Als Antinatalismus (von griechisch anti- „gegen“ und natalis, „zur Geburt gehörig“) werden Positionen bezeichnet, die sich für die freiwillige Kinderlosigkeit aussprechen.
Es existieren zwei grundlegend unterschiedliche Formen des Antinatalismus: eine schon länger existierende Philosophie, die aus ethischen Gründen fordert, keine neuen Menschen hervorzubringen, sowie eine neuere politische Strömung, die sich aus verschiedenen Gründen zumeist dafür ausspricht, deutlich weniger neue Menschen hervorzubringen. Während Anhänger des ethischen Antinatalismus das Aussterben der Menschheit durch natale Enthaltsamkeit teilweise als erstrebenswert betrachten, wollen Anhänger des bevölkerungspolitischen Antinatalismus ganz im Gegenteil häufig das Überleben der Menschheit sichern und die Lebensbedingungen der Menschen verbessern.
Das Gegenteil von Antinatalismus ist Pronatalismus.
Begriffsgeschichte Bevor der belgische Philosoph Théophile de Giraud (* 1968) den Begriff AntinatalismusThéophile de Giraud: L’art de guillotiner les procréateurs. Manifeste anti-nataliste, Nancy 2006, ISBN 2-916502-00-9 zur Bezeichnung der für Kinderlosigkeit argumentierenden Philosophie gebrauchte, benutzte der französische Journalist Philippe Annaba den Begriff Antiprokreationismus.
Praktischer Antinatalismus Dies ist der bisher häufigste Grund für die Entscheidung für die Kinderlosigkeit. Kinderlosigkeit könne Einzelnen oder Paaren bessere Entfaltungsmöglichkeiten bieten,Andrew Hacker: The case against kids. oder es gibt schlicht ein Missbehagen beim Zusammenleben mit Kindern.
Bevölkerungspolitischer Antinatalismus
National Von Vertretern wird behauptet, der Verzicht auf Kinder oder die Beschränkung auf kleine Familien könne einen Staat vor Überlastung schützen, da eine zu hohe Population im eigenen Land bspw. HungersnöteBRIAN E. DIXON: In food crisis, family planning helps. 28. April 2008. und UmweltproblemeDonella Meadows: Die neuen Grenzen des Wachstums: die Lage der Menschheit: Bedrohung und Zukunftschancen. Dt. Verl.-Anst., Stuttgart 1993, ISBN 3-421-06626-4. auslösen kann. Eine Reihe von Staaten verfolgt oder verfolgte daher über lange Zeit eine antinatalistische Bevölkerungspolitik, darunter die Volksrepublik China mit ihrer Ein-Kind-Politik. Mit dieser, der zufolge eine Familie nur ein Kind haben durfte (bis 2015), sollte das Bevölkerungswachstum unter Kontrolle gehalten werden. Zu Staaten, die eine antinatalistische Politik verfolgen oder verfolgten, gehört neben China zum Beispiel Indien (Stand: 2007).Heinz Werner Wessler: Indien – eine Einführung: Herausforderungen für die aufstrebende asiatische Großmacht im 21. Jahrhundert. Bundeszentrale für politische Bildung, 30. Januar 2007. Es wird dabei von den Regierungen häufig auch eine globale Argumentation ergänzt, letztendlich dem Überleben der Menschheit zu dienen.
In Deutschland betrieben die Nationalsozialisten laut Gisela Bock im Rahmen ihrer rassistischen Ideologie eine selektiv antinatalistische Politik, die sich gegen die Fortpflanzung verfolgter Personengruppen richtete, insbesondere gegen Bürger jüdischen Glaubens oder mit jüdischen Vorfahren.Gisela Bock: Antinatalism, Maternity and Paternity in National Socialist Racism (in: David F. Crew (Hrsg.): Nazism and German Society 1933–1945, Routledge 1994, S. 110–140)
Global (anthropozentrisch) 370px|mini|Veränderung der weltweiten Masse an Landsäugetieren von vor 100.000 Jahren bis 2015 (in Tonnen Kohlenstoff; ohne Geflügel): Der starker Anstieg der Zahl von Menschen (grau) führte dazu, dass sie allein heute ein Vielfaches von dem wiegen, was natürlicherweise alle Wildtiere (rot) zusammen gewogen haben. Die Grafik veranschaulicht, wie der Mensch mit seinen von ihm gehaltenen Nutztieren (blau) allein durch seine große Anzahl die planetaren Grenzen der Erde zu überschreiten vermag und damit sein eigenes Überleben gefährdet. Der globale bevölkerungspolitische Antinatalismus führt für seine Position die derzeitige Überbevölkerung des Planeten an, durch die die planetaren Grenzen überschritten werden und daher die Selbsterhaltung der Menschheit bzw. deren Wohlstand gefährdet ist.
Auf Ebene der supranationalen Organisationen wird eine antinatalistische Bevölkerungspolitik seit Mitte der 1960er Jahre betrieben."The UNFPA, the World Bank, USAID and a range of non-governmental organizations such as the International Planned Parenthood Federation, as well as national organizations were all, during the 1960s, involved in refining, establishing and administering family planning programmes. [...] When the environmental movement came to force in den 1970s, it appropriated the already institutionalized idea that family planning programmes constituted a key policy tool to reduce population growth and thus preserve the globe's natural resources. [...] From the establishment of population policy at the international level in the late 1960s, until the ICPD in Cairo in 1994, family planning was population policy." (Ole Jacob Sending: Policy stories and knowledge-based regimes, the case of international population policy. In: Global Institutions and Development, Framing the World? [Hg. Morten Boas, Desmond McNeill], New York 2004, S. 63).
Der amerikanische Ökonom und Autor Dennis Meadows vertritt die Ansicht, dass unterschiedliche Faktoren wie der Klimawandel, ein auf beständiges Wachstum ausgerichtetes Wirtschaftssystem und eine Verknappung nicht erneuerbarer Ressourcen zu einem Absinken des Lebensstandards führen werden. Er sieht ein weiteres Problem in der Eigenschaft des Menschen, dass dieser oftmals nicht in der Lage ist, kurzfristige Opfer für einen langfristigen, späteren Nutzen zu bringen. Meadows und seine Frau Donella Meadows haben bewusst auf Kinder verzichtet – auch weil sie sich für ihre 1972 erschienene Studie zur Zukunft des Planeten, Die Grenzen des Wachstums, mit den Folgen der Überbevölkerung befasst haben.Der westliche Lebensstil wird nicht mehr lange fortbestehen. Interview mit Dennis Meadows. In: Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 7 vom 18. Februar 2022, S. 20–25.
Klimapolitischer Antinatalismus 370px|mini|Anstieg der atmosphärischen Kohlendioxidkonzentration im Holozän 2017 veröffentlichten die Klimaforscher Seth Wynes und Kimberly Nicholas eine Studie in der Zeitschrift Environmental Research Letters. Darin argumentieren sie, dass es deutlich mehr CO2-Emissionen einspare, auf die Geburt eines Kindes zu verzichten, als zahlreiche andere Maßnahmen im Zusammenhang mit Wohnen, Mobilität und Konsum zu treffen.
mini|Kinder und andere Faktoren des Lebensstils in Bezug auf die Treibhausgasemission
Die Studie wurde in zahlreichen Medien aufgegriffen und mit einem Diagramm illustriert, das die CO2-Ersparnis eines nichtgeborenen Menschenlebens signifikant höher darstellt als diverse Aktivitäten zur CO2-Ersparnis wie z. B. Elektromobilität, Verzicht auf Flugreisen oder Veganismus. Die deutsche Aktivistin Verena Brunschweiger provozierte 2019 mit ihrem Buch Kinderfrei statt kinderlos, in dem sie für einen Verzicht auf Kinder dem Klima zuliebe plädierte.Provokante These: Kinderwunsch streichen, Klima retten vom 14. Juli 2017 Der Spiegel, aufgerufen am 14. Februar 2022 Der Schweizer Aktivist Marc Fehr entschied sich 2020 aus klimapolitischen Gründen für eine Vasektomie, wie 2021 bekannt wurde. Innerhalb der Birth-Strike-Bewegung wird der Klimawandel nicht nur als Bedrohung für kommende Generationen empfunden, sondern die eigene Kinderlosigkeit als persönlicher Beitrag zur Einsparung von Ressourcen und Verringerung des eigenen ökologischen Fußabdrucks betrachtet.„Birth-Strike-Movement“. Besseres Klima durch weniger Menschen? Deutschlandfunk, aufgerufen am 14. Februar 2022 Klimaangst zählt laut der Neurowissenschaftlerin Emma Lawrance zu den Gründen, aus denen bis zu 40 Prozent junger Menschen lieber auf Kinder verzichten möchten.Klimaangst: "40 Prozent der jungen Menschen wollen keine Kinder mehr kriegen" vom 4. Oktober 2021 Die Zeit, aufgerufen am 14. Februar 2022
Durch jedes Kind, was nicht geboren werde, ließen sich jährlich 58,6 Tonnen CO2-Emissionen einsparen, wie schwedische Wissenschaftler 2017 errechneten. Zum Vergleich: Jeder Mensch in Deutschland verursacht in seinem Leben rein rechnerisch ca. 916 Tonnen CO2-Äquivalente.
Global (tiefenökologisch) Ein bevölkerungspolitischer Antinatalismus muss aber nicht rein anthropozentrische Gründe haben. Ein bevölkerungspolitischer Antinatalismus wird auch von manchen Naturethikern sowie Vertretern der Tiefenökologie eingenommen, welche eine privilegierte Stellung der Spezies Mensch gegenüber anderen biologischen Arten bestreiten. Sie machen darauf aufmerksam, dass sämtliche Spezies, die den Planten bewohnen, von einem Absinken der Lebensqualität durch eine weitere Zunahme der Weltbevölkerung und daraus resultierende Übernutzung der natürlichen Ressourcen betroffen sind.Klimakrise:Eine Zukunft ohne Kinder vom 13. Februar 2022 Süddeutsche Zeitung, aufgerufen am 14. Februar 2022
Der teilweise als Tiefenökologe eingeordnete Pentti Linkola erlangte Bekanntheit als einer der radikalsten Vertreter dieser Position, da er zum Erhalt der Biosphäre nicht nur Geburtenkontrolle und Eugenik befürwortete, sondern darüber hinaus auch jegliche Maßnahmen, die eine große Zahl von Menschen töten, bspw. Terrorismus, Völkermord, Pandemien und einen dritten Weltkrieg.
Der in den 1970er Jahren gegründete tiefenökologische Verein Voluntary Human Extinction Movement (VHEMT) befürwortet zwar keine Gewalt, propagiert zum Wohl des Planeten aber freiwillige Kinderlosigkeit bis zum Aussterben der Menschheit.
Ethischer Antinatalismus Die Übergänge zwischen den einzelnen Strömungen sind vielfach fließend, oft kommen bei persönlichen Entscheidungen mehrere Aspekte zusammen.
Metaphysischer Antinatalismus Einen metaphysischen Antinatalismus vertrat Arthur Schopenhauer. Da Leben wesentlich Leiden sei, ist für Schopenhauer das Absehen von der Fortzeugung geboten. Im Kontext seiner Metaphysik vermutet er, dass mit dem Aussterben der Menschheit durch Nichtfortpflanzung die gesamte Welt als Vorstellung aufhören würde:
Als metaphysisch-religiöser Antinatalist ist der Philosoph Philipp Mainländer zu erwähnen. Er versteht das Verschwinden der Menschheit auf dem Wege der Geburtenlosigkeit als Gottesdienst: Laut Mainländer strebt Gott an, zu nichts zu werden. Philipp Mainländer, Philosophie der Erlösung, 2. Auflage, Berlin 1879, S. 324f Gott habe die Welt geschaffen, um zu nichts zu werden. Und Mainländer meint, Philipp Mainländer, Philosophie der Erlösung, 2. Auflage, Berlin 1879, S. 343
Nihilistischer Antinatalismus Der moderne Antinatalismus beginnt mit der Schrift Der Neo-Nihilismus, die Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Pseudonym Kurnig veröffentlicht wurde. Kurnig: „Ich betrachte das Leben des Menschen als etwas in seiner Gesamtheit Unschönes, als ein Unglück. Kein Ungeborener würde es verlangen. (…) Nicht durch gewaltsame Mittel (Mord, Krieg und dergl.), sondern auf sanftem Wege möge die Menschheit von unserem Erdball verschwinden.“ „Der einzig mögliche Fortschritt des Ganzen liegt auf dem Wege der Einstellung der Kinderzeugung – wie gesagt, der sanften Entvölkerung unseres Erdballs. Alles, was einer sanften möglichst raschen und definitiven Entvölkerung zu Gute kommt, muss befürwortet werden. Das wird die Moral der Zukunft sein.“
Moraltheoretischer Antinatalismus