mini|hochkant=1.2|Erster moderner Kirchenbau Kölns: St. Engelbert St. Engelbert ist eine katholische Kirche in Köln-Riehl. Sie wurde von 1930 bis 1932 nach einem Entwurf des Architekten Dominikus Böhm erbaut und gilt als der erste moderne Kirchenbau in Köln und darüber hinaus als einer der Ursprungsbauten moderner Kirchenarchitektur.Peter Keller: St. Engelbert in Köln-Riehl, (Rheinische Kunststätten Heft 369), Köln 1991, S. 3

Geschichte Pfarrpatron mini|hochkant=0.6|St. Engelbert, Kupferfigur 1932 Um 1900 wurde der heilige Engelbert, Erzbischof Engelbert I. von Köln zum Pfarrpatron bestimmt, dem bis dahin in Köln noch kein Altar geweiht worden war. Zudem gilt Engelbert, der in Köln seit dem frühen 17. Jahrhundert verehrt, aber nie kanonisch heiliggesprochen worden ist, als Gründer des mittelalterlichen Nonnenklosters in Riehl.Dorothea Eimert: Köln-Riehl - St. Engelbert, (Schnell Kunstführer Nr. 1098), München Zürich 1977, S. 4. Karl Peusquens: Köln-Riehl, Geschichte des Vorortes und der Pfarrgemeinde, Köln 1950, S. 64.

Notkirche Da die Siedlung Riehl Ende des 19. Jahrhunderts schnell zum Stadtteil wuchs, wurde der Bau einer Notkirche geplant. Der Fabrikant Wilhelm Hilgers stellte dafür an der Ecke Stammheimer Straße und Pionierstraße ein Grundstück zur Verfügung. Das Gebäude entwarf der Architekt Heinrich Krings, der der Kirche eine traditionelle Kapellenform gab. Die Grundmauern waren gemauert; der obere Bereich, die Arkaden zwischen Haupt- und Seitenschiffen und das Dach waren aus Balkenwerk konstruiert.Sabine Heuser-Hauck: Der Architekt Heinrich Krings (1857 – 1925), Bonn 2005, S. 210f Die Notkirche wurde 1897 geweiht. Schnell allerdings erwies sie sich angesichts der wachsenden Ortsbevölkerung als zu klein. 1929 beurteilte Pfarrer Clemens Wirtz die Raumnot als unerträglich; der gesamte Kirchplatz stand sonntags voll Kirchgänger, die zur Messe keinen Platz in der Kirche fanden.Karl Peusquens: Köln-Riehl, Geschichte des Vorortes und der Pfarrgemeinde, Köln 1950, S. 69, 91. 1932 – nach Vollendung des Neubaus – wurde die Notkirche profaniert; das Gebäude brannte 1944 vollständig aus.Sabine Heuser-Hauck: Der Architekt Heinrich Krings (1857 – 1925), Bonn 2005, S. 211, Joachim Brokmeier: Köln-Riehl, Geschichte(n) aus dem Veedel, Erfurt 2013, S. 21.

Baugeschichte mini|links|Sternkuppelprojekt mit freistehendem Turm (2015) mini|„Schönste[r] Gegensatz“: Silbriges Blei des Daches und Backsteinwand (2015) Seit 1921 arbeitete Pfarrer Clemens Wirtz auf die neue Kirche hin.Erwerb der ersten Grundstücke. Peter Keller: St. Engelbert in Köln-Riehl, Rheinische Kunststätten Heft 369, Köln 1991, S. 5 Zunächst konzentrierten sich die Bemühungen darauf, eine neuromanische Kirche mit rund 2150 Plätzen am Hintereingang des Botanischen Gartens an der Kreuzung der Straßen Am Botanischen Garten und Johannes-Müller-Straße zu errichten. 1929 allerdings entschied das Erzbistum Köln in Abstimmung mit dem Stadtbauamt, dass die Kirche in der Mitte des Stadtteils am Riehler Gürtel liegen solle.Stefan Klinkenberg et al.: St. Engelbert in Köln-Riehl und St. Bonifatius in Köln-Nippes, Lindenberg i. Allgäu 2020, S. 12

So konnte erst im Januar 1930 in einem beschränkten Wettbewerb unter fünf Kölner ArchitektenDominikus Böhm, Hans Peter Fischer, Karl Colombo, Bernard Rotterdam und Josef Fleckener. Stefan Klinkenberg et al.: St. Engelbert in Köln-Riehl und St. Bonifatius in Köln-Nippes, Lindenberg i. Allgäu 2020, S. 15 der Bau ausgeschrieben werden. In einem Zusatzschreiben wünschte der Kirchenvorstand ausdrücklich Entwürfe mit Kuppelbau und bestand im weiteren Verlauf der Projektauswahl ultimativ auf einem Zentralbau.Gottfried Böhm zit. nach Peter Keller: St. Engelbert in Köln-Riehl, Rheinische Kunststätten Heft 369, Köln 1991, S. 6 Die Gemeinde legte sich schnell auf den in Köln bereits bekannten Architekten Dominikus Böhm fest und entschied sich dann im April 1930 für einen der von Böhm weiter ausgearbeiteten Zentralbauentwürfe mit dem Titel „Sternkuppelprojekt mit freistehendem Turm.“Peter Keller: St. Engelbert in Köln-Riehl, Rheinische Kunststätten Heft 369, Köln 1991, S. 6ff

Das um Genehmigung gebetene Generalvikariat reagierte zunächst skeptisch und bat um Prüfung, ob es möglich sei, „durch Milderung des Neuartigen dem Bauwerk das Befremdliche zu nehmen“, da der Entwurf etwas Fremdartiges, eher Orientalisches als Abendländisches habeHiltrud Kier, Kirchen in Köln, Köln 2000, S. 172. Nach einer ausführlichen Bauerläuterung von Böhm mit Hinweis auf mittelalterliche Vorbilder wurde der Entwurf genehmigt. Im März 1931 begann die beauftragte Firma Marx auf einem leeren Grundstück am Riehler Gürtel mit dem Bau, der im Wesentlichen aus Bimsbeton gegossen wurde. Am 6. Juni 1932 wurde die Kirche durch Erzbischof Karl Joseph Schulte geweiht.Peter Keller: St. Engelbert in Köln-Riehl, Rheinische Kunststätten Heft 369, Köln 1991, S. 6

Der weitere Ausbau der Kirche verzögerte sich – im Wesentlichen aus Geldmangel. Der Holzfußboden wurde 1935 gelegt, die Heizung 1939 installiert.Karl Peusquens: Köln-Riehl, Geschichte des Vorortes und der Pfarrgemeinde, Köln 1950, S. 70f Lange war die Kirche mit Ruberoid-Pappe gedeckt; das von Böhm geplante Metalldach konnte erst 1979 realisiert werden. Seitdem ergibt sich der vom Architekten beabsichtigte „schönste Gegensatz“ zwischen dem silbrigen Blei und der Backsteinverkleidung der Außenwände.Dominikus Böhm: Die katholische Kirche von St. Engelbert, Köln-Riehl; in: Karl Peusquens: Köln-Riehl, Geschichte des Vorortes und der Pfarrgemeinde, Köln 1950, S. 96

Auch von der ursprünglich geplanten Ausstattung wurden wesentliche Teile nicht realisiert. Auf den vier Konsolen über dem Portal sollten Evangelistenfiguren aufgestellt werden. Im Innenraum war vorgesehen, die Chorrückwand in Freskomalerei mit einer Auferstehung des Herrn zu schmücken. Nach Ansicht von Dominikus Böhm bekomme damit die eigenartige Form des von ihm selbst aus rotem Lahnmarmor gestalteten Altar erst ihren Sinn: „Die Grabplatte ist weggenommen, das heilige Grab geöffnet.“Dominikus Böhm: Die katholische Kirche von St. Engelbert, Köln-Riehl; in: Karl Peusquens: Köln-Riehl, Geschichte des Vorortes und der Pfarrgemeinde, Köln 1950, S. 97

Kriegszeit und Wiederaufbau mini|Starkfarbige Gläser hinter dem Orgelprospekt (2015) Im Zweiten Weltkrieg wurden auch in den Gemeinderäumen im Kirchensockel Luftschutzräume eingerichtet, in denen bis zu 400 Personen Zuflucht suchten. Ab Mai 1941 fielen die ersten Brand- und Sprengbomben auf den Stadtteil; am 21. April 1944 wurden die Fundamente der Chorrückwand getroffen und aufgerissen. Beim Häuserkampf am 6. März 1945 erhielt die Kirche drei Treffer.Karl Peusquens, Köln-Riehl, Geschichte des Vorortes und der Pfarrgemeinde, Köln 1950, S. 45ff Die Schäden konnten schnell instand gesetzt werden, so dass St. Engelbert in den ersten Nachkriegsjahren zu den größten nutzbaren Kirchen Kölns gehörte. Daher wurde Riehl der Ort, in dem der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings bei der Silvesterpredigt 1946 den Kölnern im Voraus die Absolution für lebensnotwendiges Klüttenklauen erteilte, was daraufhin im deutschen Sprachraum als fringsen populär wurde.Spiegel online: „Fringsen war kein Freibrief“ Später ist gemutmaßt worden, dass diese wichtige und volkstümliche Begebenheit auch dem modernen Baustil von St. Engelbert größere allgemeine Akzeptanz verschafft habe.Hiltrud Kier: Köln, Reclams Städteführer Architekt und Kunst, Stuttgart 2008, S. 267

In den 1950er Jahren erhielt die Kirche bedeutende Ausstattungen, die nach den Vorstellungen von Dominikus Böhm gestaltet wurden. 1954 wurde in St. Engelbert eine große Orgel installiert, für die wesentliche Elemente der ursprünglich 1908 von E. F. Walcker für die Hamburger Konzerthalle errichteten Orgel verwendet wurden. Dazu konnte Böhm selbst zusammen mit dem Orgelbauer die Form des Orgelprospektes entwerfen.Orgelbau Klais: Köln-Riehl, St. Engelbert Die 1955 in Kreuzornamentik von Anton Wendling geschaffenen sieben großen Rundfenster im Hauptraum folgen der von Böhm geforderten starkfarbigen Verglasung und tragen so wesentlich zur vom Architekten gewünschten Lichtführung bei.Peter Keller: St. Engelbert in Köln-Riehl, Rheinische Kunststätten Heft 369, Köln 1991, S. 11f

Spätere Umgestaltung Die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils führten zu einer Messe versus populum, die also der Pfarrer in Blickrichtung zur Gemeinde zelebriert. Dadurch konnte Gottfried Böhm, der Sohn des Architekten, den Innenraum von St. Engelbert umgestalten. Der Altar wurde 1967 zum Zentralraum hin vorgerückt, blieb aber erhöht im Chorraum; die Devotionsaltäre in den Konchen wurden entfernt; an ihre Stelle traten links das neue Sakramentshaus und rechts der neue Taufbrunnen (s. u.).Peter Keller: St. Engelbert in Köln-Riehl, Rheinische Kunststätten Heft 369, Köln 1991, S. 10. Dorothea Eimert: Köln-Riehl, St. Engelbert, Schnell Kunstführer Nr. 1098, München Zürich 1977, S. 11 Heute verwendet die Gemeinde einen zweiten, hölzernen Altar, der vor den Stufen des Chorraumes im Zentralraum aufgestellt wurde. Diese Platzierung scheint einer frühen Idealvorstellung von Dominikus Böhm nahezukommen: „Ein Gott, eine (einige) Gemeinde, ein Raum!“Dominikus Böhm in einem Brief an Johannes van Acken, abgedruckt in: Ders.: Christozentrische Kirchenkunst. Ein Entwurf zum liturg. Gesamtkunstwerk, 2. Auflage, Gladbeck 1923, S. 50. Allerdings unterläuft der vorgezogene Altar die Ursprungsidee des Architekten bei der Raumfindung für St. Engelbert, durch den angefügten und mit großer Lichtgeste hervorgehobenen Altarraum die exzentrische Ausrichtung auf Christus zum Ausdruck zu bringen.

Architektur mini|„Das Befremdliche“: Die Neuartigkeit im Zentralbau St. Engelbert (2008) St. Engelbert ist ein kreisförmiger Zentralbau, der auf einem hohen Sockel gebaut ist. Der Turm steht getrennt vom Hauptbau (Campanile).

Die Grundform der Kirche ist ein Kreis mit acht Segmenten. Sie wird von parabelförmigen, hohen, wie Schilde gebogenen Außenwänden gebildet. Nach Nordosten ist ein Segment als rechteckiger Chor herausgezogen; auch hier bildet eine parabelförmige Wand den Abschluss. Der Chor liegt erhöht und ist mit dem Zentralraum über eine breite Treppe verbunden; sie ist auf der linken Seite von einem halbrunden Podest für den Ambo unterbrochen. Aufgrund der Form der Außenwände ist eine Unterscheidung von Wand und Raumdecke nicht möglich. Ausgehend von den schildförmigen Außenwänden zieht sich das metallische Dach weit nach unten in die einzelnen Streben, die sich in den Innenraum hinein als Rippen fortsetzen und dort einzelne abgegrenzte Bereiche bilden. Der Choranbau erhält durch ein ebenfalls parabelförmiges wandhohes Seitenfenster Licht, während der Zentralbau bewusst im Dunkel liegt und nur durch die an den Parabelspitzen angebrachten, kreisrunden Fenster (Okuli) Tageslicht erhält.

Der Kirchenraum von St. Engelbert ist der Mittelpunkt eines modernen Pfarrzentrums. Westlich befindet sich ein angebauter, tiefer liegender Kapellenraum, der auch von außen zugänglich ist und zur Taufkapelle bestimmt war. Mit ihm verbunden ist der schlanke Campanile mit rechteckigem Grundriss (Glocken: s. u.). Östlich befindet sich ein Anbau mit Sakristei – mit Zugang zum Chorraum -–, Pfarrsaal und einem Jugendraum im Souterrain. Das 2-stöckige Pfarrhaus liegt, etwas abgesetzt, ebenfalls östlich.

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