mini|Lage der Kanarischen Inseln Das Kanarische Spanisch ist ein Dialekt der spanischen Sprache, der auf den kanarischen Inseln gesprochen wird und zusammen mit den Varietäten Andalusiens, Mittelamerikas und Südamerikas der Gruppe des Atlantischen Spanisch (español atlántico) oder Südlichen Spanisch (español meridional) zugeordnet wird. Die Verteidigung, Förderung und das Studium der spanischen Sprache der Kanaren als sprachliche Varietät des atlantischen Spanisch wird im Artikel 37, Absatz 7 des Autonomiestatutes der Kanaren von 2018 als eine Leitlinie der Politik genannt.

Sprachliche und kulturelle Einflüsse

Spanien Vor der Eroberung der Kanarischen Inseln im Auftrag der Krone von Kastilien lebte dort eine Bevölkerung, die vermutlich aus Nordwestafrika eingewandert war und auf jeder Insel eine unterschiedliche Sprache verwendete, die aber alle eine Verwandtschaft zu den heute noch in Nordafrika gesprochenen Berbersprachen hatten. Die Sprachen der Ureinwohner der Kanarischen Inseln werden unter dem Begriff Guanche zusammengefasst. Nach der Eroberung der Inselgruppe im Auftrag der Krone von Kastilien im Lauf des 15. Jahrhunderts stellten Einwanderer aus diesen Königreichen die größte Gruppe der Einwanderer. Sprachliche Phänomene wie der Seseo, der Yeísmo oder die Schwächung des implosiven /s/ sind besonders bei Sprechern aus Andalusien auffällig. So wird vermutet, dass der Seseo erstmals Ende des 15. Jahrhunderts auftrat, der Yeísmo im 17. Jahrhundert und die Aspiration des /s/ im 18. Jahrhundert. Da dies jedoch umgangssprachliche Entwicklungen waren, können keine genauen Zeiträume festgelegt werden, denn zum einen waren viele Spanier zu dieser Zeit noch Analphabeten, und zum anderen wurde die Umgangssprache nur selten in die Schriftsprache übernommen. Besonders diese drei sprachlichen Besonderheiten fanden durch die Einwanderung andalusischer Siedler auch auf den Kanarischen Inseln Verbreitung.Helmut Berschin, Julio Fernández-Sevilla, Josef Felixberger: Die spanische Sprache. Verbreitung, Geschichte, Struktur. 3. Auflage. Georg Olms, Hildesheim/ Zürich/ New York 2005, ISBN 3-487-12814-4, S. 102

Einige Jahre später und in geringerer Zahl erreichten Menschen aus Galicien, Extremadura und León die Inseln. Da deren Varietäten alle auf der gleichen sprachlichen Basis standen, war eine Verständigung gegeben, jedoch passten sich die unterschiedlichen Dialekte durch lexikalische oder phonologische Übernahme einander an, sodass daraus eine neue Varietät entstand.

Die kastilischen Eroberer kultivierten die Flächen der Inseln für die Landwirtschaft und bauten Geschäftsbeziehungen zum spanischen Festland und den neuen Kolonien in Südamerika auf. Die Kanaren waren ein wichtiger geostrategischer Punkt im Handel über den Atlantik. Das galt sowohl für Waren- als auch für den Personentransport. Die Inseln wurden außerdem als Ausgangspunkt für Operationen im nordwestlichen Afrika genutzt.José Abu-Tarbush: Islam y comunidad islámica en Canarias. Prejuicios y realidades. 1. Aufl. La Laguna, Servicio de Publicaciones, Universidad de La Laguna, Santa Cruz de Tenerife 2002, S. 73

Im 17. Jahrhundert setzten große Migrationswellen ein. Zucker war zu dieser Zeit das Hauptexportprodukt der Inseln. Dieses Geschäft war jedoch durch Konkurrenz etwa aus Kuba nicht mehr gewinnbringend. Die Bevölkerung verarmte und musste Hunger leiden. Viele Menschen emigrierten daraufhin in die Kolonien nach Lateinamerika.

Als Knotenpunkt zwischen der Alten und der Neuen Welt erfuhren die Kanarischen Inseln ständig neue kulturelle sowie sprachliche Einflüsse. Ein konstanter Einfluss waren die Seefahrer, keine andere Berufsgruppe beeinflusste die Gesellschaft der Inseln mehr. So wurden viele Vergleiche oder Sprichwörter der marinen Sprache in die Alltagssprache übernommen. Anwendung findet heute etwa noch der Ausspruch: „¿Qué rumbo llevas?“, wobei mit rumbo ursprünglich der Kurs eines Schiffes gemeint war. Auch heute ist die Bedeutung nahezu gleich: je nach Kontext wird nach Zielen und Absichten gefragt. Viele spanische Sprichwörter sind dem Stierkampf, dem Militär oder der Kirche entlehnt. Ein Großteil dieser Sprichwörter hat jedoch ihre ursprüngliche Bedeutung verloren oder wird nun in einem allgemeineren Sinn verwendet; sie wurden ihrer semantischen Bedeutung also erweitert. Weil der Einfluss der Seefahrer aber über viele Jahre konstant blieb, haben sich die Bedeutungen der Seefahrerphrasen kaum verändert.Morera, Marcial (1993): La formación del vocabulario canario. 1. Aufl. [Santa Cruz de Tenerife, Canary Islands]: Centro de la Cultura Popular Canaria. S. 89

Portugal Im 16. Jahrhundert wurden Portugiesen als Handwerker und Techniker für die Zuckerfabriken angeworben. Sie hatten Einfluss auf alle Lebensbereiche und Gesellschaftsschichten.Corbella, Dolores (1996): Fuentes del vocabulario canario: los préstamos léxicos. In: Javier Medina López (Hrsg.): El español de Canarias hoy. Análisis y perspectivas. Lingüística Iberoamericana nº 3, Iberoamericana Editorial Vervuert, Frankfurt am Main / Madrid S. 115 Man erkenne den portugiesischen Baustil heißt es etwa in Torrianis am Ende des 16. Jahrhunderts verfassten Beschreibung des Panoramas von Santa Cruz de La Palma in seinem Buch „Descripción e historia del Reino de las Islas Canarias“.Leonardo Torriani: Descripción e historia del Reino de las Islas Canarias. Goya ediciones, Santa Cruz de Tenerife 1978, S. 242 Auffällig sind im kanarischen Wortschatz außerdem Anthroponyme, personengebundene Eigennamen, wie Almeida oder Dorta, und Toponyme, Ortsbezeichnungen, wie Porto Nao oder La Bocaina. Da viele Portugiesen Bauern, Händler oder Fischer waren, wurden auch aus deren Fachsprache Wörter oder Handlungsweisen übernommen. Dieser große Einfluss der Portugiesen blieb bis 1640 bestehen, als sich Portugal vom spanischen Königreich trennte und seine Unabhängigkeit erkämpfte. In einigen Gebieten stellten die Portugiesen noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts den größten sprachlichen und kulturellen Einfluss dar.Corbella, Dolores. Fuentes del vocabulario canario. S. 116 Zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert siedelten außerdem neue Gruppen von Portugiesen auf den Inseln. Viele von ihnen waren jedoch Analphabeten.Morera, Maricial. La formación del vocabulario canario. S. 156

Die Portugiesen mussten sich anpassen und die spanische Sprache lernen. Das Portugiesische beeinflusste sowohl die Aussprache des Kanarischen Spanisch als auch dessen Vokabular. Auffallend sind etwa die Velarisierung der Konsonanten /x/y/j/. Durch diesen Prozess wird dem Laut ein dunklerer Ton verliehen. Außerdem verlieren sich die stimmhaften nasalen Laute. Ein stimmhafter nasaler Laut ist zum Beispiel das ng im Deutschen. Des Weiteren werden zwei aufeinanderfolgende Vokale wie bei dem portugiesischen Suffix -eiro nur noch als ein Vokal ausgesprochen. Dieser Prozess heißt Monophthongierung und tritt nur bei bestimmten Diphthongen auf.

Das Portugiesische hat besonders den Wortschatz der Kanaren beeinflusst. So sind ein Viertel der „Kanarismen“ portugiesischen Ursprungs. Als „Kanarismen“ werden solche Wörter bezeichnet, die speziell auf den Kanarischen Inseln vorkommen. Hauptsächlich wurden Substantive ins Spanische übernommen. Diese bezeichnen etwa Gerätschaften oder bestimmte Techniken. Die meisten „Lusismen“, so die Bezeichnung für die portugiesischen Wörter, sollen auf den Inseln La Palma und Teneriffa zu finden sein.Corbella, Dolores. Fuentes del vocabulario canario. S. 117–121

Indigene Völker Bereits vor der spanischen Eroberung der Kanarischen Inseln bewohnten Indigene die Inseln. Sie werden häufig als Guanchen bezeichnet. Mit der Kolonialisierung wurden sie von den Spaniern unterdrückt. Dadurch gingen ihre Sprache (Guanche) sowie ihre kulturellen und religiösen Bräuche verloren. Diesen Prozess der kulturellen und religiösen Anpassung nennt man „Kastellanisierung“.Corbella, Dolores. Fuentes del vocabulario canario. S. 109 Auf den Kanaren geschah diese Entwicklung in einem Zeitraum von nur wenigen Generationen und war bereits Ende des 16. Jahrhunderts abgeschlossen. Durch den starken Zwang zur Anpassung und die Unterdrückung gibt es heute nur wenig Belege über Sprache und Lebensweise der Guanchen.Morera, Marcial. La formación del vocabulario canario. S. 14

Sprachlich betrachtet gab es zu Beginn der Kolonialisierung eine Zeit der Zweisprachigkeit. Die sogenannten trujamanes waren für Eroberer sehr wichtig, denn sie konnten zwischen Inselsprache und Spanisch übersetzen. Mit der Kolonialisierung breitete sich zunächst die Zweisprachigkeit unter den Altkanariern aus, bevor deren Sprachen ausstarben. Auf der Insel La Gomera soll es bis 1488 allerdings noch einsprachige Zentren gegeben haben.Dolores Corbella: Fuentes del vocabulario canario. S. 109 f.

Indigene Einflüsse finden sich heute nur noch im Vokabular der Inselbevölkerung. Diese haben meist bezeichnenden Charakter, das heißt, es wurden häufig Begriffe aus Flora und Fauna oder geografische Bezeichnungen übernommen. Den Eroberern fehlten eigene Begriffe für die Dinge, die sie auf den Kanaren entdeckten, daher übernahmen sie die Wörter der Guanchen. Beispiele sind baifo, gasnais, jaira, tafor und tenique. Deswegen gibt es heute keine phonologischen oder morphosytaktischen Veränderungen, sondern lediglich übernommenes Vokabular. Wahrscheinlich sind rund 120 Wörter im spezifisch kanarischen Wortschatz prähispanischer Herkunft, die meisten davon sind Substantive. Diese beschreiben meist das Relief, wie auchón, chajoco, juaclo. Mehr als ein Viertel der Guanchismen sind Bezeichnungen für bestimmte Pflanzen: agonane, escán, mulurá. Nur wenige Begriffe wurden aus dem kulturellen Leben übernommen. So existieren heute noch die Begriffe sirinoque und tafuriaste, die Tänze der Guanchen bezeichnen. Übernommen wurden außerdem die Bezeichnungen der Einwohner: guanche und majo. Viele der Guanchismen sind spezifisch für einige Inseln. So wird heute nur rund ein Viertel der indigenen Wörter auf mehr als vier Inseln benutzt.Dolores Corbella: Fuentes del vocabulario canario. S. 110–114

Andere Kulturen Weitere sprachliche Einflüsse kommen etwa von Engländern und Morisken. Außerdem beeinflusste der ständige Austausch mit den spanischen Varietäten aus Südamerika das Kanarische Spanisch.

Bereits im 15. Jahrhundert, während der Kolonialisierung, brachten die Spanier Morisken, zum Christentum konvertierte Araber, auf die Inseln und hielten sie als Sklaven. Sie wurden zur Arbeit auf den Plantagen oder in Herrschaftshäusern gezwungen. Die Morisken stammten von der iberischen Halbinsel oder Nordafrika, zum Beispiel Marokko. Als Sklaven wurden sie hauptsächlich auf den östlichen Inseln wie Lanzarote und Fuerteventura beschäftigt. Ende des 16. Jahrhunderts befanden sich rund 1.500 Morisken im Archipel.Abu-Tarbush, José. Islam y comunidad islámica en Canarias. S. 30f Da der Kontakt zwischen Siedlern und Sklaven nur oberflächlich war, wurden nur Teile des Wortschatzes übernommen. So wird heute noch das Wort arife als Bezeichnung für stickige beziehungsweise schwüle Hitze benutzt. Es stammt vom arabischen acrâf. Außerdem ähnlich übernommen wurde das Wort mahalulo als Bezeichnung für ein junges Kamel. Die arabische Basis des Wortes ist mahallula. Das Präfix al- ist ebenfalls aus dem Arabischen und heute an vielen spanischen Wortstämmen zu finden: alcail, alfaisán.Corbella, Dolores. Fuentes del vocabulario canario. S. 130f Abgesehen davon ist der Anteil der Wörter, die aus der arabischen Sprache stammen, in der allgemein verwendeten spanischen Sprache sehr hoch.