Die Artillerietruppe (ArtTr) ist eine Truppengattung des Heeres der Bundeswehr. Die Artillerie zählt zu den Kampfunterstützungstruppen. Hauptaufträge sind Feuerunterstützung für die Kampftruppen, Kampf mit Feuer in der Tiefe des Raumes und artilleristische Ziel- und Lageaufklärung. Hauptwaffensysteme sind die Panzerhaubitze 2000 und der Raketenwerfer MARS II. Die Artillerietruppe umfasst 5.157 Dienstposten (Stand: 2020).
Auftrag
Die Artillerietruppe hat den Auftrag, gegen Ziele unterschiedlicher Größe, Kategorie und Zielverhalten in allen Operationsarten zu wirken, Zielortung und Wirkungsaufklärung durchzuführen und zur Lageaufklärung beizutragen. Dies beinhaltet die Bekämpfung von Flächenzielen sowie die präzise Bekämpfung von Punkt- und Einzelzielen sowie die Fähigkeiten, gegnerische Bewegungen abstandsfähig und reaktionsschnell einzuschränken, abzuriegeln, zu hemmen, zu kanalisieren, zu lenken oder zu zerschlagen. Die Feuerunterstützung erfolgt unmittelbar für die Kampftruppe sowie im Rahmen des Kampfes mit Feuer in der Tiefe des Raumes. Die Artillerieverbände verfügen über Fähigkeiten zur abstandsfähigen Wirkung gegen Punkt- und Flächenziele sowie die Befähigung zum abstandsfähigen Hemmen von Bewegungen einschließlich der notwendigen Fähigkeiten zur Führung, Aufklärung und Unterstützung.
Die Artillerie ist der wesentliche Träger des Feuerkampfes. Aufklärung und Wirkung sind tageszeit- und witterungsunabhängig möglich. Ihre Wirkmittel sind präzisions- und abstandsfähig. Die Artillerietruppe trägt zur Streitkräftegemeinsamen Taktischen Feuerunterstützung (STF) bei. Die in jedem Artilleriebataillon vorhandenen Joint Fire Support Teams begleiten die Kampftruppe und können das Feuer der Artillerie, von Mörsern, Jagdbombern, Kampfhubschraubern und Schiffsartillerie lenken.
Die drei Hauptaufträge der Artillerietruppe der Bundeswehr lassen sich in Kampfunterstützung, Kampf mit Feuer sowie die artilleristische Ziel- und Lageaufklärung gliedern.
Feuerunterstützung Feuerunterstützung ist der Hauptauftrag der Brigadeartillerie. Sie richtet sich gegen gegnerische Kräfte, die sich im unmittelbaren Aufklärungs- und Wirkungsbereich der Verbände der Kampftruppe befinden und/oder eine unmittelbare Bedrohung darstellen.
Kampf mit Feuer Der Einsatz von Kampf mit Feuer erfolgt gegen Punkt- und Flächenziele, die (noch) außerhalb des unmittelbaren Aufklärungs- und Wirkungsbereichs der Verbände der Kampftruppe liegen und noch keine unmittelbare Bedrohung darstellen. Deren Bekämpfung ist jedoch für den weiteren Gefechtsverlauf günstig, sodass sie später Einfluss auf die Operationsführung hat.
Hauptträger des Kampfes mit Feuer ist die Raketenartillerie. Kampf mit Feuer erfolgt hauptsächlich durch von den Divisionen und Korps unmittelbar geführten Artilleriekräften, der Divisions- bzw. der Korpsartillerie.
Beispiele für klassische Ziele für Kampf mit Feuer sind Gefechtsstände (Divisionsebene und höher), weitreichende Artillerie (insbesondere Raketen- und Flugkörperartillerie), logistische Einrichtungen, Einrichtungen der Elektronischen Kampfführung, weitreichende Luftverteidigungs- und Flugabwehr-Systeme, Einrichtungen der Heeresflieger und gegnerische Kräfteansammlungen.Michael Schemel: Planung des Feuerkampfes in Szenarien der Landes- und Bündnisverteidigung (LV-/BV) In: Zu Gleich. Band 27, Nr. 1, 2022, S. 61 f.Dietmar Klos: Steilfeuersysteme des Heeres. In: Europäische Sicherheit und Technik. 19. Juli 2021.Alexander Wurzer: Taktische Feuerunterstützung. In: Truppendienst. 7. Oktober 2022.
Ziel- und Lageaufklärung Mit Joint Fire Support Teams und Artillerieaufklärungsmitteln (Radar, Schallmess, Drohnen) identifiziert die Artillerietruppe Ziele, die sie selbst bekämpft, und trägt zur Lageaufklärung des Großverbandes bei.
Geschichte
Die Artillerietruppe der Bundeswehr umfasste in den 1980er Jahren elf Regimenter, 83 Bataillone sowie 14 selbständige Batterien. In der Truppengattung, ausgestattet zu jener Zeit mit etwa 1100 Geschützen und 400 Raketenwerfern, dienten rund 42.000 Soldaten. Damit war die Artillerietruppe zu dieser Zeit nicht nur eine der größten Truppengattungen des Heeres, sondern vom Personalumfang sogar größer als die Teilstreitkraft Marine im gleichen Zeitraum. Die Artillerieschule gliederte sich in vier Lehrgruppen mit 16 Inspektionen und 50 Hörsälen und Ausbildungszügen.
Im Rahmen der Neuausrichtung der Bundeswehr ab 2010 wurde die Artillerietruppe umstrukturiert und auf vier Bataillone reduziert. Teile der Aufklärungsmittel, vor allem für die allgemeine Lageaufklärung, wurden an die neue Heeresaufklärungstruppe abgegeben. Für die eigene Zielaufklärung hat die Artillerietruppe weiterhin eigene weitreichende Aufklärungsmittel.
Im 2022 bekannt gewordenen Zielbild Heer soll die Artillerietruppe wieder aufwachsen. Die Planungen sahen zunächst neun Bataillone vor. Zum 1. Oktober 2023 wurde am vorläufigen Standort Weiden in der Oberpfalz das Panzerartilleriebataillon 375 neu aufgestellt und der Panzergrenadierbrigade 37 unterstellt. Im November 2023 wurde zudem die Wiederaufstellung des 2015 aufgelösten Panzerartilleriebataillons 215 am Standort Augustdorf angekündigt. Der Verband soll die Bezeichnung Artilleriebataillon 215 erhalten und der Panzerbrigade 21 unterstellt werden, somit zu den mittleren Kräften gehören und mit Rad-Haubitzen ausgestattet werden. Zudem ist die Aufstellung des Panzerartilleriebataillons 455 für die Panzerbrigade 45 in Litauen vorgesehen. Das Artilleriebataillon 131 soll von Weiden in der Oberpfalz nach Oberviechtach verlegt und wurde in Panzerartilleriebataillon 131 umbenannt.
Ausstattung mini|Panzerhaubitze 2000 mini|Panzerhaubitze 2000 mini|Raketenwerfer MARS Wirksysteme Die Hauptwaffensysteme der Artillerietruppe sind die Panzerhaubitze 2000 und der Raketenwerfer vom Typ MARS II. Mit Ausnahme des Panzerartilleriebataillons 375 verfügen mit Stand 2024 alle Artilleriebataillone über beide Hauptwaffensysteme.
Die Panzerhaubitze 2000 wird in der neuen Heeresstruktur Zielbild Heer zur Ausstattung der Panzerartilleriebataillone der schweren Brigaden (Panzerlehrbrigade 9, Panzerbrigade 12 und Panzerbrigade 45) gehören. Die Artilleriebataillone der mechanisierten Brigaden der mittleren Kräfte (Panzerbrigade 21, Panzergrenadierbrigade 41, Deutsch-Französische Brigade) werden mit der Radhaubitze RCH 155 ausgestattet werden, deren Zulauf ab 2028 geplant ist. Das Heer hat einen Bedarf von 168 RCH 155 angemeldet. Bis zur Einführung werden auch diese Artilleriebataillone die Panzerhaubitze 2000 er- bzw. behalten. Zudem wird die RCH 155 den Rohranteil der zukünftigen Divisions- und Korpsartillerie bilden.
Der Raketenwerfer MARS II wird durch den Raketenwerfer PULS als Zukunftssystem des Indirekten Feuers große Reichweite abgelöst werden. Dieser soll in den Verbänden der Divisions- und Korpsartillerie zum Einsatz kommen. Die Brigadeartillerie wird über keine Raketenartilleriefähigkeiten verfügen. Mit Stand 2026 sollen etwa 250 Raketenwerfer PULS beschafft werden.
Konzeptionell sollen mittel- und langfristig die Artilleriebataillone der mittleren Kräfte mit Loitering Munition Systems mit speziellen Startgerätensystemen und Bodenkontrollstationen ausgestattet werden, um bewegliche, auch gepanzerte Ziele bis 70 Kilometer bekämpfen zu können. Der Raketenwerfer PULS soll zum Verschuss spezieller Loitering Munitions Systems als Zweitrollenfähigkeit qualifiziert werden.
Munition
Die Artillerietruppe verfügt als Munition für ihre Hauptwaffensysteme über Geschosse und Raketen.
Die Geschosse unterteilen sich als Gefechtsmunition in Spreng-, SMArt-, Nebel- und Leuchtgeschosse sowie für Ausbildungszwecke in Übungs- und Exerziergeschosse. Für die Geschosse stehen unterschiedliche Zünder zur Verfügung, die teilweise auch unterschiedlich eingestellt werden können (z. B. Doppelzünder, Aufschlagzünder mit und ohne einstellbarer Verzögerung, Zeitzünder, Annäherungszünder, programmierbare Lenkzünder).
Die Raketen der Artillerietruppe umfassen solche mit Spreng-/Splitter-Gefechtskopf sowie Minenraketen mit Submunition AT2 zur Verlegung von Wurf-Minensperren. Zudem gibt es verschiedene Übungsraketen, darunter unterkalibrige 110-mm-Raketen vom außer Dienst gestellten Raketenwerfer LARS.
Vor dem Beitritt Deutschlands zum Ottawa-Abkommen verfügte die Artillerietruppe ebenfalls über Bomblet-Geschosse und -raketen. Im Kalten Krieg war im Rahmen der Nuklearen Teilhabe der Einsatz von atomarer Munition der Streitkräfte der Vereinigten Staaten (Flugkörper sowie Geschosse im Kaliber 203 und 155 mm) vorgesehen. Die Bundeswehr verfügt nicht über ABC-Geschosse, also Geschosse mit Kernwaffen, biologischen oder chemischen Kampfstoffen.
Bis 2030 soll eine niedrige fünfstellige Zahl an Artillerieraketen mit 150 km Reichweite für mehrere Milliarden Euro beschafft werden; in den Folgejahren weitere mehrere Tausend pro Jahr.
Artillerieaufklärung und Zielortung Zur Artillerieaufklärung und Zielortung nutzt die Artillerietruppe das Artillerieortungsradar COBRA, das Kleinfluggerät Zielortung (KZO), das M113 ABRA und das Schallmesssystem 064 PC. Die Joint Fire Support Teams (JFST) nutzen den Fennek und den Schützenpanzer Marder als Beobachtungspanzer. Das ABRA auf M113 soll durch das Bodengebundene Aufklärungs- und Raumüberwachungssystem (BARÜ) abgelöst werden.
Feuerleitung sowie Führungs- und Waffeneinsatzsystem Als Führungs- und Waffeneinsatzsystem kommt in der Artillerietruppe der Artillerie-, Daten-, Lage- und Einsatz-Rechnerverbund (ADLER) zum Einsatz. Als Feuerleitfahrzeug wird der Transportpanzer Fuchs verwendet.
Historische Ausstattung Anfangs war die Artillerietruppe der Bundeswehr mit Feldhaubitzen, gezogenen Geschützen und Selbstfahrlafetten ausgerüstet. Eingeführt waren die 105-mm-Panzerhaubitzen M7B2 Priest und M52, die 155-mm-Panzerhaubitzen M44, M109G und die 203-mm-Panzerhaubitze M55.Oberst Krug 25 Jahre Artillerie der Bundeswehr. S. 48, 131 u. 159, ISBN 3-7909-0184-9.
Die Feldartilleriesysteme der Bundeswehr umfassten die Gebirgshaubitze 105 mm (OTO Melara Modell 56 Kaliber 105/L14), die Feldhaubitze 105 mm FH 105 (L), die Feldhaubitze 155 mm M1 A2Oberst Krug 25 Jahre Artillerie der Bundeswehr. S.54/159, ISBN 3-7909-0184-9., die Feldhaubitze 155 mm FH70, die Kanone 175 mm auf Selbstfahrlafette M107 und die Haubitze 203 mm auf Selbstfahrlafette M110.
Die Raketenartillerie verfügte historisch über die Kurzstreckenraketen Honest John, Sergeant und Lance sowie die Mehrfachraketenwerfer LARS I und LARS II.
Ehemalige Artillerieaufklärungs- und Zielortungsyteme waren das Artillerieortungsradar Green Archer auf M113, der Beobachtungspanzer M113 A2 Optronik, der Beobachtungspanzer Kanonenjagdpanzer (ohne 90 mm Bordkanone), der Beobachtungspanzer Schützenpanzer kurz (Typ 22-2) sowie die Drohnen CL 89 und CL 289.
Als Feuerleitsysteme kamen in der Vergangenheit das Feuerleitgerät Radar Artillerie (FERA), der Feuerleitrechner FALKE und der Artillerierechner Typ BUM zum Einsatz.Oberst W. Speisebecher, Taschenbuch für Artilleristen 2. Folge, S.182f, 1974, Verlag WEHr UND WISSEN, ISBN 3-8033-0231-5
Ausbildung Die Artillerieschule in Idar-Oberstein ist der Panzertruppenschule in Munster unterstellt und für die lehrgangsgebundene Aus- und Fortbildung der militärischen Führer der Artillerietruppe verantwortlich. Ihr Kommandeur ist zugleich General der Artillerietruppe. Für die Weiterentwicklung der Artillerietruppe ist seit Juni 2013 die Gruppe III 2 (Artillerietruppe/Streitkräftegemeinsame Taktische Feuerunterstützung) im Amt für Heeresentwicklung zuständig.
Organisation