mini|hochkant=1.1|Karte Sardiniens (um 1700) Die dokumentierte Geschichte Sardiniens beginnt in der Antike, auf Sardinien finden sich aber umfangreiche Spuren älterer Kulturen.
Vorgeschichte Fauna im Paläolithikum Der Wasserspiegel des Mittelmeeres schwankte seit dem Miozän stark, dass die Insellage Sardiniens temporär aufgehoben war und Festlandeinflüsse bemerkbar sind. Zuletzt lag er etwa 11.000 v. Chr. etwa 100 m unter dem heutigen Niveau.
Kennzeichnend für Inselfaunen sind Artenarmut und das Fehlen großer Fleischfresser. Das bewirkt bei ungefährdeten Großsäugern eine Entwicklung zur Langsamkeit und zur Verzwergung. Inselfaunen erfahren, solange das Gleichgewicht nicht gestört wird, kaum Veränderung. Sardiniens ältere Tierwelt wurde im mittleren Pleistozän (vor etwa 900.000 Jahren) durch eine neue ersetzt. Aber auch die jüngere zeigt die inseltypische Artenarmut. An Säugern finden sich lediglich:
Megaceros cazioti (ein Hirsch), Cynotherium sardus (ein kleiner Hund), einige Kleinnager wie der Prolagus sardus.
Der Prolagus sardus, ein ausgestorbener kaninchengroßer Nager, sah aus wie eine schwanzlose Ratte. Einem Bericht kann man entnehmen, dass er auf der Insel Tavolara bis 1774 überlebte.
Grotta Corbeddu Der einzige Großsäuger hatte jedoch im Gegensatz zu den verzwergten Hirschen, Elefanten und Flusspferden auf den Inseln Kreta und Zypern eine normale Größe. Um dieses Phänomen zu untersuchen, begann im Jahre 1982 eine Grabung in der Grotta Corbeddu, (benannt nach dem Banditen Giovanni Corbeddu Salis) bei Oliena. Die Ausgrabungen ergaben drei Ablagerungsschichten: unterste Schicht: Knochen des ausgestorbenen Hirsches Megaceros cazioti, darunter ein gut erhaltener Kopf samt Geweih (C14-Datum: 11610 ± 140 v. Chr.). Den Hirschschädeln fehlten die Unterkiefer, die an anderer Stelle lagen. Auf die Anwesenheit von Menschen, die in Vertretung der Raubsäuger die Jagd betrieben und einer insularen Verzwergung entgegenstanden, deuten Bearbeitungsspuren an den Knochen. mittlere Schicht: Holzkohle (Radiokarbondatum: 7130 ± 380 v. Chr.), Knochen des Sardischen Pfeifhasen Prolagus sardus mit Brand- und Kauspuren, die auf menschliche Einwirkung deuten. obere Schicht: Asche und Holzkohle von Feuerstellen (Radiokarbondatum: 4280 ± 180 v. Chr.) vermischt mit den Resten von Meeres- und Landschnecken, Krustentieren, Fischen, Haustieren, Wild und Prolagus sardus, ferner Werkzeug aus Obsidian und jungsteinzeitliche Tonscherben (Bono-Ighinu-Keramik und Cardium-Keramik)
Die Besiedlung Sardiniens reicht also bis ins Paläolithikum zurück. Im Jahre 1979 wurden 150.000 Jahre alte menschliche Überreste gefunden. Auch auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit war die Insel nicht mit dem Festland verbunden. Molekulargenetische Analysen lassen vermuten, dass vor ca. 13.000 Jahren eine Bevölkerungsgruppe aus dem westlichen Mittelmeerraum zuwanderte, die genetische Ähnlichkeiten mit der Bevölkerung des heutigen Baskenlandes aufweist. Dieser folgten Gruppen neolithischer Bauern. Aufgrund der Isolation der Insel haben sich genetische Merkmale einer möglicherweise mesolithischen Bevölkerung bis heute mit großer Häufigkeit erhalten.Anna Olivieri, Carlo Sidore, Alessandro Achilli u. a.: Mitogenome Diversity in Sardinians: A Genetic Window onto an Island's Past. In: Molecular Biology and Evolution. Volume 34, Issue 5, 1. Mai 2017, S. 1230–1239, doi:10.1093/molbev/msx082 2011 fand man bei Marina di Arbus die Knochen mesolithischer Bewohner der Insel, die etwa von 9000 v. Chr. stammen.
Vom Neolithikum bis zur Eisenzeit mini|Kulturenfolge mini|Sardisch-korsische Typenreihe Die prähistorischen Sarden benutzten Obsidian, ein Lavagestein, das am erloschenen Vulkan Monte Arci gewonnen und für einfache Werkzeuge benutzt wurde. Dieser Obsidian gelangte auch nach Korsika, in die Toskana, die Emilia, nach Ligurien und Südfrankreich.
Vom Neolithikum an, das auf Sardinien um 6000 v. Chr. mit der Einwanderung von Angehörigen der Cardial- oder Impressokultur einsetzte, bis zur römischen Besetzung 238 v. Chr. prägten unter anderem die Kulturen von Su-Carroppu und Filiestru, die Bono-Ighinu-Kultur, die Ozieri-Kultur, die Kulturen von Abealzu-Filigosa, bzw. die bronzezeitliche Monte-Claro-Kultur, die Bonnanaro-Kultur, sowie besonders die Nuraghenkultur das Bild der Insel. Die neolithische Periode brachte Landwirtschaft und Viehhaltung auf die Insel. Belege sind Mörser und Handmühlen, Getreidekörner und Knochenreste von Haustieren. Kult- und Grabhöhlen (Grotta Pirosu), sowie die Backofengräber des Sinis (Cuccuru S’Arriu), und die Domus de Janas (Häuser der Feen) wurden in Felsformationen gekratzt.
Ab etwa 1750 v. Chr. bestand die Nuraghenkultur. Heute existieren noch über 3.000 von einst etwa 7.000 bis 10.000 turmartigen Nuraghen, nach denen die Kultur benannt ist. Hinzu kommen als Zeugnisse der Vorgängerkulturen Dolmen und Galerien wie Corte Noa, Gigantengräber, Menhire, Statuenmenhire, Steinkreise (Steinkreis von Is Cirquittus), Steinreihen und heilige Brunnen, von denen es etwa 35 gibt. Unikate sind die Steinkisten von Li Muri, der Nuraghentempel von Malchittu, das megalithische runde Galeriegrab Masone Perdu bei Laconi und die Figuren vom Monte Prama.
Bronzezeitliche Kontakte ins östliche Mittelmeer Im Jahre 1979 wurde auf Sardinien erstmals mykenische Keramik entdeckt.Maria Luisa Ferrarese Ceruti: Ceramica micenea in Sardegna (notizia preliminare). In: Rivista di Scienze Preistoriche. 34, 1979, S. 242–252. Im Laufe der 1980er Jahre verbreitete sich das Wissen um Kontakte zwischen Sardinien, dem mykenischen Griechenland und den Inseln im östlichen Mittelmeer. Die Grabungsergebnisse am Nuraghen Antigori erhöhten das Interesse der Forschung an der Verbindung Sardiniens mit dem ägäischen Raum während der Bronzezeit.
Die Nuraghenkultur erhielt einen neuen Stellenwert in der kulturellen Dynamik des 2. Jahrtausends v. Chr. Die Entdeckung gut stratifizierten ägäischen Materials auf Sardinien verfeinerte die Chronologie der Nuraghenkultur. Der ägäischen Archäologie eröffnete sich ein Fenster zur Erforschung der Aktivitäten der mykenischen Kultur im westmediterranen Raum. Die mykenische Ware erweckte auch neues Interesse an den ägäisch-zyprischen Ochsenhautbarren, die bereits zuvor von verschiedenen Orten Sardiniens bekannt waren. In der Folge wurden Analysen der Keramik und der Kupferbarren vorgenommen.
Die Themen berühren auch Fragen zur Kolonisierung oder Vorkolonisierung, die im Kontext mit dem Austausch von Objekten bzw. der Nutzung der Bodenschätze der Insel stehen. Weit vor der phönizischen gab es eine Phase mykenischen und zypriotischen bzw. kykladisch-minoischen Handels im Mittelmeerraum, der die nuraghische Kultur und auch andere westmediterrane Kulturen erreichte (Italien, Malta, Sizilien). Die mykenische Herkunft der Materialien stützt zwar ältere kulturtheoretische Modelle (Diffusionismus), die im 20. Jahrhundert den Bau der Nuraghen aufgrund ihrer Architektur (Tholos) unter ägäischem Einfluss gesehen haben, jedoch ergaben neue Studien, dass die kulturellen Formen im bronzezeitlichen Sardinien nicht unter dem Aspekt des „Ex Oriente Lux“ verstanden werden können. Insbesondere die Skulpturen vom Monte Prama gehen der ägäischen Großskulpturentwicklung voraus.
Manche Forscher vermuten, dass sich die Scherden (Šrdn in der ägyptischen Schreibweise, die keine Vokale ausdrückt), in der Forschung oft auch als Schardana vokalisiert, ein aus dem östlichen Mittelmeer kommendes und aus ägyptischen Quellen bekanntes „Seevolk“, hier angesiedelt haben. Andere nehmen an, dass die Scherden ursprünglich aus Sardinien stammten und sich nach den Seevölker-Unruhen (um 1200 v. Chr.) im libanesischen oder nord-kanaanitischen Raum ansiedelten. Eindeutige Belege für diese Einwanderung fehlen.Adam Zertal, einer der Ausgräber der 1993–2000 ausgegrabenen Siedlung el-Ahwat im Norden Israels, vermutet, dass „Tholos-artige“ Bauten möglicherweise mit Sardinien in Verbindung zu bringen sind. Publikation der Grabung: Adam Zertal (Hrsg.): El-Ahwat, A Fortified Site from the Early Iron Age Near Nahal 'Iron, Israel. Excavations 1993–2000. Leiden 2012, ISBN 978-90-04-17645-4. Eine zeitweilige Präsenz von Sarden im östlichen Mittelmeerraum ist aber durch Funde in der kretischen Hafensiedlung Kommos nachgewiesen: Dort wurde in Schichten aus der Zeit um 1200 v. Chr. eine nicht unerhebliche Anzahl Keramikfragmente entdeckt, die der Nuraghenkultur zuzuordnen sind und wahrscheinlich vor Ort produziert wurden, da die Gefäße für den Seetransport ungeeignet waren.Livingston Vance Watrous: Kommos III, The Late Bronze Age Pottery. Princeton University Press, Princeton NJ 1992, ISBN 0-691-03607-1, S. 163–191, Tafel 56–57. Keramik der Nuraghenkultur kam auch im sizilianischen Handelszentrum Cannatello (südlich von Agrigent) zum Vorschein.Sara T. Levi: Produzioni artigianali: la ceramica. Circolazione dei produtti e organizzazione della manufattura. In: D. Cocchi Genick (Hrsg.): L' Età del Bronzo Recente in Italia. Atti del Congresso Nazionale di Lido di Camaiore, 26 - 29 Ottobre 2000. Mauro Baroni, Viareggio 2004, S. 233–242. Über die Scherden ist wenig bekannt, außer dass sie lange vor den Seevölker-Angriffen als ägyptische Hilfstruppe erwähnt werden, die u. a. unter Ramses II. auf ägyptischer Seite an der Schlacht von Kadesch teilnahm. Vorher wurden die Scherden in den Amarna-Briefen während der 18. Dynastie erwähnt (um die Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr.: In einem Brief des Königs von Byblos an den Pharao werden Šardanu als Leibwache erwähnt). Die älteren Hypothesen entstanden nach linguistischen Studien, wonach die Stadt Sardis in Lydien ihr Ausgangspunkt sei, von der sie das Tyrrhenische Meer erreicht hätten; danach hätten sie sich aufgeteilt in Sarden und Etrusker. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass eine sehr lange ungestörte einheimische Entwicklung über die Bonnanaro-Kultur mit ihren Protonuraghen zur Nuraghenkultur führte. Eine Gleichsetzung der Scherden mit einer frühen Bevölkerung Sardiniens ist in der modernen Forschung nach wie vor sehr umstritten.
Punier, Römer, Byzantiner und Araber Die phönizisch-punische Phase mini|links|Karthagos Kolonien mini|Unbefriedeter Bereich (Barbaria) und frühe Stadtgründungen – phönizisch (grün); punisch (rot)
Die phönizisch-punische Zeit Sardiniens begann im 9. Jahrhundert v. Chr. Die von Tyros ausgehende phönizische Phase dauerte etwa 300 Jahre bis etwa 550 v. Chr. Die nachfolgende punische Phase endete nach ebenfalls etwa 300 Jahren im 3. Jahrhundert v. Chr.
Seit dem 14. Jahrhundert v. Chr. wurde Sardinien von Seefahrern aus dem östlichen Mittelmeer aufgesucht. Mykener und Zyprer trieben bereits zu dieser Zeit Handel mit der Insel. Auch der etruskisch-phönizische Handel wurde ab dem 7. Jahrhundert auf Sardinien abgewickelt, da die Etrusker in ihrem Bereich keine Niederlassungen zuließen.
In die Fußstapfen der levantinischen Händler traten die Punier, die sich besonders für die Erzvorkommen des Iglesiente interessierten. Sie gründeten aber nicht nur Handelsniederlassungen an Orten wie Karali (röm. Carales; heute Cagliari) und Othoca (die älteste), Nora, Sulki (röm. Sulcis), Su Fraigu (punischer Name unbekannt) und Tharros, sondern auch Kolonien. Ob die Nuraghen-Kultur der wenig später erfolgten Landnahme Widerstand leistete, ist umstritten, da sich die Kultur bereits in ihrer Endphase befand. Eine Inschrift auf der Stele von Nora aus dem 9. Jahrhundert spricht allerdings von Kampfhandlungen. Belegt ist auch die Einäscherung des Monte Sirai, ohne dass man den Verursacher ermitteln könnte. Dies geschah etwa zu jener Zeit, als die Punier bzw. Karthager die Herrschaft über die Kolonien übernahmen.