Die Erste Wiener Türkenbelagerung oder Erste Wiener OsmanenbelagerungEva Maria Müller: Österreich und die Osmanen: Geschichtsunterricht in der Neuen Mittelschule in Graz. Diplomarbeit, Universität Graz - Institut für Geschichte, Betreuer: Klaus-Jürgen Hermanik, Graz 2015, S. 31ff. (online). war ein Höhepunkt der Türkenkriege zwischen dem Osmanischen Reich und den christlichen Staaten Europas. Sie fand im Rahmen des ersten österreichischen Türkenkrieges statt. Vom 27. September bis zum 14. Oktober 1529 schlossen osmanische Truppen unter dem Kommando von Sultan Süleyman I. dem Prächtigen Wien ein, das damals Hauptstadt der Habsburgischen Erblande und eine der größten Städte Mitteleuropas war. Unterstützt von anderen Truppen des Heiligen Römischen Reichs konnten sich die Verteidiger behaupten.
Hintergrund Mit der Einnahme Adrianopels 1361 und den gewonnenen Schlachten an der Mariza 1371, auf dem Amselfeld 1389 und bei Nikopolis 1396 sowie der zweiten Schlacht auf dem Amselfeld 1448 hatten sich die Osmanen auf europäischem Boden als bedeutende Militärmacht erwiesen. Sie konnten weite Teile der Balkanhalbinsel unterwerfen und dort ihre Herrschaft festigen, ausbauen und verteidigen. Nachdem sie 1453 Konstantinopel, die Hauptstadt des Oströmischen Reiches, erobert hatten, wurde ihr Expansionsdrang, der ihnen in rascher Folge weitere Bereiche der Balkanhalbinsel einbrachte, zu einer dauerhaften Gefahr für die abendländischen Staaten.Suraiya Faroqhi: Geschichte des Osmanischen Reiches. 3., durchges. und aktualisierte Auflage, München 2004, S. 16–19 und 33–37.
mini|hochkant|Das Heilige Römische Reich, Gegner der Osmanen, um 1512 Unter dem seit 1520 herrschenden Sultan Süleyman wurde das Königreich Ungarn zum nächsten Ziel der osmanischen Expansionspolitik. 1521 gelang Süleyman die Eroberung Belgrads, das damals zu Ungarn gehörte. 1526 folgte sein entscheidender Sieg bei Mohács über den ungarischen König Ludwig II., der in der Schlacht fiel. Aufgrund eines 1515 geschlossenen Erbvertrages erhob nun Erzherzog Ferdinand von Österreich, der spätere römisch-deutsche Kaiser, Ansprüche auf Böhmen und Ungarn. Ein Teil des ungarischen Adels wählte auf dem Reichstag von Tokaj am 16. Oktober 1526 aber den Woiwoden von Siebenbürgen, Johann Zápolya, zum ungarischen König Johann I. Am 17. Dezember 1526 ließ sich Ferdinand ebenfalls zum ungarischen König wählen. Zápolya stellte sich 1528 unter den Schutz des Osmanischen Reiches und erhielt dafür militärische Unterstützung gegen seinen Rivalen, der zunächst die Oberhand in dem Thronstreit behalten hatte. Mitte 1529 rückte Sultan Süleyman an der Spitze eines großen Heeres in Ungarn ein und installierte König Johann in dem von ihm besetzten Buda (dt. Ofen) auf dem ungarischen Thron. Ungarn wurde damit de facto ein osmanischer Vasallenstaat. Nach diesem Erfolg führte der Sultan sein Heer weiter nach Nordwesten und drang über Komorn und Preßburg auf Wien vor, das die osmanischen Truppen im September erreichten. Ob das Ziel tatsächlich die Eroberung des „Goldenen Apfels“ war, wie die Osmanen Wien damals nannten, oder nur eine Demonstration der Stärke, mit der Süleyman seinen Machtgewinn über Ungarn sichern wollte, ist in der Forschung umstritten.Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 5. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, S. 119.Klaus-Peter Matschke, 2004, S. 248.
Die militärischen Kräfte der Habsburger waren zu dieser Zeit zu einem erheblichen Teil in Italien gebunden, wo Kaiser Karl V. in langen Kriegen gegen das Haus Valois um die europäische Vorherrschaft kämpfte. Erzherzog Ferdinand versuchte daher, den osmanischen Vormarsch mit Friedensangeboten zu verlangsamen, und stellte dem Sultan und den Großen seines Reiches regelmäßige Geschenke in Aussicht. Auf dem Reichstag zu Speyer gelang es ihm im April 1529 zwar, mit ausführlichen Schilderungen der Gräuel, die die Osmanen angeblich im besetzten Ungarn verüben würden, die Reichsstände dazu zu bewegen, ihm Geld und Truppen zur Verteidigung zur Verfügung zu stellen, wenn auch nicht in dem erhofften Ausmaß. Ein Mandat zur Rückeroberung Ungarns, das der Erzherzog eigentlich anstrebte, bekam er aber nicht, die mit dem bewilligten Geld besoldeten Truppen durften die Reichsgrenze nicht überschreiten. Als ihr Befehlshaber wurde Friedrich von der Pfalz bestimmt.
Verlauf Beginn mini|hochkant|Sultan Süleyman I., unbekannter Künstler aus dem Umkreis Tizians, Wien, Kunsthistorisches Museum
Süleyman I. war mit einer großen Streitmacht am 10. Mai 1529 von Konstantinopel aufgebrochen. Auf dem Weg durch Südosteuropa wuchs sein Heer durch den Anschluss zahlreicher Garnisonen immer stärker an. Auch ungarische Kämpfer schlossen sich ihm an. Der Vormarsch durch Ungarn wurde verlangsamt, da es dort kein Straßennetz gab und schwere Regenfälle den Boden aufgeweicht hatten. Im September tauchten in der Umgebung Wiens die Vorboten dieses Heeres auf, eine Truppe von etwa 20.000 Akıncı. Diese unbesoldete leichte Kavallerie ging üblicherweise plündernd, sklavenmachend, vergewaltigend und mordend der regulären Armee voraus und sollte den Widerstandswillen der Bevölkerung lähmen.
Eine große Zahl von Wiener Bürgern flüchtete ab dem 17. September, darunter sieben von zwölf Mitgliedern des Stadtrates. Nur Bürgermeister Wolfgang Treu, der Stadtrichter Pernfuß und drei weitere Stadträte blieben. Von den mehr als 3500 bewaffneten Bürgern der Stadtmiliz blieben lediglich 300 bis 400 zurück.Karl Weiß: Geschichte der Stadt Wien. 2. Band, Wien 1883, S. 43. Viele Flüchtende fielen aber auf ihrem Weg in vermeintlich sicheres Territorium den Akıncı in die Hände.
Wien wurde von der Stadtgarnison, den Resten der Stadtmiliz und mehreren Tausend deutschen und spanischen Söldnern verteidigt, darunter eine Hundertschaft Panzerreiter unter dem Kommando des Pfalzgrafen Philipp, die eintraf, kurz bevor sich der Belagerungsring schloss. Die vom Reichstag beschlossenen Reichstruppen, insgesamt 1600 Reiter, kamen dagegen zu spät und verharrten bei Krems an der Donau.Günter Düriegl: Die erste Türkenbelagerung. In: Günter Düriegl (Redaktion), Historisches Museum der Stadt Wien (Hrsg.): Wien 1529. Die erste Türkenbelagerung. Textband der 62. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, Verlag Hermann Böhlaus Nachf., Wien/Köln/Graz 1979, ISBN 3-205-07148-4, S. 7 ff. Insgesamt konnten die Verteidiger der Stadt etwa 17.000 Soldaten aufbieten. Die Landsknechte waren mit Piken und Arkebusen bewaffnet und hatten sich während der Italienkriege mit fortschrittlichen Taktiken vertraut machen können. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Belagerer war jedoch erheblich, zudem war der Schutzwert der im 13. Jahrhundert erbauten Stadtmauer Wiens mangelhaft.
Am 23. September kamen die Osmanen in die Sichtweite der Stadt, die bis zum 27. September komplett eingeschlossen wurde. Ihre Streitmacht umfasste etwa 150.000 Menschen, die jedoch teilweise dem Tross angehörten. Der kämpfende Teil des Heeres umfasste etwa 80.000 osmanische sowie 15.000 bis 18.000 Soldaten aus den osmanischen Vasallenstaaten Moldau und Serbien. Neben zahlreichen Reitern (Sipahis) bildeten fast 20.000 Janitscharen die Kerntruppe. Der Zustand der ungarischen Straßen hatte verhindert, dass mehr als zwei schwere Belagerungs-Geschütze () von Belgrad oder Ofen nach Wien hatten transportiert werden können, sodass nur 300 leichtere Kanonen mitgeführt wurden. Auf dem Weg setzten die Osmanen auch etwa 22.000 Kamele als Lasttiere ein. Die taktische Leitung der Belagerung oblag dem Großwesir Ibrahim Pascha.
Einen wesentlichen Anteil an der Verteidigung der Stadt Wien hatte Pfalzgraf Philipp als Oberbefehlshaber der zwei Regimenter Reichstruppen in der Stadt. Er befehligte bei der Verteidigung den Mauerbereich vom Roten Turm bis zur Kärntnertor-Bastei. Seit dem 19. Jahrhundert wurde aus patriotischen Gründen immer mehr die Leistung der Wiener Bürger und des Niklas Graf Salm in den Vordergrund geschoben, Philipps Anteil geriet hingegen in Vergessenheit.Hans Bisanz: Wien 1529 – Vom Ereignis zum Mythos. In: Günter Düriegl (Redaktion), Historisches Museum der Stadt Wien (Hrsg.): Wien 1529. Die erste Türkenbelagerung. Textband der 62. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, Verlag Hermann Böhlaus Nachf., Wien/Köln/Graz 1979, ISBN 3-205-07148-4, S. 83 ff.
Niklas Graf Salm und der Hofmeister Wilhelm von Rogendorf ließen die Stadtmauern mit Erdbefestigungen verstärken und alle Tore bis auf eines zumauern. Die Kirchenglocken wurden stillgelegt, die 28 Boote der Donauflottille wurden verbrannt, da ihre Besatzung geflohen war und sie nicht den Osmanen in die Hand fallen sollten. Die Befehlshaber überwachten auch die Positionierung der 72 Kanonen, die den Verteidigern der Stadt zur Verfügung standen. Sämtliche Gebäude außerhalb der Stadtmauern wurden abgerissen, um ein freies Schussfeld zu ermöglichen und um den Angreifern Möglichkeiten zur Deckung zu nehmen. Dies geschah jedoch zu spät und zu unvollständig, sodass die Osmanen genügend Unterschlupfe vorfanden. Noch am 27. September schickte Süleyman eine Delegation mit zwei gefangenen Reitern in die Stadt, welche den Wienern die Kapitulation nahelegte und ihnen für diesen Fall die Verschonung von Garnison und Bevölkerung garantierte. Bei einer Weigerung zu kapitulieren werde das osmanische Heer die Stadt erstürmen. Die Eingeschlossenen schickten die Unterhändler, ohne auf ihre Forderung einzugehen, in das Feldlager zurück.
Kampf im Dunkeln und osmanische Sturmangriffe mini|Meldeman Plan der Belagerung (1530)
Ibrahim Paschas Plan sah vor, das Kärntnertor, das ihm die schwächste Stelle in den Befestigungsanlagen der Stadt zu sein schien, zu unterminieren und sturmreif zu schießen. Süleyman billigte dieses Vorhaben am 1. Oktober, und die osmanische Artillerie (Topçu) eröffnete das Feuer. Da es ihr an schweren Kanonen fehlte, blieb die erhoffte Wirkung allerdings aus. Darauf folgten Versuche zur Unterminierung der Wiener Stadtmauern, während die Kanonen zur Ablenkung permanent weiterfeuerten. Nachdem ein christlicher Überläufer den Verteidigern Wiens die Pläne der Belagerer mitgeteilt hatte, wurden, um feindliche Grabungen früh zu erkennen, in den Häusern nahe der Stadtmauer Wasserbottiche aufgestellt. Der sichtbare Wellenschlag des Wassers signalisierte die unterirdische Annäherung der Osmanen. Die durch Tiroler Bergleute verstärkte StadtbesatzungKlaus-Peter Matschke, 2004, S. 247. grub sich ihnen entgegen, wobei man nach einiger Zeit auf die osmanischen Mineure stieß. Es entbrannten unterirdische Kämpfe, bei denen kaum Feuerwaffen eingesetzt werden konnten, da die Mineure zur Durchführung ihres Auftrags Fässer mit Schießpulver mit sich führten. Bei diesen Auseinandersetzungen gewannen die besser gepanzerten Verteidiger nach einiger Zeit die Oberhand, doch konnten nicht alle osmanischen Minen entdeckt werden. So sprengten die Angreifer mehrere Breschen in die Wiener Stadtmauer, an denen es zu heftigen Kämpfen kam. Die Verteidiger errichteten Palisaden hinter den Breschen, hoben Gräben aus und bildeten dichte Formationen aus Pikenieren und Arkebusieren, gegen die die Janitscharen wenig auszurichten vermochten.