Animus und Anima sind Begriffe aus der Analytischen Psychologie von Carl Gustav Jung. Es handelt sich hierbei um zwei der wichtigstenC.G. Jung, GW 9/2: 13: „Unter den Archetypen sind diejenigen empirisch am deutlichsten charakterisiert, welche am häufigsten und intensivsten das Ich beeinflussen respektive stören. Es sind dies der Schatten, Anima und Animus.“ Archetypen, also im kollektiven Unbewussten angelegte, von individueller Erfahrung unabhängige unanschauliche Strukturen der Möglichkeiten menschlicher Imagination und Emotionalität. Anima und Animus zeigen sich in Stimmungen und Launen, Begeisterung und Verliebtheit, in Träumen und Mythen. Die (inneren oder äußeren) Bilder von Anima und Animus beim individuellen Menschen können plakativ als „Personifikationen einer weiblichen Natur im Unbewussten des Mannes und einer männlichen Natur im Unbewussten der Frau“ bezeichnet werden.Aniela Jaffé: Glossar zu: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C. G. Jung. Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé. Rascher, Zürich/Stuttgart 1962. Sonderausgabe von 1982: S. 408 f. Jung betonte, dass Animus und Anima wie alle Archetypen „von sich aus günstige und ungünstige, helle und dunkle, gute und böse Wirkungen entfalten“.C.G. Jung, GW 9/2: 423.

Wortherkunft: Die Begriffe sind lateinisch, im Wesentlichen bedeuten beide ‚Seele/Geist‘, jeweils grammatisch männlich (animus) oder weiblich (anima). Im Lateinischen hat animus je nach Zusammenhang viele verschiedene Bedeutungen: so u. a. Seele oder Geist (im Gegensatz zum Körper), Gedächtnis; verschiedene emotionale Zustände wie Entschlossenheit, Mut und Übermut, Selbstvertrauen und Trotz, seelisches Begehren, Wunsch, Lust, Leidenschaft und Zorn; Stimmung und Gesinnung. Anima dagegen wird übersetzt mit Luft als Element bzw. Lufthauch, Wind, Atem; Seele (auch im Sinne eines ‚Geists‘), Geist; beseeltes Wesen, Leben. Die im Wortfeld von Anima erkennbare Verbindung von ‚Luft‘ und ‚Geist‘ ist dieselbe wie beim hebräischen Ruach (Luft, Atem, Geist) und beim griechischen Pneuma (Luft, Atem, Geist), oder dem indischen Prana bzw. dem indischen Akasha, vgl. auch Atemseele; im Deutschen entspricht dem etwa das Wort ‚Lebensodem‘.

Seele: Die Bereiche von Anima und Animus wurden von Jung als Teile der Seele verstanden. Seele im Sinne Jungs bedeutet die innere, unbewusste Persönlichkeit, ein „abgegrenzter Funktionskomplex“ innerhalb des größeren Zusammenhangs der Personifikationen. Vgl. dazu die beiden ebenfalls beinahe spiegelbildlich entgegengesetzten Begriffe Persona und Seelenbild und die Bedeutung von Seele in der Redewendung wie „Dorf von 500 Seelen“, also von 500 Einwohnern oder Personen. Unter Psyche ist währenddessen die „Gesamtheit aller psychischen Vorgänge, der bewussten sowohl wie der unbewussten“, gemeint.C.G. Jung: Definitionen. In: Gesammelte Werke. Walter-Verlag, Düsseldorf 1995, Paperback, Sonderausgabe, GW 6: Zit. § 799, Weiteres 799-813.

Geschlechtlichkeit: Das Unbewusste verhalte sich gewöhnlich komplementär zum Bewusstsein und dieser „Komplementaritätscharakter der Seele betrifft auch den Geschlechtscharakter“, wo die Gegengeschlechtlichkeit von Anima und Animus beim Einzelnen herrühre.C.G. Jung, GW 6: §807. Dieser gewisse Ausgleich des Männlichen durch das Weibliche (und andersherum) in der Seele bedeuteten auch, dass „der Mensch seit undenklichen Zeiten in seinen Mythen immer die Idee der Koexistenz eines Männlichen und Weiblichen in demselben Körper ausgedrückt hat“, sodass, wie im Bild vom hermaphroditischen Gott, im Menschen immer auch das andere Geschlecht gegenwärtig sei.C.G. Jung, GW 11: § 47.

Anima Allgemeine Funktionen Die Anima ist nach Jung die weibliche Erscheinung und der weibliche Funktionsbereich in der Seele des Mannes, zugleich seine Brücke zum Unbewussten insgesamt. Im Frühwerk setzte Jung „Seele“ und „Anima“ auch einmal gleich, und zwar als Gegensatzbegriff zur Persona (äußeren Persönlichkeit).C.G. Jung, GW 6: § 805. Später beschrieb er die Anima „als eine Brücke zum Unbewußten, als die Funktion der Beziehung zum Unbewußten“C.G. Jung GW 13: §62., wobei Anima und Animus „Inhalte des kollektiven Unbewußten an das Bewußtsein vermitteln“.C.G. Jung, GW 9/2: §40. Verliert also ein Mann den Kontakt zu seiner Anima, verliert er damit „den Zusammenhang mit dem kompensierenden Unbewußten überhaupt … In einem derartigen Falle pflegt das Unbewußte Emotionen unverhältnismäßiger Natur zu produzieren, wie Gereiztheit, Unbeherrschtheit, Überheblichkeit, Minderwertigkeitsgefühle, Launen, Depressionen, Zornausbrüche und dergleichen“.C.G. Jung GW 13: §452.

Weiblicher Archetyp „Jeder Mann trägt das Bild der Frau von jeher in sich, nicht das Bild dieser bestimmten Frau, sondern einer bestimmten Frau. Dieses Bild ist im Grunde genommen eine unbewusste, von Urzeiten herkommende und dem lebenden System eingegrabene Erbmasse“.C.G. Jung (1925): Die Ehe als psychologische Beziehung. Zit. in GW 17: § 338. Die Anima gründe auch in der „Mutter alt und jung, Demeter und Persephoneia, und der Sohn ist Gatte und schlafender Säugling in einem.“C.G. Jung, GW 9/2: 23. Nicht nur als Bild der Mutter und der „Mutter-Geliebten“C.G. Jung, GW 11: 240., „sondern auch der Tochter, der Schwester und der Geliebten, der himmlischen Göttin und der chthonischen Baubo, überall allgegenwärtig als altersloses Bild“, beschrieb Jung die Anima als Archetyp des Weiblichen.C.G. Jung, GW 9/2: 24. „Sie tritt, wo sie erscheint, in Träumen, Visionen und Phantasien, personifiziert auf“.C.G. Jung, GW 9/2: 26. Die Projektion der Anima auf eine reale Frau wird oft ein störender Faktor in Beziehungen, weil der Mann dann von einer Frau erwartet, die Verkörperung eines inneren Bildes des Weiblichen zu sein (weswegen Männer manchmal eine Frau für „meine Göttin“ halten). Auch die wunderhübschen „Nymphen und Dryaden“ seien „Animaprojektionen, wenn es sich um männliche Aussagen handelt.“C.G. Jung, GW 14/1: § 68.

Ambivalenz und Entwicklungsstufen „Die Anima ist eine bipolare Figur … und kann daher bald positiv, bald negativ erscheinen; bald alt, bald jung; bald Mutter, bald Mädchen; bald gütige Fee, bald Hexe; bald Heilige, bald Hure.“C.G. Jung, GW 9/1: § 356. Als typische „Entwicklungsstufen“ der Anima beim Mann beschrieb Marie-Louise von Franz: (1) Die „primitive“, sinnlich anziehende Frau (z. B. die fernen Südländerinnen in den Bildern Paul Gauguins, oder Gretchen in Goethes Faust. Eine Tragödie); (2) die „romantisierte Schönheit“ (z. B. die „schöne Helena“ ebenfalls u. a. im Faust); (3) der „spiritualisierte“ weibliche Eros (z. B. in der Jungfrau und Gottesmutter Maria); (4) weiblicher Geist und Weisheit (z. B. gezeigt als Mona Lisa, Pallas Athene, Sapientia oder Sophia).Marie-Louise von Franz (1968, 16. Auf. 2003): Der Individuationsprozess. In: C.G. Jung, M.L- von Franz, J.L. Henderson, J. Jacobi, A. Jaffé: Der Mensch und seine Symbole, ISBN 3-530-56501-6. S. 158–229; hier zitiert S. 184–188. Die Rolle der Anima als Führerin nach innen, schrittweise immer weiter durch die unbewussten Räume, wird besonders deutlich durch die Beatrice in der Göttlichen Komödie von Dante gezeigt, aber erscheint auch z. B. Rider Haggards 'She'. Bei Jungen erscheint die Anima zunächst in Gestalt des Mutterarchetyps (s. o.). Die Ablösung der Anima vom Mutterbild ermöglicht dem Mann dann Beziehungen außerhalb des Sohn-Mutter-Modells und stellt einen zentralen Entwicklungsschritt dar.

Anima wird von der Kirche aus einer älteren Tradition heraus mit Seele und mit Leben übersetzt. Jung meint in seinem Grundwerk aber, dass er dies etwas anders meint. Vorsilbe Ani = vor, ma = Mutter, also Jungfrau. Animus = vor Geist, also der noch nicht entwickelte Geist (hier fehlt die Überprüfung und ggf. die Quellenangabe). Die Anima ist im mystischen Erleben die Jungfrau, die um den Geist freit, im Märchen die Prinzessin oder das Aschenputtel, das dem König oder Prinzen angetraut wird (Vereinigung der Gegensätze – Chymische Hochzeit).

Andere Begriffsbedeutungen bei Jung Zusätzlich zu seiner psychologischen Verwendung des Begriffes ‚Anima‘ zitierte Jung auch immer wieder die klassischen Texte der (meist katholischen) Theologie und Philosophie zur ‚anima‘ als ‚Seele‘ des Menschen im christlichen Sinne.Zum Beispiel als christliche Seele in GW 11: § 771: „anima naturaliter christiana“ (Tertullian); oder die menschlichen Seelen als göttliche Funken in der Schöpfung bei mittelalterlichen Naturphilosophen (GW 11: § 151). Ebenfalls häufig ist von der anima mundi (Weltseele) die Rede, wobei hier philosophische Konzepte der frühen Neuzeit auch mit psychologischen Erörterungen über den Archetyp der Anima verbunden werden.Z.B. Jung GW 9/1: §707 chthonische Form als „zu wandelnder Drache“; oder GW 5 (§550): „Die Mutter ist wie Luft, die auch überall ist. Luft aber ist Geist: Die Mutter der Welt ist ein Geist, eine anima mundi.“

Animus Allgemeine Funktionen Der Animus ist nach Jung die männliche Erscheinung und der männliche Funktionsbereich in der Seele der Frau. „Der Animus ist eine Art Niederschlag aller Erfahrungen der weiblichen Ahnen mit dem Mann – und nicht nur das: er ist auch ein zeugendes schöpferisches Wesen, … ein zeugendes Wort“.C.G. Jung, GW 7: 336. Wie die Anima ist der Animus eine Brücke zum Unbewussten und kann dieses auch z. B. in Träumen „personifizieren“C.G. Jung, GW 8: § 935.. Wie die Anima dem Mann eine „Beatrice“ (Seelenführerin) sein kann (s. o.), so „ist der Animus ebenfalls ein Psychopompos (Seelenführer), ein Vermittler zwischen Bewußtsein und Unbewußtem und eine Personifikation des Unbewußten.“C.G. Jung, GW 9/2: § 33.

In der zwischenmenschlichen Beziehung hingegen führen diese Archetypen oft zunächst zu Verwicklungen: „Wenn Animus und Anima sich begegnen, so zückt der Animus das Schwert seiner Macht, und die Anima spritzt das Gift ihrer Täuschung und Verführung“, wobei sich selbst aus diesem ungünstigen Anfang eine Verliebtheit ergeben könne.C.G. Jung, GW 9/2: § 30. In der extravertierten Projektion sei der Animus meist problematisch, denn er „gehört nicht in die bewußte Beziehungsfunktion, sondern er sollte die Beziehung zum Unbewußten ermöglichen“, sich nach innen wenden.C.G. Jung, GW 7: 335. Da aber in jeder Liebesbeziehung auch Animus und Anima im Spiel sind, sei es besonders wichtig, sich nicht mit den wechselseitigen Projektionen zu identifizieren, erst dann werde eine bewusste Auseinandersetzung mit diesen inneren Kräften möglich.C.G. Jung, GW 16: § 469f.

Männlicher Archetyp Wie die Anima auch in der Muttererfahrung gründet, so der Animus in der Vatererfahrung: „Wie die Anima dem mütterlichen Eros entspricht, so der Animus dem väterlichen Logos.“C.G. Jung, GW 9/2: § 29. „Der Animus ist etwas wie eine Ansammlung von Vätern und sonstigen Autoritäten, die ex cathedra unanfechtbare, ‚vernünftige‘ Urteile aufstellen.“C.G. Jung, GW 7: 232. Der Animus zeigt eine Affinität zum Archetyp des Helden („Heldengestalt“C.G. Jung, GW 5: 615., „Heldenjüngling“C.G. Jung, GW 5: 465.), der Kraft und Orientierung zu großen Leistungen bieten kann. Im deutlich negativen Aspekt ist er wie ein „Zauberer, eine negative Vaterfigur“C.G. Jung, GW 5: 543. oder ein „männlicher Dämon“C.G. Jung, GW 13: §339. Als negative Wirkung kann der Animus sogar wie ein „Todesdämon“Marie-Louise von Franz (1968, 16. Auf. 2003): Der Individuationsprozess. In: C.G. Jung, M.L- von Franz, J.L. Henderson, J. Jacobi, A. Jaffé: Der Mensch und seine Symbole, ISBN 3-530-56501-6. S. 158–229; Zit. S. 189. wirken, der die Frau von allen realen Beziehungen fernhält und aus der diesseitigen Welt wegzieht. Eben wie jeder Archetyp (Psychologie), kann der Animus sowohl positiv als auch negativ wirken. Im Positiven kann er ein motivierender und vermittelnder Faktor für intellektuelle Tätigkeiten und geistige Entwicklungswege in Beziehung zum Unbewussten sein.