mini|Südseite der Marienkirche in Leipzig-Stötteritz Die Marienkirche Leipzig-Stötteritz ist ein evangelisch-lutherischer Sakralbau im Leipziger Ortsteil Stötteritz. Sie wurde 1702/03 als einschiffige Saalkirche im Stil des Barock errichtet und ist damit das älteste Gebäude des Ortsteils. Im Innern des denkmalgeschütztenDie Marienkirche ist ein Kulturdenkmal im Sinne des § 2 Absatz 1 des Gesetzes zum Schutz und zur Pflege der Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen (Sächsisches Denkmalschutzgesetz) vom 3. März 1993, vgl. Rüdiger/Nabert, Stötteritz, S. 48. Gotteshauses befindet sich ein um 1480 im Umfeld Hans Pleydenwurffs entstandenes Triptychon, das als das bedeutendste Werk spätgotischer Tafelmalerei in Leipzig gilt.
Lage Gegenwärtige Situation und Umgebungsbebauung Die Marienkirche steht im Leipziger Ortsteil Stötteritz, der zum Stadtbezirk Südost gehört. Sie liegt dort an der Nordseite eines rechteckigen, baumbestandenen Schmuckplatzes, der im Norden von der Oberdorfstraße, im Osten von der Dorstigstraße, im Süden von der Sommerfelder Straße und im Westen von der Lochmannstraße begrenzt wird. Der Kirchenbau erstreckt sich von West nach Ost (Ostung); Turm und Eingang liegen im Westen.
Unmittelbar nördlich der Kirche stehen die Gebäude des früheren Ritterguts Stötteritz unteren Teils mit seinem zwischen 1780 und 1790 im Stil des Barock erbauten Herrenhaus, in dem heute eine Wohneinrichtung für Menschen mit psychosozialen Schädigungen untergebracht ist.Internetpräsenz des Vereins zur Wiedereingliederung psychosozial geschädigter Menschen e. V. Die im Osten, Süden und Westen an den Kirchplatz grenzenden Flächen sind mit mehrgeschossigen Mietshäusern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bebaut.
mini|Stötteritz auf einer Karte aus dem Jahr 1802. Die Dorfkirche befindet sich links unterhalb der Bildmitte.
Historische Geländesituation Der sich südlich an die Kirche anschließende Kirchplatz war bis 1872 Friedhof. Seine heutige Form ist das Ergebnis der städtebaulichen Überformung der Gemeinde Stötteritz, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts einsetzte. Mit Ausnahme der im Norden gelegenen Gebäude des Ritterguts befand sich der Kirchenbau bis dahin auf einem weitgehend naturbelassenen Gelände ohne unmittelbar anschließende Bebauung. Alleinige Anliegerstraße war die Oberdorfstraße. Nach 1875 setzte mit der Anlage der östlich gelegenen Dorstigstraße die Bebauung mit Mietshäusern ein. Die vor dem Turm und dem Haupteingang entlangführende Lochmannstraße sowie die südlich gelegene Sommerfelder Straße entstanden hingegen erst nach dem Abbruch der zum Rittergut Stötteritz oberen Teils gehörenden Gebäude im Jahr 1908.Rüdiger/Nabert, Stötteritz, S. 21. Die auf den angrenzenden Parzellen in Blockrandbauweise errichteten Wohnhäuser wurden bis zum Jahr 1913 fertiggestellt.
Baugeschichte Abbruch und Neubau der Stötteritzer Dorfkirche Die Marienkirche wurde in den Jahren 1702 und 1703 anstelle einer kleineren mittelalterlichen Dorfkirche erbaut. Über den Vorgängerbau ist nur wenig bekannt. Vermutlich war es eine Saalkirche, die sich ebenfalls in West-Ost-Richtung erstreckte, deren Ausmaße jedoch wesentlich geringer als die der Marienkirche waren. Anstelle eines Kirchturms hatte dieser Bau wahrscheinlich nur einen Dachreiter. 1702 wurde die erste Stötteritzer Kirche abgebrochen. Aufgrund von historischen Aufzeichnungen, die bei Renovierungsarbeiten im Turmknauf gefunden wurden, wird angenommen, dass das heutige Gebäude einen Teil der Nordmauer des Vorgängerbaus aufgenommen hat.Vgl. Magirius/Fiedler, Sakralbauten, S. 989.
Für den Kirchenneubau waren zwei Gründe ausschlaggebend: Zum einen war die alte Kirche baufällig geworden. Deshalb mussten zum Beispiel die Glocken auf dem Kirchhof gelagert werden.Vgl. Mai, Leipziger Blätter, 42 (2003), S. 49. Zum anderen war die Zahl der Einwohner gegen Ende des 17. Jahrhunderts durch Zuzug angewachsen, was durch den Bau neuer Wohnhäuser entlang der Straße Lange Reihe um das Jahr 1700 dokumentiert ist.Rüdiger/Nabert: Stötteritz. S. 7. In dieser Situation erwies sich der bisherige Kirchenbau als zu klein, weshalb die Gutsherrschaften der beiden Stötteritzer Rittergüter einen Neubau initiierten. Da die Finanzierung des Kirchenbaus aus den Gemeindemitteln und den Geldern der Gutsbesitzer allein nicht gesichert werden konnte, wurde die Bevölkerung um Unterstützung ersucht, wovon ein im April 1702 veröffentlichter Einblattdruck zeugt:
mini|Der Einblattdruck von 1702, mit dem Gelder für den Kirchenbau eingeworben werden sollten
Angesichts des knappen Etats wurde der Kirchenneubau zunächst nur als Kirchenschiff ohne Turm ausgeführt. Der Baumeister dieser Bauetappe ist nicht überliefert. Die Kirche könnte jedoch dem Leipziger Ratstischler Johann Christian Senckeisen zuzuschreiben sein, der zehn Jahre später als Baudirektor des Kirchturms bezeugt ist. Nach der Fertigstellung des Baus fand am 3. Advent 1703 unter Anwesenheit des Leipziger Superintendenten Thomas Ittig (1643–1710) die Einweihung statt.
Wenige Jahre später erwies sich auch die neue Kirche als zu klein. Deshalb richtete der Gutsherr Engelbert von der Burg († 1712) im Jahr 1712 ein Unterstützungsgesuch für den Bau eines Kirchturmes an den sächsischen König August den Starken, der daraufhin die Fällung von Holz in den königlichen Wäldern genehmigen ließ. Das für den Bau des Kirchturms notwendige Gesteinsmaterial wurde in den Feldern südlich der Kirche gegraben. Im Übrigen wurden die Baumaßnahmen durch Entnahmen aus dem Kirchenvermögen, Zuwendungen der Gutsherrschaften und Handdienste der Stötteritzer Bauern ermöglicht. 1713 war der westlich des Kirchenschiffs erbaute Turm fertiggestellt. Er nahm fortan die bis dahin im Freien stehenden Glocken auf und erweiterte die Zahl der verfügbaren Sitzplätze um 100. Gleichzeitig mit dem Bau des Turmes wurden nördlich und südlich des Altarplatzes Betstuben für die Gutsherrschaften angelegt und unterhalb des Altarplatzes Erbbegräbnisstätten geschaffen.
Baumaßnahmen im 18. und 19. Jahrhundert mini|Südostansicht von Stötteritzer Kirche und Herrenhaus des unteren Ritterguts um 1850.
Bereits im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts wurden an der Marienkirche Instandsetzungsarbeiten durchgeführt. So sind eine Renovierung des Kircheninnern im Jahr 1762 und die Erneuerung des Turms 1796 dokumentiert. 1862 folgte eine weitere Sanierung des Innenraums sowie der Umbau der nördlichen Sakristei, die fortan einen eigenen Außeneingang hatte.Magirius/Fiedler: Sakralbauten. S. 990. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts setzte eine Serie von Umbau- und Instandsetzungsmaßnahmen ein, die – mit einer Unterbrechung von 1930 bis 1945 – bis 1968 andauerte.
1883 wurde der Beschluss gefasst, die südlich des Altarplatzes in Emporenhöhe befindliche Betstube umzubauen. Daraufhin legte der Leipziger Stadtbaurat Hugo Licht 1886 einen Entwurf vor, der gefiel und ausgeführt wurde. Anstelle des bisherigen südlichen Anbaus wurde ein zweigeschossiger Neubau errichtet. Hierdurch erhielt die Kirche ihren noch heute bestehenden kreuzförmigen Grundriss. Zugleich wurde die Anordnung der Fenster des nördlich vom Altarplatz gelegene Anbaus verändert und dadurch seine äußere Gestaltung dem südlichen Anbau angeglichen.Vgl. Magirius/Fiedler: Sakralbauten. S. 990 f.
Nachdem 1890 bei einer Außenerneuerung ein großes Turmfenster zugemauert und 1896 der südliche Anbau saniert worden war, begannen im Jahr 1898 die Planungen zu einer grundlegenden Umgestaltung des Kircheninneren, die durch die beabsichtigte Neuanschaffung einer Orgel veranlasst waren. Hierzu erstellte der zu dieser Zeit im Leipziger Kirchenbau stark engagierte Architekt Julius Zeißig erste Entwürfe, die der Leipziger Architekt Paul Lange (1853–1932) vollendete. Im Rahmen der Umgestaltung wurden die bis dahin bestehenden Doppelemporen abgerissen und eine neue, dreiseitige Empore gebaut. Zudem wurden ein neues Gestühl erworben und die beiden Anbauten geändert. Die Wiedereinweihung der Kirche wurde am 10. Februar 1899 gefeiert. Eine zeitgenössische Schilderung beschrieb den neuen Innenraum mit den folgenden Worten:
20. Jahrhundert Im Jahr 1906 fasste der Kirchenvorstand der seit 1887 selbstständigen Kirchgemeinde Stötteritz den Beschluss, der Kirche den Namen Marienkirche zu geben. 1908 erhielt die Kirche eine neue Innenausmalung. Im Jahr der Eingemeindung von Stötteritz nach Leipzig, 1910, wurde das die Kirche umgebende Gelände von der Stadt Leipzig zu einem Schmuckplatz umgestaltet. Im Jahr 1922 wurde eine elektrische Beleuchtung installiert, welche die bis dahin genutzten Gaslampen ersetzte. Zwei Jahre später wurde der Turm repariert. Im Verlauf des Jahres 1928 wurde der Innen- und Außenbereich der Kirche vollständig erneuert und teilweise verändert. Nach Abschluss dieser Arbeiten waren die Seitenemporen bis in den Bereich der früheren Kapellen hinein verlängert worden. Außerdem war die Symmetrie des Ostabschlusses der Kirche verbessert worden. Dazu wurde an der Nordostseite eine neue Innenwand gemauert und dieser Raumteil durch Kolossalpilaster betont. An den Seiten des um einen Meter ostwärts verschobenen Kanzelaltars wurden Treppen angelegt. Zudem wurde unter dem Altarplatz ein Heizungskeller eingerichtet, was die Grüfte der Rittergutsherrschaften an dieser Stelle zerstörte.Vgl. Magirius/Fiedler: Sakralbauten. S. 992.
Den Zweiten Weltkrieg überstand auch die Marienkirche nicht unbeschadet, doch anders als bei zahlreichen anderen Kirchenbauten der innenstadtfernen Stadtteile Leipzigs hielten sich die entstandenen Schäden in einem überschaubaren Rahmen. Am 20. Oktober 1943 wurde die Marienkirche bei einem Luftangriff auf Leipzig als erstes Kirchengebäude in Sachsen beschädigt. Durch den Druck von Detonationen in der Umgebung wurde das Kirchendach abgedeckt und zahlreiche Fenster wurden zerstört. Das Altarbild blieb unversehrt, da es bereits Ende Juni oder Anfang Juli 1943 in „staatliche Schutzverwahrung“ genommen worden war und erst im März 1946 wieder aus Grimma nach Stötteritz zurückgeführt wurde.Näher dazu Festschrift Marienkirche. S. 12. Wegen der entstandenen Schäden mussten die Gottesdienste bis zur behelfsmäßigen Wiederherrichtung der Kirche in einen Saal des Pfarrhauses verlegt werden. Weiteren Schaden erlitt die Kirche bei einem Luftangriff Ende Februar 1945 sowie bei der Einnahme Leipzigs durch die US-Armee im April 1945.
Ab August 1945 bemühte sich der Kirchenvorstand um eine Beseitigung der entstandenen Kriegsschäden. Sowohl die Aufbringung des erforderlichen Kapitals als auch die Bereitstellung von Baumaterial erwies sich jedoch als außerordentlich schwierig.Näher Festschrift Marienkirche. S. 19. Am 3. November 1945 wurde die behördliche Genehmigung für die dringlichsten Sanierungsarbeiten erteilt. Diese wurden im Anschluss bis 1948 von einem Stötteritzer Unternehmen ausgeführt. Bereits ab 1946 konnten in der Kirche wieder Gottesdienste gehalten werden. Nach einer Turmreparatur 1953 und einer geringfügigen Außenerneuerung 1961 standen 1963 erstmals seit Kriegsende größere Umbauten an. Sie führten im Kircheninneren zur Beseitigung der einen Meter hohen hölzernen Wandpaneele. Außerdem wurden die Treppen zu den Emporen in Rochlitzer Porphyrtuff ausgeführt.
mini|hochkant|Barocke Farbgebung der Marienkirche, im Rahmen einer Renovierung in den Jahren 1967/1968 wiederhergestellt