mini|hochkant=1.3|Luftbild des Schweriner Schlosses

Das Schweriner Schloss ist die ehemalige Hauptresidenz der Herzöge und Großherzöge von Mecklenburg-Schwerin auf der Schlossinsel in Schwerin. Die Fünfflügelanlage wurde 1560 durch Herzog Johann Albrecht I. von Johann Baptista Parr im Renaissancestil begonnen und 1857 durch Großherzog Friedrich Franz II. von Georg Adolph Demmler und Friedrich August Stüler im Neurenaissancestil vollendet. Als architektonisches Vorbild diente Schloss Chambord. Hervorzuheben sind die Ahnengalerie, der Thronsaal und die Schlosskirche. Seit 1990 dient es als Sitz des Landtages Mecklenburg-Vorpommern. Am 27. Juli 2024 wurde das Schloss als Teil des Residenzensembles in die UNESCO-Welterbeliste eingeschrieben. Mit rund 200.000 Besuchern im Jahr gehört es zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands.Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern.

Baugeschichte Gründung unter den Obotriten mini|Schweriner Schloss (rechts) auf einem Stich von Matthäus Merian, 1653 mini|Grundriss des Schweriner Schlosses (gesüdet), 1857

Das Schloss ist ein in einem über tausendjährigen Prozess historisch gewachsenes Bauwerk. Seine ringförmige Gestalt geht auf eine Wallanlage einer slawischen Burg zurück, die etwa 941/42 auf der heutigen Schlossinsel errichtet wurde. Auf einem massiven Holzrost entstand ein Burgwall von etwa 45 m Ausdehnung. Innerhalb von nur 20 Jahren wurde dieser jedoch marode und kippte einschließlich der Außenfassade nach innen um. 963/965 oder kurz danach wurde über dem zusammengebrochenen ersten Wall ein neuer, stärkerer errichtet.Grabungen im Schlosshof. (PDF; 0,4 MB) Landesamt für Kultur und Denkmalpflege, 22. Juni 2015; abgerufen am 13. Oktober 2019.Neues vom Burgwall unter dem Schweriner Schloss. Landesdenkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern; abgerufen am 13. Oktober 2019.

Der im Jahr 965 von Magdeburg zur Burg Weligrad (Burg Mecklenburg) reisende Kaufmann Ibrahim Ibn Jakub aus dem arabischen Andalusien berichtete über eine offenbar noch im Bau befindliche Burg in Ufernähe eines Süßwassersees in Aufzeichnungen von 973 über seine ins slawische Gebiet östlich der Unterelbe unternommene Reise. Seine Beschreibung der Inselburg meint wahrscheinlich die obotritische Grenzburg auf der heutigen Schlossinsel. Das Vorhandensein einer solchen Anlage untermauerten Ausgrabungen von Teilen des alten slawischen Burgwalls im Jahr 1987. Bei Ausgrabungen im Innenhof des Schlosses wurden 2014 Reste des offenbar von Ibrahim Ibn Jakub erwähnten ersten Burgbaues gefunden, der zunächst für eine kleinere Burganlage spricht als zunächst angenommen. Die in den naturwissenschaftlichen Labors des Deutschen Archäologischen Instituts mittels der Dendrochronologie untersuchten datierbaren Hölzer konnten in eben jene Jahre des Aufbaus – 962, 964, 965 und 974 – datiert werden. Den Umfang des heutigen Schlosses erreichte offenbar erst ein später errichteter Burgwall. dieschweriner.de Pressemitteilung des Landtags Mecklenburg-Vorpommern, 13. November 2014.Juliane Fuchs: Slawenwall erzählt Stadtgeschichte. In: Schweriner Volkszeitung, 8. Oktober 2014.

Die Schweriner Burg war im Jahr 1160 im Zusammenhang mit den nach Osten gerichteten Expansionsbestrebungen deutscher Feudalherren das Ziel eines Eroberungsfeldzuges unter Führung Heinrichs des Löwen (1129–1195). Die obotritischen Verteidiger unter dem Wendenfürsten Niklot zerstörten und verließen sie angesichts der feindlichen Übermacht. Doch auch die deutschen Eroberer erkannten die ausgezeichnete strategische Lage und bauten wieder eine Festung auf. Die Stadtgründung Schwerins erfolgte im gleichen Jahr. Sie erlangte besondere Bedeutung durch die Errichtung eines Bischofssitzes in ihren Mauern. 1167 belehnte Heinrich der Löwe seinen Vasallen Gunzelin von Hagen mit ehemals obotritischen Gebieten von Niklots Sohn Pribislaw. 1358 gelangte die Grafschaft durch Kauf in den Besitz des Herzogs Albrecht II., einem Nachfahren von Niklot. Die Residenz verlagerte Albrecht II. von Wismar auf die im Landesinneren liegende Schweriner Burginsel. Als in der Spätgotik die Fürstensitze den gestiegenen Wohnansprüchen und dem wachsenden Repräsentationsbedürfnis angepasst wurden und es zur baulichen Ausbildung des Schlosstyps kam, fand diese Entwicklung auch im Baugeschehen auf der Schweriner Burginsel ihren Niederschlag. Nach einer Sage soll schon seit ältester Zeit im Schweriner Schloss ein Geist leben, das Petermännchen. Eine Skulptur dieser Gestalt befindet sich an der Fassade im Innenhof.

Altbau unter Johann Albrecht I. mini|Ansicht vom Schweriner See, um 1900 mini|Hauptturm und Orangerie vom Burggarten

Im Jahr 1560 beauftragte Herzog Johann Albrecht I. seinen Baumeister Johann Baptista Parr mit dem Umbau und der Erweiterung des Schweriner Schlosses nach dem Vorbild italienischer Renaissancepaläste.Georg Christian Friedrich Lisch: Geschichte der fürstlichen Residenz-Schlösser zu Wismar, Schwerin und Gadebusch. 1840; lexikus.de Nach seinen Entwürfen entstanden die evangelische Schlosskirche und die herzoglichen Wohnräume. Den ältesten Teil bilden vier im Kern bis heute erhaltene Gebäude: das Haus über der Schlossküche, das Bischofshaus, das Neue Lange Haus und das Haus über der Schlosskirche. Ihre Fassaden und Giebel sind mit Terrakotten aus der Werkstatt des Statius von Düren verziert. Diese Form der Bauplastik findet sich erstmals am Fürstenhof Wismar und war zur Zeit der Backsteinrenaissance in Norddeutschland vorherrschend. Die Kellergewölbe des Bischofshauses, das sich südwestlich des Hauptturms anschließt und seinen Namen nach dem Wohnsitz des Bischofs Magnus (1516–1550) erhielt, stammen noch aus der Spätgotik. Nordöstlich des Hauptturms schließt sich der ebenfalls dreigeschossige Bau des Neuen Langen Hauses an. Beim Bischofshaus und beim Neuen Langen Haus handelte es sich erstmals um reine Wohnbauten, die keine Verteidigungsfunktion mehr zu erfüllen hatten.

Außerdem initiierte Johann Albrecht I. den Renaissancebau der Schlosskirche. Diesen ersten protestantischen Kirchenbau Mecklenburgs setzte Baumeister Parr 1560–1563 rechtwinklig an das Neue Lange Haus. Der Kapellenraum mit rechteckigem Grundriss und Emporen an den Längs- und Schmalseiten entstand nach dem Vorbild der nur wenige Jahre zuvor erbauten Schlosskapellen in Torgau und Dresden. Das in den Formen der venezianischen Frührenaissance gehaltene Sandsteinportal an der Hofseite mit dem Relief der Kreuztragung Christi im Giebelfeld stammt aus der Werkstatt des Dresdner Bildhauers Hans Walther. In die Fensternischen der nördlichen Empore sind Alabasterreliefs mit biblischen Darstellungen eingelassen. Fünf von ihnen schuf der damals sehr populäre Niederländer Willem van den Broeck, genannt Paludanus. Schwerin besitzt mit der von seiner Hand signierten „Erhöhung der ehernen Schlange“ eine seltene Kostbarkeit. Da das Schloss trotz seiner Insellage zusätzlicher Verteidigungsanlagen bedurfte, sind um die Mitte des 16. Jahrhunderts wahrscheinlich durch jene italienischen Festungsbaumeister, die unter Francesco a Bornau in Dömitz arbeiteten, die Bastionen im Nordwesten, Südosten und Südwesten angelegt worden, die später mehrfach verändert wurden, sich aber bis heute erhalten haben.

Der 1612 in mecklenburgische Dienste getretene Baumeister Gerhart Evert Pilooth († 1629) erarbeitete vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges Pläne für einen vollständigen Neubau des Schweriner Schlosses in den Formen einer niederländisch geprägten Renaissance. Tatsächlich begann man 1617 unter seiner Leitung mit den ersten Arbeiten, musste sie jedoch wegen der kriegerischen Ereignisse bald einstellen. Nach den Plänen Pilooths wurden zwischen 1635 und 1643 das Haus über der Schlossküche (Nummer 5 im Lageplan) und das Haus über der Schlosskirche (Nummer 2 im Lageplan) aufgestockt. Sie erhielten Fassaden im Stil der Niederländischen Renaissance. Die beiden Flügel des Hauses über der Schlossküche bilden einen stumpfen Winkel (Ostsüdost - und Südseite des Schlosses). Im 18. Jahrhundert entstanden vor der Westseite des Kapellenflügels ein Fachwerkbau für die herzogliche Gemäldesammlung und auf der nordöstlichen Bastion der Teepavillon, für dessen Freitreppe der Bildhauer Johann Christoph Lücke (1703–1780) 1742 vier Putten schuf. 1764 verließ der Hof unter der Regierung Herzog Friedrichs des Frommen Schwerin und siedelte in die neu entstehende Residenz Schloss Ludwigslust über.

Umbau unter Friedrich Franz II. mini|Ansicht von der Schlossbrücke mini|Ansicht vom Schlossgarten

Als die Residenz 1835 nach Schwerin zurückverlegt wurde, befanden sich die Schlossgebäude in einem schlechten baulichen Zustand. Außerdem entsprachen die aus verschiedenen Stilepochen stammenden einzelnen Bauten und die ihnen zugeordneten Wirtschaftsgebäude nicht den Vorstellungen des Landesherrn von seiner zukünftigen Residenz. Der Großherzog Paul Friedrich I. (1800–1842) entschloss sich deshalb am Alten Garten, wo sich das heutige Museum befindet, einen Schlossneubau errichten zu lassen. Der nach Plänen des Hofbaumeisters Georg Adolf Demmler (1804–1886) begonnene Bau wurde nach wenigen Monaten eingestellt, da der Nachfolger des 1842 plötzlich verstorbenen Großherzogs, der erst 19-jährige Friedrich Franz II. (1823–1883), von diesem Neubau Abstand nahm und sich für eine tiefgreifende Umgestaltung der historischen Anlage auf der Schlossinsel entschied.

Dieser Umbau sollte sich nach den Vorstellungen des Großherzogs zunächst auf die gesamte Anlage erstrecken. Später wurde auf Betreiben Demmlers der Beschluss gefasst, die vier historischen Schlossbauten aus dem 16. und 17. Jahrhundert auf der Seeseite zu schonen. Eine weitere Forderung des Bauherrn war die Ausbildung einer repräsentativen Eingangsfront in der Achse der durch mehrere Neubauten bereits deutlich aufgewerteten, von der Stadt zum Schloss führenden Straße. Demmler war von der Aufgabe, das Schloss in einem älteren Stil umzugestalten, nicht begeistert. Seine diesbezüglichen Entwürfe im Windsor-Castle-Stil und im Stil Pilooths wurden abgelehnt. Daher wurde der Dresdner Architekt Gottfried Semper (1803–1879) 1843 mit einem Konkurrenzentwurf beauftragt, der höchstes Lob erntete, aber dennoch nicht angenommen wurde. Nach einer längeren Studienreise, unter anderem nach Frankreich, fertigte Demmler unter Einbeziehung von Ideen des ihn begleitenden Hermann Willebrand einen letzten Entwurf, der Elemente von Sempers Vorschlägen enthielt, aber ein eigenständiges Konzept darstellte. In seiner Grundhaltung war Demmler deutlich an den zeitgleich stattfindenden Arbeiten des französischen Architekten Félix Duban orientiert. Bei einer Frankreichreise 1844 lernte er dessen Arbeiten an den französischen Renaissanceschlössern in Blois und Gaillon kennen. Aufgrund der Ähnlichkeit der Silhouette wird jedoch häufig auch eine architektonische Parallele zum Schloss Chambord gezogen.