Das Aktive Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e. V. ist ein gemeinnütziger Verein mit dem Ziel der „Aufklärung, insbesondere der Jugend, über die deutsche, speziell die Berliner Geschichte der NS-Zeit und die Entwicklungen der deutschen Geschichte, die die Machtübertragung an die Nationalsozialisten ermöglichten wie auch über die Folgen und Kontinuitäten in der Zeit nach 1945“.
Geschichte Gestapogelände Das Aktive Museum ging 1983 aus einer Bürgerinitiative hervor, die ein Veranstaltungsprogramm zum 50. Jahrestag der Machtübertragung an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 organisierte. In den folgenden Jahren konzentrierte sich das Engagement des Vereins zunächst auf das Prinz-Albrecht-Gelände in Berlin-Kreuzberg, wo die Gestapo bis 1945 ihren Hauptsitz hatte.
Das Gelände lag damals brach und wurde als Schuttablageplatz und zum Autofahren ohne Führerschein benutzt. Der Verein brachte diesen Zustand in den 1980er Jahren zur Sprache und engagierte sich mit anderen Initiativen und Gruppen mittels Aktionen und Demonstrationen für einen Denkort auf dem Gelände. So wurde am 5. Mai 1985, dem „Tag von Bitburg“, öffentlichkeitswirksam eine Grabung entlang der vermuteten Grundmauern des Gebäudes der Gestapo-Zentrale organisiert, was eine professionelle archäologische Untersuchung im Jahr darauf zur Folge hatte. 1989 feierte der Verein eine symbolische Grundsteinlegung für ein Aktives Museum auf dem Gelände, um Handlungsdruck auf die Politik zu erzeugen.
alternativtext=Transparent mit dem Text „Wir brauchen ein Aktives Museum“|mini|Symbolische Grundsteinlegung am 1. September 1989 Mit dieser Gründungsgeschichte steht das Aktive Museum in der Tradition der Geschichtswerkstätten und ist ein Beispiel eines Geschichtsvereins, der aus der Bewegung der „Geschichte von unten“ hervorging.
Auch nach der erfolgten Gründung der Stiftung Topographie des Terrors dauerte es noch Jahrzehnte bis zur Eröffnung des heutigen Dokumentationszentrums. Das Aktive Museum machte wiederholt auf den Stillstand des Projekts aufmerksam. So organisierte es 2004 eine Mahnwache gegen den Baustopp des Zumthor-Entwurfs. Heute arbeiten Vorstand und Geschäftsführung in den Ausschüssen der Stiftung mit und begleiten deren inhaltliche Arbeit.
„Gedenkzeichen“ im Stadtraum „Gedenktafelguerilla“ In den folgenden Jahren erkannte der Verein, dass in Berlin neben dem Gestapo-Gelände auch an anderen Orten Bedarf für Erinnerungszeichen an die Zeit des Nationalsozialismus besteht und weitete sein Engagement aus.
In der ersten Hälfte der 1990er Jahre bemüht er sich darum, Spuren der jüngeren deutschen Geschichte im Ostteil Berlins zu erhalten und zu markieren, bei für notwendig erachteten Umgestaltungen mitzuwirken oder neue Erinnerungszeichen zu setzen. In dieser Zeit erwarb sich das Aktive Museum den Beinamen „Gedenktafel-Guerilla“: Mit eigenhändig montierten Ersatz-Gedenktafeln oder kommentierenden Ergänzungsschildern zu Namen von Straßen, die nach der Wende umbenannt wurden, wollte der Verein dazu beitragen, die historischen und politischen Brüche seit 1933 konkret erfahrbar zu machen und die damit verbundenen Widersprüchlichkeiten zu erhalten.
alternativtext=Eine Frau hängt ein weiteres Straßenschild an eine Kreuzung|mini|Das Straßenergänzungsschild zur Niederkirchnerstraße informierte über die formalige Prinz-Albrecht-Straße, 20. Januar 1993 In den 1990er Jahren fassten zudem mehrere vom Aktiven Museum herausgegebene Publikationen zum Thema Gedenktafeln und Erinnerungszeichen den Stand der Dinge in Berlin für ein Fachpublikum und Interessierte zusammen. Anknüpfend daran erschien im Jahr 2022 als erster Band einer neuen Reihe das Buch Text im Raum. Berlingeschichte verortet im Verbrecher Verlag.
Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin Anknüpfend an das stadträumliche und Gedenktafel-Engagement des Vereins wird die seit 2005 bestehende, vorher in Regie des damaligen Bezirksmuseums Friedrichshain-Kreuzberg (heute FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum) und des Bezirksmuseums Mitte geführte Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin seit 2012 im Aktiven Museum dauerhaft fortgeführt. Sie ist die Kontaktstelle zwischen dem Künstler Gunter Demnig, den bezirklichen Initiativen, den Stolpersteinpaten und den Angehörigen der Opfer und darüber hinaus die zentrale Anlaufstelle für Stolpersteinanfragen und -anträge in Berlin.
In den Jahren 2012 und 2013 hat die Koordinierungsstelle zusammen mit Kulturprojekte Berlin GmbH zwei Bände mit Kiezspaziergängen publiziert. Außerdem bietet sie pädagogisches Begleitmaterial für Stolperstein-Projekte an Schulen an.
Zusammen mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam organisierte die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin am 21. und 22. Februar 2019 eine Tagung unter dem Motto: „Steine des Anstoßes oder normiertes Ritual? Zur Rolle des Stolperstein-Projektes in den Erinnerungskonflikten der Gegenwart“.
alternativtext=Blick von oben auf die Verlegung, eine Menschenmenge bildet einen Kreis um den Künstler, der am Boden vor den Steinen kniet.|mini|Am 9. Juni 2015 wurden zehn Stolpersteine am Marie-Elisabeth-Lüders-Ufer durch Gunter Demnig verlegt. Die Bundestagsfraktionen hatte die Patenschaften für die Steine übernommen.
Koordinierungsstelle Historische Stadtmarkierungen Das Vorgehen der „Gedenktafelguerilla“ professionalisierte sich mit den Jahren. Neben dem ehrenden Erinnern an Persönlichkeiten wie Wolfgang Szepansky durch Gedenktafeln stellt der Verein auch historische Informationstafeln auf, beispielsweise 2013 auf der Insel Schwanenwerder.
Seit 2014 ist das Aktive Museum an der Realisierung des sogenannten Berliner Gedenktafelprogramms thematisch und organisatorisch beteiligt.
2021 wurde die Koordinierungsstelle historische Stadtmarkierungen unter dem Dach des Aktiven Museums eröffnet. Seither gehört auch die „Einrichtung von Orten der Erinnerung an Persönlichkeiten, Institutionen und Ereignisse aus Geschichte und Kultur in Berlin in Form von Informations- und Gedenktafeln und anderen historischen Stadtmarkierungen“ zum Betätigungsfeld des Vereins. Engagierte können sich mit Vorschlägen für neue Gedenktafeln oder weiteren Ideen für Erinnerungszeichen im Berliner Stadtraum an die Koordinierungsstelle wenden, die auch außerhalb des Berliner Gedenktafelprogramms beratend und unterstützend tätig ist.
Thematisierung des Exils 1933–1945 Ab Mitte der 1990er Jahre entwickelte sich die Erforschung des deutschsprachigen Exils zwischen 1933 und 1945 zu einem Schwerpunkt der Arbeit des Aktiven Museums. Mehrere Ausstellungen und Publikationen widmeten sich Menschen, die auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung emigrierten. Dabei standen bisher unterrepräsentierte Bevölkerungsgruppen und Exilländer im Fokus wie beispielsweise die Türkei, Shanghai oder Mexiko. Auch internationale Hilfsnetzwerke und Helfer wie Varian Fry wurden erstmals einem breiten Publikum vorgestellt.
Arbeitsweise Das Aktive Museum hat in eigener Herausgeberschaft sowie in Kooperation mit anderen Berliner Einrichtungen zahlreiche Ausstellungsprojekte realisiert. Die Inhalte werden in wechselnden Arbeitsgruppen erstellt, die auch für Nicht-Mitglieder offen sind. In der Regel sind die Ausstellungen als Wanderausstellungen konzipiert mit Stationen innerhalb Berlins, deutschlandweit oder auch international. Bei der Themenwahl gilt als Kriterium, dass es sich um eine bisher vernachlässigte Geschichte oder um marginalisierte Gruppen handeln soll. In der Regel werden die Ausstellungsinhalte auch in einem begleitenden Katalog publiziert.
Die Ausstellungen in chronologischer Reihenfolge
1945: Jetzt wohin? Exil und Rückkehr …nach Berlin? (1995) Die erste große Ausstellung des Aktiven Museums wurde vom 1. Mai bis 15. Juli 1995 als Open-Air-Ausstellung auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs in Berlin-Kreuzberg gezeigt, von wo tausende Berliner ins Exil flohen. Dafür wurden mehr als 70 Biografien prominenter und nicht-prominenter Berliner recherchiert und jeweils dargestellt, warum sie nach 1945 zurückkehrten oder nicht. alternativtext=Ruinen des Anhalter Bahnhofs, davor im Freien Ausstellungstafeln|mini|Am 1. Mai 1995 wurde die Open-Air-Ausstellung 1945: Jetzt wohin? am Anhalter Bahnhof eröffnet.
Leben im Wartesaal. Exil in Shanghai 1938–1947 (1997) Diese Ausstellung thematisierte das Exil in Shanghai und wurde vom 4. Juli bis 24. August 1997 im Jüdischen Museum Berlin im Martin-Gropius-Bau gezeigt.
Haymatloz. Exil in der Türkei 1933–1945 (2000) Rund 1.000 Emigranten fanden zwischen 1933 und 1945 Zuflucht in der Türkei: Hunderte deutscher Wissenschaftler, Politiker und Künstler emigrierten damals auf Einladung der dortigen Regierung in die Türkei, um als Experten an der Modernisierung aller gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche der jungen Republik mitzuwirken. Nach ihrer Ausbürgerung aus dem Deutschen Reich schrieben die türkischen Behörden den Flüchtlingen das Wort „Haymatloz“ in ihre türkischen Fremdenpässe. Das Wort ging schließlich als Lehnwort in die türkische Sprache ein.
Die Ausstellung wurde erstmals vom 8. Januar bis 20. Februar 2000 in der Akademie der Künste Berlin am Hanseatenweg gezeigt und ist seitdem als bundesweite Wanderausstellung mit Dutzenden Stationen, zuletzt in Gelsenkirchen, Gladbeck, Würzburg, Aschaffenburg, Celle, Bamberg, Kassel, Herten, Siegen und Fürstenfeldbruck zu sehen.
Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder (2005) Die Ausstellung entstand auf Anregung des Berliner Senats und des Abgeordnetenhauses anlässlich des 60. Jahrestags des Kriegsendes 1945. Sie dokumentiert anhand von 32 ausgewählten Biografien mit persönlichen Zeugnissen, Bildern und Dokumenten die Lebenswege von Parlamentariern und Kommunalpolitikern, die aus ganz unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden, ins Exil gingen oder Haft und Tod erleiden mussten. Sie zeigt exemplarisch auch, wie die parlamentarische Demokratie in Deutschland 1933 zerstört wurde. Dies geschieht in Form einer Chronik der Geschichte des Berliner Stadtparlaments, das am 20. März 1919 erstmals im Berliner Rathaus zusammentrat und am 27. Juni 1933 zu seiner letzten Sitzung zusammenkam.
Die Ausstellung wurde zunächst vom 30. September bis 30. November 2005 im Roten Rathaus, dann vom 8. Juni bis 8. Juli 2006 im Berliner Abgeordnetenhaus gezeigt.
Ohne zu zögern… Varian Fry: Berlin – Marseille – New York (2007) Anlässlich des 100. Geburtstags des bis dato wenig bekannten Fluchthelfers Varian Fry bereitete des Aktive Museum eine umfangreiche Würdigung seiner Person und der Hilfsorganisation Emergency Rescue Committee vor. Fry half zwischen 1940 und 1942 etwa 1500 Personen, darunter viele Künstler, bei der Flucht über Marseille in die USA. Die Ausstellung wurde auch in überregionalen Medien besprochen. Unter anderem berichteten die NZZ, arte, die taz, die FAZ, Der Tagesspiegel, der Deutschlandfunk und der WDR ausführlich.
Sie wurde vom 18. November bis 30. Dezember 2007 in der Akademie der Künste Berlin am Pariser Platz gezeigt, dann ab 2008 als Wanderausstellung im Kongresszentrum Davos, im Maison Heinrich Heine in Paris, im Kunsthaus Viernheim, in der Ehemaligen Synagoge Röbel/Müritz, im Stadtgeschichtlichen Museum im Kröpeliner Tor in Rostock, im Dokumentationszentrum Prora auf Rügen, im Rathaus Würzburg, in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache in Dortmund, in den Volkshochschulen Leverkusen und Osnabrück, in den Stadtmuseen von Erlangen und Ludwigshafen und abschließend bis Freitag, den 13. Mai 2016 in der Universitätsbibliothek der FernUniversität Hagen.
Verraten und verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933–1945 (2008)