Stoff in der Flohliteratur liefert. Mit dieser Kleinheit spielen auch viele Werke in grotesker Weise, wenn der Floh zu unnatürlicher Größe heranwächst oder den Menschen gar überragt. Werden hingegen politische Größe und Würde auf das Maß des Flohes reduziert, dient die Kleinheit als Karikatur.