Werner Pinzner (* 27. April 1947 in Hamburg-Bramfeld; † 29. Juli 1986 in Hamburg), auch „Mucki“ genannt, war ein deutscher Auftragsmörder, der als „St.-Pauli-Killer“ bekannt wurde. Nach einer Serie von Auftragsmorden erschoss er 1986 während einer Vernehmung im Hamburger Polizeipräsidium den ermittelnden Staatsanwalt, seine Ehefrau Jutta Pinzner und sich selbst. Der Fall führte zu politischen Konsequenzen in der Hansestadt Hamburg und gilt als einer der spektakulärsten Fälle in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik Deutschland.Christian Wriedt: Dreifachmord im Polizeipräsidium. In: Berliner Zeitung vom 30. September 2002.
Leben Werner Pinzner wurde als Sohn eines Rundfunkmechanikers und einer Lebensmittelketten-Filialleiterin geboren. Nachdem er die Schule ohne Abschluss abgebrochen hatte, fuhr er ab 1964 für zwei Jahre zur See. 1966 arbeitete er für einige Wochen als Fahrer und fuhr danach nochmals kurz zur See. Eine beabsichtigte Verpflichtung als Zeitsoldat bei der Bundeswehr scheiterte an Vorstrafen. Er lernte seine erste Frau kennen. 1970 wurde er erstmals zu einer kurzen Freiheitsstrafe verurteilt, im Jahr darauf kam seine Tochter zur Welt. Nach ihrer Geburt arbeitete Pinzner als Gerüstbauer, Fliesenleger und Schlachter. Im August 1975 beteiligte er sich an einem Überfall auf einen Supermarkt, bei dem einer der Täter den Leiter des Marktes erschoss.St.-Pauli-Killer Pinzner: Auftraggeber nach Österreich ausgewiesen. In: Die Welt vom 11. April 2000.
Pinzner wurde im September 1975 festgenommen und zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Noch vor der Verurteilung lernte er seine zweite Frau kennen. Neun Jahre der Strafe saß er in der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel ab, dann kam er als Freigänger in die Justizvollzugsanstalt Vierlande. Während seines Gefängnisaufenthaltes lernte er Personen kennen, die eine gewisse Bedeutung im Rotlichtmilieu von Hamburg-St. Pauli hatten, und kam auch mit Drogen in Kontakt. Pinzner konnte sich einen Revolver der Marke Arminius vom Kaliber .38 Special beschaffen und in seinem persönlichen Schließfach im Gefängnis hinterlegen, das der liberale Hamburger Strafvollzug jedem Häftling im offenen Vollzug anbot und das nie durchsucht wurde.Als die Killer auf den Kiez kamen. NDR, 2012, Mitschnitt bei Youtube. Abgerufen am 6. April 2014. 37:38.
Als Freigänger beteiligte er sich im Juni 1984 gemeinsam mit zwei Komplizen aus dem Umfeld des Rotlichtmilieus an einem Raubüberfall auf einen Geldboten und beging im Folgemonat, noch vor der Entlassung, seinen ersten Auftragsmord. Noch im Juli 1984 wurde er aus dem offenen Vollzug entlassen. Innerhalb von 14 Monaten folgten mehrere Auftragsmorde, ehe die Polizei Pinzner 1986 festnahm.
Motiv für seine Taten war, dass er am Geschäft mit der Prostitution teilhaben wollte. Das gelang ihm allerdings nicht, da er zwar als Auftragsmörder gefürchtet, jedoch nicht als Teil des Rotlichtmilieus akzeptiert war.Viola Roggenkamp: Pinzners erdrückendes Erbe. In: Die Zeit Nr. 11, 1988, S. 23 Zuletzt bestanden Planungen, Pinzner als Mitwisser ermorden zu lassen. Ein Kopfgeld von 300.000 DM soll auf ihn ausgesetzt gewesen sein, als er in Untersuchungshaft mit dem Staatsanwalt sprach. In der Untersuchungshaft sagte er über von ihm begangene Morde aus. Bei einer Vernehmung am 29. Juli 1986 erschoss er den ermittelnden Staatsanwalt, seine Ehefrau und sich selbst.
Pinzner wurde auf dem Hamburger Kiez mit einem Autokorso gedacht. Die letzte Ruhestätte fand er auf dem Burgtorfriedhof in Lübeck.
Die Morde Pinzners Im Rahmen der Urteilsfindung zu lebenslangen Haftstrafen gegen drei weitere Beteiligte wurde Pinzner drei Jahre nach seinem Tod die Ermordung von fünf Personen nachgewiesen. Drei weitere Morde im Rotlichtmilieu hatte Pinzner bei seiner ersten Vernehmung zugegeben, später behauptete er, er wolle über elf von ihm begangene Morde aussagen.„Jeder ist Gott… Ich bin Gott“. In: Die Zeit Nr. 35 vom 22. August 1986, S. 9 f. Nach der Tat vom 29. Juli 1986 wurde ihm daher zugeschrieben, 13 Menschen getötet zu haben.
Auftragsmorde miniatur|hochkant|Rotlichtviertel in Hamburg Werner Pinzner war als Auftragsmörder im Rotlichtmilieu tätig. Er beging Taten in der gesamten Bundesrepublik, im Wesentlichen handelte es sich aber um solche mit Bezügen zu Auseinandersetzungen im Rotlichtviertel von Hamburg-St. Pauli. Auftraggeber Pinzners war vor allem der Zuhälter Peter „Wiener-Peter“ Nusser.Thomas Hirschbiegel:
Hamburger Kiez zur Zeit von Pinzners Morden Die Zuhälter des Rotlichtviertels von Hamburg-St. Pauli waren bundesweit aktiv und betrieben sowohl in Hamburg als auch bundesweit Bordelle. Die Prostitution verzeichnete in den 1980ern allerdings einen erheblichen Rückgang infolge der zunehmenden Angst vor einer Infektion mit HIV. Gleichzeitig begannen sich in den deutschen Rotlichtvierteln neben den deutschen Zuhältern auch internationale Organisationen auszubreiten. Die Zuhälter reagierten darauf zunächst mit brutaleren Methoden der Ausbeutung der Prostituierten. Zunehmend wurde aber auch der Rauschgifthandel, wie auch andere illegale Aktivitäten wie Waffenhandel oder Hehlerei, zur Einnahmequelle. Neben der Ausdehnung auf andere Geschäftsfelder kam es zu vermehrten Auseinandersetzungen um die Reviere für Prostitution und den Drogenhandel. Teil dieser auch gewaltsam ausgetragenen Auseinandersetzungen waren die von Pinzner begangenen Auftragsmorde.
In St. Pauli, insbesondere entlang der Herbertstraße und an der Reeperbahn, hatten sich zwei Gruppen von Zuhältern gebildet, die um Einfluss rangen: die etabliertere sogenannte GMBH und die aufstrebende Nutella-Bande. Eine gewisse Rolle als Geldeintreiber spielten auch die Hells Angels, die von beiden Gruppen für Handlangerdienste eingesetzt wurden. Verdrängt wurde die GMBH schließlich nach und nach durch eine Gruppe um den „Wiener-Peter“, der später der hauptsächliche Auftraggeber Pinzners werden sollte.Danuta Harrich-Zandberg: Der St. Pauli-Killer. In: Helfried Spitra (Hrsg.): Die großen Kriminalfälle. Der St. Pauli-Killer, der Ausbrecherkönig und neun weitere berühmte Verbrechen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-593-37438-2, S. 11–34.Thomas Hirschbiegel:
Die einzelnen Auftragsmorde Jehuda Arzi Jehuda Arzi oder Hans Jenö Müller war ein ehemaliger Bordellbesitzer, der seine ehemalige Ehefrau und seine Tochter mit der Vergangenheit der Mutter als Bordellbesitzerin erpresste. Zudem war er in ein unbezahltes Kokain-Geschäft verwickelt. Arzi versteckte sich vor seiner Frau und seinen Geschäftspartnern in einer Wohnung in Kiel.
Vermittelt durch den „Wiener-Peter“ baten Arzis Exfrau und Tochter Pinzner zunächst darum, Arzi einen Finger abzuschneiden, um ihn einzuschüchtern. Er erklärte, dass er Arzi für 40.000 DM töten würde. Im Auftrag von Exfrau und Tochter begab sich Pinzner schließlich mit einem Komplizen nach Kiel und erschoss Arzi am 7. Juli 1984 in dessen Wohnung. Zwar konnten die ehemalige Frau und die Tochter relativ rasch als Verdächtige ermittelt werden, aus Mangel an konkreten Beweisen wurden die Verfahren gegen die beiden aber zunächst wieder eingestellt.
Nach der Tat begab sich Pinzner zurück in den offenen Vollzug in der Justizvollzugsanstalt Vierlande, wo er die Waffe wieder in seinem Schließfach deponierte.
Peter Pfeilmaier Peter Pfeilmaier, genannt „Bayern-Peter“, war Teilhaber am Bordell „Hammer Deich“ und am „MB-Club“. Der Club diente illegalem Glücksspiel, dem Konsum von Kokain durch die Mitglieder und der Organisation des Rauschgifthandels. Durch seinen zunehmenden eigenen Kokainkonsum und sein geschäftsschädigendes Verhalten im Bordell entwickelte sich Pfeilmaier zu einem wirtschaftlichen Risiko für seinen Partner. Der Partner bot daraufhin dem „Wiener-Peter“ eine Beteiligung an Stelle Pfeilmaiers an.
Mit der Ermordung Pfeilmaiers wurde Pinzner beauftragt. Er sollte von jedem der beiden neuen Partner 15.000 DM und eine Beteiligung an einem Bordell erhalten. Pinzner spielte Pfeilmaier mit Hilfe eines Komplizen ein größeres Rauschgiftgeschäft vor, das an einem ruhigen Ort abgewickelt werden sollte. Er begab sich mit dem Komplizen und dem Opfer am 12. September 1984 in dessen Wagen zu einem Garagenkomplex am Hirsekamp in Hamburg-Bramfeld, bei dem Pfeilmaier mit einem Kopfschuss getötet wurde.
In der Folge erhielt Pinzner allerdings nicht die zugesagte Bordellbeteiligung, vielmehr sollte er als Wirtschafter im „Hammer Deich“ arbeiten. Sein Komplize behielt einen Teil des zugesagten Geldes ein.
Dietmar Traub Dietmar „Lackschuh“ Traub war zusammen mit dem „Wiener-Peter“ Betreiber des Bordells „Palais d’Amour“. Durch seinen hohen Kokainkonsum wurde auch Traub für seinen Partner eine Belastung. Zusätzlich wollte er sich gegen eine Abstandszahlung von 100.000 DM aus seinem Engagement in dem Bordell zurückziehen und betrieb Rauschgiftgeschäfte auch unabhängig von seinem Partner. Traub hielt sich allerdings mehr und mehr vom Kiez fern.
Im November 1984 begab sich Traub zur Kontrolle einer Prostituierten nach München. Pinzner folgte ihm zusammen mit einem gerade aus der Haft entlassenen Komplizen. Die beiden legten einen Zwischenstopp in Heilbronn ein, wo sie sich bei einem als „Häuptling von Heilbronn“ bekannten Bordellier ein Alibi besorgten. Danach fuhren sie nach München. Wie schon bei Pfeilmaier, wurde dem späteren Opfer ein fiktives Rauschgiftgeschäft angetragen. Traub ging darauf ein. Die drei begaben sich mit einem Leihwagen in den Riemerlinger Forst. Dort täuschten Pinzner und sein Komplize eine Autopanne vor und erschossen Traub, nachdem er ausgestiegen war.
Waldemar Dammer und Ralf Kühne Waldemar Dammer, bekannt als „Neger-Waldi“, betrieb in Konkurrenz zu „Wiener-Peter“ zwei Bordelle. Kurz vor Ostern 1985 ließ Dammer „Wiener-Peter“ von zweien seiner Schläger in dessen Bordell „Palais d’Amour“ zusammenschlagen und demütigte ihn dadurch öffentlich. Pinzner erhielt mit einem Komplizen den Auftrag, für pauschal 60.000 DM Dammer und seine beiden Schläger zu töten.
Pinzner ging davon aus, dass sich Dammer mit den Schlägern zu einer Besprechung in dessen Haus im bürgerlichen Hamburg-Schnelsen treffen würde. Daher begab er sich mit seinem Komplizen am Ostermontag zu Dammers Haus und wurde eingelassen. Dort wurden Dammer und sein Wirtschafter Ralf Kühne erschossen, nicht aber die Schläger.
Pinzner gestand später zwar diese Morde, anhand der Waffen konnte jedoch nachgewiesen werden, dass nicht er, sondern sein Komplize die beiden Männer erschossen hatte.
Ermittlungen wegen der Auftragsmorde Im Zusammenhang mit Hinweisen – die sich letztlich nicht bestätigten –, dass hochrangige Polizeibeamte mit Zuhältern gemeinsame Sache machen würden, war unter dem Innensenator Alfons Pawelczyk bereits Ende der 1970er eine Ermittlungsgruppe gegen die organisierte Kriminalität eingerichtet worden, die Fachdirektion 65. Es war die erste derartige Dienststelle zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Deutschland.Danuta Harrich-Zandberg: Der St. Pauli-Killer. In: Helfried Spitra (Hrsg.): Die großen Kriminalfälle. Der St. Pauli-Killer, der Ausbrecherkönig und neun weitere berühmte Verbrechen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-593-37438-2, S. 11–34, hier S. 13 ff.Hans Jakob Ginsburg: Politik, Pistolen und Polizisten. In: Die Zeit Nr. 33, 1986.Justiz warnt: Hochkarätige OK-Täter nicht hofieren. Interview mit Oberstaatsanwalt Martin Köhnke. In: Hamburger Abendblatt vom 20. Juni 2007. Diese Polizeieinheit arbeitete unter anderem mit V-Leuten und Abhörmethoden. Sie war auch polizeiintern abgeschirmt. Ihr gelang es, den namhaften Bordellier Wilfrid Schulz, der „Pate von St. Pauli“ genannt wurde, wegen Steuerhinterziehung festzusetzen. Außerdem konnte die Fachdirektion 65 sowohl gegen die GMBH als auch die Nutella-Bande und die Hells Angels Erfolge erzielen.