Als Neuroästhetik wird ein Forschungsprogramm bezeichnet, dessen Ziel es ist, die neurobiologischen Grundlagen ästhetischer Empfindungen, etwa bei der Rezeption von Kunst oder Musik, sowie der kreativen Prozesse beim Erschaffen solcher Werke zu erforschen. Der Begriff wurde 2001 von Semir Zeki geprägt.S. Zeki: Artistic Creativity and the Brain. In: Science. 293(5527) 2001, S. 51–52. Zeki sieht die Neuroästhetik als Teildisziplin der experimentellen Ästhetik.

Forschungsansätze Zu den methodischen Ansätzen der Neuroästhetik gehören die Wahrnehmungspsychologie, die Evolutionsbiologie, neurologische Methoden sowie die funktionelle Anatomie.

Ein wichtiger Ansatz innerhalb dieses Forschungsgebiets ist es, mögliche universelle Gesetzmäßigkeiten zu finden, die dem Schönheitsempfinden zugrunde liegen, und diese neurobiologisch zu begründen. Für den Bereich der bildenden Kunst sind hier insbesondere die Mechanismen der visuellen Wahrnehmung von Bedeutung. Solche Gesetzmäßigkeiten können auch im Bezug auf ihre möglichen evolutionären Vorteile hin untersucht werden.

Zudem werden bildgebende Verfahren wie die Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) und Elektroenzephalographie (EEG) eingesetzt, um Gehirnstrukturen auszumachen, die spezifisch auf ästhetische Erfahrungen reagieren und daher als deren neuronale Grundlagen verstanden werden können. Auch Untersuchungen des ästhetischen Empfindens von Patienten mit spezifischen Hirnstörungen wie dem Savant-Syndrom oder traumatischen Hirnverletzungen können für diesen Zweck eingesetzt werden. Von besonderem Interesse sind auch die Werke von Künstlern mit derartigen Störungen.

Eine aktuelle Fragestellung der Neuroästhetik zielt darauf ab, inwieweit ästhetisches Empfinden „bottom-up“ von der Zusammenführung einfacher („primitiver“) Wahrnehmungen oder „top-down“ von der Einwirkung höherer kognitiver Prozesse abhängt. Eine Bildgebungsstudie von 2009 gibt Hinweise auf beide Verarbeitungsweisen: Aufmerksamkeitslenkung und visuelle Suche als kognitive Komponenten, sowie die aktive Konstruktion mentaler Bilder mit weichen Kanten als Bottom-Up-Prozesse.G. C. Cupchik: Viewing artworks: Contributions of cognitive control and perceptual facilitation to aesthetic experience. In: Brain and Cognition. 70, Nr. 16, 2009, S. 84–91.

Des Weiteren wurden in jüngerer Zeit die neuronalen Reaktionen auf verschiedene Stil- und Kunstrichtungen gegenübergestellt, etwa abstrakte im Vergleich zu eher klassischer, gegenständlicher Malerei.P. G. Lengger: Functional neuroanatomy of the perception of modern art: A DC-EEG study on the influence of stylistic information on aesthetic experience. In: Brain Research. 1158, 2007, S. 93–102.

Im weiteren Sinne werden auch eher kunsthistorisch, philosophisch oder politikwissenschaftliche Studien der Neuroästhetik zugerechnet, die sich in ihrer Argumentation auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse beziehen.K. Herrmann (Hrsg.): Neuroästhetik. Perspektiven auf ein interdisziplinäres Forschungsgebiet. Beiträge des Impuls-Workshops am 15. und 16. Januar 2010 in Aachen. Kassel University Press, Kassel 2011.

Theorien neuroästhetischer Gesetzmäßigkeiten

Semir Zekis Gesetze der visuellen Wahrnehmung Semir Zeki ist ein Professor für Hirnforschung am University College London, der die Entwicklung der Neuroästhetik maßgeblich geprägt hat. Zeki sieht Kunst als Ausdruck der enormen Vielseitigkeit des Gehirns, bedingt durch seine schnelle Evolution.S. Zeki: Inner Vision: an exploration of art and the brain. Oxford University Press, 1999.S. Zeki: Splendours and Miseries of the Brain. Wiley-Blackwell, 2008. So wie die Neurowissenschaft helfen kann, die Grundlagen des Kunstverständnisses aufzudecken, kann umgekehrt die Untersuchung von Kunstgenuss auch Aufschluss über Gehirnfunktionen geben. Zeki stellt die These auf, dass Künstler mit der Produktion ihrer Werke unbewusst die Funktionsweise des Gehirns erforschen:

Für Zeki sind zwei Prinzipien von entscheidender Bedeutung für die visuelle Wahrnehmung: Das Prinzip der Konstanz und das der Abstraktion. Mit Konstanz ist die Fähigkeit des Gehirns gemeint, trotz ständig wechselnder visueller Eindrücke Wissen über die gleichbleibenden Eigenschaften von Objekten zu gewinnen und dabei viele andere Faktoren auszublenden. So sind wir zum Beispiel in der Lage, ein Gesicht wiederzuerkennen, obwohl es etwa von verschiedenen Blickwinkeln aus oder unter verschiedenen Lichtverhältnissen betrachtet wird. Künstlerisches Schaffen hat nach Zeki ebenfalls die Aufgabe, das Essentielle der Objekte herauszuarbeiten. Ein Beispiel dafür sind die Werke des frühen Kubismus, bei dem viele der veränderlichen Aspekte wie Perspektive und Beleuchtung eliminiert wurden.

Das Prinzip der Abstraktion bezieht sich auf die Fähigkeit des Gehirns, Repräsentationen genereller Regelmäßigkeiten aus einer Reihe von vielen tatsächlich gesehenen Beispielen zu extrahieren, also vom Besonderen auf das Generelle zu schließen. Nach Zeki überträgt der Künstler diesen Prozess auf sein Kunstwerk, indem er ein abstrahiertes Abbild erschafft. Umgekehrt erklärt er die besondere Faszination von unfertigen oder mehrdeutigen Kunstwerken damit, dass dem Gehirn beim Betrachten solcher Werke Raum für den eigenen Abstraktionsprozess gelassen wird.

Ramachandrans acht Gesetze des Kunsterlebens Der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran hat zusammen mit dem Philosophen William Hirstein eine Theorie aufgestellt, in der er acht Heuristiken einführt, die für das Erleben von Kunstgenuss von Bedeutung sind. Ramachandran beleuchtet dabei auch mögliche evolutionäre Vorteile, die aus der Anwendung dieser „Gesetze“ folgen, und auf ihre neurobiologische Umsetzung im Gehirn. Diese Gesetze sind die folgenden:

Übertreibung: Aus dem Bereich des Unterscheidungslernens ist bekannt, dass Tiere unter Umständen stärker auf übertriebene Darstellungen eines gelernten Reizes reagieren als auf diesen Reiz selbst (Peak Shift-Prinzip).H. S. Terrace: Discrimination Learning, The Peak Shift and Behavioral Contrast. In: Journal of the Experimental Analysis of Behavior. 11, 1968, S. 727–741.N. Tinbergen: Curious Naturalist. Basic Books, New York 1954. Sollen sie z. B. ein Rechteck von einem Quadrat unterscheiden, kann ein in eine Richtung extrem lang gezogenes Rechteck eine starke Reaktion auslösen, obwohl ein solches „Super-Rechteck“ vorher nie gezeigt wurde. Für Ramachandran bedeutet dies, dass ein Herausarbeiten und Überzeichnen der grundlegenden Eigenschaften eines Objekts eine starke Reaktion hervorruft. Dies ist auch eine zentrale Arbeitsweise vieler Künstler, etwa in Karikaturen und abstrakter Kunst. Isolation: Beim Betrachten eines Bildes spielt die visuelle Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle. Wird diese Aufmerksamkeit durch die Gestaltung des Bildes auf einen einzigen Aspekt gelenkt, kann das Gehirn mehr Ressourcen für dessen Verarbeitung bereitstellen und stärker darauf reagieren. Ramachandran spricht dabei von der Isolation eines visuellen Moduls. Er vermutet, dass künstlerisch hochbegabte Savants einen Extremfall der Isolation darstellen, bei dem sämtliche andere Module zugunsten des visuell-künstlerischen abgeschaltet sind. Gestalt-Gesetze: Das visuelle System ist in der Lage, einzelne visuelle Elemente zu einer Gesamtfigur zusammenzusetzen (perceptual grouping). Es benutzt dabei eine Reihe von so genannten Gestalt-Gesetzen. Danach werden z. B. ähnliche, nahe beieinander oder in derselben Ausrichtung befindliche Objekte eher als zusammengehörig angenommen als andere. Diese Prozesse haben einen unmittelbaren Nutzen bei der Entdeckung von versteckten Objekten, etwa einem Raubtier in einem Busch. Künstler machen sich diese Gesetze seit jeher zunutze. Kontrastverstärkung: Aus denselben Gründen wie bei den Gestaltgesetzen ist auch die Kontrastierung zweier visueller Einheiten als getrennte Objekte wichtig für das Überleben und wird als angenehm empfunden. Neurobiologisch wird eine solche Kontrastverstärkung durch Nervenzellen im frühen visuellen System vermittelt. Visuelles Problemlösen: Das Entdecken eines Objekts oder einer anderen Regelmäßigkeit wird meist dann als besonders befriedigend empfunden, wenn das Entdecken schwierig war. Ähnlich wie bei der Kontrastverstärkung und Gruppierung kann das evolutionsbiologisch damit erklärt werden, einen Anreiz zu bieten, auch schwierige visuelle Probleme zu lösen und damit das Überleben nachhaltiger zu sichern. Symmetrie: Die Symmetrie ist ein wichtiger Aspekt der Schönheit und wird wie der Kontrast schon früh im visuellen System erkannt. Ramachandran erklärt die Bedeutung der Symmetrie wiederum als evolutionären Vorteil beim Erkennen von potentiellen Fressfeinden, Beutetieren oder Sexualpartnern. Generischer Blickwinkel: Verwandt mit den Gestaltgesetzen ist das Prinzip des generischen Blickwinkels (generic viewpoint). Damit ist gemeint, dass das Gehirn Schlussfolgerungen vermeidet, die nur unter einem bestimmten Blickwinkel Bestand haben. Zum Beispiel werden zwei Objekte, von denen eins nur halb zu sehen ist, stets so interpretiert, dass das eine das andere Objekt verdeckt. Im Prinzip könnte das hintere Objekte auch einfach unvollständig sein, aber dann würde diese spezifische Konstellation nur von diesem einen Blickwinkel aus möglich sein. Dies ist unwahrscheinlich und wird daher auch nicht als wahr angenommen. Kunstwerke, die diesen Regeln entsprechen (etwa unter Verwendung der korrekten Perspektive), sind angenehmer zu betrachten. Visuelle Metapher: Kunstwerke verwenden oft metaphorische Darstellungen, also Bilder, die neben ihrer offensichtlichen Bedeutung noch eine andere, übertragene besitzen. Ähnlich wie das visuelle Problemlösen ist die Entdeckung einer solchen Metapher ein befriedigendes Erlebnis. Hinweise für eine neurobiologische Grundlage dieses Prozesses liefert das Capgras-Syndrom, bei dem ein Patient glaubt, eine ihm nahestehende Person sei durch einen identisch aussehenden Doppelgänger ersetzt worden.

Gehirnareale mit Bezug zu ästhetischer Wahrnehmung mini|links|alt=Alt text|Position des orbitofrontalen Cortex im Gehirn, sichtbar gemacht durch MRT mini|alt=Alt text| Der präfrontale Cortex ist orange hervorgehoben. Die Brodmann-Areale sind durch Zahlen gekennzeichnet. Um ästhetische Wahrnehmung mit bestimmten Gehirnarealen in Verbindung zu bringen, werden bildgebende Verfahren wie fMRT, EEG oder MEG eingesetzt, meistens während die Probanden Kunstwerke betrachten.A. Chatterjee: Neuroaesthetics: A Coming of Age Story. In: Journal of Cognitive Neuroscience. Band 23, Nr. 10, 2010, S. 53–62.C. Di Dio, V. Gallese: Neuroaesthetics: A review. In: Current Opinion in Neurobiology. 19 (2009), S. 682–687. Dabei wird die neuronale Aktivität zwischen verschiedenen Bedingungen verglichen, etwa zwischen dem rein „pragmatischen“ Betrachten und der Betrachtung unter künstlerischen Gesichtspunkten, zwischen verschiedenen KunststilenH. Kawabata, S. Zeki: Neural Correlates of Beauty. In: Journal of Neurophysiology. 91 (1) 2004, S. 1699–1705. oder zwischen als schön oder hässlich bewerteten BildernO. Vartanian, V. Goel: Neuroanatomical correlates of aesthetic preference for paintings. In: NeuroReport. 15 (2004), S. 893–897. oder geometrischen FormenT. Jacobsen, R. Schubotz, L. Hofel, D. von Cramon: Brain correlates of aesthetic judgments of beauty. In: Neuroimage. 29 (2005), S. 276–285.. Die in einer bestimmten Bedingung besonders aktiven Hirnregionen werden dann dem jeweiligen Aspekt als zugehörig angesehen.