mini|Rekonstruktion des Fragments NB12799B Mt.13,39-53 althochdeutsch mini|1 ms i20 b bl 1r, Mt.12,1-14 althochdeutsch. Eine der beiden Seiten, die sich heute in der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek in Hannover befinden. Die Mondseer Fragmente (oder Monseer Fragmente, früher auch Wiener Fragmente) sind eine Sammlung christlicher Schriften, die aus dem Westen des Frankenreiches stammen und im frühen 9. Jahrhundert im Kloster Mondsee ins Althochdeutsche (Altbairische) übertragen wurden. Das darin enthaltene Matthäusevangelium stellt die älteste erhaltene Übersetzung eines Bibelteils in ein althochdeutsches Idiom dar. Ferner ist darin die Übersetzung einer Schrift von Isidor von Sevilla enthalten, die für die Altgermanistik besonders wichtig ist, da es noch zwei ähnliche Schriften aus anderen Sprachregionen gibt. Trotz ihrer historischen und linguistischen Bedeutung sind die Mondseer Fragmente bis heute nicht abschließend erforscht und bleiben zumindest vorerst eines der ungelösten Rätsel der Germanistik.

Die Bezeichnung „Monseer Fragmente“ geht auf die alte Schreibweise des Ortsnamens zurück. „Schriftlich taucht der Name erstmals im Jahr der Klostergründung 748 auf, und zwar als Maninseo und lateinisch als Lunaelacus (luna der Mond, lacus der See). In den Jahrhunderten veränderte sich der Name in Form und Schreibweise zu: Maense, Meinse, Maninse, Moninsee, Moensee, Mannsee, Monnsee, Mansee und schließlich Mondsee“; so wurde der Name 1854 von Jacob und Wilhelm Grimm in die Germanistik eingeführt.Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (Retrodigitalisierung der Uni Trier). Teilweise wird diese Schreibweise auch noch heute in der germanistischen Sekundärliteratur verwendet.

Inhalt Die Mondseer Fragmente bestehen aus mindestens fünf Texten unterschiedlicher lateinischer Autoren, die jeweils auf der Verso-Seite des Manuskripts auf Latein geschrieben sind und auf der gegenüberliegenden Recto-Seite ins Althochdeutsche (Altbairische) übersetzt wurden. Die Fragmente beinhalten: eine Übersetzung des Matthäusevangeliums aus der lateinischen Vulgata ins Althochdeutsche (Altbairische) eine Übersetzung der Predigt De vocatione omnium gentium von Prosper Tiro von Aquitanien ein unbekanntes Predigtfragment, das sich auf der Rückseite des lateinischen Originals des entsprechenden Blattes befindet die Predigt Nr. 76 (LXXVI) des heiligen Augustinus von Hippo mit Übersetzung eine althochdeutsche (altbairische) Übersetzung des Textes De fide catholica contra Iudaeos von Isidor von Sevilla

Isidor-Gruppe Die Mondseer Fragmente werden in der Forschungsliteratur zusammenfassend der Isidor-Gruppe oder auch Isidor-Sippe zugerechnet, da es insgesamt drei erhalten gebliebene Übersetzungen des Textes „De fide catholica contra Judaeos“ von Isidor von Sevilla in ein althochdeutsches Idiom gibt. Diese sindStefan Sonderegger: Althochdeutsche Sprache und Literatur. 2003, Kap. 3.4.4.: Die althochdeutschen Übersetzungen der Isidor-Sippe ().: Die Pariser Handschriften, um 800 in Austrasien entstanden, in westlicher südrheinfränkisch-lothringischer Sprache, liegen heute in der Bibliothèque Nationale in Paris, Signatur Ms. lat. 2326 Die Mondseer Fragmente, um 810 im Kloster Mondsee entstanden, in althochdeutscher (altbairischer) Sprache, wovon 220 Fragmente heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien liegen, Signatur Hs. 3093*, 2 Blätter des Codex befinden sich jedoch in der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover, Signatur Ms. I, 20bElke Krotz: Auf den Spuren des althochdeutschen Isidor, 2002, S. 107. Der Codex Junius 25 mit dem Glossar Jc, ebenfalls Anfang des 9. Jahrhunderts im alemannischen Raum entstanden, möglicherweise im Kloster Murbach, liegt heute in der Bodleian Library in Oxford, Signatur Ms. Junius 25.

Die wissenschaftliche Bearbeitung dieser drei sich inhaltlich teilweise überschneidenden Manuskripte wird auch als Isidorforschung bezeichnet, wobei die beinahe zeitgleiche frühmittelalterliche Übertragung desselben lateinischen Textes in verschiedene westgermanischeWestgermanisch deshalb, weil die Sprache der Pariser Handschriften nicht eindeutig dem Ostfränkischen und somit dem Althochdeutschen zugerechnet werden kann und auch starke westfränkisch-lothringische Züge hat, siehe Sonderegger. bzw. althochdeutsche Idiome für die historische Linguistik ein besonders interessantes Forschungsobjekt darstellt.

Der Umstand, dass sich die Wissenschaft aber voll auf den Vergleich dieser drei Isidor-Texte konzentrierte, führte auch dazu, dass die anderen Texte in den Mondseer Fragmenten, wie etwa das althochdeutsche (bairische) Matthäusevangelium, und deren Bedeutung für die regionale Religionsgeschichte bis dato praktisch gar nicht erforscht wurden. Offen bleibt beispielsweise die Frage, warum gerade diese Texte übersetzt wurden und inwieweit sie im bajuwarischen Herzogtum zirkulierten, was etwa durch mögliche Zitate auch in rein lateinischen Manuskripten ergründbar wäre.

Entstehung mini|hochkant|Ehemalige Klosterkirche des 1791 aufgelösten Klosters Mondsee Die Handschrift entstand in dem auf Initiative des Bayernherzogs Odilo gegründeten Benediktinerkloster Mondsee, dessen erste Mönche gemäß der Klostertradition im Jahr 748 aus dem Kloster Monte Cassino in Italien kamen. Wahrscheinlicher und von der Forschung auch vielfach vermutet könnte es allerdings auch vom Salzburger Stift Sankt Peter aus besiedelt worden sein.laut Elke Krotz: Auf den Spuren des althochdeutschen Isidor, 2002, Fußnote 308, nach: Die benediktinischen Mönchs- und Nonnenklöster in Österreich und Südtirol, Bd. 2 (= Germania Benedictina, Bd. 3, Teilband 2). Herausgegeben von der Bayerischen Benediktinerakademie München in Verbindung mit dem Abt-Herwegen-Institut Maria Laach. Bearbeitet von Ulrich Faust und Waltraud Krassnig. Eos-Verlag, St. Ottilien 2001, S. 874–923.

Hauptsächlich auf Grund der Analyse des lateinischen Teils und der besonderen Auswahl der übersetzten Texte wurde die Handschrift nach gängiger Forschungsmeinung zu einer Zeit geschrieben, als Hildebold nominell Abt des Klosters Mondsee war (803–818). Hildebold, der seit 787 Bischof von Köln und seit 791 Hofkaplan (archicapellanus palacii) war, hielt sich jedoch am Hoflager Karls des Großen auf und wurde vom Diakon Lantprecht vor Ort vertreten, der auch später sein Nachfolger als Abt wurde. Nach einer von Klaus Matzel, einem in den 1960er und 1970er Jahren maßgeblichen Isidorforscher, geäußerten Theorie könnte die Vorlage dieser Texte auch durch die engen Beziehungen des Klosters zu Salzburg dorthin gelangt sein. Dort war in dieser Zeit Arn Bischof (785–821), der zugleich auch Abt von Saint-Amand war. Klaus Matzel meint, die verwendete Schrift weise Ähnlichkeiten zu Texten aus dieser fernen Region auf. Es wurden auch Zweifel geäußert, ob die Mondseer Fragmente durchgehend nur von einem Schreiber verfasst wurden, jedoch geht die jüngste Forschungsliteratur wieder dazu über, zwei Schreiber zu erkennen,Elke Krotz: Auf den Spuren des althochdeutschen Isidor, 2002, S. 110–113. die um das Jahr 810 gewirkt haben müssen.

Die Schreiber dieser Texte waren auch keine mechanischen Kopisten,Elke Krotz: Auf den Spuren des althochdeutschen Isidor, 2002, S. 156. sondern übersetzten die Texte eigenständig in die damalige bairische Volkssprache, wobei sie sogar wortschöpferisch tätig waren und bairische Fachbegriffe für lateinische und griechische Termini erfanden.

An der Niederschrift des Codex waren zwei Schreiber beteiligt,Bernhard Bischoff: Die südostdeutschen Schreibschulen und Bibliotheken in der Karolingerzeit. Band 2: Die vorwiegend österreichischen Diözesen, mit 25 Schriftproben. Harrassowitz, Wiesbaden 1980, ISBN 3-447-02085-7, zu den Mondseer Fragmenten: S. 21–22. einer von ihnen schrieb den Isidor-Traktat, der andere den Rest der Sammelhandschrift. Da Klaus Matzels grundlegende Untersuchung von einem einzigen Ab- und Umschreiber ausging (die ändernde Hand des bairischen Mönchs)Klaus Matzel: Untersuchungen zur Verfasserschaft, Sprache und Herkunft der althochdeutschen Übersetzungen der Isidorgruppe. Bonn 1970, S. 247., müsste erst noch geklärt werden, ob sich beiden Schreibern individuelle Züge der Anpassung an den bairischen Dialekt zuordnen ließen.Elke Krotz, Sonderdruck aus: Volkssprachig-lateinische Mischtexte und Textensembles in der deutschen, altsächsischen und altenglischen Überlieferung, 2001, S. 176. Andererseits konnte Klaus Matzel auch innerhalb des Matthäusevangeliums unterschiedlich konsequente Behandlung des Materials der südrheinfränkisch-lothringischen Vorlage nachweisen,Klaus Matzel: Untersuchungen zur Verfasserschaft, Sprache und Herkunft der althochdeutschen Übersetzungen der Isidorgruppe. Bonn 1970, S. 248, 251, 539–540. so dass der Aussagewert der feststellbaren Unterschiede möglicherweise gering bliebe.

Eine weitere Frage, die durch die Verteilung der Texte auf zwei Schreiber aufgeworfen wird, ist, ob man daraus auch auf zwei getrennte Vorlagen schließen darf: Schließlich gibt es nur für den althochdeutschen Isidor im Pariser Codex lat. 2326 eine Parallelübersetzung. Möglicherweise gehörte jedoch auch der Pariser Isidor zu einer umfangreicheren Sammelhandschrift.Bernhard Bischoff: Paläographische Fragen deutscher Denkmäler der Karolingerzeit. In: Frühmittelalterliche Studien. Jg. 5 (1971), S. 101–134.

Die Sprache Der Schreiber der durchgehend zweisprachigen Mondseer Fragmente hat die lateinischen Texte jeweils in das Althochdeutsche (Altbairische) des frühen 9. Jahrhunderts übertragen. Dazu ging die frühere Forschung lange davon aus, dass ihm dazu eine ältere Übersetzung in ein anderes althochdeutsches oder lothringisch-westfränkisches Idiom als Vorlage diente und der Text deshalb nicht komplett Bairisch sein kann, da die Quelle dieser Übersetzung in der Wortwahl und Grammatik immer noch durchschimmert. Stefan Sonderegger beruft sich etwa auf den Isidorforscher Klaus Matzel und meint dazu:

Dabei soll dem bzw. den Mondseer Schreiber(n) womöglich die noch erhaltene Pariser Handschrift als Vorlage gedient haben, oder andere Texte, die im alemannischen Raum auf der Insel Reichenau im Bodensee oder im Kloster Murbach entstanden sind. Diese Vermutung beruht auf der Analyse des Isidortextes im Codex Junius von Oxford. Klaus Matzel wollte in den drei Manuskripten der Isidor-Gruppe sogar eine bewusste Sprachpolitik Karls des Großen erkennen, der den Auftrag zu einer umfangreichen Verdeutschung der wichtigsten religiösen Schriften gegeben haben soll. Dies wird jedoch in der jüngeren Forschung stark angezweifelt und so schreibt etwa Francesco Delbono im Jahre 1971 in seiner Rezension der Habilitationsschrift Matzels:

Die enthaltenen Texte im Detail Mondseer Matthäus-Evangelium Elke Krotz meint dazu:

Über das Verhältnis des lateinischen Textes des Mondseer Matthäus-Evangeliums zum Standardtext der Vulgata, gibt es einen Aufsatz und ein Kapitel in Matzels großer Studie:

Klaus Matzel: Der lateinische Text des Matthäus-Evangeliums der Monseer Fragmente. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. (PBB) Band 87. Tübingen 1965, S. 289–363; wieder in: Ders.: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rosemarie Lühr u. a., Heidelberg 1990, S. 252–326.

Klaus Matzel: Untersuchungen zur Verfasserschaft, Sprache und Herkunft der althochdeutschen Übersetzungen der Isidor-Sippe. Bonn 1970 (= Rheinisches Archiv. Band 75), besonders S. 82–99.

Drei lateinische Evangeliare zeigen nach Matzel mit dem Mondseer Matthäustext die meisten Gemeinsamkeiten: Augsburg, Universitätsbibliothek, Ms. Oettingen-Wallerstein I 2 4° 2, „Maihinger Evangeliar“; 1. Hälfte 8. Jahrhundert, geschrieben in Echternach.

Gent, Grand Séminaire (Archiv der Kathedrale von St. Bavo), Ms. 13, „Livinus-Evangeliar“, um 800, Saint-Amand. Trier, Dombibliothek 134 (= Domschatz 61), Evangeliar; geschrieben etwa 730 in Echternach.