Der sechste Kreuzzug war eine große „bewaffnete Pilgerfahrt“ des französischen Königs Ludwig IX. von Frankreich, die im August 1248 begann und im April 1254 scheiterte.
Der Kreuzzug hatte eine Entlastung der christlichen Kreuzfahrerstaaten sowie die Rückgewinnung von Jerusalem, das 1244 wieder an die Muslime gefallen war, zum Ziel. Der Angriff erfolgte auf das Sultanat der Ayyubiden in Ägypten, das Zentrum der größten muslimischen Macht, unter dessen Herrschaft sich auch Jerusalem befand. Im Wesentlichen folgte der sechste Kreuzzug dem strategischen Konzept des Kreuzzugs von Damiette, welcher allerdings 1221 nach anfänglichen Erfolgen gescheitert war. Dennoch wurde für eine erfolgreiche Rückgewinnung Jerusalems ein siegreich geführter Schlag gegen Ägypten als alternativlos erachtet.
Die Zählweise dieses Kreuzzuges ist in der Geschichtsschreibung unterschiedlich. Da besonders in Deutschland der Kreuzzug von Damiette (1218–1221) und der Kreuzzug Kaiser Friedrichs II. (1228–1229) im sogenannten „fünften Kreuzzug“ zusammengezählt werden, wird der Kreuzzug Ludwigs IX. nach Ägypten hier als der „sechste“ gezählt. In Frankreich und England hingegen werden die Kreuzzüge von Damiette und Friedrichs II. voneinander separat als fünfter und sechster gezählt, wodurch der Ludwigs IX. als der „siebte Kreuzzug“ geführt wird.
Vorgeschichte Das Reich der Choresmier in Persien wurde 1220 von den Mongolen des Dschingis Khan zerschlagen, der letzte Choresm-Schah Dschalal ad-Din Mengübirti fiel 1231. Ein infolgedessen vaterlandslos gewordener Rest des choresmischen Heeres, eine Reitertruppe, die Chwarezmiya genannt worden und nach Syrien entkommen war, ließ sich 1244 vom Ayyubiden-Sultan as-Salih Ayyub als Söldner anwerben. Auf dem Weg, sich bei Gaza mit dem Heer der Ayyubiden zu vereinigen, hatten sie im Spätsommer 1244 Jerusalem besetzt und geplündert, die Christen aus der Stadt vertrieben und sie für den Sultan in Besitz genommen.
Die seit 1219 unbefestigte und militärisch unbedeutende Stadt war 1229 durch einen Vertrag zwischen Kaiser Friedrich II. und Sultan al-Kamil Muhammad kampflos an die Christen gefallen. Deren Besitzrecht war nach Ende des Kreuzzugs der Barone 1241 noch einmal durch Sultan as-Salih Ayyub bestätigt worden. Der Friede zwischen Akkon und Kairo hatte sich aber zuletzt als brüchig erwiesen, besonders nachdem die Barone Outremers 1243 den Statthalter des Kaisers aus Tyrus vertrieben hatten (Lombardenkrieg). Durch seine diplomatischen Kontakte zum Hof von Kairo stellte der Kaiser bis dahin eine Garantiemacht für den Fortbestand der christlichen Herrschaften dar. Nach dem Wegfall des kaiserlichen Einflusses in Outremer betrachtete Sultan as-Salih Ayyub seine Abkommen mit den Christen als hinfällig, zumal sie mit seinen ihm feindlich gesinnten Vettern, den Herrschern von Damaskus und Karak, paktiert hatten. Der nunmehr endgültige Verlust Jerusalems 1244 für die Christen war die direkte Folge dieser Aufkündigung.
Angesichts der neuen Bedrohung durch den Sultan von Ägypten hatten sich die Kreuzfahrerstaaten mit den muslimischen Herrschern von Damaskus, Karak, Aleppo und Homs verbündet. Diese christlich-muslimische Koalition sammelte ihr Heer bei Askalon. Zunächst sollte damit das ägyptisch-choresmische Hauptheer geschlagen, anschließend Jerusalems wieder christlich besetzt werden. Am 17. Oktober 1244 erlitten die Verbündeten in der Schlacht von La Forbie eine vernichtende Niederlage gegen das Heer des Sultans, das von dem Mameluken Rukn ad-Din Baibars angeführt wurde. Der hohe Blutzoll unter den Christen führte zu einer akuten Gefährdung ihrer Verteidigungsfähigkeit, allerdings konzentrierte sich der ägyptische Sultan zunächst auf die Eroberung Syriens und die Unterwerfung seiner ayyubidischen Vettern, was den Christen etwas Zeit verschaffte.
Kreuzzugsaufruf Schon unmittelbar nach der Schlacht von La Forbie hatte der überlebende lateinische Patriarch von Jerusalem, Robert von Nantes, in einem Schreiben Papst Innozenz IV. von der Verschlechterung der Lage für das christliche Outremer unterrichtet.Der Brief des Patriarchen wurde von Salimbene von Parma in dessen Chronica transkribiert. Siehe dazu, G. Scalia: Scrittori d'Italia (Bari, 1966) Kurz darauf reiste er persönlich nach Europa, wo er im Juni 1245 auf dem Konzil von Lyon einen neuen Kreuzzug zur Rückeroberung Jerusalems forderte. Das Konzil stimmte dem Vorhaben zu und der Papst ließ über seine Legaten in Frankreich, England, Italien, Deutschland und Skandinavien den Kreuzzug predigen. miniatur|250px|Auf dem Krankenbett liegend und mit den Händen auf dem wahren Kreuz bekräftigt Ludwig IX. sein Kreuzzugsgelübde. Matthäus Paris, Historia Anglorum, 13. Jahrhundert. Mit König Ludwig IX. von Frankreich besaß der Kreuzzug von Anfang an seinen wichtigsten Unterstützer und damit auch einen Anführer. Der König hatte bereits 1244 während einer schweren Krankheit in Pontoise ein Kreuzzugsgelübde abgelegt, noch bevor die Nachricht vom Verlust Jerusalems und der Niederlage von La Forbie in Frankreich eingetroffen war.Baudouin d'Avesnes, Chronicon Hanoniense In: Monumenta Germaniae Historica (MGH), Scriptores, Band 25, S. 453. Ludwig IX. hatte bereits den Kreuzzug der Barone finanziell und logistisch unterstützt, sah sich aber erst nach der Abwehr eines englischen Angriffs im April 1242 (Schlacht bei Taillebourg) und der Niederwerfung letzter Widerstandsnester im Languedoc 1244 (Montségur) dazu in der Lage, ein persönliches Kreuzzugsvorhaben umzusetzen. Durch die Predigten des Legaten Odo von Châteauroux zusätzlich gefördert, stellte sich innerhalb des französischen Adels und der Ritterschaft eine allgemeine Begeisterung für einen Kreuzzug ein. In den anderen Königreichen Europas fielen die Reaktionen auf den Kreuzzugsaufruf verhaltener aus. In England erklärten sich einige Adlige zu einer Teilnahme bereit, aber König Heinrich III. lehnte eine persönliche Beteiligung ab, da er sich einer wachsenden Opposition seiner Barone gegenübersah. König Håkon IV. von Norwegen erklärte zwar mehrmals seine Bereitschaft, sich mit einem größeren Kontingent am Kreuzzug zu beteiligen, allerdings erwiesen sich seine Zusagen als diplomatische Winkelzüge. Der ungarische König Béla IV. protestierte gar beim Papst gegen die Kreuzzugspredigten in seinem Land, das nur wenige Jahre zuvor vom Mongolensturm entvölkert worden und nun verteidigungsunfähig war, worauf der Papst dem Kampf gegen die Mongolen sowohl in Ungarn als auch in Polen einen eigenen Kreuzzugscharakter zuerkannte.Elie Berger: Les registres d'Innocent IV. Nr. 4000; Brief des Papstes an den Meister der Johanniter in Ungarn vom 24. Juni 1248.
Der mangelnde Kreuzzugsenthusiasmus unter der europäischen Ritterschaft lag nicht zuletzt an der ambivalenten Haltung des Papstes zu diesem Unternehmen und der aktuellen politischen Situation im Heiligen Römischen Reich begründet: Seit 1239 befanden sich Papst und Kaiser wieder im Konflikt gegeneinander, der die Situation auf Jahre hinaus bestimmte und in der förmlichen Absetzung des Kaisers im Juli 1245 mündete. Ludwig IX. vermittelte im Hinblick auf den Kreuzzug mehrmals erfolglos zwischen beiden Parteien in der Hoffnung besonders den Kaiser, dessen Absetzung er nicht anerkannte, für das Unternehmen gewinnen zu können. Der Papst wiederum ordnete dem Kampf gegen die Staufer alles andere unter und rief stattdessen im Heiligen Römischen Reich zum Kreuzzug gegen den Kaiser auf. Um militärische Kräfte an seine Sache zu binden, sabotierte er auch die Kreuzzugsorganisation des französischen Königs, zum Beispiel indem er 1246 in einem vertraulichen Schreiben dem Legaten Odo von Châteauroux die Einstellung der Kreuzzugspredigten in Deutschland nahelegte, um dort die gleichzeitig geführten Predigten für den antistaufischen Kreuzzug nicht zu behindern.Elis Berger: Les registres d'Innocent IV. Nr. 2935; Brief des Papstes an Odo von Châteauroux vom 5. Juli 1246. Mehrere deutsche Kreuzfahrer, wie zum Beispiel Herzog Heinrich II. von Brabant, erteilten darauf dem französischen König eine Absage, um sich dem deutschen Gegenkönig Wilhelm von Holland gegen die Staufer (Belagerung von Aachen 1248) anzuschließen. In einer langjährigen Abwesenheit Ludwigs IX. in Outremer erkannte der Papst zuerst eine Gefährdung seiner eigenen Position gegenüber dem Kaiser, hatte er doch 1244 vor allem wegen der Schutzgarantien Ludwigs IX. die päpstliche Residenz nach Lyon verlegt. Aus diesem Grund legte der Papst später keinen besonderen Wert auf die Realisierung des im März 1250 doch noch abgelegten Kreuzzugsgelübdes des englischen Königs, um diesen als möglichen Bündnispartner gegen den Kaiser in Europa zu halten.Thomas Rymer, Foedera, vol. 1/1, S. 159; Brief des Papstes an Heinrich III. von England vom 11. April 1250.
Von Kaiser Friedrich II. selbst wurde dem Kreuzzug wesentlich mehr Unterstützung entgegengebracht. Zwar sah auch er sich in Anbetracht der eigenen Lage außer Standes sich dem Unternehmen anzuschließen, doch sicherte er in einem Schreiben an Ludwig IX. im Frühjahr 1247 materielle und logistische Hilfeleistungen zu.J. L. A. Huillard-Bréholles, Historia Diplomatica Friderici Secundi, vol. 6/1, S. 501–2. Seinen Beamten in Italien und Sizilien befahl der Kaiser, Waffen, Proviant und Pferde für durchziehende Kreuzritter bereitzustellen; auch gestattete er die Nutzung italienischer Häfen für den Seetransport in die Levante. Trotz dieses Entgegenkommens wurde der Kreuzzug auch von kaiserlicher Seite behindert, als Friedrich II. 1248 das mit ihm verbündete Pisa zu militärischen Aktivitäten gegen das päpstlich gesinnte Genua ermutigte, hinter deren Flottenrüstungen er einen bevorstehenden Angriff auf Sizilien erkannt haben wollte. Tatsächlich rüstete Genua eine Flotte zum Transport der französischen Kreuzfahrer aus. Abgesehen von diesem Vorfall hielt der Kaiser insgesamt seine Unterstützung für den Kreuzzug aufrecht. Im Verlauf des Unternehmens steuerte er im Juli 1249 dem nach Ägypten nachziehenden Prinzen Alfons von Poitiers fünfzig Schlachtrösser und zwei Schreiben bei, in denen er Ludwig IX. versicherte, so bald wie möglich selbst das Kreuz zu nehmen, um ihn im Orient zu unterstützen.J. L. A. Huillard-Bréholles, Historia Diplomatica Friderici Secundi, vol. 6/1, S. 745–6 und 748–50. Nachdem die Gefangennahme Ludwigs IX. im April 1250 in Europa bekannt geworden war, sandte der Kaiser eine Gesandtschaft an den Sultan zu Kairo, um über die Auslösung des französischen Monarchen zu verhandeln.
Von der aktuellen Geschichtsforschung als unglaubwürdig gewertet wird das häufig auftretende Gerücht, Kaiser Friedrich II. habe den Kreuzzug an den Sultan von Ägypten verraten. Dafür liegen nur zwei muslimische Berichte vor, von denen das um 1330 von Qaratay niedergeschriebene persönliche Gespräch, in welchem Ludwig IX. seine Pläne dem Kaiser offenbart habe, rein fiktiv ist.Qaratay al-'Izzi al-Khazandari, Ta'rikh majmu' al-nawadir, Forschungs- und Landesbibliothek Gotha, ms. Orient. A 1655, Folie 39–40; siehe dazu auch Claude Chaen: Saint Louis at l'Islam In: Journal Asiatique, 275 (1970) Beide Herrscher haben sich nie persönlich getroffen. Etwas konkreter wird der zeitgenössische Autor Ibn Wasil, dem 1261 während einer Gesandtschaftsreise an den Hof König Manfreds von Sizilien ein sizilianischer Ritter offenbart habe, 1248 Beteiligter an einer Mission nach Kairo gewesen zu sein, die den Sultan vor dem bevorstehenden Angriff Ludwigs IX. gewarnt habe.Ibn Wasil, Mufarrig al-kurub fi ahbar bani Ayyub, hrsg. von Jamal al-Din Shayyal, Hasanein Rabie und Sa'id al-Fath 'Ashur (Kairo, 1953–1977), vol. 3, S. 247–8. Diese Behauptung wird allerdings von keiner anderen Quelle, besonders aus der päpstlichen Propaganda, bestätigt. Auch seitens französischer Autoren ist kein Vorwurf des Verrats gegen den Kaiser überliefert.
Verlauf miniatur|300px|Ludwig der Heilige bricht 1248 zum Kreuzzug auf; französische Darstellung aus dem 14. Jahrhundert. Aufbruch