My Sister and I ist der Titel eines Buches, das erstmals 1951 in New York erschien. Auf der Titelseite wurden als Autor Friedrich Nietzsche und als Übersetzer und Verfasser der Einleitung der britische Nietzsche-Experte Oscar Levy genannt. Von dieser Schrift ist weder ein Originalmanuskript noch eine Version in deutscher Sprache überliefert. Das Buch hatte bisher zwei durch Jahrzehnte getrennte Rezeptionen. Bei der ersten Rezeption, kurz nach Erscheinen, waren sich alle Beteiligten schnell einig, dass es sich bei dem Text um eine Fälschung handelt: weder Nietzsche noch Levy seien an seiner Entstehung beteiligt gewesen. Die meisten Nietzscheforscher schlossen sich, in der Regel stillschweigend, dieser Auffassung an und ignorierten das Werk seither. Seit Mitte der 1980er Jahre gibt es jedoch eine zweite Rezeption des Textes, welche die Argumente der ersten zurückweist und es für wahrscheinlich hält, dass mehr oder weniger umfangreiche Passagen des Haupttextes authentisch sind.

Inhalt Der Text des Buches umfasst ungefähr 250 Seiten und lehnt sich in der Form an frühere Texte Nietzsches wie etwa Die fröhliche Wissenschaft an. Er ist in zwölf unbetitelte Kapitel unterteilt, die aus sehr unterschiedlich langen Abschnitten bestehen. Ein kurzer Epilog beschließt den Text.

Das Buch ist als Fortsetzung von Nietzsches Ecce Homo konzipiert und enthält Bekenntnisse und Stellungnahmen des Autors zu Personen und Ereignissen in seinem, also angeblich Nietzsches, Umkreis und allgemeine Reflexionen.

Pia Daniela Volz, die die bisher ausführlichste Studie über Nietzsches Krankheiten und speziell seine letzten Jahre schrieb,Pia Daniela Volz: Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit. Würzburg: Königshausen und Neumann 1990 (Diss. Tübingen 1988) fasst die wesentlichen Punkte des Buches zusammen: „Nietzsche identifiziert sich ... ausser mit den blutrünstigen Tyrannen Nero und Caligula auch mit dem Muttermörder Orest. Im ... Alptraum gleich zu Beginn des Buches nimmt er an der Beerdigung seiner Mutter teil — voller Freude über das Ende ihrer Tyrannei. [...] In My Sister and I finden sich ausschließlich böse Bemerkungen über die alte, verhasste Mutter mit ihren ‚Medusa-Augen‘. [Sie habe] aus ‚Tugendhaftigkeit‘ alle Liebe aus dem Haus verbannt und so ihre Kinder gezwungen, Halt aneinander zu suchen.“ Das inzestuöse Verhältnis zwischen Friedrich und Elisabeth stelle dann „das Hauptthema dar, um das alles kreist“.Pia Daniela Volz: Der unbekannte Erotiker. Nietzsches fiktive Autobiographie ‚My Sister and I‘. In: Karl Corino (Hg.): Gefälscht!. Nördlingen: Greno 1988, S. 293–295 Diese beiden Aspekte wurden in der ersten Rezeption als derart frevelhaft empfunden, dass man die ganze Schrift entrüstet als „öde Pornographie“ zurückwies.

Vorgeschichte Der Einleitung zufolge hat Nietzsche das Manuskript zu der später in englischer Übersetzung erschienenen Schrift My Sister and I während seines Aufenthaltes in der Jenaer Nervenheilanstalt verfasst, also in der Zeit von Mitte Januar 1889 bis März 1890. Weil schon sein Ecce Homo von seiner Familie unterdrückt worden sei und wegen der heiklen Thematik habe er My Sister and I heimlich schreiben und aus der Anstalt schmuggeln lassen müssen. Ein Mitinsasse, dessen Entlassung kurz bevorstand, sei ihm dabei behilflich gewesen, freilich ohne zu wissen, wer Nietzsche sei und welche potentielle Bedeutung das Manuskript habe. Nietzsche habe die Hoffnung gehegt, dass durch die Veröffentlichung dieser Schrift auch ein Druck auf die Familie entstünde, den Ecce homo zur Veröffentlichung freizugeben.

Der entlassene Mitinsasse habe allerdings Nietzsches Wunsch, das Manuskript einem Verleger zuzuführen, nicht ernst genommen und es zunächst in seinem Hause liegen gelassen. Sein Sohn habe es später, als er nach Kanada auswanderte, mitgenommen. Da der Chef der Firma, bei der er dort arbeitete, ein ehemaliger Priester war, der sich generell für alte Schriften interessierte, habe er es ihm gezeigt, und der habe, da er von Nietzsche wusste, die Bedeutung der Handschrift erkannt und sie seinem Angestellten abgekauft.

Auf einer Schiffsreise von Kanada nach England habe jener Ex-Priester die Bekanntschaft eines jungen Amerikaners gemacht, der als Korrespondent für eine große US-Zeitung nach London ging. Dieser US-Journalist habe dem Ex-Priester später eine größere Gefälligkeit getan, bei der er „seine persönliche Freiheit riskiert“ habe, und als Lohn und Dank dafür habe der Ex-Priester ihm nach seiner Rückkehr nach Kanada, wie versprochen, jenes Nietzsche-Manuskript per Post nach London geschickt. Der Journalist habe sich daraufhin an Oscar Levy, den Herausgeber einer 18-bändigen englischen Nietzsche-Ausgabe, gewandt und ihn um die Übersetzung des Textes und Abfassung einer Einleitung gebeten. Da in Deutschland Elisabeth Förster-Nietzsche noch lebte, wolle er das Werk in Amerika herausbringen, wo Henry L. Mencken schon mit der Herausgabe von Der Antichrist Pionierarbeit geleistet habe.

Soweit die im März 1927 mit dem Namen „Oscar Levy“ gezeichnete Einleitung.

Erschienen ist das Buch aber erst 1951, und zwar im Verlag „Boar's Head Books“ in New York, einem der zahlreichen buchhändlerischen Unternehmungen des umstrittenen Literaten und Geschäftsmannes Samuel Roth, der übrigens in den 1920er Jahren als Korrespondent des New York Herald in London war. Roth hatte zu dieser Zeit einen schlechten Ruf als Verleger und Verbreiter erotischer Literatur — wozu etwa Werke von James Joyce oder D. H. Lawrence zählten —, wurde von „Gesellschaften zur Unterdrückung des Lasters“ verfolgt und mehrere Male zu Haftstrafen verurteilt. Er selbst sah sich jedoch als Kämpfer für Meinungs- und Pressefreiheit und wird im Rückblick auch gelegentlich als solcher gewürdigt.Vgl. Gay Talese: Du sollst begehren. Auf den Spuren der sexuellen Revolution. (1980) Berlin: Rogner und Bernhard 2007, Kap. 6, S. 122–145

Roth, der in den 1920er Jahren gute Verbindungen zu literarischen Kreisen in England hatte und so an das übersetzte Manuskript gelangt sein konnte, hatte 1927 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Beau unter dem Titel The Dark Surmise. Concerning Friedrich Nietzsche and His Sister (Der dunkle Verdacht. Friedrich Nietzsche und seine Schwester betreffend) einen Abdruck des Textes in mehreren Folgen angekündigt. Dazu kam es nicht, weil die Zeitschrift sich nur kurze Zeit halten konnte. Er erschien erst 1951, nachdem Elisabeth Förster-Nietzsche 1935 und Oscar Levy 1946 gestorben waren. Roth gibt als Grund für die Verzögerung nur an, erst jetzt sei ein „ungefährdetes“ Erscheinen möglich geworden.

Erste Rezeption: Zurückweisung als Fälschung Das Buch wurde zunächst von der philosophischen Fachwelt und von allen größeren Presseorganen ignoriert, weil es thematisch sehr heikel und in einem dubiosen Verlag erschienen war. Eine schließlich doch im renommierten Saturday Review of Literature Anfang 1952 erschienene Rezension löste aber eine heftige Diskussion aus, die ausschließlich von deutschen und österreichischen Emigranten und vorwiegend in der deutsch-jüdischen New Yorker Zeitschrift Aufbau stattfand. Beteiligt waren: der Philosoph und Bibliothekar Adolf K. Placzek, der Publizist Alfred Werner, der Schriftsteller Thomas Mann sowie die Philosophieprofessoren und Nietzsche-Experten Ludwig Marcuse und Walter Kaufmann.

Placzek, der angibt, Nietzsche „zeitlebens“ studiert zu haben, referierte am 2. Februar 1952 im Saturday Review kurz die in der Einleitung beschriebene Entstehungsgeschichte des Buches und den Inhalt. Dieser bestehe aus „zwar unzusammenhängenden, aber erstaunlich kohärenten Abschnitten“. Inwieweit die galanten Geschichten über Nietzsches Liebesleben auf Tatsachen beruhten oder auf Halluzinationen, müsse dahingestellt bleiben. Auch die Schilderung eines eigenen Wutanfalls anlässlich des Todes seiner Mutter (die, wie ein Fälscher wissen musste, noch bis 1897 lebte) bedürfe einer Erklärung. Gleichwohl beurteilte er den Inhalt als „explosiv“. Er schloss die relativ kurze Rezension mit den Worten: „Falls dies eine authentische Schrift Nietzsches ist, muss sie zu den größten literarischen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts gezählt werden; falls alle Beteiligten, einschließlich Dr. Levy, getäuscht wurden, ist dies der raffinierteste Schabernack in der Kulturwelt seit van Meegerens Vermeer.“

Diese Rezension veranlasste Werner, den damals in den USA lebenden Thomas Mann – der einige Jahre zuvor mit seinen Werken Doktor Faustus und Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung als Nietzsche-Kenner hervorgetreten war – brieflich (3. März) auf das „unselige Buch“ aufmerksam zu machen und anzufragen, ob nicht Verehrer Nietzsches gegen diese „grobe Fälschung“ Stellung nehmen sollten. Mann, der das Buch nicht kannte, nahm Werners Angebot an, sich das „Machwerk“ von ihm schicken zu lassen. Er kam zu der Auffassung, dass es sich „um einen offenkundigen Schwindel [handele], dem man nicht mit wissenschaftlicher Diskussion, sondern nur mit Hohn und verachtungsvoller Blossstellung begegnen kann“. (Brief an Werner, 5. April) Er wollte aber nicht selbst das Wort ergreifen, sondern dies dem befreundeten Ludwig Marcuse überlassen. In Briefen an die New York Times und den Londoner Observer (beide 8. April) setzte Mann sich für den Abdruck eines Artikels von Marcuse ein. Da keine der großen Zeitungen das Thema anpacken wollte, wurde Marcuses Artikel schließlich in der deutsch-jüdischen Emigrantenzeitschrift Aufbau abgedruckt. Er trug den Titel Ein Stück aus dem literarischen Tollhaus (zwei Folgen: 18. und 25. April), spießte zwar einige Ungereimtheiten von Einleitung und Haupttext auf, war aber nach Thomas Manns Vorschlag vorwiegend in spöttischem Ton gehalten.

Nun meldete sich Kaufmann zu Wort (Aufbau, 9. Mai). Er habe Werner, als dieser ihn Ende Februar anrief und noch kaum glauben mochte, dass der Text eine Fälschung sei, auf eine eigene Rezension hingewiesen, die bereits am 24. Februar im Milwaukee Journal erschienen sei. In dieser Rezension habe er, zwei Monate vor Marcuse, schon auf eine Reihe von Punkten aufmerksam gemacht, die von Marcuse übersehen worden seien. So sehr er dessen Besprechung begrüsse, müsse er doch Marcuses Auffassung widersprechen, der Fälscher müsse viele Nietzsche-Seminare besucht und die gesamte Nietzsche-Literatur von Riehl bis Jaspers intus haben; vielmehr seien dessen Nietzsche-Kenntnisse so dürftig, dass er sie durch flüchtige Lektüre von seinem, Kaufmanns, Nietzsche-Buch (1950) gewonnen haben konnte. Im Übrigen erscheine in der Mai-Ausgabe von The Partisan Review ein Artikel von ihm, in dem Antworten auf Marcuses Fragen und Korrekturen zu dessen (und einem inzwischen von Werner publizierten) Artikel gegeben werden.

Werner hatte am 2. Mai ebenfalls im Aufbau Marcuses Artikel kritisiert und obendrein ohne Zustimmung von Thomas Mann aus dessen Briefen an ihn zitiert. Mann zeigt sich in seinem Tagebuch verärgert über den Verlauf der Sache: über das „törichte Sich wichtig machen des A. Werner“ (5. Mai) ebenso wie über die „süffisante Gelehrteneitelkeit“ von Kaufmann. Durch Werners Indiskretionen in die öffentliche Debatte einbezogen, sah er sich zu einer kurzen Stellungnahme Meine Meinung über „My Sister and I“ (Aufbau, 16. Mai) genötigt. Er verteidigt seinen Freund Marcuse und gibt zu bedenken, dass mit der „‚Enthüllung‘ des begehrten Handelsartikels als eines läppischen Falsums“ nicht alles getan sei; der „pathologische Spaßvogel, er sei lebend oder tot, der es dem Verlag fabrizierte“, sei noch ausfindig zu machen.