Die Lawinenkatastrophe von Galtür im Februar 1999, die das Dorf Galtür und den Weiler Valzur der Gemeinde Ischgl im hinteren Paznaun, einem Seitental des Inns, teilweise verschüttete, war eines der größten Lawinenunglücke in der Geschichte Österreichs mit insgesamt 38 Todesopfern. Die Katastrophe führte zur bis dato größten Evakuierung mittels Hubschraubern.

Vorgeschichte und Auslöser mini|Blick von Norden, von der Vollandspitze in den großflächigen Talschluss des Ochsentals („die schräggestellte Schüssel“), aus dem der Nordwind Massen von Triebschnee über den langen Grat zwischen Grieskopf, Grieskogel und Fädnerspitze (rechts, besonnt) auf die oberhalb von Galtür gelegenen Hänge wehen konnte. Der Lawinenwinter 1999 war insgesamt in den Alpen eines der verheerendsten Starkschneeereignisse der Geschichte. Insbesondere die beiden Staulagen 27.–31. Jänner und 5.–12. Februar bauten eine mächtige, aber hochgradig instabile Schneedecke auf, die die Niederschläge der Staulage 17.–25. Februar nicht mehr tragen konnte, was dann zu zahlreichen Selbstauslösungen führte.

Ab dem 20. Jänner 1999 kam es über dem Nordatlantik immer wieder zu schweren Stürmen, deren Niederschlagsfronten an der Nordseite der Alpen zu ergiebigen Schneefällen führten. Im gesamten Februar herrschten vorwiegend kalte Nordwest- bis Westwetterlagen, die Durchschnittstemperaturen lagen hierbei um 2 bis 3 Grad unter dem langjährigen Mittel. In Galtür fielen im Februar 3,75 m Neuschnee und damit etwa sechsmal so viel, wie in diesem Monat üblich. Auch die Gesamtniederschlagssumme von 245 mm an der in Höhe gelegenen Galtürer Wetterstation war im Februar 1999 viermal so hoch, wie in diesem Monat normal ist.

Noch extremere Schneemengen sammelten sich im Anrissgebiet der Unglückslawinen. Dies war auf die Topographie des betreffenden, in West-Ost-Richtung von der Fädnerspitze zum Grießkogel verlaufenden Bergkammes zurückzuführen, welcher auf seiner damaligen Luvseite in den nach Norden nur flach geneigten, großflächigen Talschluss des Ochsentales abfällt. Bei Anströmung aus nördlichen Richtungen stellt dieser das Tal abschließende, halbkreisförmig gekrümmte, nach Norden offene und bis über 2700 m hohe Kamm den feuchten Luftmassen sich wie eine schräggestellte Schüssel von 2 km Durchmesser entgegen.Alpenvereinskarte 28/2 „Verwallgruppe Mitte“, Maßstab 1:25 000, 3. Ausgabe 2008, ISBN 978-3-928777-36-0. So konnte der stürmische Nordwind enorme Mengen Triebschnee aus diesem großen Kar verfrachten und auf den nach Süden, nach Galtür über mehr als 1100 Höhenmeter sehr steil abfallenden, ebenfalls großflächigen Leehang ablagern. mini|Die Hänge, von denen die Katastrophenlawine abging, von Westen im Profil. Gefälle bis zum Talboden über 1100 m. Auch dies war sehr ungewöhnlich, da es sich um extremes Steilgelände handelt, in dem sich Lawinen bei vergleichbarer Schneeakkumulation meist viel eher spontan lösen und so nicht jene Größe von 1999 erreichen. Auf diese Weise lässt sich der etwas verwirrende Umstand verstehen, dass zum Unglück von Galtür letztlich ein extrem stabiler Schneedeckenaufbau geführt hat. Die Abfolge von mehreren Sturmtiefs mit entsprechend großen Temperatursprüngen von arktischer Kälte bis zu Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt sowie jeweils ein bis zwei Tage Pause zwischen den großen Niederschlagsereignissen führte dazu, dass sich der Neuschnee jeweils so weit setzen und stabilisieren konnte, dass er den nächsten Schnee wieder tragen konnte. Gleichzeitig konnten sich in den kurzen Niederschlagspausen keine ausgeprägten Schwachschichten in der Schneedecke ausbilden.

So wurde der Kollaps der bis dahin enorm angewachsenen Schneedecke bis zum 23. Februar 1999 hinausgezögert. An diesem Tag gab die Verbindung zum kantigen Schneedeckenfundament aus dem Frühwinter des Jahres unter der gewaltigen auf ihr lastenden Masse nach und die Lawine ging mit einer 100 Meter hohen Staubwolke mit einer Geschwindigkeit von bis zu 250 km/h zu Tal. Schätzungen zufolge hatte die Lawine eine Schneemasse von 300.000 Tonnen.

Die Katastrophe Die starken Schneefälle hatten in Westösterreich zu zahlreichen Verkehrsbehinderungen geführt. Zwischen Ende Jänner und dem 18. Februar mussten Hubschrauber des österreichischen Bundesheers und des Innenministeriums rund 40 Versorgungs-, Wildfütterungs- und Erkundungsflüge mit Lawinenkommissionen durchführen.

Ab dem 27./28. Jänner herrschten im Raum Paznaun Lawinenwarnstufen ab 3, immer wieder aber 4/5, und die Silvretta Bundesstraße (B 188) zwischen Pians und Galtür – die einzige Zufahrtsstraße nach Galtür, da ab Wirl die weiterführende Silvretta-Hochalpenstraße im Winter prinzipiell gesperrt ist – wurde ab dem 6. Februar immer wieder aus Sicherheitsgründen geschlossen, sodass die Region nicht mehr erreichbar war. Im Paznaun mussten ab dem 9. Februar wiederholt Versorgungsflüge mit einer in Schwaz stationierten Alouette III des Bundesheers geflogen werden, da die Straße Pians – Galtür wieder gesperrt wurde. Zuletzt war sie eine ganze Woche lang gesperrt worden. Lediglich am Samstag, dem 13., wurde sie für einige Stunden geöffnet, um den Urlauber-Schichtwechsel zu ermöglichen. Zu dieser Zeit befanden sich neben den etwa 850 Einwohnern ungefähr 5.000 Urlaubsgäste im Tal.

Zu den Kritikern, die sich nachdrücklich für eine frühzeitige Räumung Galtürs ausgesprochen hatten, gehörte auch der Experte Franz Fliri aus Tirol. Sein Argument, dass es in Galtür in einem Zeitraum von 500 Jahren zu 13 Lawinenabgängen mit insgesamt 57 Toten gekommen sei, wurde von der Gemeinde Galtür nicht akzeptiert. Alle diese Lawinen seien vom mittlerweile gesicherten Osthang abgegangen und von der Nordseite, woher diesmal die Lawinen kamen, hätte sich bisher noch keine einzige Lawine gelöst.focus.de

Ab dem 20. Februar 1999 boten zwei private österreichische Hubschrauber-Unternehmen den Eingeschlossenen die Möglichkeit, diese gegen (umgerechnet) rund 180 Euro auszufliegen.

Dienstag, 23. Februar 1999: Die große Lawine mini|Blick auf den über 1100 m hohen Hang über Galtür (rechts unten): Fädnerspitze (2788 m, exakt am linken Bildrand), Grieskogel (2754 m), Grieskopf (2641 m) mini|Lawinenschutzmauer unterhalb des Grieskogels 2017 mit Blick auf den Predigtberg mini|Blick über den nach der Katastrophe errichteten Lawinenschutzdamm auf Grieskogel und Grieskopf Am 23. Februar 1999 mussten wegen der schlechten Wetterverhältnisse die Versorgungsflüge mit Hubschraubern des österreichischen Bundesheeres, die ab dem 20. Februar durchgeführt worden waren, eingestellt werden. Da auch die Lifte wegen des starken Schneefalls an diesem Tag geschlossen waren, veranstaltete man mitten im Ort ein Fassdauben-Skirennen. Dieses endete nur wenige Minuten, bevor auch der Veranstaltungsort von der Lawine überrollt wurde.

Die erste Lawine mit etwa 400 Metern Breite ging am 23. Februar 1999 gegen 16 Uhr vom nördlich von Galtür gelegenen Hang unterhalb des Grates zwischen Grieskopf und Grieskogel ab (Sonnberg). Die Abrissstelle lag in einer Höhe von ungefähr 2.700 Metern Seehöhe, die Hangneigung beträgt dort bis zu 125 %. Die Lawine, die sich mehrfach teilte, zerstörte zahlreiche Häuser vor allem im Ortsteil Winkl und verschüttete über 50 Menschen, von denen etwa 20 relativ rasch geborgen werden konnten.

Gegen 16:30 Uhr traf die Meldung über eine große Lawine in der Pontlatz-Kaserne in Landeck ein. Der Schneesturm verhinderte den Start von Bundesheerhubschraubern mit Hilfsmannschaften. In einer Krisensitzung wurde beschlossen, um 06:45 Uhr des nächsten Tages mit den Hilfsflügen zu beginnen und während der Nacht die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Bei entsprechender Wetterlage sollten die Flüge aber auch schon während der Nachtstunden durchgeführt werden.

Die Bewohner von Galtür und eingeschlossene Urlauber waren deshalb in der Nacht auf sich alleine gestellt, die Verschütteten zu suchen und Verletzte zu versorgen. Unter anderem wurde in der Sporthalle ein Notlazarett eingerichtet, in dem der Gemeindearzt sowie Ärzte und Krankenschwestern, die sich unter den Touristen befanden, die Lawinenopfer betreuten.

Ungefähr drei Stunden nach der ersten Lawine wurde die Tiroler Landeswarnzentrale von Anrufen besorgter Angehöriger überrollt, die ebenso wie die Medien nach Informationen verlangten. Etwa 20 Kamerateams suchten wegen der verhängten Flugverbotszone um eine Genehmigung für Hubschrauberflüge nach Galtür an.

Wegen zahlloser Telefonate waren sowohl das Festnetz als auch die Mobiltelefonnetze dermaßen überlastet, dass eine Kontaktaufnahme mit den Verantwortlichen in Galtür fast nicht möglich war. Deshalb wurde gegen 19:30 Uhr die Kurzwellengruppe des Rotkreuz-Landesverbands Tirol damit beauftragt, eine Funkverbindung in die von der Außenwelt abgeschnittene Gemeinde herzustellen. Ansprechpartner dort war der Arzt und Funkamateur Walter Köck, den man wenige Minuten nach 21 Uhr schließlich erreichen konnte. Am 24. Februar gegen 21 Uhr wurde der erste Ernstfalleinsatz einer Kurzwellengruppe des Roten Kreuzes beendet.

Gegen Mitternacht ging eine weitere Lawine Richtung Galtür ab, diese forderte aber keine Menschenleben.

Da der Einsatzstab die Stärke der eingesetzten Fliegerkräfte als nicht mehr ausreichend erachtete, richtete die österreichische Bundesregierung in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1999 ein Hilfeersuchen an die NATO sowie die Nachbarstaaten Österreichs. Die Spitäler in der näheren Umgebung richteten sich für die nächsten Tage auf eine große Zahl Verletzter ein. Nicht dringend notwendige Operationen wurden verschoben. Fahrzeuge für den Krankentransport und Notärzte wurden nach Landeck in die Pontlatz-Kaserne verlegt.

Mittwoch, 24. Februar 1999: Valzur Da die Festlegung von geeigneten Landeplätzen in Galtür aufgrund der österreichischen Militärkarte zu unsicher war, wurde während der Nachtstunden vom für Galtür zuständigen Raumplaner eine Gefahrenzonenkarte unter Zuhilfenahme von Informationen, die über den Kurzwellenfunk des Roten Kreuzes und der Feuerwehr einlangten, adaptiert und dem Krisenstab zur Verfügung gestellt.

Ab 06:45 Uhr konnten die ersten Helfer, ungefähr 200 Personen, Lawinensuchhunde, medizinisches Material etc. mit den Bundesheerhubschraubern nach Galtür gebracht werden. Im Laufe des Vormittags wurde die Zahl der Helfer auf etwa 400 aufgestockt. Ab etwa 07:15 Uhr wurden die ersten Schwerstverletzten mit dem Rettungshubschrauber Christophorus 5 des ÖAMTC nach Zams ins Spital gebracht.

Um das Bedürfnis der Medien nach Informationen zu stillen, wurde in der Pontlatzkaserne ein Medienzentrum eingerichtet. Zusätzlich wurden Angehörige der Heeresbild- und Filmstelle nach Galtür eingeflogen, um die Journalisten mit Bild- und Filmmaterial versorgen zu können. Erst nach der Bergung der letzten vermissten Person wurden Reporter und Filmteams – insgesamt etwa 150 Personen – mit Militärhubschraubern nach Galtür geflogen, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen und an einer Pressekonferenz mit dem örtlichen Einsatzleiter, dem Bürgermeister, Anton Mattle, dem Landeshauptmann von Tirol, Wendelin Weingartner, sowie Helfern bei den Bergungsarbeiten teilzunehmen.Medienarbeit im Katastrophenfall Galtür Österreichische Städtebund, abgerufen am 27. Februar 2026

Ab etwa 16 Uhr setzte neuerlich starker Schneefall ein, so dass der Flugbetrieb wieder eingestellt werden musste. Kurz danach kam es im benachbarten Valzur, einem Weiler der Gemeinde Ischgl, zu einem weiteren Lawinenabgang, bei dem zehn Menschen verschüttet wurden. Ein Hubschrauberpilot der Flugpolizei des Innenministeriums, der es mit seinem in Galtür befindlichen Hubschrauber vor dem Einsetzen des Schneesturms nicht mehr zurück nach Landeck geschafft hatte, riskierte trotz des schlechten Wetters Flüge ins fünf Kilometer entfernte Valzur. Auf diese Art und Weise konnten in relativ kurzer Zeit rund 150 Helfer mit Suchhunden und Ausrüstung an den Einsatzort gebracht werden. Vier von zehn verschütteten Personen konnten so noch lebend geborgen werden.