Das Kloster Oetenbach oder Ötenbach war ein Kloster der Dominikanerinnen in der Stadt Zürich und gehörte zur Diözese Konstanz. Es wurde 1237 erstmals erwähnt, zog um 1285 vom Stadtrand Zürichs in die Stadtmitte und wurde 1525 aufgehoben. Nach der Reformation dienten die Gebäude verschiedenen Zwecken, insbesondere als Zucht- und Waisenhaus. Sie wurden 1902/1903 abgebrochen. mini|Kloster Oetenbach 1576 auf dem Murerplan mini|Oetenbach um 1705, Zeichnung von Johann Melchior Füssli mini|Kloster Oetenbach 1871, Zeichnung von Johann Conrad Werdmüller
Dominikanerinnen in Zürich Gründungsjahre Nach dem Oetenbacher Stiftungsbuch aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts geht das Kloster auf den Zusammenschluss zweier Schwesternhäuser im Jahr 1234 zurück; damit ist Oetenbach eine der ältesten Gründungen der Dominikanerinnen in deutschem Gebiet.
Die eine Gemeinschaft wurde von Gertraut Hilzingen gegründet, die was ze Zürich in der stat, nach pei der Prediger closter sesshaft (sie war in Zürich in der Stadt, nahe bei dem Kloster der Prediger ansässig). Sie hatte sich mit der Patriziertochter Mechthild von Woloshoven zusammengetan und lebte mit ihr in einem verlassenen Haus am Neumarkt; ihre Existenz beruhte auf Almosen. Im Oberdorf (Auf Dorf) hatte sich eine andere Gruppe niedergelassen, die sich ihren Lebensunterhalt durch Handarbeiten verdiente. Am Ufer der Sihl, einem oft überschwemmten Gebiet ausserhalb der Stadt, wurde ein Konventsgebäude errichtet, das aber von einem Hochwasser zerstört wurde. Als Ersatz konnte südlich der Stadt beim Zürichhorn, in der Gegend des heutigen Strandbades Tiefenbrunnen, ein Stück Land erworben werden.Sigmund Widmer: Zürich – eine Kulturgeschichte, Band 3. Artemis, Zürich 1976, S. 44/45.
1237 erhielt der Konvent ein päpstliches Schutzprivileg auf bestehenden und zukünftigen Besitz, 1239 wurden dem Kloster Begräbnisrecht, Recht auf Besitz und freie Wahl der Priorin zugesichert. 1245 wurde der Konvent dem Orden der Dominikanerinnen eingegliedert.
Klosterbetrieb mini|ExLibris aus dem «Büchlein der ewigen Weisheit» von Heinrich Seuse mini|Pergamenthandschrift aus Oetenbach, um 1450 Ein wichtiges Anliegen der Schwestern im Oetenbach war die seelsorgerische Betreuung, die von den Mönchen im Predigerkloster wahrgenommen wurde. Die Nonnen lebten, wie der gesamte Dominikanerorden, nach der Augustinusregel. Der erste Oetenbacher Klosterkaplan war der Leutpriester Walther, der auch die Reise nach Rom mitgemacht hatte, wo man um das päpstliche Schutzprivileg nachsuchte.
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts verfügte Oetenbach über ein Skriptorium. Neben zwei Werken von Heinrich Seuse sind vor allem die Zeugnisse eigener literarischer Tätigkeit von Bedeutung. So ist eine in mehreren Fassungen redigierte Vita („Leben und Offenbarungen“) von Elsbeth von Oye überliefert, die mit Schilderungen blutiger Selbstkasteiung das Thema der Compassio behandelt, die Teilnahme am Leiden Christi in persönlicher Hingabe und Empathie. Einen Einblick in das Leben der Nonnen in den Klöstern Oetenbach und Töss gibt eine (stark generalisierende) Beschreibung von Walter Muschg:
In dieser Atmosphäre grosser Entbehrungen entfaltete sich zugleich ein intensives religiöses Streben im Sinne „mystischer“ Spiritualität; durch lange andauerndes Sich-Versenken in die Glaubenswelt sowie durch Askese und körperliche Kasteiungen wurde eine Vereinigung mit Christus im Sinne der Unio mystica gesucht. Das Kloster Töss zählte im 14. Jahrhundert zu den Hochburgen der Frauenmystik, und die Nonnen von Oetenbach und Töss gelten als Meisterinnen dieser Übungen, mit denen die Seele offen und bereit für die Begegnung mit dem Göttlichen werden sollte.Sigmund Widmer: Zürich – eine Kulturgeschichte, Band 3. Artemis, Zürich 1976; S. 54. Über die theologische Bildung und geistige Zielsetzung der Nonnen ebenso wie über Diskurse mit Meister Eckhart gibt das Oetenbacher Schwesternbuch Auskunft.Siehe oben bei: Literatur. Zu Meister Eckhart s. bes.: Otto Langer: Mystische Erfahrung und spirituelle Theologie. Zu Meister Eckharts Auseinandersetzung mit der Frauenfrömmigkeit seiner Zeit. Artemis, München/Zürich 1987 (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 91).
Daneben wurde auf die Pflege liturgischer Musik Wert gelegt. Neben allgemeinem Chorgesang wurde in einer «Meisterschaft», einem kleinen Chor von acht Sängerinnen, besonders anspruchsvolle Werke gesungen.Sigmund Widmer: Zürich – eine Kulturgeschichte, Band 3. Artemis, Zürich 1976, S. 50.
Mitglieder Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, vielleicht seit dem Eintritt Sophies von Werdenberg 1278, stammen die Schwestern aus Adelsgeschlechtern der Ostschweiz und den Geschlechtern der Constaffel, was sich in Stiftungen und Schenkungen äusserte. Die beträchtliche Anziehungskraft des Klosters führt zu einer wachsenden Zahl von Schwestern, und Oetenbach wurde wie das Kloster Töss bei Winterthur zu einem exklusiven Frauenkloster, was zu Bemühungen führte, die Mitgliederzahl zu beschränken. Bis 1310 sollte gemäss einer Verfügung des obersten Leiters des Dominikanerordens Egeno von Staufen die Mitgliederzahl auf 60 gesenkt werden, aber noch 1330 war dieses Ziel nicht erreicht, obwohl mittlerweile auch Lesen und Lateinkenntnisse zu den Aufnahmekriterien gehörten.Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, Neue Ausgabe Band II.I, Bern 2002, ISBN 3-906131-03-3, S. 212–213.
Rückgang Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts wurden auch Frauen ohne Stand und Vermögen aufgenommen, später wurde das Kloster Oetenbach zu einem Versorgungsort für adelige oder reiche Töchter. Durch hohe Eintrittsgebühren wurde bis 1360 die Mitgliederzahl gesenkt, wodurch jedoch kaum in erster Linie Bewerberinnen aufgenommen wurden, die durch besondere Frömmigkeit auffielen.
Dazu kam bei Oetenbach wie bei anderen Klöstern ein allgemeiner Sittenzerfall; die Klausurregeln wurden nur noch beschränkt beachtet und die Frömmigkeit verlor sich. So war Oetenbach zum Ende des Mittelalters für die religiöse Entwicklung der Stadt nur noch von geringer Bedeutung.Sigmund Widmer: Zürich – eine Kulturgeschichte, Band 3. Artemis, Zürich 1976, S. 52/53.
Das Kloster am Oetenbach am Zürichhorn mini|Das erste Kloster Oetenbach am Zürichhorn. Aus dem Gygerplan von 1667 Das Kloster am Zürichhorn am Oetenbach, dem heutigen Hornbach – der ab 1237 als Otinbach bezeugte Name wird von der Namenforschung als «Bach des Oto» erklärtSchweizerisches Idiotikon, Band IV, Sp. 950, Anmerkung zum Artikel Bach (Digitalisat), und H. Meyer: Die Ortsnamen des Kantons Zürich. Aus den Urkunden gesammelt und erläutert. Zürcher und Furrer, Zürich 1849, S. 40. Zum althochdeutschen Personennamen Oto (Genitiv: Otin) vergleiche Ortsnamen wie Ötwil an der Limmat («Gehöft des Oto»; 9. Jahrhundert: Otenwilare) und Ötikon («Höfe der Leute des Oto»; 809: Otinchova) sowie Ernst Förstemann: Altdeutsches Namenbuch. 3. Aufl. Bonn 1916, s. v., Hans Kläui und Viktor Schobinger: Zürcher Ortsnamen. 2. Aufl. Zürich 1989, s. v. und Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Frauenfeld/Lausanne 2005, s. v. Die von Gerold Meyer von Knonau, Der Canton Zürich, 2. Teil, St. Gallen / Bern 1844, S. 401 vorgeschlagene Herleitung von «öder Bach» ist sprachlich nicht möglich. –, wurde am 13. August 1237 anlässlich eines Ablasses von Papst Gregor IX. erstmals erwähnt und erhielt das bereits erwähnte Schutzprivileg. Damit entging die neue Gemeinschaft der Gefahr, als ketzerisches Unternehmen von der Kirche verfolgt zu werden. Der Papst rief die Gläubigen dazu auf, die Nonnen von Oetenbach zu unterstützen. Die Anerkennung setzte voraus, dass sich zwei Schwestern zu Fuss auf den beschwerlichen Weg nach Rom machten. Die päpstliche Bulle von 1239 bildete die kirchliche Grundlage für die spätere Entwicklung des Klosters. 1261 bestätigt der Ritter Burkhard Brühunt, ein Gefolgsmann der Rapperswiler, dass er den Bauplatz am Oetenbach den Frauen verkauft habe. Im Stiftungsbuch wird die Niederlassung der 64 Schwestern als hülzen closter beschrieben.
Die positive Entwicklung des kleinen Klosters erlaubte es 1247, der Grossmünsterpropstei (Chorherrenstift) in der Nachbarschaft Land abzukaufen und das bestehende Gebäude gegen den See hin offenbar beträchtlich auszubauen, so dass in der Stadt befürchtet wurde, die von Oetenbach wellent de se verswellen (den See stauen). Umfang und Art der Erweiterungsarbeiten am jetzt gemauerten Kloster sind jedoch nicht bekannt. Wegen mangelnder Erfahrung bauten die Schwestern jedoch auf sumpfigen Boden zu nah am Wasser, so dass die Nonnen sahent, dass ir closter also fast an dem Wasser stuond, do wurden si als herzlichen betrüebt, dass si pitterlich weinten.
1251 erhielt das Kloster von verschiedenen Seiten beträchtliche Unterstützung: Gegenkönig Wilhelm von Holland versprach ihm bevorzugte Behandlung bei Güterübertragungen, ein päpstliches Privileg schützt es vor Zehntenforderungen des Grossmünsters und der Bischof von Konstanz sicherte ihm Beiträge an bauliche Erneuerungen zu. Zu den Gönnern gehörten auch Graf Rudolf IV. von Rapperswil und seine Gattin Mechthild von Neifen. Das Haus Rapperswil blieb lange mit Oetenbach verbunden: Auch die Gräfin von Homberg-Rapperswil förderte das Kloster; ihre Tochter Cäcilie vom Homberg wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts eine bedeutende Priorin.Sigmund Widmer: Zürich – eine Kulturgeschichte, Band 3. Artemis, Zürich 1976, S. 46/47.
Wachsender Grundbesitz aufgrund von Zuwendungen und Erwerbungen ermöglichten der Gemeinschaft bescheidene Einkünfte und eine gesicherte Existenz. 1261 werden ein Friedhof, Gärten, Wiesen, Officinas und eine Curia erwähnt. Die Gebäude am Zürichhorn sind weder in Bilddokumenten noch archäologisch nachgewiesen. Ein Hinweis auf das ehemalige Kloster findet sich noch als Flurname in Karten.Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, Neue Ausgabe Band II.I, Bern 2002, ISBN 3-906131-03-3, S. 213–214.
Das Kloster am Sihlbühl in der Stadt Gründe für den Umzug Welche Gründe zur Aufgabe des Klosters am Zürichhorn und zum Umzug in die Stadt führten, ist nicht bekannt. Denkbar ist die angestiegene Anzahl der Klosterfrauen, bauliche Mängel, die Begrenzung der Seelsorge für Frauen innerhalb der Stadt durch die Mönche der Prediger, der Wunsch nach einer grösseren Sicherheit innerhalb der Stadtmauern und gesteigerte Ansprüche. Jedenfalls scheint der Umzug gemäss Stiftungsbuch die Frauen entzweit zu haben.
Lage mini|Heutige Situation Das neue Kloster sollte auf den Sihlbühl gebaut werden, den nördlichen Ausläufer des Lindenhofhügels. Gemäss der Überlieferung sollen dort die Stadtheiligen Felix und Regula einen Teil ihres Martyriums erlitten haben. Das dreieckige Areal wurde im Osten durch die Limmat begrenzt, im Westen durch einen Arm der Sihl und im Süden durch den Lindenhof. Vergleich zu heute: An der Stelle der Klosterkirche steht jetzt das Parkhaus Urania, quer durch das Gebiet, auf dem das Klostergebäude lag, verläuft etwas tiefer die Uraniastrasse und an der Stelle des kleinen Parkplatzes nördlich davon lag der nördliche Teil des Klosters. Den Boden kauften die Schwestern der Fraumünsterabtei und den Kaufleuten Rüdiger Manesse und Götz Mülner ab. Auch die Gebeine der bisher verstorbenen Schwestern wurden ausgegraben und mitgeführt.
Bau Der Umzug der 120 Frauen in das neue Kloster erfolgte zwischen 1280 und 1285. Noch vor dem Umzug wurden auf dem neuen Areal eine Liebfrauenkapelle und ein klein hulzen closter (ein kleines, hölzernes Klostergebäude) errichtet. Diese erste Anlage wurde nach und nach mit Hilfe von erberer leuten (ehrbaren Leuten) erweitert und ausgebaut; der Ablauf der Arbeiten ist urkundlich nicht festgehalten. Das Fehlen von Kaufverträgen zwischen 1283 und 1285 und eine 1284 nachgewiesene Verschuldung des Klosters weisen auf entsprechend hohe Kosten hin.