mini|hochkant=1.5|St. Lubentius von Osten, Juli 2012 mini|hochkant=1.5|Grundriss von St. Lubentius Die ehemalige Stiftskirche St. Lubentius im Limburger Stadtteil Dietkirchen am Westufer der Lahn war bis ins 13. Jahrhundert die bedeutendste Kirche des Lahngaus und seiner Nachfolgeterritorien. In dem Sakralbau werden die Gebeine des heiligen Lubentius als Reliquien aufbewahrt. Das auf das 9. Jahrhundert zurückgehende Stift erlosch im Zuge der Säkularisation. Heute dient St. Lubentius als römisch-katholische und die Dreifaltigkeitskapelle als evangelische Pfarrkirche von Dietkirchen.

Das Gebäude ist eine romanische Basilika mit Querhaus und Doppelturmfassade, die im Wesentlichen im 11. und 12. Jahrhundert ihr heutiges Aussehen erhielt. Ihre ungewöhnlich monumentale Außenwirkung ergibt sich aus dem Zusammenspiel von landschaftlich exponierter Lage auf einem schroff aufragenden Kalksteinfelsen, der bauzeittypischen Schwere der Architektur und dem (ahistorischen) Fehlen des Verputzes. Die Ausstattung besteht vor allem aus Arbeiten des 18. Jahrhunderts.

Geschichte Vorgeschichte Grabungen in den 1950er und 1960er Jahren förderten im Bereich der Kirche Funde zu Tage, deren älteste sich der Jungsteinzeit zuordnen lassen. Demnach war der exponierte Felsen über der Lahn schon 4000 vor Christus von Menschen besetzt. Die Mehrzahl der vorgeschichtlichen Funde stammt allerdings aus den Epochen von der Urnenfelderkultur bis zur Latènezeit, also der Zeit von 1300 vor Christus bis kurz nach Christi Geburt. Art und Häufung der Funde deuten auf eine Kultstätte hin, zumal das kleine Felsplateau als Platz für eine Siedlung wenig geeignet ist.

Im Mittelalter war das historische Dietkirchen als gerichtlicher Versammlungsort des Lahngaus bedeutend. Die mittelalterliche Gerichtsbarkeit oblag dem feudalen Herrscher, die Gerichtsstätte Reckenforst wird in Urkunden des Klosters Eberbach erstmals 1217 erwähnt, dürfte aber bereits im Frühmittelalter bestanden haben. Moderne Forschungen nehmen den Ort der Stätte in dem Flurstück westlich der jetzigen Straße Auf der Heide in dem Abschnitt südlich der einstechenden Senefelderstraße an.

Der Ort war wegen einer Furt über die Lahn, die spätestens in fränkischer Zeit an eine Handelsstraße angeschlossen war, auch von wirtschaftlicher Wichtigkeit. Neben der Lahnpassage via Furt gab es spätestens gegen Ende des 11. Jahrhunderts eine Lahnfähre, wie schriftlich nachweisbar. Bis zur Einweihung der jetzigen hölzernen Fußgängerbrücke im Jahre 1989 hatte dieser Fährdienst mit Anpassungen an den technischen Fortschritt rund ein Jahrtausend Bestand.

St. Lubentius und die Stiftsgründung Die Tradition als Kultort, Gerichtsstätte und wichtiger Verkehrsknotenpunkt ließen den Ort zu einem Ausgangspunkt der Christianisierung des Lahngaus werden, die vom Bistum Trier betrieben wurde. Aufgrund des Mangels an archäologischen Befunden und Schriftquellen ist der Anfang der Mission ebenso wie der Zeitpunkt der Durchsetzung des neuen Glaubens in der Forschung umstritten. Realistisch ist ein Zeitraum zwischen dem 6. Jahrhundert und spätestens dem frühen 8. Jahrhundert anzusetzen.

mini|hochkant|Darstellung des heiligen Lubentius in einem modernen Bleiglasfenster bei Andernach-Kell Der Legende nach war der Patron der heutigen Kirche, der heilige Lubentius, selber nicht nur missionarisch in der Lahnregion tätig, sondern hat angeblich dort auch ein erstes Gotteshaus errichtet. Nach seinem Tod habe sich sein Leichnam nicht von der Stelle bewegen lassen, worauf die angereisten Bischöfe von Trier und Köln beschlossen, den Leichnam in ein unbemanntes Boot zu legen. Dieses habe sich dann die Mosel hinab, den Rhein und schließlich die Lahn hinauf bewegt und sei zu Fuße des Felsens gestrandet, wo er in der von ihm gegründeten Kirche begraben wurde.

Der Lebenslauf von Lubentius setzt sich aus drei Quellen zusammen, wobei zunächst festzustellen ist, dass diese sämtlich Jahrhunderte nach seinen Lebzeiten entstanden. Dies ist zum einen die Vita Maximin, die zwischen 751 und 768 entstand, die Gesta Treverorum, die um 1101 niedergeschrieben wurden und die Translationslegende vom Ende des 12. Jahrhunderts, die wahrscheinlich in Dietkirchen selbst verfasst wurde.

mini|hochkant|links|Kopfreliquiar des heiligen Lubentius von 1477 im Tabernakel von 1975, heute im Nordturm Die Vita Maximin, die im Wesentlichen von der Bestellung des Heiligen als Priester in Kobern an der Mosel und auch seinem Tod dort berichtet, gilt im Lichte der modernen archäologischen Forschung als authentisch. Die hochmittelalterlichen Gesta Treverorum, die die Behauptung eines ersten Kirchenbaus an der Lahn, ohne Dietkirchen zu nennen, aufstellen, werden dagegen als unglaubwürdige Quelle betrachtet, die vielmehr dazu dienen sollten, den Rang der Erzstifts Trier zu behaupten.

Die Translationslegende basiert bei textkritischer Betrachtung direkt auf der Vita Maximin und schmückt diese nur weiter aus. Auch vor dem Hintergrund, dass sie wohl von einem Kanoniker des gleichnamigen Stifts verfasst wurde, ist sie daher bestenfalls als subjektiv zu bezeichnen. Paradoxerweise fehlen gerade dieser Überlieferung, die von den drei Quellen am meisten zum Ruhm des Kirchenpatrons in Dietkirchen selbst beitragen will, jegliche Details zu seinem Auftreten an der Lahn zu seinen Lebzeiten.

Die Behauptung, Lubentius sei der Apostel der Lahngegend gewesen, ist sogar erst 1670 schriftlich festgehalten. Vor diesem Hintergrund hält die moderne Forschung eine Missionstätigkeit des Lubentius an der Lahn heute für ausgeschlossen. Tatsächlich dürften seine Gebeine als Reliquie kurz vor der Ersterwähnung von Dietkirchen 841 dorthin gebracht worden sein, anzunehmen ist die Zeit zwischen 836 und 841. Dietkirchen selbst dürfte aus archäologischer Sicht etwas früher, wohl schon zwischen Mitte und Ende des 7. Jahrhunderts, gegründet worden sein.

Erstmals erwähnt wird das Lubentiusstift in einer Urkunde vom 13. Mai 841, die jedoch nur in einer Abschrift aus dem 17. Jahrhundert überliefert ist. Ihr Wahrheitsgehalt wird allerdings allgemein nicht bezweifelt. Die Urkunde erwähnt auch Dietkirchen namentlich zum ersten Mal und erlaubt aufgrund ihres Inhaltes einer Schenkung an das Stift die Aussage, dass dieses bereits vor 841 bestanden haben muss. Dies stimmt zufriedenstellend mit dem vermuteten Zeitraum der Reliquienüberführung überein.

Stiftstruktur und Entwicklung bis zum Ende des Mittelalters Die Priester am Kollegiatstift waren – in Abgrenzung zu Mönchen, die nach einer Klosterregel in einem Orden zusammenlebten – Weltpriester. Sie durften in Gegensatz zu Mönchen auch persönlichen Besitz haben und widmeten sich Aufgaben wie beispielsweise der Seelsorge oder dem Spenden von Sakramenten. Grundlage ihres Zusammenlebens war die Aachener Regel, die sich an typische Klosterregeln anlehnte und etwa gemeinsame Schlafräume und Mahlzeiten vorschrieb.

Von diesem Regelkanon rührte auch die Bezeichnung der Stiftsgeistlichen als Kanoniker her. Ihre Anzahl ist für das Lubentiusstift im Frühmittelalter unbekannt, die erste Angabe von 12 Personen stammt aus dem Jahr 1262. Zu diesem Zeitpunkt vollzog sich auch die Aufgabe des gemeinsamen Lebens auf dem Stiftsbezirk, fortan lebten die Kanoniker getrennt in Stiftshäusern, Domherrenhöfen oder privat erworbenen Gebäuden. Von diesen sind heute noch einige in Dietkirchen erhalten.

Auch die frühmittelalterliche Einordnung des Stifts in die Verwaltungsstrukturen des Erzbistums Trier ist unbekannt. Möglicherweise wurde das Stift schon um 900 zum Trierer Archidiakonat erhoben, gesichert ist letzteres aber erst für 1031. Das Archidiakonat verwaltete die rechtsrheinischen Gebiete des Erzbistums. Ihm waren die sechs Dekanate Dietkirchen, Engers, Haiger, Kirberg und Marienfels sowie Wetzlar untergeordnet, letztere Einheit wurde Archipresbyterat genannt, besaß im Prinzip aber eine ähnliche Struktur wie die fünf Dekanate.

Zusammengezählt umfassten die Dekanate 242 Pfarreien, von denen eine auch die Großpfarrei Dietkirchen war. Ursprünglich kumulierten die Ämter des Archidiakons, des Propstes, der dem Stift vorstand und des Pfarrers wohl in einer Person. Schon im 12. Jahrhundert löste sich der Propst jedoch vermögensmäßig vom Stift, die Propstei wurde zum Ehrenamt, und ein Dechant übernahm die Leitung der Stiftsgeistlichen. Daraus resultierte die Dietkirchener Besonderheit, dass der Pfarrer bis in die frühe Neuzeit nicht zum Stift gehörte.

Über die Geschichte des Stifts im Früh- und Hochmittelalter ist wenig bekannt, da nach der Urkunde vom 13. Mai 841 und denen des 13. Jahrhunderts nur eine weitere solche überliefert ist. Sie stammt aus der Zeit um das Jahr 1098 und hat zum Inhalt, dass der Propst Rambert mit Zustimmung aller Kanoniker die Fähre zu Dietkirchen verleiht. Sie beweist die ältesten, wohl bis auf die Stiftsgründung zurückgehenden Strukturen: Doppelamt von Archidiakon und Propst und dessen Verfügungsgewalt über das Stiftsgut.

Ab dem 13. Jahrhundert verbessert sich die schriftliche Überlieferung. Sie erlaubt es, die bereits beschriebene Lösung des Propstes vom Kapitel durch Vermögensteilung und die Aufgabe des gemeinsamen Lebens der Kanoniker nachzuvollziehen. Nachdem Ende des 13. Jahrhunderts mehrere Altäre gestiftet worden waren, wurde das Stift auch personell durch Altaristen verstärkt. Schließlich zeigen Ablassurkunden respektive die Bestätigung bereits vorhandener durch verschiedene Erzbischöfe ein verstärktes Bemühen um eine Aktivierung des Stifts. Darüber hinaus entwickelte sich im 13. Jahrhundert am Lubentiustag ein Jahrmarkt am Stift, der langfristig bestehen blieb und noch im 18. Jahrhundert zu den wichtigsten Märkten in Kurtrier zählte.

Die Bedeutung des Stifts im Mittelalter spiegelt sich in der vielfältigen Verflechtung seiner Mitglieder wider. So entstammen dem Kollegium Bischöfe und Erzbischöfe von Trier und Worms. Zudem gehörten Stiftsherren den Domkapiteln von Trier und Mainz an, ebenso dem Stift Limburg.

Zeit der Reformation bis zur Säkularisation In der Reformationszeit gelangte die weltliche Herrschaft über die Grafschaft Diez und damit auch Dietkirchen nach dem Erlöschen des gleichnamigen Geschlechts an eine Ganerbschaft. Durch Erbteilung nahm die Zahl der an ihr beteiligten Geschlechter immer weiter zu. Da sich Kurtrier bereits 1453 ein Achtel der Ganerbschaft gesichert hatte, konnte es aufgrund seiner weltlichen Macht die Rechte des Stiftes vor allem in der Reformationszeit behaupten. Trotzdem wurden im Bauernkrieg die Keller der Stiftsgeistlichen geplündert, größere Zerstörungen blieben aber aus.

mini|hochkant|Barocke Holzdecke des Langhauses mit Lichtgaden 1535 setzte die kurze Phase des Kondominats ein, nachdem sich Kurtrier binnen zwei Jahren weitere 3/8 der Herrschaft an der Grafschaft gesichert hatte und sich diese nun indirekt nur noch mit Nassau-Dillenburg teilen musste. Sie endete 1564, als Dietkirchen aus der Dehrner Zent, die an Nassau kam, herausgelöst und als kurtrierisches Amt Limburg dem Anteil des Erzstifts Trier zugeschlagen wurde, wo es bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches verbleiben sollte.

Gleichwohl sind aus dieser Zeit eine Reihe von Beschwerden über die Ordnung im Stift bekannt, die die Kritik Martin Luthers an der katholischen Kirche jener Zeit zu bestätigen scheinen. So wurde etwa 1535 einem Pleban vorgeworfen, die Ewige Lampe kaum eine Woche im Jahr brennen zu lassen, Zahlungsverpflichtungen nicht nachzukommen und das Pfarrhaus baulich zu vernachlässigen. 1555 beschwerten sich Angehörige der Pfarrei, dass der damalige Pleban mehr dem Hochaltar als der Pfarrkirche diene und 1571 musste sich der Pastor gar in Limburg an der Lahn vor den erzbischöflichen Visitatoren des Verdachts erwehren, eine Dienerin als Konkubine zu halten.