Walter Grab (* 17. Februar 1919 in Wien; † 17. Dezember 2000 in Tel Aviv) war ein israelisch-österreichischer Historiker. In der Fachwelt wurde Grab mit Studien zu den frühen Demokratiebewegungen im Vormärz in Deutschland bekannt. Grab war einer der führenden Jakobinerforscher. Er gründete 1971 das Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv und leitete es bis zu seiner Emeritierung 1986.
Leben Walter Grab entstammte einer gutbürgerlichen jüdischen Familie. Sein Vater Emil Grab stammte aus Böhmen, seine Mutter Franziska Geller aus Ostgalizien aus der Nähe von Kolomea. Der Vater kam 1908 von Prag aus nach Wien. Dort ließ er sich nieder und produzierte Lederwaren. Grabs Mutter hatte in Wien einen Modesalon geführt.Jost Hermand: Walter Grab (1919–2005). Historiker. In: Jost Hermand: Vorbilder. Partisanenprofessoren im geteilten Deutschland. Köln u. a. 2014, S. 212–231, hier: S. 215. In erster Linie fühlte Grab sich als „Österreicher“ und dann erst als „Jude“.Walter Grab: Meine vier Leben. Gedächtniskünstler, Emigrant, Jakobinerforscher, Demokrat. Köln 1999, S. 9. Er besuchte ein humanistisches Gymnasium. Nach dem Abitur im Frühsommer 1937 wollte er deutsche Literaturgeschichte studieren. Doch auf Wunsch der Eltern begann er ein Studium der Rechtswissenschaft. Er absolvierte ein Semester Jura unter anderem bei Heinrich Mitteis an der Universität Wien. Grab demonstrierte gegen den drohenden „Anschluss Österreichs“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich. Als Folge des auf den gewaltsamen Einmarsch der Deutschen einsetzenden Terrors gegen die „Juden“ musste Grab sein Jurastudium abbrechen und emigrierte 1938 nach Palästina. Sein Bruder Wilhelm wurde in Auschwitz ermordet.Wolf Biermann: Das weiche Herz. In: Ders.: Barbara. Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten. Berlin 2019, S. 149–172, hier: S. 171; Mario Keßler: Jakobinismus, Demokratie und Arbeiterbewegung. Der Historiker Walter Grab. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung Bd. 1, 2002, S. 55–68, hier: S. 56. Grab nahm im Herbst 1938 das Studium der Geschichte und Anglistik an der Hebräischen Universität Jerusalem auf. Seine Eltern erhielten erst nach einer hohen Kautionszahlung die Ausweispapiere von den NS-Behörden. Nach ihrer Ankunft in Tel Aviv gründeten sie dort ein kleines Geschäft für Einkaufs- und Badetaschen.Jost Hermand: Walter Grab (1919–2005). Historiker. In: Jost Hermand: Vorbilder. Partisanenprofessoren im geteilten Deutschland. Köln u. a. 2014, S. 212–231, hier: S. 217. Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage musste er das Studium abbrechen und unterstützte seine Eltern. Er wurde 1942 Mitglied im Tel Aviver „Kreis für fortschrittliche Kultur“. In diesem Kreis hielten unter anderem Arnold Zweig und Paul Landau, die Schauspieler Friedrich Lobe und Hermann Vallentin sowie der Kunsthistoriker Kurt Freyer Vorträge.Zitiert nach: Iris Nachum: Es muss nicht immer Wiedergutmachung sein – Walter Grab und das Minerva Institut für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv. In: José Brunner, Iris Nachum (Hrsg.): „Die Deutschen“ als die Anderen. Deutschland in der Imagination seiner Nachbarn. Göttingen 2012, S. 237–277, hier: S. 241 f. (online). Dort lernte er 1943 auch seine Frau Alice kennen.Mario Keßler: Jakobinismus, Demokratie und Arbeiterbewegung. Der Historiker Walter Grab. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung Bd. 1, 2002, S. 55–68, hier: S. 56.
Von 1951 bis 1959 musste er jedes Jahr einen Monat militärischen Reservedienst leisten. Bis 1962 war er Grossist im Geschäft seiner Eltern. Tagsüber war er als Lederhändler tätig und las in den Abendstunden zahlreiche antike Klassiker sowie Werke zeitgenössischer Historiker. 1958 nahm Grab zum dritten Mal das Studium auf. Er studierte an der gerade gegründeten Universität Tel Aviv Geschichte, Anglistik sowie Politische Philosophie. In Weimarer Geschichte unterrichtete ihn der aus Deutschland stammende, linksorientierte Professor Charles Bloch. Dieser hatte bei der Gründung der Universität als Fachmann für neuere Geschichte mitgewirkt. Grab freundete sich mit dem zwei Jahre jüngeren Kollegen an.Walter Grab: Meine vier Leben. Gedächtniskünstler – Emigrant – Jakobinerforscher – Demokrat. Köln 1999, S. 143. Im Jahr 1961 bestand Grab dort als Zweiundvierzigjähriger seine Bachelorprüfung in Geschichte und Philosophie. Ein Jahr später erhielt er in Deutschland ein Dissertationsstipendium. Auf Studienreisen in die DDR kam er in Kontakt mit Hedwig Voegt, die 1955 ein Buch über die deutschen Jakobiner veröffentlicht hatte. In der BRD freundete er sich 1963 mit dem linken Politologen Wolfgang Abendroth an.Jost Hermand: Walter Grab (1919–2005). Historiker. In: Jost Hermand: Vorbilder. Partisanenprofessoren im geteilten Deutschland. Köln u. a. 2014, S. 212–231, hier: S. 222. 1965 wurde er in Hamburg bei Fritz Fischer promoviert über Demokratische Strömungen in Hamburg und Schleswig-Holstein 1792–1799. Kurze Zeit nach seiner Promotion besuchte er ein wissenschaftliches Kolloquium über die französischen Jakobiner in Wien und kam dort in Kontakt mit dem linksorientierten Historiker Albert Soboul. Von 1965 bis 1970 war er Dozent für Neuere europäische Geschichte an der Universität Tel Aviv. 1968 wurde er dort Wissenschaftlicher Rat, 1970 außerordentlicher und 1972 ordentlicher Professor. 1971 gründete Grab er mit Unterstützung der Volkswagenstiftung das „Minerva Institut für Deutsche Geschichte“ an der Universität Tel Aviv und war bis zu seiner Emeritierung 1986 dessen Leiter. In enger Kooperation mit bundesdeutschen Universitäten wurden Konferenzen über die deutsche Orientpolitik, über die Juden in der Revolution von 1848 oder in der Weimarer Republik sowie über den jüdischen Beitrag zur deutschen Arbeiterbewegung durchgeführt. Ab 1971 gab er das Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte heraus. 1977/1978 und 1984/1985 hatte er Gastprofessuren in Duisburg und Hamburg. 1980 verweigerte Grab die Annahme des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, da am selben Tag das ehemalige Mitglied der Waffen-SS Hans Wissebach mit der gleichen Auszeichnung geehrt werden sollte.Jost Hermand: Walter Grab (1919–2005). Historiker. In: Jost Hermand: Vorbilder. Partisanenprofessoren im geteilten Deutschland. Köln u. a. 2014, S. 212–231, hier: S. 226. Die Universität Duisburg verlieh ihm 1985 den Ehrendoktortitel, 1994 erhielt er die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold.
Das Verhältnis zu seiner neuen Heimat Israel blieb ein Leben lang distanziert. Grab gefielen weder die Sprache noch die Kultur noch die israelische Politik. Er hatte sich 1942 der Kommunistischen Partei Palästinas angeschlossen, der auch seine Frau angehörte. Die Ablehnung des Zionismus und die Solidarität mit der Sowjetunion im Krieg gegen Adolf Hitler waren für diesen Schritt entscheidend.Mario Keßler: Jakobinismus, Demokratie und Arbeiterbewegung. Der Historiker Walter Grab. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Bd. 1 (2002), S. 55–68, hier: S. 56. Grab war Befürworter eines jüdischen Staates. Er wollte jedoch eine völlige Gleichberechtigung mit der arabischen Bevölkerung und außenpolitische Orientierung an die Sowjetunion.Jost Hermand: Walter Grab (1919–2005). Historiker. In: Jost Hermand: Vorbilder. Partisanenprofessoren im geteilten Deutschland. Köln u. a. 2014, S. 212–231, hier: S. 219. Von 1967 bis 1973 war er im Vorstand der Bewegung für Frieden und Sicherheit, die gegen weitere Annexionen nichtjüdischer Gebiete und für die Gleichberechtigung der Palästinenser eintrat. Grab war nach der Bombardierung Beiruts im Mai 1983 Teilnehmer an mehreren Demonstrationen gegen Menachem Begin und Ariel Sharon, aus denen dann die Bewegung „Frieden jetzt“ in Israel entstand.Jost Hermand: Walter Grab (1919–2005). Historiker. In: Jost Hermand: Vorbilder. Partisanenprofessoren im geteilten Deutschland. Köln u. a. 2014, S. 212–231, hier: S. 227. Er war am 8. August 1984, dem Hiroshima-Tag, in den USA Teilnehmer an den Protestaktionen der Atombombengegner.Jost Hermand: Walter Grab (1919–2005). Historiker. In: Jost Hermand: Vorbilder. Partisanenprofessoren im geteilten Deutschland. Köln u. a. 2014, S. 212–231, hier: S. 228.
Im Jahr 1999 erschien Grabs Autobiographie Meine vier Leben. Gedächtniskünstler, Emigrant, Jakobinerforscher, Demokrat. Anlässlich seines 100. Geburtstages fand im Februar 2019 in Hamburg ein interdisziplinäres Kolloquium statt. Die Tagung befasste sich mit seinen Arbeiten und mit der Frage nach der Zukunft der Demokratie in Europa.Walter Grab und die Demokratiebewegung in Europa. Ein Leben für die Wissenschaft zwischen Wien, Tel Aviv und Hamburg. In: H-Soz-Kult, 27. Januar 2019, (online)
Die Journalistin, Moderatorin und Autorin Shelly Kupferberg ist eine Enkelin von Walter Grab.
Forschungsschwerpunkte Seine Forschungsschwerpunkte waren die Erforschung demokratischer Strömungen in Deutschland von der Französischen Revolution bis zur Revolution von 1848/49. Grab begründete gegenüber Fischer sein Forschungsinteresse zu den jakobinischen Revolutionären in Deutschland damit, dass er herausfinden wollte, „weshalb sich das deutsche Volk im Gegensatz zum französischen nicht aus eigener Kraft von der ständischen Privilegienordnung befreit habe und warum die demokratischen Ideen von der politischen Gleichheit aller Menschen unterlegen seien“.Zitiert nach: Iris Nachum: Es muss nicht immer Wiedergutmachung sein – Walter Grab und das Minerva Institut für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv. In: José Brunner, Iris Nachum (Hrsg.): „Die Deutschen“ als die Anderen. Deutschland in der Imagination seiner Nachbarn. Göttingen 2012, S. 237–277, hier: S. 243 (online). Er wollte die Vorkämpfer des politischen Fortschritts, die unverdienter Weise in Vergessenheit gefallen sind, wieder in Erinnerung bringen.Mario Keßler: Jakobinismus, Demokratie und Arbeiterbewegung. Der Historiker Walter Grab. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung Bd. 1, 2002, S. 55–68, hier: S. 58. Aus seiner Beschäftigung mit den Jakobinern resultierten die Arbeiten Norddeutsche Jakobiner (1967) sowie Leben und Werke norddeutscher Jakobiner (1973), die Quellensammlung Freyheit oder Mordt und Todt. Revolutionsaufrufe deutscher Jakobiner (1979) und 1984 die über sechshundert Seiten umfassende Darstellung Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern. Zur Geschichte des deutschen Jakobinismus. Seine Darstellung Die Französische Revolution. Aufbruch zur Demokratie erschien 1989 zum 200. Jubiläum in fünf Sprachen. Bei der politischen Strömung des deutschen Jakobinismus sah er „drei ineinander übergehende, jedoch durch sozialen Standort, Kampfmethoden und Adressaten unterschiedene Bewegungen im deutschsprachigen Raum, der trotz seiner politischen und konfessionellen Zerrissenheit eine soziokulturelle Einheit bildete“. Als „entscheidendes Kriterium“ des deutschen Jakobinismus sah er „die Erkenntnis, daß der Sturz des Privilegiensystems notwendig sei und nur durch den Sieg der Revolution in Frankreich und durch gemeinsame Aktionen aller antifeudalen Bevölkerungsklassen in Deutschland herbeigeführt werden könne“.Walter Grab: Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern. Zur Geschichte des deutschen Jakobinismus. Frankfurt am Main 1984, S. 35.