Die Schmalspurbahn Wilkau-Haßlau–Carlsfeld war eine sächsische Schmalspurbahn. Sie führte im Westerzgebirge von Wilkau-Haßlau über Kirchberg und Schönheide nach Carlsfeld am Kamm des Erzgebirges. Der Abschnitt von Wilkau-Haßlau nach Kirchberg war 1881 die erste schmalspurige Sekundärbahn in Sachsen. Die Gesamtstrecke wurde in drei Abschnitten bis 1897 eröffnet. Zwischen 1966 und 1977 wurde der Eisenbahnbetrieb stufenweise eingestellt.
Die Strecke diente hauptsächlich dem Güterverkehr für die örtliche Industrie. Bedeutsam waren insbesondere die Kohletransporte und die Versorgung der Bürstenherstellung in Schönheide mit Werkstoffen. Versandt wurden neben Fertigprodukten auch in der Region abgebaute Rohstoffe. Der Personenverkehr war lediglich zwischen Wilkau-Haßlau und Kirchberg im Verdichtungsraum um Zwickau bedeutsam.
Nach der politischen Wende im Osten Deutschlands arbeiteten zwei Vereine an einem anteiligen Wiederaufbau als Museumsbahn. Neben einem etwa vier Kilometer langen Streckenabschnitt auf dem Gemeindegebiet von Schönheide wurden auch die Bahnhöfe Schönheide Süd und Carlsfeld in Teilen wieder hergerichtet. Ein staatliches Projekt zur Förderung des Tourismus scheiterte aus finanziellen Gründen. Es sah einen Wiederaufbau der Strecke zwischen Schönheide und Carlsfeld sowie eine Neubautrasse nach Wernesgrün mit seiner überregional bekannten Brauerei vor.
Geschichte Vorgeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts war die Verkehrsanbindung der Stadt Kirchberg sowie ihrer Umgebung äußerst schlecht. Lediglich eine Botenpost verkehrte viermal die Woche – ab 1850 täglich – zwischen Kirchberg und Silberstraße. Diese wurde 1855 durch eine zweimal täglich fahrende Postkutsche ergänzt. Durch den Aufschwung der Textilindustrie im Raum Kirchberg stieg das Verkehrsbedürfnis ab den 1860er Jahren weiter an. Einer weiteren Entwicklung dieses Industriezweigs stand allerdings die Wasserkraft als Antriebsmittel entgegen, deren begrenzte Nutzung auch noch jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen war. Mit einem Eisenbahnbau wäre der Anschluss ans aufstrebende Zwickauer Steinkohlenrevier verbessert worden. Neben den niedrigeren Transportkosten wäre dadurch die Industrie unabhängiger von der Wasserkraft geworden, da bislang Steinkohleimporte aus anderen Gegenden nur schwer möglich waren. Braunkohleimporte aus Nordböhmen, wie sie für weite Teile des sächsischen Teil des Erzgebirges sowie dessen Vorlandes bis ins 20. Jahrhundert typischAndreas W. Petrak: Die Schmalspurbahn Wolkenstein–Jöhstadt – Nebenbahndokumentation 68, Verlag Kenning, Nordhorn 2006, ISBN 3-933613-78-7, S. 22Andreas W. Petrak: Links und rechts des Erzgebirges, Band 2: edition bohemica – Durch Böhmens Hain und Flur Himmelkron, ISBN 978-3-940819-00-0, S. 18 und oft mit ein Grund zum Bau von Bahnstrecken warenGünter Baldauf: Die Flöhatalbahn, Altis-Verlag, 2., erweiterte Auflage, Friedrichsthal 2001, ISBN 3-910195-30-X, S. 19, spielten im Kirchberger Raum keine Rolle.
Bereits 1864 erhielt eine private Gesellschaft die Konzession zum Bahnbau, das Projekt wurde aber wie ein weiteres von 1875 wegen finanzieller Probleme nicht durchgeführt. 1866/67 wurde lediglich eine Chaussee zwischen Wilkau und Kirchberg gebaut und 1868 der Haltepunkt Wilkau an der 1858 eröffneten Bahnstrecke Schwarzenberg–Zwickau eingerichtet, doch mit diesen Maßnahmen verbesserte sich die Verkehrsanbindung von Kirchberg schon beträchtlich.
Im Sächsischen Landtag kam 1876/77 erstmals die Idee einer Schmalspurbahn auf, nachdem der Bau und rentable Betrieb einer Normalspurstrecke durch die parallel gelegene Chaussee nicht möglich erschien. Laut einem königlichen Dekret vom 5. November 1877 sollten in Zukunft vermehrt Schmalspurbahnen gebaut werden. Obwohl die Schmalspurstrecke schon genehmigt war, reichten im November 1877 Kirchberger Bürger eine Petition ein, da die Leistungsfähigkeit einer Schmalspurbahn angezweifelt wurde. Auch wies man auf die systembedingten Nachteile gegenüber einer Normalspurbahn hin wie beispielsweise das notwendige arbeitsintensive Umladen aller Güter. Die sächsische Regierung verwies auf die Vorteile, die schmalspurige Bahnen für die Landeserschließung brächten. So seien die Baukosten niedriger, und die Bahnhöfe könnten näher an die Ortschaften herangelegt werden. Trotzdem wurde für die Schmalspurbahn im Landtag immer noch keine Mehrheit erreicht.
1879 wurde im nächsten Dekret nochmals auf den Bau von Schmalspurbahnen hingewiesen. So sollten neben der Bahn nach Kirchberg die Strecken Oschatz–Mügeln–Döbeln mit einer Stichbahn nach Wermsdorf, Hainsberg–Schmiedeberg und Leipzig–Geithain (als einzige später als Normalspurbahn gebaut) schmalspurig erbaut werden. Positiv hervorgehoben wurden bei der Schmalspurbahn vor allem die Option der Verlängerung nach Saupersdorf und die Möglichkeit, zahlreiche Anschlussgleise verlegen zu können. Am 2. März 1880 fand das Bahnprojekt Wilkau–Kirchberg dann eine Mehrheit, der mit 705.000 Mark veranschlagte Bau wurde inklusive einer Verlängerung nach Saupersdorf beschlossen.
Streckenbau bis Kirchberg und Saupersdorf mini|links|Bahnhof Wilkau mit zahlreichen zweiachsigen Wagen der Anfangszeit (vor 1893) mini|links|Bahnhof Kirchberg um 1900
Im April 1880 konnte schließlich mit den Vorarbeiten zu Sachsens erster Schmalspurbahn begonnen werden. Im Frühjahr 1881 erfolgten die Bekanntgabe der genauen Linienführung und die Vergabe der Bauaufträge. Die Bauarbeiten begannen am 10. Mai 1881 beim sogenannten „Hasenloch“ mit der Errichtung einer Stützmauer zum Rödelbach. Da ein Großteil der Schienen am Rand der Chaussee Wilkau–Kirchberg verlegt wurde, entfielen aufwendige Erdarbeiten, und die Arbeiten schritten recht zügig voran. Beschäftigt wurden für den Bahnbau durchschnittlich 112 Personen, der Höchststand waren 226 Arbeitskräfte im August 1881. Der Kirchberger Bahnhof wurde am 25. September 1881 erstmals von einer Baulokomotive der Firma Lehmann befahren. Nach nicht einmal einem halben Jahr Bauzeit waren die Strecke und fast alle dazugehörigen Gebäude fertiggestellt und wurden am 16. Oktober 1881 unter reger Anteilnahme der Bevölkerung feierlich eröffnet. Der planmäßige Betrieb wurde am 17. Oktober 1881 aufgenommen. Die erste Bahnverwalterei (Bvw) entstand in Kirchberg. Sie kümmerte sich auf der gesamten Strecke mit Ausnahme des Bahnhofs Wilkau um Betriebsführung und Verwaltung. Maßgeblich war dafür die „Anordnung über den Betrieb auf schmalspurigen Secundäreisenbahnen der Königlichen Sächsischen Staatseisenbahnen“.
Der sächsische Finanzminister Leonce von Könneritz lud am 30. November 1881 die zwei Kammern des Sächsischen Landtags zur Schmalspurbahn ein. Vor Ort sollten die Vertreter die Bahn besichtigen und sich von deren Leistungsfähigkeit überzeugen. Da das Ergebnis überzeugte, wurden zukünftig vermehrt Schmalspurstrecken genehmigt. Das beim Bahnbau gesetzte Ziel wurde übertroffen. Die Schmalspurbahn erwies sich als ein effektives Mittel zur Wirtschaftsförderung.
Bereits seit dem September desselben Jahres wurde an der Verlängerung ins benachbarte Saupersdorf gearbeitet. Obwohl der neue Streckenabschnitt sehr kurz war (die Länge betrug nicht einmal vier Kilometer), entwickelte sich der Bau zu einer sehr komplizierten Angelegenheit, da zahlreiche Stützmauern und Brücken entlang des Rödelbachs notwendig wurden. Dadurch konnte dieses kurze Baustück Kirchberg–Saupersdorf erst über ein Jahr später am 30. Oktober 1882 feierlich eröffnet werden. Im Plandienst wurde dieses Stück ab dem 1. November 1882 befahren.
Verlängerung nach Wilzschhaus mini|Zug im Bahnhof Schönheide (um 1895) Bereits nach der Eröffnung des Abschnitts Wilkau–Kirchberg gab es Überlegungen, die Schmalspurbahn über Saupersdorf hinaus weiterzuführen. Zwar fehlte einigen der betroffenen Ortschaften noch die wirtschaftliche Grundlage, lediglich die Bürstenindustrie um Schönheide und die Wernesgrüner Brauereien existierten bereits; aber seit den 1880er Jahren nahm das ganze Tal im Zuge der Industriellen Revolution einen großen Aufschwung. Zunächst war man sich über die Linienführung alles andere als einig. Es standen diverse Varianten zur Auswahl; beispielsweise mit verschiedenen Anschlussbahnhöfen an der Aue-Adorfer Strecke. So wurde ein ganzes Jahrzehnt um die Fortführung über Schönheide zur 1875 eröffneten Bahnstrecke Chemnitz–Aue–Adorf gestritten. Nach langwierigen Diskussionen wurde schließlich der Bahnbau nach Wilzschhaus über Rothenkirchen und Schönheide am 12. März 1890 genehmigt. Die ursprünglich vorgeschlagene Trasse nach Schönheiderhammer (ab 1950 Schönheide Ost) mit der Option des Weiterbaus Richtung Eibenstock erwies sich durch das große Gefälle innerhalb der Ortschaft Schönheide als nicht durchführbar.Eibenstock erhielt erst 1905 mit der Bahnstrecke Eibenstock unt Bf–Eibenstock ob Bf einen direkten Bahnschluss. Auch eine Weiterführung zum Bahnhof Rautenkranz wurde abgelehnt. Bei der gewählten Streckenführung hatten auch die Wernesgrüner Brauereien das Nachsehen, da der Ort Wernesgrün nicht berücksichtigt wurde. Ausschlaggebend für den Anschlussbahnhof Wilzschhaus war eine Petition von Carlsfeld, wo man sich ebenfalls einen Bahnanschluss wünschte. Die zu erwartenden Baukosten wurden auf rund 2,7 Mio. Mark geschätzt. mini|Brücken der Schmalspurbahn über die Zwickauer Mulde und die Regelstrecke bei Wilzschhaus (um 1905) Nach weiteren Vorarbeiten begann am 1. März 1892 der eigentliche Bahnbau. Während die Strecke bis zur Steinladestelle Saupersdorf bislang auf der Talsohle dem Rödelbach folgte, waren nun durch den Gebirgscharakter rund um den Kuhberg zahlreiche Kunstbauten und Dammschüttungen notwendig. Neben drei Viadukten – zwei bei Stützengrün und einem bei Wilzschhaus – mussten noch einige weitere kleinere Brücken gebaut werden. Teilweise wurden sie mit dem damals neuen Baustoff Stampfbeton errichtet. Ein weiteres Problem war der stellenweise moorige Boden, der trockengelegt werden musste. Die Bahnhöfe Wilkau, Kirchberg und Wilzschhaus wurden umfassend erweitert, um den zu erwartenden Verkehrsleistungen gerecht zu werden.
Zunächst wurde nur am Unterbau und den Hochbauten gearbeitet; mit dem Oberbau wurde erst 1893 begonnen. Nachdem die Strecke am 9. Dezember 1893 von der Bauaufsicht ohne Beanstandungen abgenommen wurde, stand einer Aufnahme des Betriebs am 16. Dezember 1893 nichts mehr im Wege. Der Eröffnungszug hatte die Strecke bereits zwei Tage vorher befahren. Einzelne Restarbeiten an Gebäuden zogen sich bis in den Winter 1893/94 hin. Im Vergleich zum vorherigen Bauabschnitt bis Saupersdorf hatte sich die durchschnittliche Arbeitskräftezahl auf 800 erhöht; im April 1893 wurden mit fast 1500 Arbeitern die meisten Personen beschäftigt. Für die Verwaltung entstand im Dezember 1893 aus dem Bausectionsbüro Schönheide die neue Bahnverwalterei Schönheide; die Grenze zur Bvw Kirchberg befand sich bei km 10,200. Damit war die Bahn die einzige Schmalspurbahn Sachsens, auf der zwei Bahnverwaltereien existierten. Wie auch in Wilkau unterstand der Bahnhof Wilzschhaus nicht der Bahnverwalterei.
Erweiterung bis Carlsfeld mini|Bahnhof Carlsfeld (um 1910) mini|Wilzschbrücke km 37,030 in Stampfbeton (2012)
Weiter südlich forderten die holzverarbeitenden Betriebe im Wilzschtal und die Glashüttenwerke in Carlsfeld bzw. Weitersglashütte auf dem Kamm des Erzgebirges schon seit 1889 einen Bahnanschluss, damit die für die Glasherstellung benötigen Rohstoffe preisgünstig herangeführt und Fertigwaren schneller abgesetzt werden konnten. Bereits 1887/88 hatte die Zweite Kammer des Sächsischen Landtages eine Petition zum Bau der Strecke bis Carlsfeld der Regierung „zur Kenntnis überwiesen“. Am 3. März 1892 befasste sich die Kammer erneut mit einer Petition, die den Bau der Strecke von Wilzschhaus bis Carlsfeld zum Ziel hatte. Die Kammer beschloss einstimmig, sie der Regierung zur Kenntnis zu überweisen.Mittheilungen über die Verhandlungen des Landtages. II. Kammer, Nr. 55 vom 4. März 1892, S. 775 (Link zum Digitalisat)