mini|hochkant=1.3|Gründung der Harzburger Front: Zu erkennen sind Gerret Korsemann, Heinrich Himmler, Ernst Röhm, Kurt von Ulrich, Franz von Hörauf, Adolf Hühnlein, Hermann Göring und Bernhard Rust, im Hintergrund: Karl Leon Du Moulin Eckart und Friedrich Karl von Eberstein, alle NSDAP; zu einem gemeinsamen Foto mit den Deutschnationalen und den Mitgliedern des Stahlhelm waren die Nationalsozialisten nicht bereit.
Die Harzburger Front war ein Bündnis antidemokratischer Nationalisten und Rechtsextremisten gegen die Weimarer Republik und insbesondere gegen das zweite Kabinett Brüning. Beteiligt waren NSDAP, DNVP, Stahlhelm, Reichslandbund und der Alldeutsche Verband. Die Harzburger Front trat nur ein einziges Mal bei einer Tagung am 11. Oktober 1931 in Bad Harzburg in Erscheinung, an der etwa 10.000 Personen teilnahmen. Dort hielt unter anderem der ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht eine aufsehenerregende Rede. Nachdem erste Spannungen bereits in Harzburg selbst spürbar geworden waren, bekämpften sich die beteiligten Gruppierungen kurze Zeit später wieder und traten in den nachfolgenden Wahlkämpfen gegeneinander an. Im Januar 1933 aber kooperierten NSDAP, DNVP und Stahlhelm bei der Bildung des Kabinetts Hitler. Ob die Harzburger Front in die unmittelbare Vorgeschichte der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 gehört, ist in der Forschung umstritten.
Vorgeschichte Alfred Hugenberg, der Vorsitzende der DNVP, der seit seinem Amtsantritt 1928 seine Partei auf eine Fundamentalopposition gegen die Weimarer Republik festlegte, hatte bereits 1929 versucht, die Kräfte der antidemokratischen Rechten zu vereinen. Im Juni 1929 initiierte er einen Reichsausschuss für das deutsche Volksbegehren gegen den Young-Plan, in dem neben seiner Partei auch die rechtsradikale Veteranenorganisation Stahlhelm und die NSDAP vertreten waren. Das Volksbegehren war erfolgreich, doch der darauf folgende Volksentscheid scheiterte im März 1930. Kurz darauf verließ die NSDAP den Reichsausschuss. Im Wahlkampf vor den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 konkurrierten deutschnationale und nationalsozialistische Kandidaten um die Stimmen der rechten Wähler.Larry Eugene Jones: Nationalists, Nazis, and the Assault against Weimar: Revisiting the Harzburg Rally of October 1931. In: German Studies Review. 29 (2006), S. 483–494, hier S. 484. Im Dezember 1930 verabredeten Adolf Hitler und Hugenberg, künftig enger zusammenzuarbeiten. Eine Gelegenheit dazu bot sich, als die Spitze des Stahlhelm die rechten Parteien dazu einlud, gemeinsam einen Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtages vorzubereiten. Im Freistaat Preußen regierte immer noch die Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und Deutscher Staatspartei (vormals Deutsche Demokratische Partei), die mit entschiedenem Vorgehen gegen republikfeindliche Umtriebe wie einem Verbot des Stahlhelm im Oktober 1929 den Rechten ein Dorn im Auge war.Gerhard Schulz: Von Brüning zu Hitler. Der Wandel des politischen Systems in Deutschland 1930–1933 (= Zwischen Demokratie und Diktatur. Verfassungspolitik und Reichsreform in der Weimarer Republik. Bd. 3). Walter de Gruyter, Berlin / New York 1992, ISBN 3-11-013525-6, S. 110–114 und 283. Die Stahlhelmführung strebte mit dieser Initiative außerdem eine möglichst breite Sammlung der Rechten an, die bis ins national- und wirtschaftsliberale Lager reichen sollte. DNVP und NSDAP setzten dagegen auf eine Polarisierung des politischen Spektrums zwischen ihnen und den angeblich marxistischen Parteien, durch die die Parteien dazwischen zerrieben werden sollten. Daher standen sie der Stahlhelm-Initiative zunächst ablehnend gegenüber.Larry Eugene Jones: Nationalists, Nazis, and the Assault against Weimar: Revisiting the Harzburg Rally of October 1931. In: German Studies Review. 29 (2006), S. 483–494, hier S. 485. Schließlich unterstützten sie doch die Initiative, und auch die DVP, die Wirtschaftspartei und die KPD schlossen sich an. Am 9. August 1931 scheiterte das Volksbegehren, weil sich nur rund 37 % der Wahlbevölkerung beteiligt hatten.Horst Möller: Preußen von 1918 bis 1947: Weimarer Republik, Preußen und der Nationalsozialismus. In: Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Handbuch der Preußischen Geschichte. Bd. 3: Vom Kaiserreich zum 20. Jahrhundert und Große Themen der Geschichte Preußens. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-014092-6, S. 149–318, hier S. 301.
Bereits zuvor hatte die Spitze des Stahlhelm im Zuge ihrer Sammlungsstrategie Anfang April 1931 mit den Nationalsozialisten verabredet, gleichzeitig mit dem Wiederzusammentritt des Reichstags im Oktober eine Demonstration der gesamten „Nationalen Opposition“ zu organisieren. Am 9. Juli 1931 gelang es auch Hitler und Hugenberg in einer Aussprache, ihre Gegensätze vorübergehend zu beenden und erneut eine Zusammenarbeit zu vereinbaren. Sie wollten eigentlich nur eine gemeinsame Sitzung ihrer beiden Reichstagsfraktionen, doch die DNVP-Politiker Otto Schmidt-Hannover und Herbert von Bose konnten Hugenberg überzeugen, dass eine Großdemonstration aller rechten Gruppierungen mit Vorbeimarsch der jeweiligen paramilitärischen Verbände größeren Eindruck machen würde. Hitler zögerte, da er den Anschein vermeiden wollte, er wäre im Schlepptau von DNVP und Stahlhelm. Erst bei einem weiteren Treffen mit Hugenberg am 30. August 1931 in Wildbad Kreuth willigte er ein, sich an der Großdemonstration zu beteiligen. Auf einen gemeinsamen Kandidaten für die Reichspräsidentenwahl 1932 konnten sich Hitler und Hugenberg indes nicht einigen.Larry Eugene Jones: Nationalists, Nazis, and the Assault against Weimar: Revisiting the Harzburg Rally of October 1931. In: German Studies Review. 29 (2006), S. 483–494, hier S. 485 f. Zur Vorbereitung wurde ein „Arbeitsausschuss der Nationalen Opposition“ gebildet, der aus Schmidt-Hannover, dem Fraktionsvorsitzenden der Nationalsozialisten im Reichstag Wilhelm Frick und Siegfried Wagner, dem Bundeskanzler des Stahlhelm, bestand. Am 3. Oktober verschickte er Einladungen zu der Großveranstaltung in Bad Harzburg. Der Tagungsort wurde gewählt, weil die NSDAP an der Regierung des Landes Braunschweig beteiligt war: Deshalb galt hier kein Uniformverbot wie in Preußen; der nationalsozialistische Innenminister Dietrich Klagges ging rücksichtslos gegen Demokraten, Republikaner und Kommunisten vor, sodass keine Gegendemonstrationen zu befürchten waren.Peter Schyga: Einführung: Die Hauptresolution der Harzburger Tagung (Harzburger Front), 11. Oktober 1931. 1000dokumente.de, Abruf am 10. April 2021. mini|hochkant|Heinrich Brüning, Reichskanzler 1930–1932 Der Zeitpunkt für die Demonstration war günstig, denn die Regierung von Kanzler Heinrich Brüning befand sich in einer Krise: Im September war ihr Projekt einer Zollunion mit Österreich endgültig gescheitert, die Abwertung des Pfund Sterling, die die britische Regierung am 20. September 1931 beschlossen hatte, bedrohte Deutschlands Außenhandel, die Industrie forderte ein entschlossenes Handeln gegen die Weltwirtschaftskrise. Zudem hatte Brüning die Unterstützung von DVP und Wirtschaftspartei verloren und Reichspräsident Paul von Hindenburg drängte ungeduldig darauf, die Tolerierungszusammenarbeit mit der SPD zu beenden. Brüning und seine Mitarbeiter nahmen daher Kontakt mit Hugenberg und Hitler auf; doch die waren nicht bereit, ihm die fehlende parlamentarische Mehrheit zu liefern. Stattdessen hoffte jeder von ihnen, nach dem Scheitern des Kanzlers mit der Regierungsbildung beauftragt zu werden. Brüning musste daher ohne sie erneut eine Minderheitsregierung bilden, was ihm just am Tag vor Beginn der Harzburger Tagung gelang.Heinrich Brüning: Memoiren 1918–1934. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1970, S. 428; Gerhard Schulz: Von Brüning zu Hitler. Der Wandel des politischen Systems in Deutschland 1930–1933. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1992, S. 517 ff., 529 ff. und 548–554; Larry Eugene Jones: Nationalists, Nazis, and the Assault against Weimar: Revisiting the Harzburg Rally of October 1931. In: German Studies Review. 29 (2006), S. 483–494, hier S. 487 f.
Teilnehmer
mini|hochkant|Gründung der Harzburger Front: Alfred Hugenberg, hinter ihm in Uniform Prinz Eitel Friedrich von Preußen
An der Harzburger Tagung der „Nationalen Front“ nahmen am 11. Oktober 1931 insgesamt etwa 10.000 Personen teil.Herbert Hömig: Brüning. Kanzler in der Krise der Republik. Schöningh, Paderborn 2000, ISBN 3-506-73949-2, S. 399. Neben der NSDAP, dem Stahlhelm und dem Alldeutschen Verband waren auch der Reichslandbund, die Interessenvertretung der Landwirte, mehrere Angehörige des alten Adels und insgesamt 15 Generäle und Admiräle des Ersten Weltkriegs vertreten. So nahm August Wilhelm von Preußen, der Sohn des vormaligen Kaisers Wilhelm II., in SA-Uniform ebenso an dem Treffen teil wie der ehemalige Reichswehrgeneral Hans von Seeckt.Gerhard Schulz: Von Brüning zu Hitler. Der Wandel des politischen Systems in Deutschland 1930–1933. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1992, S. 557. Auch mehrere, wenngleich wenig prominente Politiker der rechten Mitte wie Ernst Hintzmann, Gotthard Sachsenberg und Albrecht Wendhausen waren anwesend.Larry Eugene Jones: Nationalists, Nazis, and the Assault against Weimar: Revisiting the Harzburg Rally of October 1931. In: German Studies Review. 29 (2006), S. 483–494, hier S. 489. Großes Aufsehen erregte die Teilnahme des ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht, die vorher nicht angekündigt worden war.Herbert Hömig: Brüning. Kanzler in der Krise der Republik. Schöningh, Paderborn 2000, ISBN 3-506-73949-2, S. 401.