mini|320x450px| Die Eisenbahnbrücke von Argenteuil (französisch: Le Pont du chemin de fer à Argenteuil) ist der Titel eines 1873 entstandenen Gemäldes des französischen Malers Claude Monet. Das 60 × 99 cm große, in Öl auf Leinwand gemalte Bild zeigt die nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wieder errichtete Eisenbahnbrücke in Argenteuil über die Seine als Symbol des Fortschritts und einer optimistischen Zukunft. Monets Landschaftsbild mit der zentralen Darstellung einer aus vorgefertigten Teilen errichteten, schmucklosen Brücke war für die zeitgenössische Malerei ungewöhnlich modern. Er stand hierbei unter dem Einfluss des englischen Malers William Turner sowie der in Europa neuartigen japanischen Farbholzschnitte des Ukiyo-e. Die sozialen Umbrüche seiner Zeit dokumentierte Monet in diesem Gemälde an den Beispielen Industrialisierung und aufkommende Freizeitgesellschaft. Das im impressionistischen Stil gemalte Bild zählt zu den Hauptwerken Monets der 1870er Jahre und befindet sich in einer Privatsammlung.
Bildbeschreibung Monets Die Eisenbahnbrücke von Argenteuil ist eine 1873 entstandene impressionistische Landschaftsansicht. Die Bildmitte dominiert die moderne Beton- und Stahlkonstruktion der Brücke, die – vom linken Bildrand angeschnitten – nahezu über die gesamte Bildbreite zu einem beginnenden Bahndamm am rechten Bildrand führt. Die lang gestreckte Brücke unterstreicht zusätzlich das Querformat des Bildes. Vier Pfeilerpaare, jeweils durch ein rechteckiges Fachwerk aus Stahlträgern miteinander verbunden, tragen die Stahlkonstruktion mit der zweigleisigen Bahnstrecke.„Die Eisenbahnbrücke, die acht Jahre vor Monets Ankunft in Argenteuil aus vorgefertigten Eisenteilen und gegossenem Beton errichtet worden war, repräsentierte das Neue, Progressive des Ortes. “Susanne Weiß: Claude Monet – Ein distanzierter Blick auf Stadt und Land. Seite 63. Der in der Sonne hell erscheinende Brückenträger der Trogbrücke verdeckt die zweiPaul Hayes Tucker: The Impressionists at Argenteuil. Seite 110. sich auf der Brücke kreuzenden Personenzüge bis zu den Schornsteinen der Lokomotiven und zu den oberen Waggonteilen. Während bei der linken Lokomotive kein entweichender Dampf zu sehen ist, stößt die rechte Lokomotive eine große weiße Dampfwolke aus, die sich dem Fahrtwind folgend über die gesamte Länge des Zuges entwickelt. Die Dampfwolke vermischt sich hierbei mit den Wolkenformationen des Himmels, so dass für den Bildbetrachter ein Farbspiel aus Blau, Rosa und Weiß entsteht. Die variantenreiche Formation des Himmels steht hierbei der starren Konstruktion der Brücke gegenüber.
Unter der Brücke fließt die Seine, in deren blauem Wasser sich die zylindrischen Pfeiler der Brücke spiegeln. Während die vorderen Säulen im hellen Sonnenlicht fast weiß erstrahlen, liegen die hinteren im Schattenbereich der Brücke und wirken grau. Ähnlich verhält es sich mit zwei Segelbooten, die auf dem Fluss die Brücke kreuzen. Das vordere Boot hat soeben die Brücke passiert und ist bereits im vollen Sonnenlicht zu sehen, was das Holz der Rumpfes braun und das Segel weiß erscheinen lässt. Ein durch ein hinteres Brückenpaar zu erkennendes zweites Boot ist bereits im Schatten der Brücke. Das Segel dieses Bootes wirkt dadurch grau und der Rumpf schwarz.
Der etwas unterhalb der Bildmitte am linken Bildrand schmal wirkende Fluss öffnet sich breit zur unteren rechten Bildecke, so dass das hintere Bildufer waagerecht verläuft, die vordere Uferlinie jedoch eine Diagonale vom linken zum unteren Bildrand bildet. Im Bildbereich unterhalb der Brücke ist so links der Seine der vordere Uferbereich in Form eines lang gestreckten Dreiecks zu sehen. In der linken unteren Ecke, in der auch die Signatur Claude Monet zu erkennen ist, findet sich ein flacher Grünbewuchs. Zwischen diesem Grünbewuchs und dem Fluss verläuft ebenfalls diagonal der Uferweg, auf dem sich zwischen dem ersten Pfeilerpaar der Brücke und dem vorderen Segelboot zwei männliche Personen in Rückenansicht befinden. Der links stehende Mann trägt einen dunklen Anzug und einen gelben Strohhut. Der rechte Mann ist mit einer hellen Hose, einer grauen Weste, einem weißen Hemd und einem braunen Käppi bekleidet. Beide Männer haben ihren Blick auf den Flusslauf mit der Brücke gerichtet. Ein langer Schatten fällt von den Männern nach links in Richtung zur Brücke. Rechts und links der Männer ist zudem ein Teil der flachen Uferbefestigung zu erkennen.
Am anderen Ufer ist neben dem am rechten Bildrand beginnenden Bahndamm unterhalb der Brücke der Horizont der gegenüberliegenden Landschaft sichtbar. Hinter einem schmalen Wiesenstreifen stehen einzelne schlanke Bäume – möglicherweise Pappeln – und dahinter in der Ferne ist ein Waldgebiet angedeutet. Zudem finden sich hinter dem linken Pfeilerpaar der Brücke weiße und rote Farbtupfer, die die Häuser der benachbarten Ortschaft Gennevilliers markieren.
Monet hat das Bild am Seineufer von Argenteuil mit Blick auf den Fluss gemalt, so dass von der Stadt nichts zu sehen ist. Links außerhalb des Bildes befindet sich der Bahnhof von Argenteuil, wodurch sich der fehlende Dampf der linken Lokomotive erklärt. Sie hat bereits die Fahrt verlangsamt, bevor sie gleich in der Station zum Stehen kommt. Der nach rechts fahrende Zug hat hingegen gerade den Bahnhof verlassen und stößt eine während der Beschleunigung charakteristische große Dampfwolke aus. Die Seine verläuft an dieser Stelle in ostwestlicher Richtung. Monets Standort befindet sich dicht am Ufer zwischen der Eisenbahnbrücke und der 500 Meter flussabwärts liegenden Straßenbrücke von Argenteuil. Die im Schatten liegenden Brückenpfeiler und der Schatten der beiden Männer auf dem Uferweg geben daher Aufschluss auf eine im Westen stehende Sonne und den Nachmittag als Tageszeit. Die leichte Bekleidung der Männer und das satte Grün der Vegetation weisen zudem auf den Sommer als Jahreszeit hin.
Durch Monets nahe am Ufer gelegenen Standort verstellt kein Baum die Sicht auf die Brücke, die in Untersicht dargestellt so besonders massiv wirkt. Monets Malweise ist typisch für seinen impressionistischen Stil der frühen 1870er Jahre. Besonders deutlich wird dies in dem unscharf wiedergegebenen Uferbereich des Vordergrundes und den mit Farbtupfern dargestellten Lichtreflexen auf dem Wasser.
Monet und Argenteuil Monet, der vor dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 nach London geflohen war, kehrte im September 1871 über die Niederlande nach Frankreich zurückDaniel Wildenstein: Monet oder der Triumph des Impressionismus. Seite 91. und ließ sich Ende desselben Jahres in Argenteuil nieder. Auf Vermittlung seines Malerfreundes Édouard Manet,Daniel Wildenstein: Monet oder der Triumph des Impressionismus. Seite 93. dessen Familie aus dem nahe gelegenen Gennevilliers stammte, mietete er sich ein Haus in der Rue Pierre Guienne Nr. 2, unweit der Eisenbahnbrücke und des Bahnhofs von Argenteuil.Paul Hayes Tucker: Monet at Argenteuil. Seite 10. Durch den Bau der Eisenbahnbrücke 1863 verkürzte sich die Reisezeit zum 10 Kilometer entfernten Pariser Gare Saint-Lazare auf 15 Minuten. Für Monet bot Argenteuil die Möglichkeit auf dem Land zu leben und dennoch die Vorzüge der Großstadt in erreichbarer Entfernung zu haben. Die Eisenbahn brachte zahlreiche Berufspendler von Argenteuil in die Hauptstadt und umgekehrt siedelte sich in der sich nun zum Pariser Vorort entwickelnden Stadt erste Industrie an. Mit der Industrialisierung und dem zunehmenden Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten entstand eine frühe Freizeitgesellschaft, die für Sonntagsausflüge die Eisenbahn ins Pariser Umland nutzte.Susanne Weiß: Claude Monet – Ein distanzierter Blick auf Stadt und Land. Seite 60. Argenteuil bot den Ausflüglern neben einem historischen Ortskern und einer malerischen Landschaft vor allem die Seine als Ort für Wassersport.Paul Hayes Tucker: Monet at Argenteuil . Seite 9. Die Segelboote im Gemälde Die Eisenbahnbrücke von Argenteuil illustrieren diese neuen Freizeitgestaltung. Der Fluss, der an dieser Stelle am breitesten und am tiefsten ist in der Umgebung von Paris,195 Meter breit und bis zu 21 Meter tief in Paul Hayes Tucker: The Impressionists at Argenteuil. Seite 14. entwickelte sich zum Zentrum für Freizeitsegler. So siedelte sich in Argenteuil der angesehene Pariser Yachtclub Cercle de la Voile de Paris an und 1867 fanden hier die Segelwettbewerbe im Rahmen der Pariser Weltausstellung statt.Paul Hayes Tucker: The Impressionists at Argenteuil. Seite 15. Monet positionierte die Segelboote auf der Seine in unmittelbarer Nähe zur Eisenbahnbrücke und unterstrich damit, dass diese Freizeitsegler erst durch die Eisenbahn nach Argenteuil kamen.The sailboats, symbols of the new industry of leisure, glide out effortlessly from under the piers, their sails blow by the same wind that blows the smoke from the train und Boating at Argenteuil, as Monet shows in this picture, was directly linked to the railroad in Paul Hayes Tucker: Monet and the Bourgeois Dream in Benjamin Heinz-Dieter Buchloh: Modernism and modernity Seite 23–26.
In den sechs Jahren von Dezember 1871 bis Januar 1878, in denen Monet in Argenteuil lebte, entstanden mehr als 170 Gemälde,Paul Hayes Tucker: Monet and the Bourgeois Dream: Argenteuil and the Modern Landscape in Benjamin H. D. Buchloh: Modernism and modernity. Seite 21. von denen eine Vielzahl die Flusslandschaft der Seine zeigen. Hierzu gehören auch mehrere Ansichten der Straßen- und der Eisenbahnbrücke, die beide von französischen Truppen während des Deutsch-Französischen Krieges zerstört wurden, um ein Vorrücken der feindlichen Armeen auf Paris zu verhindern. Als Monet in Argenteuil ankam, war die Eisenbahnbrücke noch zerstört und die Straßenbrücke befand sich gerade im Wiederaufbau.Paul Hayes Tucker: Monet at Argenteuil . Seite 57. 1872 wählte Monet zunächst die den Wiederaufbau Frankreichs nach dem Krieg symbolisierenden Reparaturarbeiten als Motiv für mehrere Gemälde. Auch nach Fertigstellung der Straßenbrücke widmete er sich wiederholt diesem Sujet. Im Gegensatz zur Eisenbahnbrücke entsprach die für Fußgänger und Fuhrwerke errichtete Straßenbrücke mit ihren runden Bögen und den aus Stein erbauten Pfeilern einer traditionellen Bauweise. Die schmucklose, aus vorgefertigten Teilen errichtete Beton- und Eisenkonstruktion der Eisenbahnbrücke hingegen symbolisierte die moderne Zeit.Susanne Weiß: Claude Monet – Ein distanzierter Blick auf Stadt und Land. Seite 63.